Neues vom Sample-Guy

DJ Shadow über seinen aktuelles Doppelalbum Our Pathetic Age

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(Bild: Derick Daily)

DJ Shadow kennt man höchst wahrscheinlich als denjenigen, der erstmalig ein ganzes Album vollständig aus Samples produziert hat – mit einer Akai MPC 60! Auf seinem aktuellen Doppelalbum hat sich der Kalifornier klanglich und produktionstechnisch Lichtjahre von seinen Anfängen entfernt — ein Opus Magnum in vielfacher Hinsicht …

Neben dem zielsicheren Gespür für außergewöhnliche Sounds und Samples kann man DJ Shadow ein erstklassiges Händchen für fruchtbare Kollaborationen bestätigen. Das aktuelle Werk Our Pathetic Age des kalifornischen HipHop-Artisten macht von beidem reichlich Gebrauch. Während Beats und Instrumental-Tracks bisweilen schwindelerregende Komplexität annehmen und sich vielfach erst nach mehrmaligem Hören vollständig erschließen, sorgt eine illustre Rapper- und Sänger-Runde für ultracool und lässig vorgetragenen Flow, nicht selten gespickt mit bitterbösen Statements zur aktuellen Weltlage.

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Seit DJ Shadows legendären MPC-Kabinettstückchen ist reichlich Zeit vergangen. Gesampelt wird natürlich noch immer, was das Zeug hält. Als Quellen dienen dabei nach wie vor seine 60.000 (!) Exemplare umfassende und stetig wachsende Vinylsammlung, der Analog-Synth-Park von Kollege und Nachbar Jack Dangers (Meat Beat Manifesto) oder die Libraries von zahllosen befreundeten HipHop-Künstlern. Die Tools der Wahl haben sich jedoch stark gewandelt. Schon für sein letztes Album The Mountain Will Fall (2016) hat DJ Shadow die Hardware-Sampler gegen DAW-Software eingetauscht. Auch Synthesizer und Sequencer – zumeist in Software-Form – gingen mit an Bord. Auf Our Pathetic Age hat er diese Produktionsweise nun weiter für sich perfektioniert.

Wir trafen DJ Shadow in Berlin.

Derick Daily

Hast du noch deine MPC 60?

Ich habe noch drei Stück, eine davon vor Ewigkeiten verliehen. Ich glaube nicht, dass ich die jemals wiedersehen werde …

Zu Beginn deiner Karriere hast du neben der MPC 60 nur mit zwei Plattenspielern, DJ-Mixer und 4-Spur-Maschine gearbeitet. Heute kennt das Equipment keinerlei technische Grenzen mehr. Sind die omnipotenten Produktionsmittel für dich eher Segen oder Fluch?

Hm, ich denke, meine Sichtweise dazu hat sich stetig gewandelt – je nachdem, welches Equipment gerade zur Verfügung stand. Meine erste MPC, eine 60 Mk II, kaufte ich Ende 1992. Nach etwa drei Jahren konnte ich damit wirklich im Schlaf arbeiten und war begeistert. 1996 oder 97 kam dann die MPC 2000, und ich dachte – yeah – jetzt kann ich aber tolle Sachen machen! Nach einem Jahr hat sich das Ding wie ein weiteres Körperteil angefühlt. Gleichzeitig gab es aber auch nichts mehr zu entdecken. Inspiriert von Hank Shocklee (Public Enemy) syncte ich schließlich drei MPC 2000 und war nun abermals überzeugt, das perfekte Sample-Setup zu besitzen. Außerdem hatte ich einen geilen Rack-Sampler, mit dem ich fast alle Drums und viele andere Sounds verfremden konnte – leider erinnere ich mich nicht mehr an das Modell …

Damals arbeitete ich im Studio von Dan The Automator (kalifornischer Produzent; Anm.d.Red.). Er hatte ein frühes Pro-Tools-System mit nur vier Spuren. Der Mix passierte vollständig von Hand, und die schönsten Takes wurden zusammengeschnitten. Auch diese Arbeitsweise erschien mir seinerzeit als Offenbarung, und 1998 kaufte ich mir deshalb mein eigenes Pro-Tools-System.

Zunächst war ich noch total hin und her gerissen zwischen MPC und Pro Tools und nutzte beides für mein Album The Private Press (2002). Danach war ich sicher, mit der MPC vollkommen durch zu sein und entschied, nun endgültig in-the-box zu arbeiten, d. h. mit Pro Tools und Software-Instrumenten wie etwa N.I. Battery. Allerdings erschien mir das wenig intuitiv. Zudem hat die ganze Updaterei genervt. Das führte zwischen 2004 und 2014 zu einer echt schwierigen Phase: Ich konnte einfach keinen richtigen Workflow mehr finden. Schließlich bin ich über Ableton Live gestolpert und habe mich da richtig reingebissen. Nach ein paar Tagen hatte ich endlich wieder das Gefühlt – das ist es! So sind die beiden letzten Alben mit Ableton entstanden.

