De/constructed - Hits zum Nachbauen

Henning Wehland – Es brennt noch Licht in der Stadt

Henning Wehland

In drei Schritten zum Hit! In dieser Workshop-Reihe zeigen wir, wie und mit welchen Tools sich aktuelle Charthits und klassische Stilrichtungen zu Hause am eigenen Rechner (nach-)produzieren lassen. Auch dieses Mal haben wir ein Special für euch, in dem wir unsere Eigenproduktion Es brennt noch Licht in der Stadt mit und für den ehemaligen H-Blockx- und Söhne Mannheims Sänger Henning Wehland vorstellen und so direkt über Entstehung, Produktion und Mix berichten können. Aufnahme und Mix fanden in unserem Studioraum in den Principal Studios mit demselben Equipment statt, mit dem wir auch die Workshops und Videos dieser Serie produzieren. Der Videoworkshop wurde dieses Mal im Rahmen der Studioszene auf der Frankfurter Musikmesse 2019 aufgezeichnet. 

Style-Analyse

Henning Wehland hat in den 1990er-Jahren mit seiner Band H-Blockx den Crossover nach Deutschland gebracht und damit eine riesige Lawine losgetreten. Hits wie Move oder Risin’ High sind längst Klassiker und haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Nach weiteren sieben Jahren als Sänger bei den Söhnen Mannheims und diversen Aktivitäten im Hintergrund des Musikbusiness’ war es 2017 Zeit für ein Soloalbum, das stilistisch irgendwo zwischen Uncle Cracker und Everlast angesiedelt war.

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Mit dem im Herbst erscheinenden Nachfolger will Henning neue Wege beschreiten. Weg vom ruhigeren Fahrwasser des Vorgängers, hin zu einem roughen und erdigen Sound, mit klarer Message und eher erinnernd an die Aufbruchsstimmung der anfangs noch vom Punk geprägten NDW-Bewegung der 80er-Jahre. Für den ungestümen Sound und die kompromisslose Attitüde holte er Guido Knollmann, Gitarrist bei der Punkrock-Band Donots, mit ins Boot. Zielsetzung war und ist es, mit kleinem Besteck und nicht überladen oder »überproduziert« zu recorden, schnell Entscheidungen zu treffen, Beats zu programmieren und das alles trotz »In-the-box«-Arbeitsweise möglichst rough klingen zu lassen. Ein »Making Of Musik«-Video von Es brennt noch Licht in der Stadt, das Einblicke in die Studioarbeit gibt, findet ihr ebenfalls auf YouTube.

Hier findest du die Files zum selber Nachbauen.

Drums, Gitarren & Bass

Die Drums sind programmiert und sollten einen maschinellen Samplecharakter erhalten, als ob sie von einer Vinylplatte abgesampelt wurden. Basis ist ein Kit aus den XLN Addictive Drums 2 (»Acoustic Pop«), das mit dem soundtoys Decapitator Saturation Plug-in stark angezerrt wurde. Jede Menge weitere Layer-Sounds wie etwa zusätzliche Kick-Samples, Snares, Claps und eine 808-Subkick, die alle einzeln direkt im Arrangement-Fenster platziert wurden, reichern den Basissound an und tragen so zum Gesamt-Soundeindruck bei. Auch das Programming spielt für den maschinellen Charakter eine Rolle. Es sollte so rudimentär und plakativ wie möglich sein, mit der Kick auf den Zählzeiten »1« und »3« und der Snare auf »2« und »4«. Auf Hi-Hats haben wir weitestgehend verzichtet.

Bei den Gitarren setzte sich diese Arbeitsweise fort. Guido brachte neben einigen Gitarrenmodellen von Telecaster bis Gibson ES seinen Fender Combo-Amp mit, den wir mit einem Shure KSM32 abgenommen haben. Außerdem hatte er einige Effektpedale wie Zerrer, Chorus, Kompressor etc. dabei, die je nach gewünschtem Sound einzeln oder in Reihe geschaltet zum Einsatz kamen. Auf diese Weise wurde kurz ein Sound festgelegt, Ideen wurden einfach aufgenommen, selten gedoppelt, und es gab auch kein DI-Signal zur Sicherheit. In der Nachbearbeitung haben wir dann jedoch auch die Gitarre teils wie Samples behandelt, gecuttet, gerückt, Versatzstücke kopiert und Parts gemutet, um Platz im Arrangement zu schaffen. Vom Ansatz her funktioniert dieser Track eher wie eine »The White Stripes«-Nummer, der Fokus liegt auf Drums, Gitarren und Vocals. Der Bass spielt in diesem Fall eine untergeordnete Rolle und füllt nur mit einigen Synth-Subbässen den Frequenzbereich auf.

