Kolumne

Vinyl macht Musik hören zum Event!

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich stelle schon seit längerer Zeit fest, dass ich mir für das Musik hören wenig Zeit nehme. Früher habe ich im Auto Musik gehört, jetzt fahre ich aber mit der Bahn zur Arbeit und bin nur noch selten auf vier Rädern unterwegs. Die einzige Zeit in der ich wirklich aufmerksam Musik höre, ist jetzt wenn ich putze 🙂 Ich öffne Napster auf meinem Smartphone, lade eine Playlist, stelle eine Verbindung zu meiner Bluetoothbox her und lasse mich von den Songs, die zufällig gespielt werden, berieseln. Aber mal die komplette Platte eines Künstlers von vorne bis hinten aufmerksam durchhören? Das findet in dieser schnelllebigen Welt kaum noch statt, auch nicht in meiner. So ein Album dauert eben eine gewisse Zeit, die muss man sich dazu auch nehmen. Zeit, die niemand mehr hat.

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(Bild: AKAI)

Haptik für das Ohr

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Zeitgleich hat die Wertschätzung gegenüber der Musik aufgrund des hohen Angebotes auf Download- oder Streaming-Plattformen wie Deezer, Apple Music, Youtube, Amazon Premium und Co. massiv nachgelassen. Man geht nicht mehr den Weg zum Plattenladen um die Ecke, kauft sich eine LP und freut sich schon auf dem Weg nach Hause darauf endlich reinzuhören. Es gibt nichts mehr in der Hand zu halten, keine Verpackung die aufgerissen wird, kein Medium mehr, das in ein Wiedergabegerät eingelegt werden muss. Im Laufe der Zeit wurde dieser Prozess so weit minimiert, bis man nur noch auf das Display seines Smartphone klicken musste um einen Song zu spielen. Das Gute ist: Die Lieder lassen sich legal herunterladen und sind offline jeder Zeit verfügbar. Dadurch haben sich die illegalen Downloads fast erledigt. Diese Portale haben uns immerhin dazu gebracht, für Musik wieder Geld auszugeben. Aber das Angebot? Es erschlägt mich!

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Vinyl als Lösung

Zugegeben: Natürlich ist es praktisch, sein Smartphone zu zücken, sich über Bluetooth mit einer passablen Anlage zu verbinden und Musik aus einem Pool von mehreren Millionen Songs zu hören. Diese Funktionen werde ich auch weiterhin nutzen. Ich kann nicht sagen was, aber irgendetwas fehlte mir dabei. Vielleicht war es diese Vorfreude auf eine neue Platte, der Duft der einem beim ersten Öffnen entgegenkommt oder bereits das Stöbern im Laden, welches einfach nicht mit der Suche in der App zu vergleichen ist. Oder vielleicht einfach etwas für sein Geld in der Hand zu haben.

Ich hab dann irgendwann angefangen gebrauchte Schallplatten auf Flohmärkten und Neuerscheinungen als Vinyl im Laden zu kaufen. Es hat schon etwas besonderes, so eine knapp 300 Gramm schwere LP in den Händen zu halten. Dann das große auffällige Format und der Klang, der das Herz von Nostalgiker höher schlagen lässt. So eine Platte sieht auch verdammt gut im Wohnzimmer aus! Um dennoch im Trend der Zeit zu bleiben, habe ich mir gerade erst den AKAI BT500 zugelegt, ein sehr edler Plattenspieler, mit integriertem Bluetooth. Damit kann ich jetzt auch über meine Anlage zuhause Platten hören. Der Vorteil: Das Design gefällt sogar meiner Frau 🙂 Problematisch wirds allerdings, wenn von ihr der Satz kommt: “Mach mal ein Lied weiter”!

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(Bild: AKAI)

Ein Abend mit Vinyl

Jetzt kommt es schon häufiger vor, dass ich  eine Platte abends komplett durchhöre. Zusammen mit meiner Leidenschaft zu Single Malt Scotch ergibt sich eine perfekte Kombination. Man lässt sich einfach Zeit um den Tag ausklingen zu lassen und um zu entspannen, hört gemütlich eine Platte durch, ohne multimediale Bestrahlung von anderen Kanälen wie Facebook, Twitter, WhatsApp usw. Die werden dann einfach mal ausgeblendet! So wird Musik hören für mich zu einem Event, zu dem man sich vielleicht auch mal verabredet und gemeinsame seine Sammlungen durchforstet und über die Musik spricht.

Meine Sammlung besteht mittlerweile aus ca. 20 LPs mit einem Mix aus alten und neuen Platten, angefangen von der Abbey Road-Platte der Beatles bis hin zu meiner aktuellen Sommer-Scheibe von Roosevelt. Die Statistik zeigt, dass nicht nur ich die Vorliebe für Vinyl entdeckt habe, denn im Jahre 2014 wurden 1,8 Millionen Vinyl-Alben gekauft, so viele wie seit 1992 nicht mehr. Totgesagte leben eben länger, vor allem diejenigen, die die heutige Welt etwas entschleunigen. Dennoch hat der Tag nur 24 Stunden – und wann lese ich mal wieder ein Buch?

Wie sieht euer Musikkonsum aus? Nimmt ihr euch die Zeit um aufmerksam Musik zu hören? Wie seht ihr das Thema Wertschätzung gegenüber der Musik? Freue mich eure Statements zu lesen und eine Diskussion zu verfolgen!

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Als Jugendlicher, als Kassettenrecorder in Mode waren und man noch wenig/kein Geld hatte, stellte man zwei Kassettenrecorder gegenüber und nahm über das eingebaute Micro von einen mit Originaltape auf den zweiten auf oder man nahm direkt vom Radio auf, wobei der Moderator bei einem guten Song mit Sicherheit immer an irgendeiner Stelle dazwischen quatschte. So bekam man die Möglichkeit, sich Musik später in Ruhe anzuhören.
    Mit dem ersten Gehalt hat man sich dann eine Stereoanlage mit Plattenspieler gekauft und konnte zum ersten Mal Musik wirklich ungestört genießen. Es war ein ultimatives Erlebnis! Im Verlauf der Zeit sammelten sich so die ersten Vinyl-Schätze an.
    Aus Kompaktanlagen wurden Racks, gute HiFi-Lautsprecher wurden erschwinglich und mit der CD-Geburt dachte man, man sei nun endlich im Musikgenussuniversum angekommen.
    Mit dem Zeitalter von “illegalen Downloads”/Smartphones/Laptoplautsprecher u.s.w., wurde der damit angesprochenen “Generation” die Möglichkeit genommen, Musik klangvoll genießen zu dürfen und warf somit das damit verbundene Emotionale um Jahrzehnte zurück.
    Seit Kurzem habe ich für mich ein neues Hobby entdeckt – Mastering. Mit der richtigen Raumakustik, Abhöre und entsprechendem Kopfhörer bietet sich mir nun ein noch nie dagewesenes Musik-Hörerlebnis an!
    Oftmals vergesse ich dabei – wenn ich Musik “nur” anhöre – dass ich eigentlich mit meiner DAW arbeiten sollte und nicht nur zurückgelehnt gute Musik genieße…

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  2. Ich habe mich auch auf dem Weg in den rein digitalen Musikgenuss nicht davon abbringen lassen, Alben komplett durchzuhören. Schon zu Vinylzeiten habe ich – bis auf 2 oder 3 Ausnahmen – nie Singles gekauft, sondern immer nur komplette Alben! Und so ziehe ich das nach wie vor durch. Wenn mir von einem Album nicht mindestens 80 Prozent gefallen, dann ist es nicht wert, gekauft zu werden – und zwar dann wirklich kein Song davon…
    Ich höre die Musik nicht über Smartphone (höchstens im Auto), sondern habe einen dedizierten Player, der einfach deutlich besser klingt und besser zu bedienen ist. Damit höre ich oft beim Weg in die Arbeit (Bus & Bahn).
    Am liebsten genieße ich aber zuhause auf der Couch oder im Bett liegend – entweder über die guten, alten Boxen der Anlage oder mit Kopfhörer.
    … und so gut wie immer höre ich ein Album dabei auch wirklich durch. Alles andere wäre oberflächlicher Konsum, der nur zu aktuellen Chart-Songs passt… (die sollte man lieber nicht zu genau anhören; ist eh nur Schrott)

    Gruß,
    Klaus

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  1. Das Besondere an Vinyl › SOUND & RECORDING

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