Recording-Tipps

Musik aufnehmen: So geht’s!

Unser Autor und Audio-Profi Andreas Hau erklärt, wie du mit kleiner Kohle ein eigenes kleines Studio aufbauen kannst, um Musik aufzunehmen.

Alles was man für's Recording braucht
(Bild: Dr. Andreas Hau)

Songs aufnehmen: der große Traum. Als ich damit anfing – Napoleon war längst abgesetzt, aber die Mauer stand noch – hieß der große Durchbruch „4-Spur-Kassettenrecorder“. Rückblickend betrachtet, war das eine schlimme Zeit! Man nahm auf drei Spuren nacheinander Instrumente auf, dann mischte man diese drei Spuren auf der vierten Spur zusammen.

Danach waren die drei ersten Spuren wieder frei für Gesang, eine Harmoniestimme und das Gitarrensolo. Aus irgendeinem Grund hatte damals jeder Song ein Gitarrensolo. Das war eben so, niemand hat sich was dabei gedacht. Und ein 4-Spur-Kassettenrekorder kostete 1.500 Mark. Das war eben so. Für halb so viele Euros bekommt ihr heute eine Ausstattung, die in den 80ern total abgefahrene Science-Fiction gewesen wäre.

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Musik aufnehmen: Was Du brauchst

Mit einem Computer besitzt man schon mal die halbe Miete. Ob Mac oder PC ist relativ egal. Nehmt, was euch lieber ist, oder das, was eure Freunde haben. Das erspart unnötige Systemdiskussionen und ihr habt Leute an der Hand, die euch bei Problemen vielleicht weiterhelfen können.

Damit in den Rechner Sound rein- und rausgehen kann, braucht ihr ein passables Audiointerface. Eine Soundkarte bzw. On-Board-Anschlüsse hat ja heute jeder Computer. Zum Musikhören reicht das auch (gerade so), zum Musikmachen nicht. Und zwar aus mehreren Gründen: Die Klangqualität ist relativ bescheiden, und die Geschwindigkeit, mit der Sound ein- und ausgegeben werden kann, ist schnarchig lahm.

Der Fachchinese spricht dabei von „Latenz“. Wenn ihr mit softwarebasierten Klangerzeugern (Synthesizer, Sampler, Drum-Machines) oder virtuellen Gitarrenverstärkern arbeiten wollt, braucht ihr ein Audiointerface, das den berechneten Sound zackig ausgeben kann, nicht erst nach einer halben Sekunde oder so.

Ein Audiointerface für Musiker muss also eine ganz kurze Latenz haben, d.h. den Sound ohne spürbare Verzögerung ausgeben können. Denn wenn ihr auf eine Taste am Keyboard drückt oder in die Gitarrensaiten haut, und der Sound, den der virtuelle Synthesizer bzw. Gitarrenverstärker berechnet hat, erst mit einem spürbaren Versatz ertönt, dann leidet euer Timing; so könnt ihr unmöglich grooven. Also ganz wichtig: kurze Latenz!

Audiointerfaces zum Musikmachen findet ihr nicht im Media Markt, sondern nur im Musikalienhandel. Ihr habt die Wahl zwischen externen Lösungen mit USB- oder FireWire-Anschluss oder internen Steckkarten mit PCI- oder PCI-Express-Interface. USB- und FireWire-Lösungen sind in den letzten Jahren immer beliebter geworden, weil sie praktisch und mobil einsatzfähig sind.

FireWire-Interfaces sind ein bisschen teurer als USB-Kisten, dafür aber meist auch ein bisschen flotter und besser ausgestattet. PCI- oder PCI-Express-Karten zum Einbauen sind noch mal ein Stück schneller, weil sie direkter angebunden sind. Dafür eigenen sie sich aber nur für stationäre Rechner. Am Notebook gibt’s keine entsprechenden Slots.

Ansonsten unterscheiden sich verschiedene Interfaces auch darin, wie viele Ein- und Ausgänge sie haben. Wenn ihr alleine oder zu zweit arbeitet, reichen ein Stereoeingang und ein Stereoausgang. Mehr braucht ihr eigentlich nur, wenn ihr mit der ganzen Band gemeinsam Songs einspielen wollt.

Sehr praktisch für den Einstieg sind Interfaces, die Mikrofoneingänge und einen Kopfhöreranschluss bieten. Äußerst angenehm für einfaches Handling sind Geräte mit Reglern, an denen ihr eine Mischung aus Computersignal und Eingangssignal einstellen könnt.

Zum Einspielen von Instrumenten oder um Gesang zu einem Song aufzunehmen, müsst ihr ja einerseits euch selbst und andererseits die bereits aufgenommenen Spuren hören, um euch daran zu orientieren. Fast immer kann man eine solche Monitoring-Mischung auch über den Softwaremischer des Audiointerfaces einstellen, aber ein richtiger Regler zum Anfassen ist einfach intuitiver. Tipp: Lasst euch vom Verkäufer zeigen, wie man eine Monitoring-Mischung erstellt. Wenn das zu kompliziert aussieht, kauft ein anderes Audiointerface, bei dem das leichter von der Hand geht.

