Produkt: Sound & Recording 03/2020
Sound & Recording 03/2020
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Im Spiegel der Zeit

Vom ASQ zum Dark Time Sequenzer von Doepfer

(Bild: Dieter Stork)

Dieter Doepfer ist schuld daran, dass erwachsene Männer heute statt mit Modelleisenbahnen zwanghaft mit wandgroßen Modularsystemen spielen, Synthfreaks angesichts der Möglichkeiten ihrer Modul-Schränke einen Gotteskomplex bekommen und immer mehr wunderbare, abgefahrene Musik mit modularen Hardware-Klangerzeugern entsteht. Doepfer erfand die Eurorack-Norm, die zum populärsten Standard im Modularsynth-Bereich wurde und baut seit den späten 70er-Jahren unzählige, leistungsfähige und preisgünstige Module, darunter viele geniale und außergewöhnliche Hardware-Step-Sequenzer.

Ende der 70er-Jahre absolvierte Dieter Doepfer nach dem gerade absolvierten Physikstudium seinen Zivildienst in einem Münchener Klinikum. In der Abteilung für lasergestützte Augenoperationen brauchte man einen Physiker, und so wurde das Labor dieser Abteilung zu seinem Arbeitsplatz. Da es viele Mußestunden zu überbrücken galt, begann der Synthesizer-begeisterte Nerd, von den Büchern Helmuth Tünkers inspiriert, mit der Konzeption eigener Synthesizer-Schaltungen (nicht auszudenken, wo die Modular-Szene heute stehen würde, wenn Doepfer einen Fahrerjob bekommen hätte oder nicht als Zivildienstleistender anerkannt worden wäre). Bald wird mit dem VPM-Modul, ein Phaser für das in der Elektronik-Zeitschrift Elektor beschriebenen Formant-Modular-System, das erste Doepfer-Produkt angeboten. Danach folgen weitere Produkte, u. a. das PMS, eine vierfach polyfones Modular-System, das als Bausatz (ohne Frontplatten) erhältlich war und viele Entwicklungen des späteren A-100 inspiriert hat.

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ASQ-Sequenzer

Ca. 1980 entsteht mit dem ASQ der erste Doepfer-Sequenzer. Der ASQ war von Doepfer nur als Bausatz verfügbar. Es gab zwar eine Firma (AVC-Technik), die die Bausätze gekauft, zusammengebaut und als Fertiggeräte angeboten hatte, aber es gab hier leider oft Probleme, weil sich Kunden über den mangelhaften Aufbau beschwerten. Daher wurde AVC dann nicht mehr von Doepfer unterstützt. Der Bausatz kostete 340 Mark; für 70 Mark konnte man auch die Leiterplatten ohne Bauteile mit Anleitung und Schaltplänen erwerben.

Der ASQ verfügt über zwei Reihen mit jeweils 16 Steps. Die Länge der Sequenz lässt sich pro Reihe individuell einstellen, und einzelne Schritte können gemutet werden. Die Pulsbreite des Trigger-Signals ist veränderbar, und jede der beiden Reihen ist mit einem Portamento-Regler ausgestattet. Der ASQ war ein solides und relativ günstiges Werkzeug, wenn man passionierter Lötkolbenschwinger war. Trotzdem war das Gerät kein großer Erfolg für Doepfer.

MAQ 16/3: Wenn Kraftwerk anruft …

Der stellte sich aber mit dem innovativen MAQ-16 ein. Eines Tages klingelte das Telefon bei Dieter Doepfer, und zu seiner Überraschung war Florian Schneider von Kraftwerk am Apparat und fragte ihn, ob er nicht einige maßgeschneiderte Geräte für die Kultband bauen könnte. Heraus kam u. a. der innovative Sequenzer MAQ 16/3, der als einer der ersten Hardware-Analog-Sequenzer sowohl MIDI- als auch CV/Gate-Geräte ansteuern kann. Das Gerät, das 1992 auf den Markt kam, wurde nicht nur von Kraftwerk genutzt, auch Acts wie Chris Carter (Throbbing Gristle), Human League, Jean-Michel Jarre, Klaus Schulze, Regis oder die Detroiter Techno-Ikone Jeff Mills nutzten den MAQ 16/3 (er verwendete ihn auch live zusammen mit dem Waldorf XT).

Der zusammen mit Kraftwerk entwickelte Step-Sequenzer MAQ 16/3 ist vor allem hinsichtlich seiner MIDI-Fähigkeiten ein einzigartiges Kreativ-Tool. (Bild: Dieter Stork)

Back to Black

Der MAQ 16/3 ist ein 19-Zoll Gerät mit drei Höheneinheiten, das ursprünglich nur in schwarz erhältlich war, dann in einer grau/weißen, Doepfer-typisch silbergrauen Version herauskam, die optisch zum A-100-Modularsytem passte und zuletzt wieder in einer schwarzen »Dark Edition« verfügbar war (nach 20 Jahren wurde die Produktion eingestellt).

