Pro Tools immer und überall

Pro Tools – Musikproduktion mit Avids Cloud-basierter DAW

Seit der Ankündigung im Jahr 2013 ist viel Zeit vergangen, doch nun ist die Cloud-Lösung von Avid endlich für Pro-Tools- und Pro-Tools-HD-User zugänglich. Ein Grund für uns, den Workflow und die damit verbundenen Optionen genauer unter die Lupe zu nehmen.

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(Bild: Stephan Lembke)

Sehr viel Zeit wird in Tonstudios damit verbracht, Sessions zu exportieren, verschiedene Projekte zusammenzuführen und Dateien der Produktion mit anderen Beteiligten auszutauschen. Besonders dann, wenn die Produktion an mehreren Orten stattfindet, ist der Aufwand zur Datenverwaltung sehr hoch. Durch das Cloud-basierte Arbeiten mithilfe von Dropbox & Co hat sich der Datenaustausch in den letzten Jahren schon erheblich verbessert. Doch der Workflow bleibt immer noch verbesserungsfähig − genau da setzt Avid Everwhere an.

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Es ermöglicht die Verwaltung von online gespeicherten Pro-Tools-Daten direkt in der DAW. So ist es möglich, dass die Sessions an verschiedenen Arbeitsplätzen direkt zur Verfügung stehen und dass Kollaborationen mit anderen Musikern und Beteiligten der Produktion über die Cloud stattfinden.

Grundprinzip

Avid Everywhere bietet jedem Pro-Tools-User die Möglichkeit, eine Session nicht nur im lokalen Cache des Computers, sondern online in der Avid-Cloud zu speichern. Meldet man sich also an einem anderen Arbeitsplatz mit seinen Zugangsdaten an, so stehen die Cloud-Projekte direkt für die Synchronisation mit dem dortigen Computer zur Verfügung. Neue Spuren, Änderungen an den Plug-in-Einstellungen oder dem Arrangement werden direkt in die Cloud übertragen und dort gespeichert bzw. aktualisiert.

Eine weitere Funktion ist das Teilen der Sessions mit anderen Pro-Tools-Usern, die somit an der Produktion teilnehmen können. Welche Spuren zur Kollaboration freigegeben werden, kann im Edit-Fenster der Session bestimmt werden. Es ist also auch möglich, dass ein Schlagzeuger lediglich die Instrumentengruppen als Playback und den Klick-Track bekommt, um eine Aufnahme dazu durchzuführen. Somit wird vermieden, dass sich ein Musiker durch sehr unübersichtliche und umfangreiche Arrangements wühlen muss. Die Kommunikation mit den eingeladenen Kollaborateuren kann über den integrierten Künstler-Chat erfolgen.

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Neue Optionen und Features, die Avid Everywhere betreffen, findet man im Transport-Fenster. Dort kann die Kommunikation mit anderen Pro Tools Usern aufgerufen und die Synchronisation der Projektdaten vorgenommen werden. Detaileinstellungen zu jeder individuellen Spur findet man als Spalte »Spur-Kollaboration« in der Edit-Fenster Ansicht.

Neues Pro Tool Features

Das technische Backend der Cloud-Funktionalität wurde über mehrere Jahre von Avid vorbereit. Wichtige Features, welche für die Cloud benötigt werden, sind die Übernehmen-Funktion (eingeführt in Pro Tools 12.3) und die von vielen Usern lang ersehnte Einfrieren-Funktion in Version 12.4. Seit Versionsnummer 12.5 ist Pro Tools nun bereit für die Cloud und Avid Everywhere. Da die beiden Funktionen gerade für Kollaborationen interessant sind, sehen wir sie uns im Folgenden genauer an.

Die Übernehmen- oder auch Commit-Funktion ermöglicht das Erstellen einer gerenderten Audiodatei von einer Spur des Arrangements. Auf diese Weise können Plugins und Software-Instrumente schnell in eine Spur eingerechnet werden.

