Geschlossener Kopfhörer der Referenzklasse

Der Studiokopfhörer AKG K 872 im Test

Zwei Jahre nach dem offenen Referenz-Hörer K 812 präsentiert AKG nun eine geschlossene Version, den K 872. Keine große Sache, möchte man meinen, aber in der Klangabstimmung sind geschlossene Kopfhörer viel kniffliger als offene. Lauschen wir mal, ob die Operation gelungen ist!

(Bild: Dr. Andreas Hau)

Wer einen Kopfhörer dieser Preisklasse (UvP: 1.899,− Euro) kauft, darf ein bisschen Luxus erwarten. Der AKG K 872 kommt in einer eleganten Aufbewahrungskiste mit schwarzem Stoffbezug und silbernem AKG-Logo/Schriftzug. Die Klappe wird von einem elegant versteckten Magnetverschluss in Position gehalten. Das Innere ist mit schwarzem Schaumgummi gepolstert. Während der offene K 812 (s. S&R 9.2014) mit einem schmucken Schichtholzständer geliefert wird, liegt der geschlossene K 872 in einem Hartschalen-Transportköfferchen mit Nylonstoffbezug − natürlich ebenfalls schwarz und mit AKG-Logo. Für den Einsatz auf Reisen sicher praktischer und platzsparender als die voluminöse Kiste. Durch Umklappen lässt sich der Schalenkoffer zu einem Kopfhörerständer umgestalten. Transportkoffer und Kopfhörer sind mit identischen Seriennummern versehen.

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Wie es sich für einen Premium-Kopfhörer gehört, wird der K 872 sorgsam von Hand gefertigt − allerdings nicht im AKG-Stammwerk in Wien, sondern in der Slowakei. Leider hat vor wenigen Monaten der Harman-Konzern angekündigt, das AKG-Stammwerk 2016 zu schließen. Wenig später wurde indes der gesamte Harman-Konzern vom koreanischen Elektronik-Riesen-Samsung aufgekauft. Was das für die einzelnen Harman-Marken bedeutet, insbesondere im Pro-Audio-Sektor (neben AKG u. a. Lexicon, Soundcraft, JBL, DigiTech), steht derzeit in den Sternen. Drücken wir die Daumen, dass es für diese traditionsreichen Unternehmen und ihre Mitarbeiter gut ausgeht! Zumindest scheint die Produktionsverlagerung die Fertigungsqualität nicht zu beeinträchtigen. Der K 872 ist − der Preisklasse angemessen − absolut makellos verarbeitet.

En Detail 

Nun aber zum Eingemachten: Der K 872 ist in seiner mechanischen Konstruktion nahezu identisch mit dem K 812. Die großen, ohrumschließenden Hörermuscheln haben eine kardanische Aufhängung, sodass sie sich nach oben und unten sowie nach links und rechts bewegen lassen. So kann sich der K 872 dreidimensional an die Kopfform anpassen. Das ist nicht nur komfortabel, sondern auch für die Akustik wichtig, denn für eine optimale Übertragung, insbesondere in den unteren Frequenzen, müssen die Hörermuscheln perfekt, ohne Luftspalte aufliegen. Bei vielen anderen Kopfhörern wird dies buchstäblich im »Brute Force«-Verfahren erreicht, nämlich durch einen brachialen Anpressdruck. Der AKG K 872 hat das nicht nötig, denn die ohrumschließenden Polster sind äußerst clever konstruiert. Erstens sind sie bereits dreidimensional vorgeformt, und zweitens reagiert das Polstermaterial mit gebremster Geschwindigkeit (wenngleich nicht ganz so »zähflüssig« wie die Gel-Pads meines K 702 Anniversary Edition). Zudem bieten die Muscheln auch King-Size-Elefantenlauschern ausreichend Raum.

Auffälligster Unterschied gegenüber dem offenen K 812 ist, dass die Muscheln nach außen komplett geschlossen sind, denn der K 872 ist ja ein »Closed back«-Kopfhörer, wie der Engländer sagt. Die Schallwandler mussten auf die geschlossene Arbeitsweise selbstverständlich angepasst werden. Die Grundparameter sind jedoch ähnlich wie beim offenen Modell: Es kommen hocheffiziente dynamische Wandler mit 53 mm Durchmesser zum Einsatz. Die Sensitivity ist mit 112 dB SPL/V sehr hoch, wobei der K 872 mit einer Nennimpedanz von 36 Ohm, wie heute üblich, recht niederohmig arbeitet. Somit erreicht der K 872 an jedem Kopfhörerausgang eine mehr als ausreichende Lautstärke. Der Übertragungsbereich ist von 5 Hz bis 54 kHz angegeben − das sollte selbst für Fledermausohren genügen.

Die Kabelzuführung befindet sich, wie bei AKG üblich, einseitig an der linken Muschel. Das Kabel ist nicht fest angebracht, sondern wird über einen hochwertigen Lemo-Steckverbinder eingesteckt. Das erleichtert den Austausch. Leider ist nur ein einziges 3 Meter langes, gerades Kabel beigelegt. Angesichts des hohen Verkaufspreises hätte der Hersteller gerne ein zusätzliches kürzeres Spiralkabel für den Einsatz an Mobilgeräten beilegen können.

