Studiotipps Kniffe, die die Welt verbessern

Mixing Tutorial: Der schnellste Attack und analoge Wärme

(Bild: Matthias Zerres)

Eines meiner häufig genutzten Hall-Plug-ins ist das RC24 von Native Instruments und Softube. Das stellt man mit wenigen Mausklicks ein und kommt sofort zu einem hochwertigen Sound! Neulich ist mir auf der Optionen-Seite das erste Mal aufgefallen, dass man auf Wunsch sogar »Quantization Noise« simulieren kann. Den Knopf finde ich richtig witzig …

Als kleine Hintergrundgeschichte zu demThema springe ich mal zurück in die Zeit, als vor vielen Jahren irgendwann die ersten 24-Bit-Wandler auf den Markt kamen. Um diese Technologie richtig auszunutzen, war es damals wichtig, das ganze Hardware-Studio möglichst brumm- und rauschfrei zu bekommen. Einige Effektgeräte waren da unproblematisch, aber die »bösen« hatten in den leisen Grenzbereichen rasselnde Wandler, die bei zu hohem Rauschen oder leisem Netzbrummen an den Eingängen auch nicht mehr automatisch gemutet wurden. Quantization Noise mit dickem Stereo-Chorus drauf klang auch früher übrigens nie gut, egal wie vintage das aus heutiger Sicht auch sein mag!

Anzeige

Am Ende wurden für die Problemkandidaten Noise-Gates gekauft und die Pegel der anderen so optimiert, dass wirklich Ruhe war, auch wenn bei den Solo-Vocals mal eine leise Passage alleine erklang.

Diese Erfahrung könnte ich heute nun sogar mit dem Plug-in simulieren und mir dann wieder ein Software-Noise-Gate dahinter schalten − Hurra! Damals habe ich dieses Rasseln übrigens gesampelt und als Sampler-Instrument verwurstet, selbst dieses künstlerische Ausnutzen von Neben-Effekten wäre also mit dem Plug-in möglich!

Ich bin sehr froh, dass man das Rasseln heute einfach ausschalten kann, ohne dass die Qualität der Simulation in anderer Hinsicht leidet!

Verzerrung klingt immer gut?

Solche kleinen Details können manchmal das Sahnehäubchen auf dem Kuchen sein, aber es kommt eben drauf an, was wir im Ergebnis erreichen wollen! Wir spielen beispielsweise beim Sound einer E-Gitarre, einer Hammond- Orgel oder eines Rhodes beinahe immer mit Verzerrungen, und es gibt auch Software wie etwa S-Gear 2.5, die sich beinahe wie ein echter Amp verhält! Aber nicht jede Verzerrung, die uns heute bei vielen Plug-ins als Bonus verkauft wird, ist klanglich im Mix wirklich nützlich!

Auch der All-Button-Mode eines Urei 1176 ist selten der Anwendungsfall, für den man sich so ein Gerät kauft − genauso wenig übrigens wie der Vorschlag, dass man mit der kürzesten Attack-Zeit einen E-Bass bearbeiten sollte, um den Sound wirklich »rund« zu machen … Das kann als Effekt mal passen, kann aber auch ganz falsch sein!

Die Verzerrung durch die falsch gewählte Attack-Zeit ist im Analyzer deutlich zu sehen und natürlich auch lautstark zu hören. (Bild: Matthias Zerres)

 

Schalten wir Kotelnikov auf Bypass, hören wir sofort einen einfachen Sinus, der auch auf dem Analyzer korrekt dargestellt wird. (Bild: Matthias Zerres)

In einer der letzten Folgen habe ich den Tipp gegeben, Attack- und Release-Zeiten eines Plug-in-Kompressors auf einem Kanal immer schon vorher grob anzupassen, bevor er überhaupt zum Einsatz kommt. Viele Standard- Werte sind bei manchen digitalen Kandidaten leider völlig unpassend eingestellt, nicht nur bei Plug-ins, sondern auch bei vielen Digitalpulten. Warum ein kurzer Attack außerhalb vom Mastering also nicht immer passend ist, werden wir in dieser Folge gemeinsam heraustüfteln.