Die Einfrieren-Funktion ist insgesamt recht ähnlich. Hier wird auch ein Bounce der Spur erstellt, doch ist dieser nicht als sichtbare Audiodatei verfügbar. Edit-Funktionen werden daher für eine eingefrorene Spur nicht unterstützt. Einfrieren oder auch Freeze entlastet in erster Linie die CPU bei umfangreichen Arrangements. Doch es dient auch dazu, dass Plug-ins und Software-Instrumente temporär gerendert werden und die Einstellungen zu einem späteren Zeitpunkt noch angepasst und verändert werden können.

Session oder Projekt

Eine weitere Neuerung, welche die Grundlage von Avid Everywhere darstellt, ist die Unterscheidung zwischen Pro-Tools-Sessions und -Projekten. Während eine Session wie gewohnt lokal auf dem Rechner gespeichert werden muss, bevor die Arbeit in der DAW beginnt, speichert Avid ein Pro-Tools-Projekt in der Cloud. Soll Avid also überall genutzt werden, kann ausschließlich mit Projekten gearbeitet werden.

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Nun muss eine Session nicht zwangsweise von Beginn an als Projekt angelegt werden. Über den »Kopie speichern unter«- Dialog kann jede Session zu einem Pro-Tools-Projekt konvertiert und damit in die Cloud geschoben werden. Also ist es auch möglich, ältere Produktionen in Avid Everywhere einzubinden.

Um Cloud-Projekte zu bearbeiten (wie umbenennen oder löschen) kann entweder der Schnellstart-Dialog oder das neue Workspace-Fenster genutzt werden.

Soziales Audionetzwerk

Sobald das Projekt erstellt und mit der Cloud synchronisiert ist, kann man andere Teilnehmer einladen. Diese müssen jedoch zunächst als Kontakt eingeladen und bestätigt werden. Ein Pro-Tools-User wird erst im Suchfeld der Kontakte angezeigt, wenn dieser bereits ein Profil erstellt hat und somit einen Einblick in Avid Everywhere hatte. Zudem muss gewährleistet sein, dass ein Profil überhaupt bei der Kontakt-Suche anderer User auftaucht. Da Avid Everywhere als Pro-Tools-Feature noch sehr jung ist, sind momentan nur wenige potenzielle Kollaborateure in Avids Sozialem Audionetzwerk zu finden. Bei einer Suche nach typischen Vor- oder Nachnamen ist die Liste der Pro-Tools-User noch sehr überschaubar (es gibt z. B. lediglich fünf User namens Peter im Avid-Universum).

Praktische Anwendung 

Die ersten Gehversuche mit der neuen Cloud-Funktionalität liefen einwandfrei. Das Anmelden, die Projekterstellung und die Kontaktsuche sind anschaulich gelöst, und als geübter Pro-Tools-User findet man sich direkt zurecht.

Der Künstler-Chat ließ sich etwas umständlich bedienen, und Kontaktbestätigungen waren teilweise nicht klar zu erkennen. Zudem verschluckte der Chat einige Buchstaben meines Textes, was vermutlich dem ständigen Abgleich mit den Avid-Servern geschuldet ist.

Eine ausschließliche Nutzung der integrierten Kommunikation führt momentan allerdings noch nicht zum gewünschten Ergebnis. Der Grund ist die fehlende Benachrichtigung bei eingehenden Chat-Nachrichten. Der Kontakt muss also den Künstler-Chat geöffnet haben, um Nachrichten mitzubekommen, und das wird in der Realität bei den meisten Usern nicht der Fall sein.

Die Aufnahme von Audiodaten in einem Projekt und das Austauschen der Projekte über die Cloud funktioniert wie beschrieben. Über die Spuren im Arrangement-Fenster können Änderungen selektiv geteilt und die Freigabe der Spuren individuell geregelt werden. Beim Datenaustausch ist keine Geschwindigkeitsbegrenzung in der Up- und Downloadgeschwindigkeit zu erkennen, und die Cloud-Funktionalität ist reibungslos.

