Stereo Digital Audio Computer (*1978)

Publison DHM89 B2 / KB2000

Wir drehen am Rad der Geschichte, zurück in dunkle Zeitalter, in denen Begriffe wie digitale Audiobearbeitung oder gar Sampling als Fremdwörter galten und die Bezeichnung „DSP“ bestenfalls mit illegalen Substanzen assoziiert wurde.

Klänge konnten, von wenigen wissenschaftlichen Projekten abgesehen, ausschließlich analog erzeugt und aufgezeichnet werden. Ein praktischer Gebrauch von Nullen und Einsen wurde zuerst auf dem Gebiet der Studioeffektgeräte populär. Erste digitale Hallgeräte lieferten recht beeindruckende Resultate, und die Firma Eventide erfand den Harmonizer, dessen Klangqualität sich allerdings anfangs eher auf Darth-Vader-Stimme-Level bewegte (wofür er u. a. auch verwendet wurde).

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Pionierarbeit

Für die Sensation sorgte eine bis dato fast unbekannte französische Firma mit Namen Publison Audio Professional. Anscheinend hatte man bei Publison die Zeichen der Zeit erkannt, die existierenden Geräte sehr genau studiert und sich entschlossen, unter kompromissloser Verwendung sämtlicher technischer Möglichkeiten, das Konzept vom Harmonizer auf die Spitze zu treiben. 1978 wurde der DHM89 B2 vorgestellt, ein digitaler Pitch-Shifter inkl. Delay. Als Väter des DHM89 gelten der Publison-Gründer Monsieur Dean sowie ein gewisser, als Techniker- Crack bekannter Peter.

Geradezu sensationell lesen sich die technischen Daten: Die Signalverarbeitung geschieht in Stereo mit 16 Bit bei einer maximalen Sampling-Rate von 52,91 kHz (!), welche einen Frequenzgang von bis zu 20 kHz und 95 dB Dynamik ermöglicht – man muss sich dabei vor Augen halten, dass digitale Studiotechnik gerade erst Einzug gehalten hatte, CD noch kein Thema war und auf dem Instrumenten-Sektor (selbst bei viel zitierten „Wundermaschinen” wie Fairlight CMI) noch bis weit in die 80er 8- oder 12- Bit-Wandlung als Standard galt.

Die Bandbreite der Signalverarbeitung des DHM89 kann zwischen 20, 10 und 5 kHz gewählt werden. Entsprechend verändern sich die zur Verfügung stehenden Delay- bzw. Sampling- Zeiten und die Klangqualität. Im True- Stereo-Mode arbeiten beide Kanäle parallel, allerdings nur bei 5 und 10 kHz Bandbreite. Im Quasi-Stereo-Mode werden die beiden Inputs gemischt. Über drei Taster kann eine Funktion gewählt werden. Im Delay-Mode lassen sich Delays bis 4,8 Sekunden (bei 5 kHz) oder 1,2 Sekunden (bei 20 kHz) einstellen. Der Feedback-Regler sorgt für Echo- Effekte und muss vorsichtig gehandhabt werden. Zu viel Feedback überfordert anscheinend den Prozessor und sorgt für extreme Verzerrungen im Signal.

Der Pitch-Shifter-Mode ermöglicht ein Transponieren des Signals um zwei Oktaven nach unten bzw. eine Oktave nach oben. Im Memory-Latch-Mode arbeitet der DHM89 als Sampler. Drückt man den Memory- Latch-Taster, wird der Teil des Signals gespeichert, welcher vor dem Tastendruck den DHM passiert hat – nicht gerade sehr praktisch. Die Länge des Samples wird von der gewählten Bandbreite bestimmt und nach der Aufzeichnung permanent wiedergegeben. Mit den Crosspoint-Reglern können Start- und Loop-Punkt bestimmt werden. Der gespeicherte Sound lässt sich im Bereich von drei Oktaven pitchen. Ein Umschalter bestimmt den im Display dargestellten Parameter.

Hi-End-Sound

Der DHM89 liefert sämtliche, auf der Basis von Delay und Pitch-Shifting möglichen Effekte, also Flanging, Doubling (auch mit zwei zusätzlichen Stimmen) und Delays mit auf- oder absteigender Tonhöhe bis hin zu flirrenden Klangwolken. Die Qualität ist zumindest bei Verwendung der vollen Bandbreite auch unter heutigen Maßstäben beeindruckend. Der Grund-Sound besitzt sehr viel Tiefe und Wärme und klingt auf gewisse Weise recht analog. Vermutlich entsteht dieser Eindruck durch die oftmals temperaturbedingt leicht schwankenden Parameterwerte – das Ding „lebt”.

Besonders Spektakuläres lässt sich im Quasi- Stereo-Modus erzielen, da hier beide Sektionen einen unterschiedlichen Effekt liefern können (nebenbei ist der DHM89 damit auch das erste wirkliche Multi-Effektgerät). Der Memory-Latch-Mode (also Sampling- Modus) liefert witzige Stotter- und Rückwärts- Effekte, die vorher nur durch aufwändige Tape-Schneidetisch-Sessions zu verwirklichen waren. Allerdings war der praktische Nutzen unter anderem wegen einer fehlenden Trigger-Möglichkeit reichlich eingeschränkt. Dieses Problem erkannte man anscheinend auch bei Publison und entwickelte 1980 das Keyboard KB2000.

