Die Klassiker fürs Drum-Recording

Shure – BETA Drum Mics

2011 überraschte Shure den interessierten Drummer mit einer kompletten Serie von Beta-Mikrofonen speziell für Schlagzeug und Percussion. Noch heute sind diese Mikrofone in diesem Sektor vertreten! Was macht diese Mikrofone aus?

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Der Koffer, den uns der deutsche Shure-Vertrieb damals schickte, hatte es in sich: Es gibt zwar „nur“ fünf neue BETA-Kondensatormikrofone, die für Drums und Percussion gedacht sind, diese sind aber zum Teil multifunktional einsetzbar:

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Bassdrum
Für die Bassdrum sind laut Shure zwei Modelle geeignet: das BETA 91A und das BETA 27. (Weil allen Modellen die Bezeichnung „BETA“ vorangestellt ist, werden wir ab jetzt der Einfachheit halber darauf verzichten, diesen Begriff extra hinzuschreiben.)
Das Grenzflächenmikrofon 91A mit Halbnieren-Charakteristik ist eine überarbeitete Version des Klassikers 91. Neu ist hier, dass der Vorverstärker gleich ins Gehäuse integriert wurde. Das Schöne am 91A ist, dass es sich so simpel wie nur möglich in der Bassdrum montieren lässt: Kabel in das Mikrofon stöpseln und einfach in die Bassdrum legen – womöglich auf ein Dämpfungskissen, womit die meisten Kicks ohnehin ausgestattet sind.

Das 91A ist mühelos in der Lage, einen sehr linearen Frequenzgang mit mächtigen Bässen aufzuzeichnen. Sein Sound entspricht auch den Erwartungen: Die Bässe sind voll, satt und rund, und es zeichnet einen sehr klaren Attack auf. Der Attack liegt allerdings höher, als man es von anderen Kick-Mics her gewohnt ist, denn er ist eher im Bereich von ca. 8 – 10 kHz angesiedelt und nicht etwa bei 3 – 5 kHz. Dadurch erhält man im Gegenzug einen sofort brauchbaren Metal-Kick-Sound, der nicht großartig mit dem EQ geformt werden muss. Legt man den Equalizer-Schalter auf der Unterseite des 91A um, werden die unteren Mitten bei etwa 400 Hz um ca. 8 dB abgesenkt – dieser Bereich verursacht gerade bei der Kick gerne ein leichtes Dröhnen. Die Bässe werden bei aktiviertem Equalizer deutlich „entmüllt“ und wirken nun wesentlich schlanker und definierter.

Der zweite Kick-Kandidat, das 27, wird von Shure primär als Overhead-Mikrofon empfohlen, soll sich aber auch für die Bassdrum eignen. Daher haben wir es hier ebenfalls ausprobiert. Dieses Großmembran-Kondensatormikrofon beeindruckt durch seine Größe (ca. 15,5 cm Länge bei ca. 6 cm Durchmesser) und sein Gewicht (428 g). In der Kick neigt es im Vergleich zum 91A zu einem stärkeren Dröhnen im allgemeinen Bassbereich. Sein Attack ist zudem nicht so stark ausgeprägt und liegt auch wesentlich tiefer als beim 91A; er wirkt auch leider leicht holzig. Hier wird man für einen „normalen“ Bassdrum-Sound nicht umhin kommen, stärker am EQ zu schrauben.

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Snare-Drums und Toms
Für die Snare Drum und die Toms hat uns Shure das 98A/C und das 98AMP/C in den Koffer gelegt, die für diese beiden Trommelarten gleichermaßen empfohlen werden. Beide Mikrofone basieren auf derselben Kapsel, unterscheiden sich aber vom äußeren Aufbau her doch stark.

Das 98A/C ist ein echter Winzling. Es ist nur ca. 3,5 cm lang und hat einen Durchmesser von einem guten Zentimeter. Zur Montage an einer Trommel liefert Shure mit dem A98D eine spezielle Halterung mit, die insgesamt knapp 30 cm lang ist. Ganz oben wird das Mikro in eine kleine Halterung gesteckt, die auf einem langen Schwanenhalsgelenk sitzt. Diese mündet in einer Sechskantstange, die schließlich von einer raffinierten Klemmenkonstruktion aufgenommen wird, mit der man das A98D an normalen und auch Guss-Spannreifen problemlos und sehr sicher befestigen kann. Mit dieser Konstruktion sollte es kein Problem sein, das Mikrofon auch bei äußerst engem Set-Aufbau sinnvoll zu platzieren. Platz für einen großen XLR-Stecker ist natürlich nicht vorhanden, daher liefert Shure ein 7,6 m langes Kabel mit, welches das Mic per Mini-XLR mit einem Vorverstärker verbindet, der wiederum in einem Stecker-förmigen Gehäuse sitzt. An dessen Ende befindet sich dann eine normal große XLR-Buchse zum Anschluss ans Pult.