Bei der Datenverwaltung fällt allerdings negativ auf, dass es bei den Pro-Tools-Projekten aus der Cloud, im Gegensatz zu lokalen Pro-Tools-Sessions, keinen »Speichern unter«-Dialog gibt. Das Projekt kann zwar auf einen älteren Speicherstand zurückgesetzt werden, doch befindet sich in der Cloud lediglich eine Version des Projektes. Das macht die Anwendung der Cloud bei umfangreicheren Projekten schwierig, und vermutlich werden trotzdem Kopien der Projekte als Sessions offline abgespeicherte, um eine gewisse Zuverlässigkeit zu gewährleisten. Probleme mit dem zufälligen Überschreiben von Projektdaten hat Avid jedoch sinnvoll vorgebeugt. Sollte ein Projekt auf zwei Computern des gleichen Avid- Accounts geöffnet werden, erscheint direkt ein Hinweis, dass nur in einem Projekt aktiv gearbeitet werden darf und es auf dem anderen Computer geschlossen werden muss.

Bei dem Versuch eine umfangreichere Edit-Session in ein Projekt umzuwandeln und in die Cloud zu schicken, trat nach einiger Zeit ein Fehler auf, da die Dateien nicht zu Ende geschrieben werden konnten. Dieser Umstand kam zustande, weil die Original-Session den maximalen Cloud-Speicher meines Accounts überschritten hatte. Trotz fehlender Daten ließ sich das Projekt aus der Cloud zwar öffnen, doch die Playlisten waren unvollständig.


Cloud-Speicher-Optionen

• integriert in Pro Tools 12 (kostenlos): 3 Projekte mit bis zu insgesamt 500 MB

• Premium (ca. 10,70 Euro pro Monat): 5 Projekte mit bis zu insgesamt 20 GB

• Professional (ca. 22,61 Euro pro Monat): 10 Projekte mit bis zu insgesamt 60 GB


Erweiterung des Cloud-Speichers

Mit einer kostenpflichtigen Version von Pro Tools 12 erhält man einen Cloud-Speicher mit 500 MB, der für bis zu drei parallele Projekte genutzt werden kann. Zudem kann man pro Projekt zwei weitere Pro-Tools-User zur Kollaboration einladen, wodurch sich der Speicher allerdings nicht erweitert.

Falls mehr Speicherplatz benötigt wird, kann eine Erweiterung direkt über das Avid-Konto vorgenommen werden. Zur Auswahl stehen zwei Lösungen, die bis zu 60 GB und zehn parallele Projekte ermöglichen. Allerdings werden für diese größte Option auch 24,99 Dollar (rund 22,60 Euro) pro Monat fällig. Vergleicht man dies mit anderen Cloud-Lösungen, fällt der Umfang des Speichers trotz des hohen monatlichen Grundpreises recht mager aus. Eine Erweiterung der Projektteilnehmer, also der eingeladenen Kollaborateure, ist jedoch nicht möglich.

Zukunftsvisionen

In dem auf der IBC 2013 vorgestellten White Paper wurde Avids Sicht auf Cloud-Kollaborationen in der Medienbranche ausführlich dargestellt. Im Zuge der Entwicklung von Avid Everywhere wurden seitdem immer mehr Funktionen und Details öffentlich, die jedoch in der aktuellen Version noch nicht zur Verfügung stehen. Der Artist-Chat lässt sich bisher nur auf der Text-Ebene verwenden (obwohl manche Screenshots der Avid-Werbung schon Videofunktionalität zeigen), und die Verknüpfung mit der Avid Artist Community und dem Marketplace ist nur teilweise gegeben.

In Zukunft soll also neben der erweiterten Kommunikation (à la Skype) der Gedanke des Sozialen Netzwerkes weiter ausgebaut werden. Und genau das sehe ich auch als eine interessante und zukunftsweisende Möglichkeit, um Auftraggeber und -nehmer in der Musikproduktion zusammenzubringen. Wenn ich im Zeitstress einer Produktion einige Tätigkeiten im Bereich des Editings, Tunings oder Programmings abgeben könnte, wäre das auf jeden Fall eine sehr interessante Option. Mit Avid Everywhere wäre der Projektaustausch dabei sehr unproblematisch, und alle Änderungen wären im späteren Verlauf der Produktion nachvollziehbar, was für mich ein sehr essenzieller Aspekt ist.

Es wäre zudem interessant, wenn Musiker mit exotischeren Instrumenten oder auch verschiedene Gesangsstimmen einfach per Knopfdruck für ein Projekt gebucht werden können. Wir können also gespannt sein, welche Features in den nächsten Versionen auftauchen werden.