Versuchsaufbau

Um das Thema in deiner DAW nachzustellen und dir die Möglichkeit zu geben, diese Theorien mit deinen eigenen Signalen zu überprüfen, möchte ich dich einladen, den folgenden Versuchsaufbau in deinem Sequenzer nachzubauen. Wir stellen eine Kompressor-Verzerrung einfach mit drei kostenlosen Plug-ins nach, die du dir herunterlädst: Dexed von asb2m10. github.io/dexed, den Kompressor Kotelnikov von www.tokyodawn.net/tdr-kotelnikov und Voxengo Span von www.voxengo.com/product/span.

Dexed benutzen wir nur als Testton-Generator und schalten seine eigentlich fabelhaften Sounds mit einem Klick auf INIT einfach mal in den Sinus-Modus. Danach fügen wir Kotelnikov in den Signalpfad ein und abschließend Voxengo Span. Wenn du das Ergebnis noch etwas deutlicher sehen und hören möchtest, kannst du in Dexed auf der PARAM-Seite die Engine auf »Modern« und in Voxengos Span eine Blocksize von 32.768 einstellen.

Spiele nun einen einzelnen Init-Ton in Dexed, und stelle im Kompressor Kotelnikov die kürzeste Attack- und Release-Zeit ein. Setze Ratio auf 6:1, und reduziere den Threshold- Wert. In Voxengos Span siehst du sehr gut, dass der Klang durch die extrem kurzen Regelzeiten verzerrt wird.

Spiele nun eine Terz, und beobachte das Display: Span zeigt dir eine ganze Reihe von Verzerrungen, die allesamt sofort verschwinden, wenn du den Kompressor auf Bypass schaltest! Um die Effekte noch etwas deutlicher zu hören, wechsle in Dexed nun auf Sound Nr. 5 CHROMA5Y, und schalte mit dem Bypass des Kompressors zwischen Bearbeitung und Original hin und her. Der Sound ohne Kompressor hat einen prägnanten Attack, sobald er derart stark komprimiert wird, flacht dieser Klangeindruck deutlich ab und wird obendrein verzerrt.

Du kannst statt Kotelnikov auch deinen Lieblings-Mastering-Limiter ausprobieren, einfach mal eine Terz in Dexed spielen, leicht limiten und das Ergebnis mit Voxengo Span betrachten. Meist hören wir sofort sehr deutlich, wie die Verzerrungen eigentlich den Sound zerstören und keineswegs für Wärme sorgen. Der irrige Glaube, dass sich durch derartige Kompression ein druckvoller Sound aufbauen könnte, wird schnell durch Sound Nr. 5 in Dexed widerlegt.

Kompressor-Tricks

Natürlich haben wir Kotelnikov als Kompressor völlig falsch eingestellt, und wir tasten uns nun an einen sinnvollen Wert heran: Setze Attack beispielsweise auf mehr als 20 ms und die beiden Release-Knöpfe auf über 100 ms. Jetzt ist die Verzerrung akustisch nicht mehr wahrzunehmen und nur noch sehr gering bzw. nicht mehr auf dem Analyzer zu sehen. Der Kompressor zerstört jetzt auch nicht mehr den Attack! Selbst unser Sound Nr. 5 klingt trotz hoher Ratio immer noch klasse, er klingt beinahe so, als wäre da überhaupt kein Kompressor auf dem Kanal, obwohl dieser ja das Signal deutlich bearbeitet!

Ein häufiger Fehler beim Einsatz eines Kompressors sind unpassende Regelzeiten. Nur weil ein Plug-in kurz und knackig regeln kann, heißt das noch lange nicht, dass diese Einstellungen in einem Mix überhaupt sinnvoll ist. Probiere diese Einstellung gerne auch mit anderen Signalen aus. Ein druckvoller Sound wird durch falsche Regelzeiten im schlimmsten Fall zerstört und nicht aufgebaut!

 

Prüfe deine Monitore

Wer Sound Nr. 5 in Dexed mit den falschen Einstellungen etwas länger gespielt hat, wird sehr schnell gemerkt haben, dass der Sound seinen Druck nur in der Bypass-Einstellung behält. Insbesondere, wenn man bei dem Sound mal Oktaven greift, merkt man direkt, wie der Sound beinahe zusammenklappt.

Wir haben im Beispiel den Kompressor total zweckentfremdet, aber ganz ähnliche Effekte ergeben sich, wenn du den Audioausgang deiner Soundkarte nicht im Blick behältst. Es stimmt, dass deine DAW intern sicher fein auflöst, aber der Wandler in deiner Soundkarte hat irgendwann eine maximale Lautstärke. Falls du die in deiner DAW schon überschreitest, stellen sich ähnliche Effekte ein wie bei unserem verzerrten Kompressor!