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Zum Lieferumfang der BETAs 98AMP/C (links) und 98A/C gehören diese praktischen Universalhalterungen.

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Das 98AMP/C hingegen ist eine Vollkonstruktion, d. h., die Kapsel sitzt fest auf einem kurzen Schwanenhalsgelenk, der wiederum fest mit einem Sockel verbunden ist, in dem gleich der Vorverstärker sowie eine große XLR-Buchse stecken. Auch hier liegt Shure mit der A75M eine Universalhalterung zur Spannreifenmontage dazu. Diese enthält sogar eine zweite, um 90° versetzt angebrachte Klemme, die zum Beispiel an einem Cymbal-Ständer oder -Galgen angeschraubt werden kann. Aufgrund seines schmalen und kompakten Aufbaus lässt sich auch das 98AMP/C sehr gut ins Drumset integrieren.

Wer bislang die Begriffe „Shure“ und „Toms“ bzw. „Snaredrum“ verband, dachte stets auch gleichzeitig an das Shure SM57 – ein Klassiker für diese Anwendung. Wenn man damit ein Tom oder eine Snaredrum abnimmt, klingt das Ergebnis zunächst nicht besonders beeindruckend; so ziemlich jeder Tontechniker auf der Welt weiß aber, welche Einstellung er am EQ braucht, um Toms oder Snare mit einem SM57 einen brauchbaren bis hervorragenden Sound zu entlocken (siehe EQ-Tipp zum SM57). Daher haben uns entschlossen, es rein zu Vergleichszwecken mit zu testen.

Fangen wir mit der Snare und dem winzigen 98A/C mit Nierencharakteristik an. Beim ersten Abhören des Signals fallen die angenehm spritzigen Höhen auf, die das Mikrofon wie selbstverständlich rüberbringt, ohne dass man dazu vorher am EQ schrauben müsste. Hinzu kommt ein angenehmer Schuss Bässe, die der Snare die nötige Fülle spendieren. Der Bassanteil lässt sich natürlich aufgrund des Nahbesprechungseffekts rein mechanisch verstärken oder abschwächen, indem man das Mikrofon einfach näher ans oder weiter weg vom Fell rückt.

Das größere 98AMP/C (das „C“ steht auch hier für „cardioid“, also Niere) erzeugt ebenso mühelos schicke Höhen und volle Bässe, allerdings ist beides nicht so stark vertreten wie beim 98A/C. Beim direkten Vergleich wirkt das 98AMP/C also ein wenig matter und flacher als das 98A/C, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn eigentlich klingt das 98AMP/C „neutraler“ bzw. ausgeglichener.

In jedem Fall liegen Welten zwischen den beiden neuen 98er-Mikros und dem SM57, denn Letzteres muss zunächst einmal heftig mit dem EQ beackert werden. Und selbst dann kommt das SM57 nicht an das klare Klangbild der beiden 98er heran – trotzdem ist der bearbeitete Klang sehr reizvoll und sich hat darüber hinaus millionenfach bewährt. Werden die Mikrofone an den Toms platziert, fällt der Klangunterschied zwischen den beiden 98ern wesentlich geringer aus. Hier kann ja auch das feine Rauschen eines Snareteppichs nicht betont werden, und der Attack von Toms liegt ebenfalls tiefer und damit in einem Bereich, den beide Mikrofone ungefähr gleich laut abbilden. Der Sound beider Mikrofone ist voll und produziert einen satten Attack. Auch dem zum Vergleich herangezogenen SM57 kann man wieder einen ähnlichen Klang entlocken, der aber auch hier zuvor stark EQ’ed werden muss. Vor allem in den Höhen können die beiden 98er mühelos die Vorteile ihrer wesentlich aktuelleren Konstruktion ausspielen.

Overheads
Mit dem 181 überrascht uns Shure mit einem Kleinmembran-Kondensatormikrofon im Lollipop-Design. Es ist knapp 13 cm lang bei gut 2 cm Durchmesser. Seine Kapsel hat einen Durchmesser von ca. 3,5 cm, und somit lässt sich das 181 ebenfalls optisch sehr unauffällig ins Setup integrieren. Da seine Membran quer zum Body angebracht ist, wird es also von der Seite „besprochen“. Die Aufnahmeseite weist sich durch ein kleines Symbol mit der Richtcharakteristik der Kapsel aus, wobei Shure bei dieser Richtcharakteristik einen für den Hersteller ungewohnten Weg gegangen ist, denn es handelt sich hierbei um eine Niere. Wer aber lieber die gewohnte Supernieren-Richtcharakteristik hätte, kann die Kapsel jedoch gegen eine solche austauschen. Shure bietet darüber hinaus sogar noch zwei weitere mit den Charakteristiken Kugel und Acht an. Die Kapseln lassen sich in Windeseile durch simples An- und Abschrauben austauschen, und zum Test lagen uns alle Varianten vor.