Wenn ihr E-Bass oder E-Gitarre aufnehmen wollt, solltet ihr außerdem auf einen Instrumenteneingang achten (manchmal mit „Hi-Z“ bezeichnet). Wenn ihr da einen Bass oder eine Gitarre einstöpselt, klingt’s nämlich viel knackiger als an einem normalen Line-Eingang.

Homerecorder
So sah Homerecording vor 20 Jahren aus: jämmerliche vier Spuren, lausige Klangqualität. Nur das Shure SM58 Mikro hat sich bis heute gehalten.

Eine unverzichtbare Komponente – es sei denn, ihr macht rein elektronische Musik – ist das Mikrofon. Da gibt’s so viele verschiedene Typen und Modelle, dass das kaum in eine eigene Folge passen würde. Wenn ihr schon ein einfaches Bühnenmikro wie das Shure SM58 besitzt, bleibt ruhig erst mal dabei. Für erste Aufnahmen ist das ganz okay. Wenn ihr mit Kondensatormikros arbeiten wollt, die etwas luftiger klingen, braucht ihr einen Mikrofoneingang mit Phantomspeisung (oft mit P48 oder +48V beschriftet).

Mikro, Kopfhörer & Boxen zum Musikaufnehmen

Ansonsten benötigt ihr natürlich noch einen Kopfhörer, und zwar einen geschlossenen oder allenfalls einen halboffenen. Offene Kopfhörer isolieren zu wenig nach außen; da bekommt ihr dauernd nervende Nebengeräusche auf die Spuren, weil das plärrende Kopfhörersignal auf das Mikrofon überspricht. Und wenn ihr dem Mikrofon zu nahe kommt, führt dieses Übersprechen sogar zu einer grässlich pfeifenden Rückkopplung – unangenehm und ganz schlecht fürs Gehör!

Während der Kopfhörer vor allem zum Einspielen der Spuren verwendet wird, benutzt man zum Mischen normalerweise Lautsprecher. Für den Anfang tut’s eine Hi-Fi-Anlage, sofern vorhanden. Profis benutzen spezielle Abhörmonitore, d.h. besonders neutral klingende Boxen; meist ist da auch gleich eine Endstufe eingebaut (Aktivlautsprecher).

Die billigsten brauchbaren kosten so etwa 200 Euro pro Paar. Solche Aktivboxen, d.h. solche mit eingebautem Verstärker, haben in der Regel keinen Lautstärkeregler. Praktisch ist daher, wenn euer Audiointerface einen Volume-Regler für die Line-Ausgänge hat, ansonsten benötigt ihr nämlich noch ein kleines Kistchen für die Lautstärkeregelung, das natürlich wieder Geld kostet.

Die Software

Eine ganz wichtige Komponente fehlt noch: die Software. Witzigerweise bekommt ihr die quasi umsonst und nicht etwa aus den dunklen Ecken des Internet, sondern ganz legal. Den meisten Audiointerfaces liegt nämlich eine abgespeckte Version eines Aufnahmeprogramms bei. Profis nennen solche Programme übrigens „Audiosequenzer“ oder „DAW-Software“ (DAW = Digital Audio Workstation). Das wohl attraktivste unter diesen gratis beigelegten Programmen ist Steinberg Cubase.

Die Vollversion kostet einige Hunderter; dennoch bietet die LE-Version bereits alles, was ihr für einen guten Start braucht. Vor 20 Jahren hätte so eine Ausstattung glatt ein sechsstelliges Sümmchen verschlungen…

Anderen Audiointerfaces liegt Ableton Live Lite bei – auch ein schönes Programm, aber gegenüber der Vollversion stärker eingeschränkt. Es lohnt sich also, genau zu gucken, welche Software beiliegt.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Diese Seite hat mir wahnsinnig geholfen, danke! Ich weiß nicht woher ich diese Informationen sonst bekommen hätte.

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  2. Leolehmler@gmail.com

    VielenDank

    DER TEXT IST EIN WERTVOLLER ERFAHRUNGSBERICHT, der hoffentlich jungen Leuten einen Eindruck vermittelt wird wieviel. Mühe es einmal gekostet hat
    eigene Musik zu produzieren..

    Vermittelt. Gut zwischen den Generationen. Ich werde Die Adresse weiterempfehlen
    Leo. 65. Jahre

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  3. Sehr hilfreicher Kommentar um sich für seine erste Recording Session vorzubereiten! Vielen Dank für die guten Tips, und schön zu hören wie viel leichter wir jungen Leute heutzutage alles haben 🙂
    LG Malte

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  4. Super Hilfe. Danke! Könnte mir noch jemand sagen, um welches Interface es sich oben auf dem Foto/Bild handelt? Ich hab’s vom Aussehen her leider nicht finden können. Vielen Dank. LG Friederike

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    1. Hallo Friederike,
      bevor du einfach das Interface nachkaufst, empfehlen wir die schnelle Lektüre dieser Seite. https://www.soundandrecording.de/tutorials/das-richtige-audiointerface/
      Das Interface auf dem Bild ist auch nicht mehr das aktuellste. Da gibt es inzwischen Preis-Leistung-mäßig bessere.
      LG aus der Redaktion

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  5. Danke digga Brosch sich für Schüler Alder

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