In Verbindung mit dem KB2000 liefert der DHM89 wirklich erstaunliches und mutiert zu einer Art Ur-Sample-Workstation. Das Keyboard übernimmt fast die komplette Steuerung des Basisgerätes. Selbstverständlich lässt sich das Pitch-Shifting per Tastatur steuern (inkl. regelbarer Glide-Funktion) und ein gesampelter Sound kann via Tastendruck oder Trigger-Input-Buchse ausgelöst werden. Weiter findet sich eine dreistufige Hüllkurve. Die umfangreiche Vibrato-Sektion sorgt für dynamische Änderung des Pitch-Shifting-Intervalls.

Elastic-Audio anno 1980

Die folgenden Funktionen zur Bearbeitung des gesampelten Sounds dürfen als absolut visionär bezeichnet werden: Die so genannte Memory- Synchro-Sektion ermöglicht das Bestimmen eines Start-, End- und Loop-Punktes. Durch simples Drehen der Regler kann Länge und Richtung der Sample-Auslese gesteuert werden. Der Speed-Regler bestimmt ohne Änderung der Tonhöhe die Geschwindigkeit, mit der das Sample durchfahren wird. Dank des weiten Parameterbereichs kann der Klang fast „eingefroren” werden und entwickelt einen herrlich brachialen LoFi-Charakter.

LED-Ketten visualisieren die Position im Sample – sehr hübsch. Zusätzlich lässt sich bei Bedarf die Tonhöhe via Tastatur verändern. Damit war der DHM89 die erste Maschine überhaupt, die Tonhöhe und -dauer voneinander trennen konnte – Elastic Audio anno 1980! Die Reverse-Synchro-Sektion ermöglicht eine spektakuläre Echtzeitbearbeitung: Ein Audiosignal wird bei Überschreiten eines einstellbaren Pegels rückwärts ausgelesen. Die Dauer des Rückwärtslaufens ist regelbar. Drumloops verwandeln sich automatisch in Scratch-ähnliche Effekte, Sprache in außerirdisches Gestammel. Heute erscheint dieses Feature vielleicht nicht besonders aufregend, man muss sich allerdings vor Augen halten, dass solche Effekte vorher gar nicht oder nur mit riesigem Aufwand realisiert werden konnten. Sehr skurril ist die Kompensation des fehlenden Massenspeichers: Am Keyboard lässt sich ein Tonbandgerät anschließen. Über eine externe Schaltung kann nun gleichzeitig das Tonband gestartet und der DHM89 in den Sample-Modus geschaltet werden. Es ließ sich also eine Library aus zu bearbeitenden Sounds auf Tape anlegen. Es darf allerdings bezweifelt werden, ob von dieser Möglichkeit jemals Gebrauch gemacht wurde.

Die Möglichkeiten des Keyboards schienen die meisten potenziellen User schlicht zu überfordern: Im Gegensatz zum Basisgerät, welches mindestens mehrere Hundert Mal verkauft wurde, existieren vom KB2000 nur wenige Exemplare. Laut Aussage des ehemaligen deutschen Vertriebs „[…] haben die Leute das Keyboard einfach nicht kapiert.” Dazu dürften auch die überaus seltsamen Funktionsbezeichnungen beigetragen haben. Der DHM89 wurde etwa sechs Jahre lang produziert und mehrfach verändert. Zuerst wurde ihm ein De-Glitcher-Board spendiert, welches in der Lage war, Nulldurchgänge im Signal aufzuspüren und Artefakte im Signal zu minimieren. Ein weiteres Update verdoppelte die Speichergröße auf sensationelle 26,25 kb. Man erkennt diese Geräte am Short/Long-Umschalter. Zuletzt ergänzte man die Vibrato-Funktion, zu erkennen an zwei entsprechenden Reglern pro Kanal. Auch vom Keyboard existieren mehrere Versionen, die kompatibel mit der entsprechenden DHM-Ausbaustufe sein müssen.

Der DHM89 wurde trotz seines stolzen Preises von 14.950 Mark und weiteren 2.800 Mark für das Keyboard schnell zum Lieblingsspielzeug vieler namhafter Musiker und Produzenten. Edgar Froese verdankt dem Publison seine ersten Sample-Experimente, und Prince schickte mit Vorliebe sowohl Vocals als auch Gitarre durch den DHM89. Die Delay- und Chorus-Effekte bei Cyndie Laupers „Time After Time” stammen ausschließlich vom DHM89. Ein weiterer Hardcore- User war der Jazz-Rock-Geiger Jean- Luc Ponty. Vince Clark verwendet den DHM89 angeblich noch heute. Verständlicherweise bekam auch die Filmindustrie schnell Wind von der neuen Wundermaschine aus Paris und bescherte Publison eine Niederlassung in Hollywood. Dave Rossum erwähnt den DHM89 als eine der Inspirationsquellen für seinen Emulator.

Wer sich möglicherweise mit dem Gedanken trägt, einen DHM89 auf dem Gebrauchtmarkt aufzustöbern, wird sich auf eine längere Suche und Preise ab ca. 1.000 Euro einlassen müssen. Die Chancen, ein KB2000 zu finden, gehen gegen Null. Interessanterweise existiert die Firma Publison noch heute und lässt sich erfreulicherweise durchaus zu Reparaturen überreden, auch wenn diese schon einmal ein Jahr in Anspruch nehmen können. Für Informationen bedanken wir uns bei Andreas Großer vom ehemaligen Vertrieb sowie bei Lars Stroschen.

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