Praxis

Der K 872 ist der wohl komfortabelste geschlossene Kopfhörer, den ich bisher aus – probieren durfte. Aufgrund des geringen Anpressdrucks kann man den K 872 auch über längere Zeit bequem tragen, ohne dass Druckstellen entstehen. Allerdings ist der Sitz etwas gewöhnungsbedürftig, denn das Gewicht von 390 g lastet primär auf der Schädeldecke − gut abgefedert durch das Lederkopfband mit luftdurchlässiger Textil-Polsterung. Bei ruckartigen Kopfbewegungen tendieren die Muscheln zum Verrutschen.

Trotz des geringen Anpressdrucks ist die Schallisolation gut. Außenschall wird vor allem in den oberen Frequenzen stark unterdrückt. Schallemissionen nach außen (z. B. ins Mikrofon des Sängers) sind gering, sodass der K 872 sich bestens fürs Musiker-Monitoring eignet − solange diese sich nicht hyperaktiv bewegen (also nichts für Drummer). Angesichts des Preisniveaus, dürften die primären Anwendungsbereiche aber eher in Mix und Mastering liegen, d. h. bei Aufgaben, für die man normalerweise einen offenen Kopfhörer wählen würde. Nicht ohne Grund, denn offene Kopfhörer klingen … naja: offener. Entspannter, eleganter, luftiger. Die meisten geschlossenen Modelle klingen gerade in den Mitten etwas topfig und pappig; das englische Adjektiv »boxy« trifft es vielleicht am besten.

Beim K 872 haben die AKG-Ingenieure dies sehr gut in den Griff bekommen. Der K 872 klingt ungewöhnlich linear, feingliedrig und detailliert für einen geschlossenen Kopfhörer. Die Klangbalance wirkt sehr ausgewogen; wo andere Kopfhörer mittels Höhenanhebung Detailreichtum vorgaukeln, liefert der K 872 echte Klanginformation ohne künstliche Frequenzbetonungen. Auch die Impulswiedergabe ist außerordentlich präzise. Die überragende, geradezu schockierende Natürlichkeit des offenen K 812 erreicht der K 872 jedoch nicht ganz. Da scheint die Physik irgendwo Grenzen zu setzen.

Klangliche Vorteile gegenüber offenen Kopfhörern bietet der K 872 jedoch bei binauralen Aufnahmen wie dem Kunstkopf-Projekt Seven Spaces von Patrick Leuchter (s. S&R 1.2016). Während meine offenen Vergleichskandidaten, der Sennheiser HD 650 und der AKG K 702 Anniversary, zwar sehr breit und eindrucksvoll klangen, gelang dem K 872 eine viel präzisere räumliche Darstellung mit messerscharfer Lokalisation.

Wie ich in Vorträgen der diesjährigen Tonmeistertagung erfuhr, scheint die überlegene 3D-Darstellung von binauralen Aufnahmen ein prinzipbedingter Vorteil von geschlossenen Kopfhörern zu sein. Insofern dürfte der AKG K 872 einer der besten Hörer für kopfbezogene Wiedergabeverfahren sein. Bis vor Kurzem hätte man dies als exotische Anwendung abtun können, doch der neuerliche Boom von VR-Brillen beschert »immersive Audio« − insbesondere über Kopfhörer − ein ganz neues Marktpotenzial.

(Bild: Dr. Andreas Hau)

Hersteller/Vertrieb: AKG / Audio Pro

UvP/Straßenpreis: 1.899,− Euro / ca. 1.375,− Euro

www.akg.com


Aber auch ganz normale Stereoaufnahmen vermag der AKG K 872 sehr plastisch darzustellen. Das Stereopanorama wirkt nicht übertrieben in die Breite gezogen, die Tiefenstaffelung ist ausgezeichnet. Die Achillesferse der Kopfhörerwiedergabe, die berüchtigte Im-Kopf-Lokalisation der Stereomitte, ist beim K 872 weniger penetrant als bei vielen Vergleichsmodellen. Bei den meisten Aufnahmen scheint die Stereomitte etwas vor dem eigenen Kopf zu liegen. Das ist zwar immer noch nicht ganz das Stereobild, das man von der Lautsprecherwiedergabe kennt, aber man kann sehr gut damit arbeiten, auch über einen längeren Zeitraum.

Erwähnenswert ist, dass der AKG K 872 nicht zwingend teure Kopfhörerverstärker benötigt, um sein Potenzial auszuspielen. Dank seiner hohen Empfindlichkeit und den niederohmigen Wandlersystemen holt er auch aus einfachen Kopfhörerendstufen satten Klang und mehr als ausreichende Lautstärke heraus.

Fazit

Der AKG K 872 ist ein exquisit konstruierter und tadellos verarbeiteter Kopfhörer nach dem geschlossenen Prinzip. Freilich, wenn es um Linearität, Detailreichtum und Natürlichkeit geht, ist ihm der offene K 812 prinzipbedingt knapp überlegen. Unter den geschlossenen Kopfhörern nimmt der AKG K 872 jedoch eine Spitzenposition ein. Stereodarstellung, Tiefenstaffelung und Impulstreue sind ausgezeichnet. Der K 872 punktet außerdem mit außergewöhnlich hohem Tragekomfort, wie man ihn von geschlossenen Hörern bislang nicht kannte. Der AKG K 872 ist daher erste Wahl für alle, die sich einen Spitzenkopfhörer mit hoher Schallisolation nach innen und außen wünschen. Zudem ist der K 872 ein hervorragender Hörer für kopfbezogene Wiedergabeverfahren und damit für alle, die auf den 3D/VR-Zug aufspringen möchten.

+++ sehr guter Klang

+++ hoher Tragekomfort

+++ penibel verarbeitet

– kein zweites Kabel im Lieferumfang

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