Fazit

Pro Tools ist mit der Version 12.5 wahrhaftig überall verfügbar. Der Austausch von Projektdaten war auf allen Testgeräten unproblematisch und beschleunigte die Arbeit durch wegfallendes Kopieren und überprüfen der Versionen. Sobald Pro Tools Free die Version 12.5 erreicht, wird die Allgegenwärtigkeit von Pro Tools außerdem kostenlos verfügbar sein und die Verbreitung der Cloud-Kollaboration fördern.

Einige Aspekte sind jedoch auch negativ aufgefallen.

Stellenweise erinnerten der Workflow und die Funktionen der aktuellen Pro-Tools-Version 12.5.2 noch recht stark an eine Beta-Version. So traten bei der Nutzung zum Teil Grafikfehler auf, und die Kommunikation mit anderen Usern gestaltete sich in mancher Hinsicht nicht so bequem wie mit anderen Programmen und Sozialen Netzwerken.

Ein weiterer Punkt ist wie gewohnt die Preisgestaltung des Cloud-Services. Mit einem Blick auf meine Festplatte stelle ich fest, dass lediglich die teuerste Option mit 60 GB Speicherplatz für eine Produktion mit umfangreichen Schlagzeug-Aufnahmen und vielen akustischen Instrumenten geeignet wäre.

Doch für mehr als 20 Euro im Monat? Im Vergleich stellt Dropbox mir 1 Terrabyte für ungefähr ein Drittel des Preises zur Verfügung. Und − man mag es kaum glauben − auch dieser Speicher wird bei manchen unserer Sampling-Produktionen irgendwann knapp. In puncto Preisgestaltung und Umfang der Speicheroptionen besteht definitiv Verbesserungsbedarf.

Abschließend lässt sich sagen, dass Avid sicherlich einen vielversprechenden Weg in der Entwicklung von Pro Tools eingeschlagen hat. Es bleibt nun abzuwarten, wie gut diese Plattform von den Usern angenommen wird. Da jeder kostenpflichtigen Pro-Tools-12-Lizenz zumindest ein kleines Speicherkontingent ohne Aufpreis zur Verfügung steht, lohnt sich der Blick in Avids Cloud-Lösung allemal.


Pro-Tools-Versionen

Pro Tools Free: Die kostenlose Pro-Tools-Version ist in der maximalen Spurenanzahl und anderen Features begrenzt. Jedoch ist die Möglichkeit der Cloud-Collaboration auch für Pro Tools Free angekündigt. Die Software befindet sich momentan allerdings noch bei Version 12.3; die Cloud-Funktion wird erst ab 12.5 verfügbar sein.

Pro Tools: Die native Version von Pro Tools, die nicht an Avid Hardware gebunden ist. Einschränkungen sind in den maximal verfügbaren Ein- und Ausgängen vorhanden, und die Surroundfähigkeit sowie einige Advanced Features sind nicht an Bord. Mittlerweile steht Pro Tools der HD-Version nur noch in wenigen Punkten nach.

Pro Tools HD: Das Hardware-gestützte Flaggschiff von Avid zeichnet sich durch geringe Latenzen und eine sehr hohe Anzahl an simultan verfügbaren Ein- und Ausgängen aus. Werden HDX-Karten verwendet, sorgen die DSP-Versionen der AAX Plug-ins auch während der Aufnahme für eine garantierte Performance mit geringster Latenz.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Bereits Ende September ist Pro Tools 12.6 erschienen, mit Layered Editing und Playlist-Erweiterungen sowie ClipFX:
    http://www.avidblogs.com/journey-pro-tools-12-6/

    Ebenfalls neu: Pro Tools HD ist erstmals ohne Hardware als Standalone-Software erhältlich, entweder als Jahreslizenz oder als Dauerlizenz und es gibt einen Upgrade Pfad von Pro Tools auf Pro Tools HD:
    http://shop.avid.com/ccrz__Products?categoryId=a3y31000000TsbcAAC&isCSRFlow=true&portalUser=&store=

    Durch das Aufbrechen der Pro Tools HD (Zwangs-)Bundles und Öffnung der DigiLink-Schnittstelle sind nun auch Kombinationen mit Wandlern von Drittanbietern viel einfacher zu realisieren.

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