Der Sequenzer bietet drei Reihen mit 16 Schritten, wobei sowohl CV/Gate- als auch MIDI-Daten wie etwa Noten, Velocity, Pitchbend, Aftertouch, Program Change oder diverse MIDI-Controller-Befehle ausgegeben werden. Die Reihen können seriell oder parallel betrieben werden, sich zudem gegenseitig transponieren oder den MIDI-Kanal einer anderen Reihe wechseln. Die Sequenzen lassen sich in Realtime transponieren, und es gibt 30 Speicherplätze. Der MAQ ist trotz fehlender Swing-Quantisierung ein sehr flexibles und leistungsfähiges Groove-Werkzeug mit vielen Optionen, mit dem man sehr komplexe Patterns erzeugen kann, allerdings erfordert die Bedienung eine gewisse Einarbeitung und die dreistellige Siebensegment-Anzeige stellt hohe Anforderungen an das Memorieren kryptischer Abkürzungen.

Schaltwerk

Speziell für die luxuriöse Drum-Programmierung wurde das ebenfalls nicht mehr erhältliche Schaltwerk (1997) geschaffen (das das aktuelle Trigger-Sequenzer-Modul-Set A-157 inspiriert hat). Es gibt MIDI-Events und CV/Gate-Steuerspannungen aus. Auf der großzügig dimensionierten Bedienoberfläche des damals 1.199 Mark teuren Sequenzers stehen acht Spuren á 16 Steps mit Lauflichtprogrammierung im Stile von Rolands TR-Drumcomputern zur Verfügung. 128 Patterns lassen sich abspeichern und zu Songs verketten.

Mit dem Schaltwerk lassen sich sehr intuitiv Groove-Patterns erstellen. (Bild: Dieter Stork)

Regelwerk

Weit mehr als ein bloßer Sequenzer ist Doepfers Regelwerk: In erster Linie wurde das Pultgerät, das sich auch ins Rack schrauben lässt, als MIDI-Steuer-Zentrale konzipiert. Das Gerät kann beliebige MIDI-Datentypen mit 24 ALPS-Fadern und 48 zugeordneten Tastern und LEDs erzeugen und in Echtzeit steuern. Man kann es z. B. als Hardware-Sound-Editor oder MIDI-gesteuerte Automationen in der DAW einsetzen. Darüberhinaus lässt sich das Regelwerk, das seit Jahren nicht mehr hergestellt wird, auch als Eingabe- und Steuerelement zur Generierung und Steuerung von rhythmischen MIDI-Pattern einsetzen. Die Vielzahl der Bedienelemente begünstigt bei entsprechender Konfigurierung die intuitive Formung von Sequenzen.

Das Regelwerk kam 1998 heraus und kostete ca. 1.300 Mark. (Bild: Dieter Stork)

A-155

Der 300 Euro teure A-155 ist ein Stepsequenzer für das Eurorack. Er verfügt über zwei achtstufige Step-Reihen mit Potis und zwei Reihen mit Trigger-Signalen, die jeweils auf zwei Outputs ausgegeben werden. Die Funktionen des A-155 lassen sich mit dem Modul A-154 (ca. 165 Euro) erweitern; mithilfe dieses Sequenzer-Controllers lassen sich u. a. zwei A-155 verkoppeln, die Abspielrichtung und die Länge der Sequenz ändern, ein One-Shot Modus aktivieren (durch den der Sequenzer auch als Effekt-Hüllkurve agieren kann) und die Pulsbreite des Clock-Signals einstellen.

Ein direkter Nachfahre des Schaltwerks ist das Eurorack-Modul A-157-1, mit dem man auf acht Spuren Trigger-Signale programmieren kann. Dazu gehören das Ausgangsmodul A157-2 und das Steuermodul A 157-3 (ca. 480 Euro).
Der A-155 bietet u. a. Sample&Hold und eine Glide-Funktion mit Slew-Limiter. Zur tonalen Quantisierung des Ausgangs-CV-Signals kann man das Modul A-156 einsetzen.
Das Ergänzungsmodul A-154 erweitert den Funktionsumfang des A-155 beträchtlich.

Dark Time

Der kompakteste Step-Sequenzer im aktuellen Doepfer-Programm ist der Dark Time. An Bord sind zwei Reihen mit acht Schritten und den zugehörigen Potis sowie Schaltern mit Mute/Skip/Jump-Funktion. Wie beim A-155 lassen sich beide Achter-Reihen zu einer 16-schrittigen Sequenz verketten. Optisch ist Dark Time an den monofonen Analog-Synth Dark Energy angelehnt. Die Soundbeispiele wurden mit einem Doepfer Dark Energy II und einem MAQ 16/3 erstellt.

Der kompakte Step-Sequenzer Dark Time kostet ca. 400 Euro und besitzt CV/Gate-, USB- und MIDI-Anschlüsse. (Bild: Archiv)
Produkt: Sound & Recording 01/2020
Sound & Recording 01/2020
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