Achte darauf, dass du nicht während deiner Mischung über der maximalen Lautstärke deiner Ausgänge abhörst. Dort sollte auch in den lautesten Passagen deiner Mischung noch ein wenig Headroom sein! Selbst wenn dein Master nicht clippt, mache mal den folgenden Test: Spiele den Sinuston aus Dexed ohne Clipping und ohne Kompressor auf deinen Monitorboxen ab, und achte darauf, ob sich ein ähnlicher Effekt einstellt wie mit unserem falsch eingestellten Kompressor. Eventuell ist der Audioausgang deiner Soundkarte zu laut für die Eingänge an den Monitoren, oder deine Soundkarte übersteuert intern einfach schon vor Erreichen des Maximalpegels.

Bist du sicher, dass du sauber abhörst? Falls deine Aktivboxen einen zweiten Audioeingang haben, probiere diesen vergleichsweise aus. Falls es eine Regelung für den Eingangspegel gibt, passe diesen so an, dass das Signal sauber klingt. Ohne diese saubere Einrichtung hast du gar keine Chance, einen druckvollen Mix zu erstellen, da deine Monitore oder dein Kopfhörer dir nie das echte Signal abbilden und im Grunde ähnlich reagieren wie unser falsch eingestellter Kompressor!

Rettungsanker

Stelle Kotelnikov noch einmal auf die kurzen Attack- und Release-Zeiten zurück, wähle eine Ratio von 4:1, und achte darauf, dass der Threshold so niedrig ist, dass der Kompressor dein Signal deutlich bearbeitet. Statt Dexed kannst du gerne einen beliebigen Software-Synthesizer oder -Sampler laden und einen deiner Lieblings-Sounds durch diese Schaltung spielen. Die Gitarristen unter uns dürfen da auch gerne zur Gitarre greifen, sollten Kotelnikov aber hinter die Amp-Simulation schalten.

Wie würdest du diesen Sound nun aufbessern, wenn du nicht wüsstest, an was es genau liegt? Da der Sound sich nicht mehr durchsetzt, würde ich vielleicht einen weiteren Kompressor ergänzen und versuchen, damit den Attack nach vorne zu holen. Außerdem würde ich den Bassbereich anheben, da der Sound eben bei etwas mehr Bass beinahe in sich zusammenfällt. Kompressor und EQ können wir für das Experiment vor Kotelnikov in den Signalpfad einfügen und schrauben dann, was das Zeug hält. Du wirst schnell feststellen, dass alle Schrauberei sich so anfühlt, als würdest du nur mit halber Kraft arbeiten.

Merke dir dieses Phänomen als Rettungsanker im Mix! Immer, wenn ein Sound in deiner DAW so derart zusammenklappt und du dagegen arbeiten möchtest, prüfe im Signalpfad, ob du nicht aus Versehen irgendwo noch einen Limiter oder ein Plugin mit einer seltsamen Simulation für »analoge Wärme« im Signalpfad hast oder deinen Audioausgang gerade übersteuerst.

Es gibt viele Plug-ins, die als Bonus für ein bisschen mehr Lautstärke einen eingebauten Limiter mitbringen und diesen auch in vielen Preset-Einstellungen nutzen. Der kann aber wiederum genau dazu führen, dass du in diese Falle tappst und am Ende Dinge im Mix korrigieren möchtest, die man besser einfach nur ausschalten sollte …

Fazit

Verzerrungen durch falsch eingestellte Kompressorzeiten sind ganz einfach zu vermeiden, sofern wir wissen, wie sich diese Effekte im Mix äußern. Auch eine falsch eingestellte Ausgangslautstärke ist schnell korrigiert, wenn wir wissen, worauf wir achten müssen!

Ein druckvoller Sound im Mix ist bisweilen genau das Gegenteil von schlechter Verzerrung, auch wenn Werbetexter für Plug-ins solche Schwächen sicher ganz positiv formulieren würden.

In diesem Workshop haben wir Kotelnikov und Dexed total zweckentfremdet, daher möchte ich zum Schluss noch einmal betonen, dass du die beiden kostenlosen Plug-ins unbedingt auch im passenden Kontext ausprobieren solltest! Kotelnikov eignet sich beispielsweise durch seine transparente Kompression für Gesangsspuren mit stark wechselnden Lautstärken und klingt eben oft so gut, als wäre da gar kein Kompressor auf der Spur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren: