Naturbursche

Studio-Kopfhörer Fostex T60RP im Test

Fostex T60RP(Bild: Dr. Andreas Hau)

Wenn unter Ohrmuschelabdeckungen aus afrikanischem Mahagoni exquisite Magnetostaten arbeiten, dann vermutet man vor allem eines: Dieser Kopfhörer muss sündhaft teuer sein. Ist er aber gar nicht: Mit einem Straßenpreis von rund 300 Euro bewegt sich der Fostex T60RP eher am unteren Ende des Premium-Segments.

Mit der Firma Fostex verbinde ich meine Homerecording-Anfänge. Damals war das Homestudio fest in japanischer Hand: Vierspur-Kassetenrekorder und bezahlbare Acht- bzw. 16-Spur-Bandmaschinen kamen fast ausnahmslos von Fostex und dem Erzrivalen Tascam. Dabei hat Fostex ein recht breites Portfolio, das von HiFi- bis Profi-Studiotechnik so ziemlich alles abdeckt. Wo genau in diesem Bereich unser heutiges Testobjekt angesiedelt ist, lässt sich gar nicht so genau bestimmen. Mit seiner Holzoptik spricht der T60RP optisch eher den HiFi-Enthusiasten an, die grundsolide mechanische Ausführung reizt den Profi-User.

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Inspektion

Tatsächlich ist der T60RP eine Art Edelversion des T50RP Mk III. Letzterer ist hierzulande nicht so bekannt wie andernorts. Aber wer kurz googelt, wird feststellen, dass der T50RP bereits seit 1978 angeboten wird und im Ruf eines unverwüstlichen Arbeitsgeräts steht. Außerdem gibt es zahlreiche Modifikationsanleitungen für diesen Hörer und sogar Firmen, die fertig konfektionierte Mod-Kits für den T50RP anbieten, die sowohl dem Klangtuning dienen als auch einem verbesserten Tragekomfort. Dass der T50RP als Modifikationsobjekt so beliebt ist, liegt an zwei wesentlichen Faktoren: Er ist relativ günstig, und er arbeitet mit orthodynamischen Schallwandlern, auch Magnetostaten genannt (s. unten). Da mag man sich bei Fostex gedacht haben: Warum das Geschäft Drittanbietern überlassen? Et voilà: die Edelversion, der T60RP.

Wobei sich das Attribut „edel“ nur auf den Hörer selbst bezieht: Der T60RP kommt in einem simplen schwarzen Karton mit Schaumstoffpolsterung. Auch die sonstige Ausstattung ist spartanisch; außer einem Staubschutzbeutel liegt nur ein kurzes austauschbares Kabel von 1,5 m Länge bei. Laut Manual sollte auch ein Adapter von 3,5 mm Miniklinke auf 6,3 mm Klinke beiliegen; der war bei meinem Testgerät leider abhandengekommen.

Der Hörer selbst sieht teuer aus und ist sehr gut verarbeitet. Eye Catcher sind ohne Frage die Ohrmuschelabdeckungen, die aus je einem Stück massivem afrikanischem Mahagoni gearbeitet sind. Fostex führt dafür – auch – klangliche Gründe an. Vermutlich sind die soliden Holzabdeckungen etwas resonanzärmer als die dünneren Plastikabdeckungen des T50RP. Die Muschelabdeckungen sind weitgehend geschlossen, bis auf drei schlitzförmige Schalldurchlässe unterhalb der Bügelgelenke. Der T60RP ist ein halboffener Kopfhörer.

Fostex T60RP
Die Ohrmuschelabdeckungen sind aus je einem massiven Stück afrikanischem Mahagoni gearbeitet. (Bild: Dr. Andreas Hau)

Die Ohrpolster sind ohrumschließend. Weicher Memory-Foam und ein hautfreundlicher Überzug aus Kunstleder sorgen für angenehmen Tragekomfort. Das Gewicht von immerhin 380 g verteilt sich gleichmäßig und wirkt nicht störend. Das Kopfband besteht aus echtem Leder. Eine ebenso simple wie robuste Bügelkonstruktion sorgt für einen guten Sitz ohne Druckstellen, denn die Muscheln sind dreidimensional beweglich – wenngleich nur in begrenztem Umfang. Die Größenanpassung erfolgt über konventionelle Slider, die über genügend Widerstand verfügen, um sich nicht selbsttätig zu verstellen.

Die Kabelzuführung ist einseitig über eine vierpolige Miniklinkenbuchse an der linken Muschel. Das einzige mitgelieferte Kabel ist, wie erwähnt, nur 1,5 m lang und damit etwas kurz für den Studiobetrieb. Immerhin ist es aber von sehr guter Qualität. Optional sind längere Kabel erhältlich. Sogar symmetrische Kabel werden angeboten – einige Kopfhörerverstärker, primär im HiFi-Segment, bieten symmetrische Anschlüsse, die bezüglich Übersprechen Vorteile bieten, aufgrund der separaten Masseführung für beide Muscheln.

