Mobiles Aufnahmegerät mit Surround-Möglichkeiten

Zoom H2 – Handy Recorder im Test

 

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(Bild: Andreas Hau)

03/2008: Schon jetzt, einige Wochen nach Erscheinen kann man beim Zoom H2 von einem Verkaufsschlager reden. Das allein sagt noch nicht zwingend etwas über seine Qualitäten, denn mit knapp 200 Euro Straßenpreis liegt er in dem Bereich, wo man nicht lange zögert bzw. zufrieden wäre, wenn das Teil nur halbwegs funktioniert. Ähnliches dachte sich der Autor dieser Zeilen. Denn just bei Erscheinen benötigte ich von heute auf morgen ein mobiles Aufnahmegerät für Interviewzwecke. Also flugs zum nächsten Musikfachhändler, das Teil unter den Arm geklemmt und los.

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Schauen wir mal in den Karton: Neben dem Aufnahmegerät sind da ein Stoffbeutel, ein Schaumstoff-Windschutz, ein Handgriff zum Anschrauben, ein Standfuß und ein Paar Ohrhörer sowie ein Kabel Miniklinke auf Stereo-Cinch zum Anschluss an die Hi-Fi-Anlage, ein USB-Verbindungskabel und netterweise sogar eine 512 MB SD-Karte als Aufnahmemedium sowie ein Steckernetzteil als Alternative zur Batteriespeisung. Also alles, um sofort loszulegen.

Für den mobilen Einsatz sollte man sich aber gleich zwei AA-(Mignon)-Batterieakkus besorgen, und möglichst welche mit ordentlich Ladekapazität ab 2300 mA/h, denn der H2 nuckelt ein frisches Paar Batterien in rund 4 Stunden leer. Gute Akkus machen sich also schnell bezahlt.

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Die Harte Ware …

… ist nicht so hart wie (manchmal) das Leben, aber auch nicht so weich wie Muttis Marmelade. Das Gehäuse besteht aus Kunststoff, macht prinzipiell aber den Eindruck, kleinere Stürze zu verkraften. Der einzig problematische Punkt scheint mir das Stativgewinde an der Unterseite, das ebenfalls aus Kunststoff besteht. Hier ist Feingefühl angebracht. Das Gewinde ist übrigens vom Durchmesser her nicht für Mirofonstative, sondern für Foto/Video-Stative ausgelegt. Oder eben den mitgelieferten kleinen Standfuß, der sich z. B. für Interviewsituationen anbietet.

Das Display ist klein, aber völlig ausreichend. Um auch bei schwacher Beleuchtung bedienbar zu bleiben, aktiviert der H2 bei Bedienung der Tasten kurzzeitig die Hintergrundbeleuchtung, ähnlich wie die meisten MP3-Spieler und Handys.

Zoom H2
Der H2 verfügt über zwei Mikrofonpaare – eins vorn, eins hinten –, die sich separat oder gemeinsam nutzen lassen. (Bild: Andreas Hau)

Was er kann

Der Zoom H2 ist mit zwei Mikrofonpaaren ausgestattet. Das vordere Paar hat einen Aufnahmewinkel von 90, das auf der Rückseite von 120 Grad. Nutzen lassen sich beide Paare entweder einzeln oder gemeinsam. So gibt es also zwei Stereomodi mit unterschiedlichen Aufnahmewinkeln für größere und kleinere Klangkörper, einen Vierkanalmodus, in dem beide Stereopaare aktiv sind, und einen 2-Channel-Surround-Modus, bei dem ebenfalls beide Paare aufnehmen, allerdings werden hier die Stereopaare jeweils summiert und auf den linken bzw. rechten Stereokanal aufgenommen. Dieser Modus bietet sich vor allem für dokumentarische Zwecke an, wenn man sicher gehen will, alles aus allen Richtungen zu erfassen, aber nicht unbedingt riesige Datenmengen erzeugen möchte.

Der „richtige” Vierkanal-Surround-Modus kann nur im unkomprimierten Wave-Format aufzeichnen, und zwar werden hier zwei separate Stereofiles erzeugt. Es stehen 44,1 und 48 kHz als Samplingrate und 16 oder 24 Bit als Wortbreite zur Auswahl. Alle anderen Aufnahmemodi können entweder Wave- oder MP3-Dateien erzeugen. Die Bitrate lässt sich von 48 bis 320 kBit/s einstellen, auch ein VBR-Setting ist vorgesehen. Im Zweikanalmodus für die WAV-Aufzeichnung ist sogar 96 kHz als Samplingrate möglich. Unter den Aufnahmeoptionen lässt sich ein Low-Cut aktivieren, der gerade bei Außenaufnahmen wertvolle Dienste leistet, außerdem ist ein einfacher Kompressor/Limiter bzw. eine Automatic Gain Control (AGC) verfügbar, jeweils mit verschiedenen Presets für Sprache, Musik, Gesang, Konzert und andere typische Situationen.Wer möglichst unverfälschte Aufnahmen zur späteren Bearbeitung im Rechner möchte, sollte aber lieber auf den internen Dynamikprozessor verzichten. Sowieso wirkt dieser erst nach der Digitalwandlung, kann also Übersteuerungen grundsätzlich nicht verhindern. Für Interviewzwecke ist der Kompressor/Limiter/AGC aber eine angenehme Zugabe.

