Martin Eyerer als Musterbeispiel

Tutorial: Techhouse-Beats mit Ableton Live

Martin Eyerers aktuelles Album Struktur trägt seinen Titel zu Recht. Als Musterbeispiel für gelungenes Beat-Programming bringen seine elf Tracks die Techhouse-Essenz ausnahmslos auf den Punkt. Wir schauen dem Produzenten, DJ und Studiobetreiber beim Beat-Programming über die Schulter.

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Handfest, aber funky − so ließe sich Techhouse grob definieren. Ein knackiger Vierer-Beat soll reduziert, aber nicht allzu minimal gestrickt für Energie auf dem Floor sorgen. Sparsam gesetzte melodische Fragmente, »mollige« Flächen und treffend platzierte Vocal-Schnipsel sorgen für Ear-Catcher und Atmosphäre. Die Balance zwischen Techno und House regelt sich einerseits über die Sound-Gestaltung: Weichere Klänge stehen für ein housiges Feel. Die technoide Komponente profitiert dagegen von einem straighteren Groove: Im Gegensatz zum lupenreinen House werden die Zählzeiten »2« und »4« weniger stark von Snare oder Clap betont. Zudem dürfen die Basslines simpler gestrickt sein. Das Tempo liegt mit etwa 124 BPM zwischen traditionellem House und Techno.

Mit den rhythmischen Details eines Techno- bzw. House-Beats haben wir uns in früheren Workshop-Folgen im Detail beschäftigt. Zentrales Element ist auch hier wieder das rhythmische und klangliche Gefüge aus »4-to-the-Floor«-Kick und Bassline. »Beides zusammen muss genügen, um den Beat ins Rollen zu bringen«, versichert Martin Eyerer.

DAS FUNDAMENT

»Wie so viele meiner Kollegen beginne auch ich meine Beats meist mit der Kick«, erklärt Martin. »Doch zuvor reift die Vision des Tracks. Bevor ich mich ins Studio setze, nimmt der Track in meiner Vorstellung Gestalt an. Das Tempo und der Kick-Sound − hart oder weich − bestimmen, in welche Richtung es stilistisch gehen wird. Die berühmten Roland-Maschinen gehören zu meinen All-Time-Favorites. Eine 808-Kick lässt sich gut mit einem tiefen Sinus als Offbeat-Bass unterlegen. Der ersetzt ggf. auch mal die Bassline. Für härtere Sounds stacke ich gerne mehrere Samples, die dann Body und Attack liefern. Ein wenig ›Dreck‹ im Sound schadet nicht.«

Mit der Kick einher geht die Bassline. »Beide müssen ein perfektes Gefüge bilden«, sagt Martin. »Deshalb entwickele ich sie mehr oder weniger zusammen.« Und sie sollten genügend Platz erhalten − sowohl klanglich als auch innerhalb ihrer rhythmischen Struktur. Neben sorgfältigem Tuning und EQing weist Martin auf Decay-Längen der Kick bzw. Notenlängen der Bassline hin. Werden sie geschickt gewählt oder sogar dem Tempo entsprechend berechnet, kommt das nicht nur einem aufgeräumten Sound, sondern auch dem Groove sehr zu gute. »Kick und Bassline sind das Fundament des Beats. Zusammen müssen sie den Beat rollen lassen. Alle weiteren Elemente sind mehr oder weniger schmückendes Beiwerk.«

SOUNDS ZWISCHEN DEN SOUNDS

Entsprechend der stilistischen Ausrichtung des Tracks vermeidet Martin allzu auffällige Snares oder Claps. »Stattdessen verwende ich gerne Klänge, die eine subtile Atmo unter den Beat legen und sich weniger in den Vordergrund drängen.« Um sie zu erzeugen, nutzt Martin ein nicht ganz alltägliches Verfahren: »Ich suche mir einen inspirierenden Loop und nutze die Lücken zwischen den eigentlichen Schlägen, also etwa Rauschen, Noises, Hallfahnen usw. So finden sich interessante Sounds mit viel Atmosphäre. Original-Kick und Snare entferne ich grundsätzlich. Anstatt den Loop zu zerschneiden, bearbeite ich ihn nichtdestruktiv mit einer LautstärkeHüllkurve. Im Bedarfsfall wird das Timing mittels Warp-Markern angepasst.« Martin bevorzugt Loops und Sample-Packs aus den 90er-Jahren: »Die sind nicht so perfekt clean und klanglich aufgeblasen wie aktuelles Material. So bieten sie Raum für Bearbeitungen und lassen sich besser mit eigenen Sounds kombinieren. Es lohnt sich, möglichst viele Loops, Tracks und Songs anzuhören. So bekommt man ein Gespür für das passende Material«, empfiehlt Martin. Ein von Martin erstelltes Sample-Pack ist bei Prime Loops (primeloops.com) ab Oktober 2015 erhältlich.

