Praxis Sounddesign Klanglandschaft

Sound Design – Wir bauen uns eine Sirene

Fast jeder kennt den charakteristischen Klang einer Sirene, war und ist er doch ein Symbol für drohende Gefahr. Dabei gilt das heutzutage in dieser Form eigentlich gar nicht mehr, denn nach dem Ende des kalten Krieges haben viele Städte und Gemeinden damit begonnen, ihr Sirenennetz radikal auszudünnen bzw. teilweise sogar komplett zu entfernen.

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Herzlich Willkommen zum dritten Teil der Sounddesign-Artikelreihe. Heute wird es laut und schrill, denn wir arbeiten mit einem klassischen Gefahrensignal: der Sirene.

Und wenn man heute mal eine Sirene hören sollte, dient sie normalerweise nicht der Warnung der Bevölkerung, sondern in der Regel dazu, Mitarbeiter der Feuerwehr zu alarmieren. Dennoch ist der typische Klang der E57 Motorsirene (so lautet die Bezeichnung der klassischen Standardsirene in Deutschland) gerade durch den beliebten Einsatz in Filmen und Videospielen fest mit der Angst vor großer, unmittelbar drohender Gefahr verbunden. Hier haben wir also einen Sound, den wir unbedingt in unserem Archiv haben sollten.

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Aufnehmen?

Der naheliegende Gedanke wäre jetzt, Mikrofon und Recorder einzupacken, zur nächstgelegenen Sirene zu marschieren und diese aufzunehmen. Dummerweise weiß man natürlich nicht, wann die Sirene das nächste Mal losheult, und somit kann die Warterei sehr lange werden. Eine Möglichkeit wäre hier, bei den Behörden oder der Feuerwehr anzufragen, wann der nächste Probealarmtermin ist, und sich entsprechend vorzubereiten.

Dennoch ist das folgende Recording nicht unproblematisch: Sirenen sind meistens an hohen Punkten montiert; man hat also keinen direkten Zugang. Man wird also, wenn man nicht über ein gutes Shotgun-Mikro verfügt oder in ländlicher Umgebung wohnt, immer einiges an Diffusschall aufnehmen. Solange es sich dabei nur um die Reflexionen des Sirenensignals handelt, ist das vielleicht auch gar nicht problematisch, denn gerade dieses verwaschene und hallige Heulen macht den typischen Klang aus, den wir kennen. Aber trotz des extrem lauten Tons der Sirenen können einem Umgebungsgeräusche bei der Aufnahme zu schaffen machen.

Simulieren 

Glücklicherweise kann man sich einen groben Sirenensound auch recht einfach selbst bauen. Mittels weniger Handgriffe kommt man zu ordentlichen Ergebnissen; wer allerdings ins Detail gehen will, kann Stunden damit verbringen.

Wir entscheiden uns hier für den einfachen Weg und benötigen zunächst einen Tongenerator oder Synthesizer, den man frei stimmen kann, sprich: Man kann die Frequenz des Oszillators in Hertz angeben. Als besonders praktisch hat sich hier der Signalgenerator in WaveLab erwiesen, der sehr viele detaillierte Einstellungen erlaubt. Ein Tongenerator sollte aber eh bei den meisten DAWs zum Standardwerkzeug gehören. Die E57 heult mit 420 Hz, also ist dies unsere gewünschte Tonhöhe. Als Wellenform wählen wir einen Sägezahn, wobei wir nach Möglichkeit noch eine Dreieckswelle mit hinzumischen sollten. Wer übrigens keinen frei stimmbaren Tongenerator hat, der kann auch einen Synthesizer bemühen, Gis3 spielen und den Oszillator einige Cent nach oben stimmen. Laut Definition ist das Standardsignal ein ca. einminütiger Dauerton, der zweimal für ca. 12 Sekunden unterbrochen wird. Hier muss man sich nicht sklavisch an die Angaben halten, sondern die Zeiten eher so wählen, dass sie zur Situation passen.

