Mit Schwebungen Gehirnwellen beeinflussen?

Warum Binaural Beats unplausibel sind

Musik hat zweifelsohne Einfluss auf uns und unser Empfinden. Seit einigen Jahren hat sich allerdings ein Markt um sogenannte Binaural Beats entwickelt, mit Hilfe derer bestimmte Gefühlslagen oder Fähigkeiten wie Kreativität, Konzentration und Stressbewältigung im Gehirn gezielt angesprochen und gestärkt werden sollen, wenn man sich diese per Kopfhörer für eine gewisse Zeitdauer anhört.

binaural-beats

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Wie ist ein Binaural Beat aufgebaut?

Hintergrund der ganzen Idee ist, dass Gehirnwellen je nach Aktivität in verschiedenen Frequenzen schwingen. Im Schlaf liegen die Gehirnwellen je nach Schlafphase im Delta- oder Theta-Bereich, also zwischen 3 und 8 Hz. Tagsüber schwingen sie bei konzentriertem Arbeiten um 30 Hz herum. Interessant ist nun die Frage, ob man durch Stimulation des Gehirns mit genau diesen Frequenzen die Gehirnwellen dazu verleiten kann, sich den gewünschten Frequenzen anzunähern und man somit beispielsweise Konzentration und Aufmerksamkeit herbeiführen kann.

Um solche Frequenzen überhaupt im Gehirn erzeugen zu können, sind laut Herstellern von Binaural Beats dichotische Schwebungen notwendig – also jene, die aus zwei Signalen bestehen und per Kopfhörer getrennt voneinander dem rechten und linken Ohr zugeführt werden. Der Frequenzunterschied beider Signale ist der Binaural Beat. Spielt man beispielsweise dem rechten Ohr einen Sinus von 440 Hz vor und dem linken einen von 445 Hz, entsteht eine Differenz und somit eine Schwebung von 5 Hz, der sich die Gehirnwellen annähern sollen.

Die Wiedergabe über Kopfhörer ist dabei notwendig, weil die Verarbeitung solcher Schwebungen auf neuronaler Ebene stattfindet und nicht mehr im Ohr. Würde man eine Schwebung mit der gewünschten Frequenz einfach über Lautsprecher wiedergeben, erfasst ein Ohr beide Signale. In der Hörschnecke des Innenohrs werden dabei die frequenzabhängigen Haarzellen sowohl für 440 Hz als auch für 445 Hz angeregt und die Schwebung bereits hier ausgewertet – noch sehr weit weg von diversen Hirnarealen. Es geht also darum, eine Schwingung durch getrennte Wahrnehmung der Signale erst im Kopf entstehen zu lassen.

Dieses Video ist ein klassisches Beispiel für einen Binaural Beat. Sechs Stunden lang soll hier die im Kopf erzeugte Schwebung für mehr Konzentrationsfähigkeit sorgen. Damit es nicht zu eintönig klingt, wurde die Schwingung mit ambienten Klängen ausgerüstet:

Bereits 1973 beschrieb Gerald Oster in seinem Artikel das Verfahren und die Erstellung von Binaural Beats und konnte tatsächlich an Nervenentladungen beobachten, dass Binaural Beats an anderen Stellen im Gehirn verarbeitet werden als normale Schwebungen. Ein Jahr später nahm Robert Allan Monroe an, dass man mit Hilfe von Binaural Beats Gehirnwellen verändern bzw. synchronisieren könne.

In den letzten Jahren hat man sogar tatsächlich durch EEG-Versuche festgestellt, dass sich die Gehirnwellen in vereinzelten Fällen der externen Stimulation durch den binauralen Beat angenähert haben und es daher scheinbar möglich ist, Gehirnwellen und somit Bewusstseinszustände zu lenken.

Warum Binaural Beats nicht funktionieren

Es gibt allerdings einige Gründe, die das widerlegen. Dabei muss man sich anschauen, wie bei einer EEG zur Messung der Aktivität des Gehirns vorgegangen wird: die Detektion der abgespielten Binaural Beats findet nämlich im Oberen Olivenkern (Mittelhirn) statt – hier entsteht die Schwebung der getrennt wahrgenommenen Signale – während EEG-Muster, also die erfassten Gehirnwellen, dagegen mittels EEG auf dem Cortex abgenommen werden. Bei der Ausbreitung des Binaural Beats vom Oberen Olivenkern zum Cortex vergehen einige Millisekunden, sodass eine theoretische Beeinflussung gar nicht synchron zum Binaural Beat sein kann. Generell ist bei EEG-Messungen das synchrone Betrachten der Gehirnwellen mit externen Audioquellen eines der Hauptprobleme solcher Versuche und daher extrem ungenau, sodass die vorhin beschriebenen Beobachtungen in den EEG-Versuchen zufallsbedingt sein können.

Ob binaural oder nicht, auch normale Schwebungen, die bereits auf der Hörschnecke im Innenohr entstehen, werden mit der entsprechenden Frequenz an das Gehirn weitergeleitet. Da Binaural Beats viel schwächer ausgeprägt sind als normale Schwebungen, müssten diese also weitaus heftiger die Gehirnwellen beeinflussen – und das ist nicht der Fall. Außerdem sind Binaural Beats stets regelmäßig und laufen in einer einzigen Frequenz – im Gegensatz zu Gehirnwellen, die recht unregelmäßig schwingen und je nach Aktivitätsmuster sogar in unterschiedlichen Frequenzen gleichzeitig auftauchen können.

Es zeigt sich also, dass es doch nicht so einfach ist, Gehirnwellen zu manipulieren oder Dinge wie Erinnerungsvermögen, Kreativität oder Lernfähigkeit ganz bestimmten Frequenzen zuzuordnen. Stattdessen werden im Zuge des Hypes Binaural Beats oft verwendet, um Geld zu verdienen, indem CDs oder Musik online verkauft werden, die sich auf die Pseudo-Förderung verschiedenster Fähigkeiten fokussieren.

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In der aktuellen Ausgabe von Sound&Recording geht es übrigens unter anderem um Seven Spaces Vol. 4 – ein binaurales Klangerlebnis!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. “Warum Binaural Beats nicht funktionen” -> sollte wohl “…nicht funktionieren” heißen :-).
    Zum Thema selbst ist anzumerken, dass so viele Aspekte sich im Nichtwissen befinden, dass zum gegenwärtigen Wissensstand beides zutreffen kann: Eine erwünschte Wirkung und keine Wirkung. Wenn man Versuchsergebnisse aus der Militärforschung heranzieht, dann ist eher davon auszugehen, dass eine gewünschte Wirkung erzielt werden kann.
    Grundsätzlich kann gesagt werden, meine ich, dass alles was nur, bzw. primär von der “Geld machen” Ideologie angetrieben wird, keinen wirklichen Nutzen für die Menschen bringt.

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  2. Sorry, aber das funktioniert. Hätts nie geglaubt, doch Versuch macht klug.

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  3. Warum sollte es nicht funktionieren? Gegenfrage… warum beschäftigt sich sogar der Chemiekonzern Bayer damit? Siehe aspirin.at …

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  4. Halbwissen kann niemals zu endgültigen Aussagen führen

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  5. Das die Wirkung durch EEG nicht eindeutig gemessen werden kann, beweist nicht das Bineural Beats wirkunkslos sind. Es bedeutet nur das die Messmetode ungeeignet ist.

    Ob Bineural Beats tatsächlich die Frequenz der Gehinrnwellen beinflussen kann weis ich auch nicht mit sicherheit. Einschlafen kann ich damit jedenfalls ziemlich gut 😉 Das kann natürlich auch anderre Gründe haben als “angepasste” gehirnwellen 😉

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  6. Ich verstehe die Ausführungen und die Ideen und es stimmt, dass eine 100%ige Annäherung unmöglich ist. Ich muss aber sagen, dass mir sowohl die wissenschaftliche Lage eindeutiger scheint als dargestellt und auch die persönliche Erfahrung von vielen Menschen (einschließlich meiner selbst) die Wirkung von binauralen beats untermauen. Auch die Messungen mit EEG sind ziemlich zuverlässig. Diese kann man sich in abgespeckter Version selbst für zu Hause kaufen und testen.

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