Geradeaus, aber mit reichlich Groove − so sollte ein gelungener Techhouse-Track beschaffen sein. Der Berliner Produzent Martin Eyerer kombiniert in unserem Demo Einzel-Sounds und Loop-Fragmente zu einem energiegeladenen und sehr typischen Track. Das Demo wurde mit Ableton Live erstellt. Sein Tempo liegt bei entspannten 124 BPM.

MASCHINEN-LOOPS

Alternativ zu Sample-Loops arbeitet Martin gerne mit Drum-Maschinen: »Ich mag die Haptik und den Groove der Klassiker. Die Dinger machen einfach großen Spaß!« Der Rechner liefert die Master-Clock. Im Idealfall nutzt man dazu ein entsprechend gewandeltes Audiosignal. Das ist wesentlich präziser als eine rechnergenerierte MIDI-Clock. Mehrere Drummaschinen laufen bei Martin parallel. Mittels spezieller Tools wie etwa der ERM Multiclock (www.e-rm.de) oder dem ACME-4 von SND (www.s-n-d.com) können die Clocks für die Maschinen gegeneinander verschoben oder sogar ein Shuffle erzeugt werden − sehr interessant!

Die Audiosignale der Drummies laufen bei Martin allesamt parallel ins Pult. In Oldschooliger MPC-Manier werden mittels Mutes und Fadern verschiedene Loops erzeugt. Bei der Aufnahme muss man das Latenz-Problem im Auge behalten.

DIE HI-HAT ZUM SCHLUSS

Die Hi-Hat hebt sich Martin bis zum Schluss auf. Da sie fast automatisch für noch mehr Schub sorgt, soll der Groove auch schon ohne ihr Zutun funktionieren. Martin gestaltet besonders dominante Hi-Hat-Spuren bewusst einfach. (Tech-)House-Klassiker ist die prägnante »Sichel-Hi-Hat«, eine laute, offene Hi-Hat auf den Off-Beats − kein rhythmisches Gefrickel an dieser Stelle! Als Sample eignet sich eine offene Hi-Hat ebenso gut wie ein hoch und passend zum Gesamt-Sound gestimmtes Ride-Becken.

Mit subtilen Velocity- und Decay-Variationen erzeugt Martin ein wenig »Human Feel«. Der Track sollte jedoch dadurch jedoch nicht zu unruhig werden. Damit sind die grundlegenden Elemente des Beats vollständig. Martin versichert: »Wenige Elemente mit klarer Funktion an den richtigen Stellen machen einen gelungenen Beat aus.« Als Anspieltipp empfehlen wir Martins aktuelles Album Struktur.


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Klaus J.A. Mellenthin
Martin Eyerer ist DJ, Produzent, Remixer sowie Studiound Label-Betreiber. Sein drittes und aktuelles Album

Struktur ist eng mit den Berliner Riverside Studios verbunden — Martin ist Mitbetreiber und Nutzer dieses neuen Studiokomplexes mit Spreeblick. Umgeben von optimalen Produktionsmöglichkeiten und außergewöhnlichen musikalischen Kollaborateuren wie Ruede Hagelstein, Princess Superstar oder der Band Abby entstand Struktur als mitreißender Mix aus akribisch produziertem Analog- und Digital-Sound mit Dancefloor- und Sofa-Ambiente. In Martins Portfolio finden sich über 50 eigene Veröffentlichungen und 200 Remixe. Struktur erscheint auf dem eigenen Label Kling Klong.

www.martineyerer.de

 

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