Eine weitere nette Zusatzfunktion ist der USB-Modus, der nicht nur zum Datenaustausch genutzt werden kann (dazu kann man auch einfach die SD-Karte in einen Cardreader stecken), sondern auch die Möglichkeit erlaubt, den H2 als externes Audiointerface zu betreiben.

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„Handy Recorder“ steht für handlich: Der H2 ist kaum größer als eine Packung (Schokoladen-)Zigaretten, passt problemlos in die Jackentasche, ist aber nicht so winzig, dass man es nur mit spitzen Fingerchen bedienen könnte. Die Folientasten reagieren übrigens zuverlässig und mit fühlbarem Druckpunkt. (Bild: Andreas Hau)

Der Zoom wird ohne gesonderte Treiberinstallation als USB-Audiodevice erkannt. Eine tolle Sache gerade für Laptop-User, denn so lassen sich unterwegs komplette Demos einschließlich Gesang aufnehmen.Über Miniklinke lassen sich übrigens externe Mikrofone anschließen, optional lässt sich Plug-in-Power (2,5 Volt) aktivieren, wie sie viele Stereomikros akzeptieren.

Einen Line-In (Miniklinke) gibt’s auch. Leider kann man, zumindest mit der derzeitigen Firmware, externe Quellen nicht gleichzeitig mit den internen Mikros nutzen, was nützlich wäre, um im Vierkanal-Modus den Mischpultmix und das Publikum gleichzeitig aufzunehmen.

Bedienung

Der Zoom H2 ist recht angenehm in der Bedienung. Ich würde Ihnen gerne sagen, er sei idiotensicher, würde mich dabei aber selbst zum Vollidioten stempeln, denn ohne in die Bedienungsanleitung geschaut zu haben, ging ich davon aus, dass der Kleine aufnimmt, wenn man auf „Record” drückt. Tatsächlich ist man dann aber erst im Einpegel-Modus – der H2 hat einen dreistufigen Mic-Gain-Schalter und Rec-Level-Tipptaster für die Feineinstellung. Aufnehmen will der H2 erst ab dem zweiten Betätigen der Rec-Taste. (An dieser Stelle noch mal ein Dankeschön an den geduldigen Georg Luksch!)

Ein Studium der Bedienungsanleitung ist also schon sinnvoll, auch wenn die meisten Funktionen sich selbst erklären. Das Manual erklärt außerdem nützliche Zusatzfunktionen, die man dem kleinen Zoom vielleicht gar nicht zugetraut hätte. So lassen sich beispielsweise Vierkanal-Aufnahmen auf Stereo mischen und Wave-Files nachtäglich normalisieren oder in MP3 umwandeln.

Ein Stimmgerät und ein Metronom sind ebenfalls an Bord. Außerdem beherrscht der H2 Auto-Record (die Aufnahme wird vom Eingangspegel gestartet) und Pre-Record (2 Sekunden werden im Zwischenspeicher gehalten). Alle Achtung, Herr und Frau Zoom haben wirklich an alles gedacht!

Praxis

Viel Anlass zu meckern gibt der H2 nicht. Die Aussteuerungsanzeige ist etwas behäbig, sodass sehr schnelle Pegelspitzen mitunter nicht korrekt erfasst werden. Außerdem ist der H2 sehr empfindlich für Griffgeräusche. Zoom hat deshalb den eingangs erwähnten Haltegriff zum Anschrauben beigepackt und empfiehlt, selbigen mit einem Handschuh zu packen. Verbuchen wir das unter „Workaround”.

Ansonsten eitel Sonnenschein: Das Teil klingt echt gut. Als Klangbeispiel finden Sie eine Aufnahme gezupfter Akustikgitarre (eine Lakewood D-18) – ein schwieriges, weil breitbandiges und relativ leises Testmaterial. Unmittelbar über dem Zoom war zum direkten Vergleich Studio Projects C4-Stereoset aufgebaut (wie der Zoom in XY-Konfiguration), dessen Signal über den in der letzten Ausgabe getesteten Universal Audio DCS und ein EMU 1820m-Audiointerface aufgezeichnet wurde. Eigentlich ein unfairer Vergleich, kostet doch jede einzelne Komponente ein Mehrfaches des Zoom H2, der alle Funktionen in sich vereint.