Praxis

Gleich beim ersten Testhören beeindruckt der Fostex T60RP mit seiner „schnellen“ Wiedergabe: Transienten springen einen förmlich an. Das Klangbild wirkt fein aufgelöst und unverfärbt. Tonal ist der Fostex angenehm ausgewogen; besonders die Mitten überzeugen mit hoher Linearität und Resonanzarmut. Der T60RP hat ein leicht kühles Timbre. Auch die Tiefen wirken wunderbar transparent – von Wummern keine Spur. Es ist ein Leichtes, die Tonhöhe von Bassnoten zu bestimmen und tieffrequente Instrumente voneinander zu unterscheiden. Dennoch erzeugt der T60RP ausreichend Druck, zumindest für meinen Geschmack. Die Basswiedergabe reicht jedoch nicht sehr weit in die Subfrequenzen. Die Höhen und oberen Präsenzen scheinen feingliedrig und sind leicht angehoben. Letzteres ist eher ungewöhnlich für planarmagnetische Treiber, die meist einen in den Höhen langsam abfallenden Frequenzgang aufweisen. Beim Fostex T60RP ist das nicht der Fall; hier muss ich die Höhen um gut 4 dB absenken, um auf einen linearen Frequenzgang zu kommen. Entsprechend sensibel warnt der T60RP vor harten Konsonanten und scharfen Zischlauten – auch weil sein Impulsverhalten so schnell ist.

Fostex T60RP
Kein Klappmechanismus: Die Mechanik ist simpel und robust. Dank weicher Memory-Foam-Polster ist der Tragekomfort dennoch hoch. (Bild: Dr. Andreas Hau)

Trotz seiner analytischen Qualitäten eignet sich der Fostex auch bestens zum genussvollen Musikhören. Überhaupt fällt es extrem leicht, den Aufmerksamkeitsfokus zu verlagern, d. h. sich wahlweise auf einzelne Instrumente bzw. Klangdetails zu konzentrieren oder auf das Gesamtbild. Der T60RP macht wirklich Spaß und ist gleichzeitig ein echtes Arbeitstier mit Allrounder-Qualitäten. Die halboffene Bauweise ist bei diesem Hörer weniger ein Kompromiss als ein „best of both worlds“. Die Schallisolation nach außen genügt, um den T60RP auch fürs Musiker-Monitoring bei Aufnahmen einzusetzen. Auch für Gesangsaufnahmen eignet er sich bestens, denn die eigene Stimme wirkt angenehm natürlich, sodass man mit moderaten Abhörlautstärken auskommt. Bei geschlossenen Kopfhörern dringt zwar prinzipiell weniger Kopfhörerschall ins Gesangsmikrofon, aber oft muss man unangenehm laut aufdrehen, um einen akzeptablen Monitoring-Sound zu erzielen – was den prinzipiellen Vorteil teilweise zunichte macht. Hohe Schallisolation führt nämlich dazu, dass fast nur noch die über Schädelknochen übertragenen Tiefenanteile zum Ohr dringen, es klingt als hätte man den Kopf ins Aquarium getaucht. Einigermaßen natürlich klingt die Stimme erst, wenn das Mikrofonsignal den Direktschall übertönt.

Ich bevorzuge deshalb schon länger halboffene Kopfhörer für Gesangsaufnahmen – bislang in Form des guten alten AKG K240 DF. Aber der Fostex T60RP klingt noch natürlicher, ohne stärkeres Übersprechen zu verursachen. Auch fürs Arbeiten im Team ist der halboffene T60RP angenehm, denn man kann sich mit aufgesetztem Kopfhörer normal unterhalten; Außenschall wird nur wenig gedämpft. Ungünstig ist die halboffene Akustik, wenn man mobil arbeiten möchte oder in lauten Umgebungen.

Eine praktische Einschränkung kann auch die relativ niedrige Empfindlichkeit bedeuten: Mit nur 92 dB/mW ist der T60RP ein ziemlicher Leisetreter. Dank der niedrigen Impedanz von 50 Ohm kommt er dennoch an den meisten Ausgängen auf ausreichenden Pegel. An Audio-Interfaces und meinem Drawmer MC2.1 Monitorcontroller hatte ich keine Probleme, eine praxisgerechte Lautstärke zu erreichen. An Mobilgeräten ist dies nicht immer gegeben. Am Apple iPad Air und Samsung S7 spielte der T60RP für meinen Geschmack gerade so laut genug, an meinem Olympus-Rekorder ließ sich keine ausreichende Lautstärke erzielen. An einem kraftvollen Kopfhörerausgang verarbeitet der T60RP auch hohe Pegel ohne Mühe; seine Belastbarkeit ist mit 3000 mW angegeben; das ist mehr als das Doppelte des Üblichen.