Die Addictive Drums 2 bilden das Grundgerüst des Drumpatterns. Layer-Sounds wie zusätzliche Kicksamples, Snares Claps und eine 808-Subkick, die alle einzeln direkt im Arrangement Fenster platziert werden, reichern den Drumsound an.
Die Effektpalette des Soundtoys Decapitator reicht von subtil bis komplett zerstörerisch. Hierzu einen Verzerrer-Style auswählen, den Punish-Mode für einen starken oder weniger starken Eingriff wählen und dann den Drive-Regler auf den gewünschten Verzerrgrad einstellen.
Soundtoys bewirbt das Devil-Loc Plug-in schon im Namen als »Audio Level Destroyer«, und genau das macht es durch heftiges Limitieren des Signals. Eigentlich für Drums gedacht, funktioniert der Effekt auch auf anderen Signalen gut, hier subtil eingestellt auf vielen Gitarrenspuren.
Spectrasonics Omnisphere kann auch sehr gut als klassischer Synth eingesetzt werden, in diesem Fall liefert er den Subbass mithilfe einer einfachen SinusWellenform.
Die XLN Audio Addictive Keys liefern mit dem Modern Upright den passenden Grundsound. Ausgehend davon sorgen das Waves Vinyl Plug-in mit den Parametern »Wow« und »Flutter« für leichte Tuningund Lautstärkeschwankungen, und die Waves CLA Effects steuern Distortion bei.
Der Softube Summit Audio Grand Channel sorgt für den Vocal-Sound und ist eine Kombination aus EQ, Kompressor und Sättigung. Darüber hinaus verfügt das Plug-in über einen Dry/Wet-Regler zur parallelen Bearbeitung.
Der Universal Audio 1176AE als Plug-in, der für die parallele Bearbeitung des Mixes eingesetzt wird. Die Besonderheit dieses Sondermodells sind eine mög - liche langsame Attack-Zeit sowie eine KompressionsRatio von 2:1.
Das Arrangement in Cubase 9.5

Keys & Voclas

Keyboards sind vor allem im Chorus als Achtel-Klavier- Pattern zu hören, das aufgrund der fehlenden Hi-Hat diese Funktion übernimmt. Der Sound an sich ist wiederum ein Layer verschiedener Instrumente, u. a. den XLN Addictive Keys und einigen Bell und Pad-Synths. Insgesamt geht es wie bei den Drums darum, einen gewissen Sample-Vibe zu kreieren, indem das Piano z. B. nicht ganz tight gespielt ist und mit Effekten etwas »leierig« gemacht ist, wodurch es organisch und interessanter klingt.

Die Vocals haben wir direkt in der Regie mit einem Neumann U87 aufgenommen, das durch einen Great River Preamp sowie einen Universal Audio 1176-Kompressor in den Rechner geleitet wurde. Die Dopplungen haben wir auf weitere Spuren als Ad-Libs aufgenommen. Es gibt zwei hörbare Special-Vocal-Effekte im Track, einmal einen automatisierten Pitch-Effekt, der mit dem soundtoys Little Alterboy erzeugt wurde und einmal das klassische Megaphon. Hierfür haben wir im FabFilter Pro-Q2 das »Phone«-Preset verwendet, das neben Lo- und Hi-Cut die Frequenzen um 1 kHz für den Telefoneffekt betont. Nachgeschaltet ist ein Waves H-Delay mit einem kurzen Slap-Delay um 158 ms.

Mix & Master

Das Mixing ist tatsächlich fast schon allein durch die Sound-Auswahl der Layer, Art der Verzerrung und Sättigung sowie der Wahl eines bestimmten Gitarrensounds erledigt. Und es geht zum Abschluss eher um Balance, Level und Feintuning.

Sämtliche Tracks werden per Send in zwei Mono-Instanzen des Universal Audio 1176AE geschickt. Diese werden untereinander in die Insert-Slots eines Stereoeffektkanals in Cubase eingesetzt und mittels Routing-Option im Kanal-Editor dem linken und rechten Kanal zugewiesen, wodurch eine echte Dual-Mono-Bearbeitung möglich ist. Das Ergebnis wird dem Mix wiederum nach eigenem Geschmack für mehr Sättigung zugeführt.

Auf der Summe werkeln neben dem Universal Audio Shadow Hills Mastering Compressor ein Pultec EQ, der leicht Bässe und Höhen bei 60 Hz und 10 kHz anhebt, sowie ein brainworx bx1-EQ mit einer leichten Stereoverbreiterung (124 %) und einer bei 120 Hz eingestellten Monomaker-Trennfrequenz, was für einen aufgeräumten Bassbereich sorgt.

Mit dieser Folge möchten wir gerne veranschaulichen, dass sich sämtliche Schritte und Tools, die wir auch sonst in dieser Serie anwenden, genauso auf die Praxis in eigene Projekte übertragen lassen und Verwendung finden. Viel Spaß bei eigenen Experimenten!

Hier findest du die Files zum selber Nachbauen.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. In der Zeitschrift heißt es, dass es hier Videos zu gibt. Ich finde die nicht.

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    1. Hallo Kai,
      gemeint war das Video, das du oben findest. Es ist dieses mal nicht in Hennings Studio gedreht, sondern wurde live auf der vergangenen Musikmesse so mitgeschnitten.
      Lieben Gruß

      Auf diesen Kommentar antworten

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