In meinem Falle habe ich jedenfalls das »Hochfahren« der Sirene mit in den Dauerton einbezogen, sodass ich eine dreisekündige Einschwingphase erhalte, bei der das Signal von 50 Hz auf 420 Hz erhöht wird und gleichzeitig ein Lautstärke-Fade-In stattfindet. Darauf folgt eine achtsekündige Dauertonphase und eine abschließende zwölfsekündige Ausklangphase, bei der der Oszillator sich langsam 10 Hz nähert, während gleichzeitig das Signal ausgefadet wird.

Wenn man es ganz genau nimmt, dann müsste die Ausklangphase eigentlich länger sein, denn die Sirene klingt ja nie komplett aus, bevor sie wieder beginnt loszuheulen. Außerdem ist die letzte Ausklangphase deutlich länger, weil der Motor der Sirene dann ausläuft. Aber das kann jeder frei gestalten.

Effektierung

Mit den oben genannten Einstellungen dürfte man nun ein Signal erhalten, das dem prinzipiellen Verhalten einer Sirene schon sehr nahe kommt. Das Problem ist nur: Es klingt noch komplett nach Synthesizer. Daher drehen wir das Signal jetzt durch den Soundwolf und fangen mit dem Effekt an, der das Ganze in die richtige Richtung schieben wird.

Ladet also in den dritten oder vierten Effektslot eurer DAW einen Hall. Hier tut sich nun eine große kreative Spielwiese auf. Um einen guten Startpunkt zu haben, stellen wir die Raumgröße und Nachhallzeit auf große Werte. Falls es in eurem Hall Parameter für die Komplexität des Raumes geben sollte, sollte auch dieser Wert recht hoch gewählt werden − wir wollen schließlich eine Sirene simulieren, die über einer Stadt heult und damit ein komplexes Gemisch von Reflexionen erzeugt. Die PreDelay-Zeit darf ebenfalls auf einen hohen Wert gesetzt werden; ich würde eine Verzögerung von ca. 300 ms anpeilen. Außerdem gehen wir mit dem Dry/Wet-Verhältnis nicht gerade zimperlich um: Stellt den Wert auf 100 % Wet, und bewegt euch dann langsam in Richtung Dry, bis ihr mit dem Ergebnis zufrieden seid.


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Als ersten Effekt in der Kette verwenden wir einen EQ. Hier senken wir mit sanften Shelf-Bändern sowohl die Tiefen als auch die Höhen ein wenig ab, sodass sich die Sirene natürlicher anhört. Wer mag, kann auch gerne versuchen, kleine Anhebungen und Absenkungen in das Signal zu integrieren, um es natürlicher wirken zu lassen.

Weitere Schritte

Damit haben wir ein recht brauchbares Sirenensignal erzeugt. Wer mag, kann sich jetzt noch ans Feintuning setzen, denn komplett hat unsere Sirene ihren Synthesizercharakter noch nicht verloren. Lohnenswert sind beispielsweise Versuche mit Gitarrenamp-Simulationen, die zwischen EQ und Reverb eingefügt werden. Dazu einige Tipps: Bei der Verzerrung muss man sich sehr zurücknehmen, da aus unserem Sägezahn-Signal sonst schnell ein Rechteck wird, was so gar nicht mehr nach Sirene klingt. Eine anschließende Boxensimulation kann dem Signal deutlich mehr Realismus verleihen, wenn sie den Frequenzganz nicht zu sehr beschneidet. Hier kann man auch gerne mal einen Convolution-Reverb bemühen und als IR-File die Aufnahme eines Hornlautsprechers oder ähnlichen Systems verwenden.

Eine weitere Möglichkeit ist der Einsatz eines Bandsättigungs-Plug-ins (Tape Saturation) vor dem Reverb; hiermit lassen sich gezielt leichte Verzerrungen einfügen, und das Signal verliert ein wenig an Schärfe, wenn man den Frequenzbereich der Bandsättigung auch auf den Hochtonbereich ausdehnt. Viel Spaß beim Experimentieren!

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hi S&R Team, cooler “Workshop”, hab mich gleich mal rangesetzt, dachte das wäre schwieriger, war aber auf 5 Min vorbei. Nice, echt danke für das Tutorial! Hier mein Ergebnis: http://www.file-upload.net/download-11421224/sirenetest.mp3.html

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