Fazit

Der Fostex T60RP ist ein Kopfhörer abseits des Mainstreams, der dennoch viele Freunde finden sollte: Mit seinen orthodynamischen Treibern löst er außergewöhnlich gut auf; Impulse werden messerscharf und superflink reproduziert. Sein Klangbild wirkt plastisch und überzeugt mit präziser Ortung, auch Hallräume lassen sich bestens beurteilen. Bis auf eine moderate Höhenanhebung wirkt der T60RP recht linear. Auch bei höheren Pegeln bleibt das Klangbild unangestrengt und luftig.

Hohe Lautstärke lässt sich indes nur an einem muskulösen Kopfhörerausgang erreichen, denn die orthodynamischen Schallwandler arbeiten weniger effizient als herkömmliche Tauchspul-Treiber. Auch extremen Tiefbass darf man nicht erwarten. Dafür ist der Langzeit-Tragekomfort hoch, und mit seinem halboffenen akustischen Aufbau ist der T60RP ein echter Universalist, den man sowohl für analytisches Hören, Editing und Mixing bis hin zum Musiker-Monitoring für so ziemlich alles verwenden kann. Die Schallisolation nach außen ist nicht viel schlechter als bei einem geschlossenen Kopfhörer. Nur wenn hohe Schallisolation gegenüber Außenschall gefragt ist, muss der Fostex passen. Dafür kann man sich bei aufgesetztem Kopfhörer mit seinen Mitmenschen unterhalten – ist ja auch was! Ein auf angenehme Weise anderer Kopfhörer „for the rest of us“ – und gar nicht mal teuer!

Hersteller: Fostex
UvP: 329,63 Euro; Straßenpreis: ca. 299,– Euro

www.megaaudio.de

+++ hohe Impulstreue, hohe Auflösung

+++ universell einsetzbar dank halboffener Konstruktion

++ ungewöhnlich lineare Mitten

++ hochwertige Ausführung

– Kabel recht kurz


Magnetostaten

Magnetostaten – Fostex spricht von „orthodynamisch“ bzw. „regular phase“, andere Bezeichnungen sind „isodynamisch“ bzw. „planar-magnetisch“ –  unterscheiden sich in ihrer Konstruktion markant von üblichen dynamischen Schallwandlern.

Normale dynamische Treiber, wie sie in gut 95% der Kopfhörer zum Einsatz kommen, sind ähnlich aufgebaut wie Lautsprecher: Auf der Rückseite der Membran befindet sich eine Tauchspule, die in einem unbeweglichen Magnetspalt frei schwingen kann. Wird ein Tonsignal in Form eines Wechselstroms auf die Spule gegeben, bewegt sich die daran befestigte Membran in Folge elektromagnetischer Induktion. Auch Magnetostaten basieren auf elektromagnetischer Induktion, aber die Spule ist flach auf die Membran aufgebracht – bei Fostex in Form einer „geätzten Kupferfolie auf einem Polyimidfilm als Basismaterial“. Diese Membran befindet sich zwischen zwei gelochten Flachmagneten – daher die im angelsächsischen Raum geläufige Bezeichnung „planar magnetic“.

Im Prinzip ist der Aufbau also ähnlich wie bei einem elektrostatischen Gegentakt-Schallwandler, nur eben mit elektromagnetischem Antrieb, weshalb man hierzulande meist von Magnetostaten spricht. Die Membran eines Magnetostaten ist aufgrund der aufgebrachten Flachspule zwar nicht ganz so massearm wie die eines Elektrostaten, aber deutlich leichter als die eines üblichen dynamischen Tauchspulen-Schallwandlers. Die geringere Masseträgheit verspricht eine höhere Impulstreue und geringeres Nachschwingen.

Eine Zeitlang hat Fostex ähnlich aufgebaute Wandler unter der Bezeichnung „printed Ribbon“ auch in Mikrofonen eingesetzt. Tatsächlich haben Magnetostaten auch gewisse Ähnlichkeiten mit Bändchen, da auch hier die Membran selbst Teil des elektromagnetischen Kreislaufs ist. Im Vergleich zu Bändchen-Schallwandlern – die ja auch als Hochtöner in Lautsprecherboxen verwendet werden – sind Magnetostaten etwas effizienter, aber längst nicht wie übliche Tauchspulen-Treiber. Dank moderner Magnetmaterialien wie Neodym wiegt dieser prinzipielle Nachteil heute nicht mehr so schwer. Ähnlich wie Bändchen haben auch Magnetostaten meist – aber nicht immer – einen abfallenden Höhenfrequenzgang. Aufgrund ihres flinken Impulsverhaltens klingen sie dennoch nicht dumpf.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Danke! Das ist mir echt entgangen in den vergangenen Jahren, das ausgerechnet Fostex solches angeboten hat und noch anbietet! Da ich mich früher intensiv mit Elektrostaten und Magnetostaten beschäftigt hab, klingt das Beschriebene sehr reizvoll. Was ich vermisse sind ein paar der üblichen Messgrafiken – schade. Klar kann man Klanggüte nicht an Hand von Kurven beurteilen, aber sie sind doch ein hilfreicher Anhaltspunkt.

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