Wie sieht dein aktuelles Studio aus?

Im wesentlichen Ableton und Pro Tools.

Du verwendest noch immer Pro Tools?

Das klingt vielleicht seltsam, aber ich bereinige meine Samples gerne mit Pro Tools. Man kann sehr präzise arbeiten, und das schätze ich. Ich will saubere Sounds – Artefakte machen mich nicht mehr an. (lacht).

Kein 12-Bit-Charme mehr?

Es gibt auf dem Album superdreckige Sounds. Aber das sind einfach die Sounds selbst. Etwa irgendwelche Noises, die ich als HiHat verwendet habe.

Was steht bei dir an erster Stelle: der Song oder das Sample?

In 90 Prozent der Fälle sammele ich zuerst Samples. Wenn ich nicht gerade an einem Album arbeite, starte ich meinen Arbeitstag mit Sampling-Sessions. Ich höre dann etwa zehn Platten im Schnellgang durch und nehme in Pro Tools auf, was mir interessant erscheint. Wenn ich dann an einem Album arbeite, höre ich die Library durch und puzzele passende Samples zusammen.

Startest du mit dem Beat?

Nicht notwendigerweise. Es kann mit irgendeinem Sample losgehen.

Wie bearbeitest du die Samples klanglich?

Grundsätzlich belasse ich kein Sample unbearbeitet, auch wenn es sich vielleicht nur um etwas Time-Stretching und Reverb handelt. Bei den letzten beiden Alben war mein Freund und Nachbar Jack Dangers eine große Hilfe. Er hat eine unglaubliche Sammlung alter Analog- bzw. Modular-Synthies (u. a. EMS Synthi 100, Roland System 100, 100M; Anm.d.Red.). Damit habe ich aus sämtlichen Samples etwas Neues gemacht. Dazu kommen Bearbeitungen mit Plug-ins, bis die Sounds schließlich meinen Vorstellungen entsprechen. Dann stacke ich viele Samples mittels Ableton Drum-Rack. Eine Kick oder Snare besteht gut und gerne aus sechs oder sieben Samples in verschiedenen Frequenzbereichen.

Inwieweit ist das Ausgangsmaterial da überhaupt noch relevant?

Tja – berechtigte Frage … Dazu eine kleine Anekdote: Ein 20-jähriger Dubstep-Producer bat mich um Vocal-Samples. Ich gab ihm welche, er schnitt ein kurzes »Ögg« heraus, verschwand damit für ein paar Stunden und kam mit einer regelrechten Synphonie zurück, die fast nur auf diesem Sound-Schnipel basierte – wow! Das zeigt, dass sich buchstäblich aus allem tolle Musik machen lässt. Aber für mich sind coole Samples auch als Inspirationsquelle immer noch wichtig.

Welche Plug-ins verwendest du regelmäßig?

Gar nichts Besonderes. Ich lege keinen Wert darauf, dass die Plug-ins von namhaften Engineers ausgedacht sind. Es gibt eine Menge kreatives Zeug, programmiert von 20-jährigen Freaks, und das finde ich wirklich interessant. Darin steckt eine ganz andere Sound-Wahrnehmung als bei klassischen Engineers.

Wie haben sich deine Producer-Skills entwickelt?

Als ich angefangen habe, hatte ich von Produktionstechnik überhaupt keinen Plan. Ich hatte eine Vorstellung von »gutem« Sound, und das war’s. Dan hat mir sehr viel beigebracht. Und ich habe stetig dazu gelernt. Ich frage viele Leute viele Dinge. Die sind total offen und hilfsbereit und bringen mich auf interessante Ideen. Dazu kommt ein wachsendes Grundverständnis für Sound und Akustik. Ich denke, die beiden letzten Alben sind klanglich ein großer Sprung vorwärts.

Welches Material erhalten deine zahlreichen Partner von dir?

Ich verschicke meist halbfertige Tracks – also das grobe Arrangement, aber längst nicht fertig ausproduziert. Es muss genügend Raum vorhanden sein, damit sich ein Sänger darauf einlassen kann. Bei Rocket Fuel gab es nur den Vocal-Sampleloop und einen Basis-Beat. De La Soul wussten sofort, was ich im Sinn hatte, und ich bekam eine super Performance zurück. Egal mit wem ich arbeite, es ist nie ein fertiger Track plus Vocals. Ich will niemandem etwas Fertiges auftischen, sondern möchte eine echte Zusammenarbeit, die im gegenseitigen Austausch entsteht. Im Idealfall ist das Ergebnis etwas, was die einzelnen Beteiligten alleine so niemals gemacht hätten.

DJ Shadow – Our Pathetic Age

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