Neue Nischen!

Car Content – Wenn das Studio fahren kann

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Im Studio-Business als Musiker oder Engineer Erfolg zu finden ist keine leichte Aufgabe. Die Besetzung von Nischen ist daher eine lohnende Strategie. Diese können sehr lukrativ sein, folgen dabei ihren eigenen Regeln und halten eigene Hürden bereit. Bekannte Nischen sind zum Beispiel Hörbücher, Werbung oder Kindermusik. Daneben entwickelt sich eine neue, für viele Musiker und Audio-Engineers sicher noch unbekannte Nische mit steigender Nachfrage: Car Content.

AVAS (Acoustic Vehicle Alerting System) ist ein Soundsystem, dass am Fahrzeug nach außen abstrahlt und Daten wie die Geschwindigkeit und Pedalstellungen für die Klangerzeugung zur Modulation der Parameter wie bei einem Synthesizer verarbeitet. Es dient der Warnung von Passanten. Die Mikrofone sind an den Positionen gestellt, die für die Messung der gesetzlichen Normen vorgegeben sind.

Car Content sind Musik und Töne, die speziell für Autos geschaffen oder angepasst werden. In den letzten Jahren haben sich die Voraussetzungen für eine hohe Wiedergabequalität von Audio-Inhalten im Auto stark verbessert. Mit den verbauten Class-D-Endstufen ist Rauschen ein Relikt der Vergangenheit, wobei gleichzeitig durch hohe Effizienz kaum ein Milliwatt in Abwärme vergeudet wird. Die Lautsprecher haben sich in Premiummodellen stark verbessert und können mit ihren Leistungsdaten in vielen Aspekten mit Studiomonitoren mithalten. Um sich den verschiedenen Sitzplätzen und akustischen Randbedingungen anzupassen, werden zum EQing DSPs eingesetzt, die auch in großen digitalen Live-Konsolen jeden Tag zuverlässig arbeiten. Die Algorithmen sind dabei Studio Grade und machen auch goldene Ohren glücklich. Ausgespielt werden die Signale dann über viele im Fahrzeug verteilte Lautsprecher, die jeden Sitzplatz gleichmäßig beschallen. Mehr als 20 Lautsprecher sind keine Seltenheit mehr (Mercedes-Benz S-Klasse, Audi A8), in manchen Modellen sind sogar mehr als 30 Lautsprecher gleichzeitig tätig (BMW iX). Das Tuning der Lautsprecher untereinander und die Abstimmung der einzelnen Funktionen kann dabei mehrere Wochen in Anspruch nehmen und ist mit den Arbeitsschritten aus Mixing und Mastering vergleichbar.

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Die Entwicklungsgeschwindigkeit für elektrische Komponenten in Autos hat sich zudem stark erhöht. Wo in der Vergangenheit noch in Dekaden gedacht wurde, sind Infotainment-Systeme im Auto heute dem Takt der Jahre und Monate unterworfen. So wird es nicht lange dauern, bis die Unterstützung von Dolby-Atmos-Inhalten in allen Autos Standard ist.

In welchen Bereichen eröffnen sich dadurch neue Arbeitsfelder?

1. AVAS: Elektrisch angetriebene Autos sind im Betrieb etwas leiser als Auto mit Verbrennungsmotoren. Deswegen fordern die Gesetzgeber weltweit, dass E-Autos unterhalb von ca. 30 km/h einen Klang in einem bestimmten Frequenzbereich mit einem Pegel von ca. 75 dBSPL in der Nähe des Fahrzeugs wiedergeben. Dies dient vor allem dem Schutz von Passanten und gibt dieser Funktion auch ihren Namen: AVAS – Acoustic Vehicle Alerting System. Die Herausforderung liegt hier darin, einen Klang zu erzeugen der Aufmerksamkeitund Emotionen generiert, sich dabei aber nicht abnutzt und nach kurzer Zeit nervt. Zudem hat jede Marke ihre eigenen, charakteristischen akustischen Merkmale, die in die Moderne übertragen werden müssen. Man denke hier an das kraftvolle V8-Grummeln eines Mustangs oder das abgerundete Hochdrehen eines Reihen-Sechszylinder-Motors von BMW. Porsche hat hier zum Beispiel für den Taycan einen sehr guten Kompromiss gefunden der Vergangenheit und Zukunft miteinander vereint.

2. Engine Sounds: Die Ruhe im Außenbereich des Fahrzeugs schlägt sich auch im Innenbereich des Fahrzeugs nieder, was sich positiv auf den Komfort auswirkt. Da die akustische Rückmeldung einer Maschine für uns Menschen wichtige Informationen über deren Funktion und Zustand darstellt, werden hier künstlich Töne, sogenannte Engine Sounds, erzeugt. Was auf den ersten Blick paradox und rückständig wirkt, macht auf den zweiten Blick doch Sinn. Stelle man sich doch vor, ein Haustürschloss würde beim Verriegeln nicht klacken oder ein Klinkenstecker in der E-Gitarre nicht geräuschvoll rasten – der Nutzer würde nicht intuitiv wissen, dass alles in Ordnung ist. Dasselbe Prinzip gilt auch bei Autos und deren Engine-Sounds. Was heute noch nach einem Kompromiss zwischen Vergangenheit und Gegenwart aussieht, wird sich bei der nächsten Baureihengeneration mit dem Kundengeschmack sicherlich schon wieder ändern.