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Für das Beta 181 sind gleich vier verschiedene Kapseln mit den Richtcharakteristiken Niere (im Bild am Mikrofon), Superniere (Mitte), Kugel und Acht (vorne) verfügbar. Da sollte für jeden Anwendungszweck das Passende dabei sein.

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Als Erstes haben wir die beiden Nieren-Kapseln ausprobiert. Ihr Klang ist für den angestrebten Verwendungszweck als Overhead-Mikrofon optimal: sie lösen bis hin zu den höchsten Höhen äußerst detailliert auf und vernachlässigen dabei gleichzeitig weder Mitten noch Bässe. Mit zwei 181ern und einem weiteren Stütz-Mikrofon in der Bassdrum könnte man also schon ein komplettes Drumset adäquat aufzeichnen. Mit den beiden Supernieren-Kapseln bleibt die Aufzeichnungsqualität die gleiche, jedoch werden natürlich aufgrund des engeren Einsprechwinkels nicht alle Cymbals gleich laut eingefangen – diese Kapseln eignen sich also besser, wenn man eine oder mehrere Schallquellen punktuell aufnehmen möchte.

Platziert man ein 181 mit einer Kugel-Kapsel bestückt in der Mitte über dem Drumset, ergibt sich nahezu der gleiche Komplettsound wie mit zwei 181ern mit Nieren-Kapseln – nur eben mono und ein wenig voller bzgl. der tiefen Frequenzen, weil hier ja der Nahbesprechungseffekt wegfällt. Steckt man hingegen die Achter-Kapsel auf den Body und richtet es auf die Cymbals aus, bekommt man weniger Signal von den Trommeln, dafür aber reichlich Cymbals – natürlich ebenfalls mono. Bestückt man zwei 181 mit jeweils einer Kugel- und Acht-Kapsel, ist natürlich eine Aufnahme in MS-Stereofonie kein Problem.

Das eingangs bereits in der Bassdrum getestete 27 haben wir nun ebenfalls seiner hauptsächlich empfohlenen Bestimmung als Overhead-Mikrofon zugeführt. Dazu hatte uns Shure natürlich gleich zwei Exemplare in den Testkoffer gelegt. Beide besitzen zwei Schalter: einen Pad-Schalter, der den eingehenden Schall um 15 dB dämpft, und einen dreistufig schaltbaren Low-Cut, der Rumpelfrequenzen unterhalb von 155 bzw. 80 Hz ausfiltert oder den Frequenzgang linear belässt.

Weil das 27 nun gänzlich anders konstruiert ist als das 181, waren wir nicht schlecht überrascht, dass es als Overhead nahezu genauso klingt wie das 181. Nur wenn man sehr genau hinhört, kann man einen ganz leichten Unterschied in den obersten Höhen ausmachen: Das 27er klingt einen Hauch edler und betonen eher den „Air“-Bereich, während das 181er die Frequenzen um die 9 kHz einen Tick mehr betont. Beide Overhead-Mikros eignen sich natürlich auch prima zur Abnahme der Hi-Hat, wobei man dann beim 181 eine Supernieren-Kapsel nehmen sollte, mit der man die Hi-Hat besser herausfischen kann.

Fazit
Shure hat die Zeichen der Zeit erkannt und präsentiert mit den BETA-Drum-Mics eine Palette von Schlagzeug- und Percussion-Mikrofonen, die genau ins Schwarze trifft. Die BETAs sind praxisgerecht designt und produzieren out-of-the-box einen äußerst brauchbaren Sound, wobei man sich je nach Geschmack und Größe des Geldbeutels ein Mikrofon-Setup zusammenstellen kann, das auf den persönlichen Anspruch optimal zugeschnitten ist. Vor allem mit dem BETA 181 und seinen vier verschiedenen Kapseln lassen sich sowohl moderne als auch oldschool Aufnahmetechniken realisieren, ohne dabei auf moderne Technik verzichten zu müssen. Einziger Wermutstropfen: Der Spaß ist nicht ganz billig… aber ein Haar musste sich ja schließlich in der Suppe finden lassen.

+ kompakte Abmessungen (98A/C, 98AMP/C und 181)
+ sehr gute Trommelhalterungen
+ robuste Verarbeitung
+ sehr guter Klang
+ Kapseln mit verschiedenen Richtcharakteristiken für das 181

www.shure.de

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