Umso erstaunlicher das Ergebnis: Bei korrekter Aussteuerung rauscht der Zoom kaum mehr als das Vergleichs-Setup – Sie hören es eigentlich nur im Ausklingen des letzen Akkordes. Und auch der Klang ist keine Galaxien von dem viel teureren Setup entfernt. Auch wenn die C4-Mikros in den Höhen etwas filigraner auflösen und die Bässe körperhafter wirken, klingt der H2 keineswegs billig. Für spontane Songdemos mit Gesang und/oder Akustikgitarre ist der Zoom uneingeschränkt zu empfehlen. Tatsächlich kann man das Gerät bei Verdacht auf Kreativität einfach mal mitlaufen lassen und muss sich nie wieder ärgern, eine gute Idee nicht festgehalten zu haben. Mit einer 4-GB-Karte schafft der H2 380 Minuten in 44,1 kHz/16 Bit oder 68 Stunden (!) in MP3 mit 128 kBit/s. Mithin ist der H2 auch prima für Mitschnitte im Proberaum oder bei Livekonzerten geeignet. Wobei natürlich der Sound nicht über die akustischen Verhältnisse hinauswachsen kann. Zitat eines Freundes, dem ich den H2 für einen Band-Mitschnitt auslieh: „Wahnsinn, das klingt wirklich exakt wie im Proberaum! Also furchtbar …” Immerhin konnte mein technophober Kumpel das Gerät nach zwei Minuten Einweisung bedienen.

Eines der Haupteinsatzgebiete für den H2 sind Atmos und Naturgeräusche. Auch hier schlägt sich der kleine Zoom mehr als wacker. Gerade die für Atmos wichtigen, weiter entfernten Schallquellen werden sehr plastisch und glaubhaft eingefangen. Die Ortung ist erstaunlich gut und wirkt auch im Stereomodus dreidimensional. In einem Schwarm Krähen, den ich im Vorbeifliegen aufnahm, war das Krächzen jedes einzelnen Vogels exakt zu lokalisieren. Dank seines guten Rauschverhaltens werden auch leise und/oder weit entfernte Geräusche gut erfasst. Es ist übrigens erstaunlich, was man alles auf Aufnahmen entdeckt, sobald man sich nicht mehr am Ort des Geschehens befindet bzw. wie sehr eine scheinbar banale Geräuschkulisse einen wieder an den Aufnahmeort zurückführt. Hier lauern große kreative Möglichkeiten!

Fazit

Den Zoom H2 Handy Recorder darf man getrost als Knüller bezeichnen. Er kann alles, was er soll, und vieles besser, als er eigentlich müsste, angesichts des aufgerufenen Preises von knapp 200 Euro. Gerade der niedrige Preis ist es ja, der ihn für viele Anwendergruppen erst interessant macht. Denn wer wollte nicht gelegentlich mal Atmos aufnehmen, Proben mitschneiden oder einen Liveauftritt? Nur lagen bisherige Aufnahmegeräte in einem Preisbereich, der der Gelegenheitsnutzer zum Grübeln bringt. Der kleine Zoom lässt solche Bedenken vergessen.

Der H2 kann aber noch einiges mehr. Der Vierkanal-Surround-Modus ist ein Feature, das den H2 auch oberhalb seiner Gewichtsklasse aus dem Bewerberfeld hebt. Bis auf die hohe Anfälligkeit für Handgeräusche hat der Zoom kaum Schwachpunkte. Der Klang überzeugt durch eine relativ unverfärbte, plastische Wiedergabe und das Rauschverhalten ist besser, als man von den kleinen Kapseln erwarten würde. Sicher ist der H2 audiotechnisch nicht das Ende der Fahnenstange, aber für noch bessere Klangergebnisse muss man schon deutlich tiefer in die Tasche greifen. In Sachen Ausstattung und Preis/Leistung ist der Zoom H2 ist ein Volltreffer, und man darf gespannt sein, was die Konkurrenz dem H2 entgegenzusetzen hat.


Konzept: mobiles Aufnahmegerät mit Surround-Möglichkeiten

Hersteller /Vertrieb: Zoom / Sound Service

Internet: www.soundservice.de

Speichermedium: SD-Karte, max. 4 GB

UvP / Straßenpreis: € 236,81 / ca. € 200,–

 

+ sehr gutes Preis/Leistungs-Verhältnis

+ guter Sound

+ relativ rauscharm

+ Vierkanalmodus

+ umfassende Ausstattung

– anfällig für Handgeräusche

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