Audi RS e-tron GT mit zwei Außenlautsprechern und Engine Sounds; die Engine-Sounds machen es für den Fahrer leichter, den aktuellen Zustand des Fahrzeugs zu erfassen, und erzeugen Emotionen beim Fahren.
Audi RS e-tron GT mit zwei Außenlautsprechern und Engine Sounds; die Engine-Sounds machen es für den Fahrer leichter, den aktuellen Zustand des Fahrzeugs zu erfassen, und erzeugen Emotionen beim Fahren.

3. Interaktionstöne im Innenraum: Die Menge an Funktionen im Fahrzeug steigt unaufhörlich. Um all die Rückmeldungen der Systeme an den Nutzer weiterzugeben, werden auch Töne, sogenannte Auditory Displays verwendet. War bis vor Kurzem der Komfort und das »Nicht-Nerven« das höchste Ziel der Entwickler und das Abspielen von Warntönen ein Sakrileg, das nur wenigen wichtigen Meldungen vorbehalten war (z. B. bei Problemen mit dem Motor), werden zukünftig Warn-, Hinweis- und Interaktionstöne mehr Raum bekommen.

    Eine großartige Leistung unseres Gehörs ist es, Informationen besonders schnell an die entscheidenden Teile im Gehirn weitergeben zu können, um uns in kritischen Situationen reagieren zu lassen. Diesen Fakt machen sich die Entwickler zunutze. Allein schon die umfangreichen Selbstfahrfunktionen (»Advanced Driver Assistant Systems« – ADAS) machen dies nötig, um eine sichere Kommunikation zwischen Fahrer und Maschine sicherzustellen. So werden Fahrmanöver wie autonome Spurwechsel oder Überholvorgänge in vielen Fahrzeugen dann künftig akustisch vor-angezeigt. Bei Flugzeugen wird dies schon länger in Situationen mit hoher Arbeitslast für Kollisionswarnungen oder Ausrufe der Geschwindigkeit in der Praxis genutzt. Da es für Autos kein Gesetz gibt, das vorschreibt, wie die Sounds klingen sollen, kann hier die Kreativität ihren Lauf nehmen und der Sounddesigner das Produkt massiv mitgestalten.

Assistenzfunktionen werden in allen Segmenten immer beliebter. Um eine sichere Interaktion zwischen Maschine und Fahrer zu ermöglichen, werden zum Beispiel beim Park-Assistenten viele Hinweistöne verwendet, um mit dem Nutzer zu interagieren. Töne werden als Reiz vor jeder anderen Wahrnehmung im Gehirn verarbeitet und daher gerne in kritischen Situationen eingesetzt. Diese individuell zu gestalten ist Aufgabe von Musikern und Audio-Engineers.

Wie kommen die Sounds ins Auto? Und wo kommen sie her? Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Zukunft der Autos elektrisch ist. Ein elektrischer Antrieb hat von sich aus keinen natürlichen »Klang« wie ein Verbrennungsmotor, den man verstärken oder bearbeiten kann. Bei der Neugestaltung der Klänge sind der Fantasie damit wenig Grenzen gesetzt. Die Quellen für die Sounds können dabei Synthies, Drummachines, Samples oder auch Fieldrecordings sein. So finden sich in den aktuellen Autos von »brummenden Alien-Sounds die durch ein Lüftungsrohr wabern« (Audi Q8 e-tron) über stark modulierte Synthie-Sounds (Xpeng) bis zum relativ simplen Rauschen (Tesla) alle möglichen Variationen.

Welche Richtung im Sounddesign sich dabei in Zukunft durchsetzen wird, ist noch nicht absehbar. Sicher ist aber, dass die Gestaltung sich in den Gesamteindruck des Produkts fügen muss. Es wird hier also, ähnlich wie im Werbebereich, nötig sein, mit Kreativen und Entwicklern aus verschiedenen Fachbereichen zusammenzuarbeiten. Dabei ist es wichtig in der Zusammenarbeit, die Sprache des Gegenübers zu verstehen und zu sprechen. Konkret kann dann zum Beispiel ein Auftrag sein, einen Bentley hochwertiger und edler klingen zu lassen als einen Kleinwagen von Škoda. Wie genau das zu erreichen ist, ist dem jeweiligen Sounddesigner und den Produktgestaltern überlassen.

Abgespielt werden die Sounds von DSPs, für die eigene Software entwickelt wird. Die Codes werden mithilfe von Audio Frameworks erstellt, die in ihrer Bedienweise stark an DAWs und Modularsysteme erinnern. Als Modulationsquellen zur Klangbeeinflussung in Echtzeit werden hier keine LFOs oder Filter verwendet, sondern unter anderem die Stellung der Pedale, das Drehmoment der Motoren oder die aktuelle Geschwindigkeit.

Fazit: Die Zukunft stellt also im Bereich Car Content nicht nur Aufgaben in der Abstimmung von Soundsystemen (Delay und EQing der einzelnen Lautsprecher) bereit, sondern auch in der kreativen Gestaltung von Inhalten wie Musik oder Warn- und Hinweistöne für die Fahrzeugfunktionen. 

Um ausführbaren Code für die DSP-Plattformen zu generieren, werden Audio Frameworks eingesetzt, wie hier zum Beispiel DSP Concepts’ AudioWeaver. Die einzelnen Funktionsblöcke werden über virtuelle Kabel verschaltet, und die einzelnen Module für Filter, EQs, Delays, Sampler und Mixer agieren wie Plugins in einer DAW oder Module eines Modularsystems.

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