Produkt: Sonderheft Sound & Recording Studioszene 2020
Sonderheft Sound & Recording Studioszene 2020
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Hit me with your rhythm stick

Vintage Park: Dynacord Percuter & Rhythm Stick

(Bild: Dieter Stork)

Mitte der 80er-Jahre wollte Dynacord die Drummer befreien: mit dem digitalen, im Prinzip unerschöpflichen Drumsound-Vorrat des Percuter-Drumbrains ausgestattet, sollte er dank eines bizarren, gitarrenähnlichen Controllers, wie ein Gitarrist an der Bühnen-Front performen und vom Publikum mehr Liebe und Aufmerksamkeit bekommen.

Die Firma Dynacord wurde 1946 vom Ingenieur Walter Pinternagel gegründet und hatte sich u. a. durch ihre Röhren- und Transistorverstärker einen guten Namen gemacht. In den 50er-Jahren brachte sie das Echocord-Bandecho heraus, in der nächsten Dekade wurden auch Gitarren und Bässe gefertigt, und 1968 fusionierte Dynacord mit Echolette. Die Firma ist nach wie vor im bayerischen Straubing ansässig und gehört mittlerweile zur Bosch-Gruppe.

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Erdacht wurde der Percuter vom genialen Entwickler Hans-Peter Baumann, der mit seiner Boutique-Firma BME schon in den 70er-Jahren diverse kultige Analogsynthesizer wie den BE 700 fertigte und 1983 mit der Rattlesnake eine interessante analoge Rhythmusmaschine herausbrachte. Baumann konzipierte außerdem ein innovatives Modul, das mit mehreren triggerbaren Soundkanälen bestückt ist und digitale Samples abfeuern kann. Er verkaufte das Gerät an Dynacord, die es als Percuter in Serie fertigten und 1984, in einer Zeit also, als digitale Sounds sehr hoch im Kurs standen, auf den Markt brachten.

Auf der Rückseite des Percuter S finden sich acht Trigger-Inputs, die Sub-D-Multi-Trigger-Buchse sowie ein Remote-Pitch-Anschluss für Kanal 8. Auf der Vorderseite bietet das Drumbrain (hier die S-Version mit individuellen Pitch-Reglern) acht Einzelausgänge sowie einen kombinierten Stereo-/Mono- und einen Kopfhörerausgang. (Bild: Dieter Stork)

Das Desktopmodul kostete anfangs stolze 1.600 Mark, war aber im Vergleich zu anderen digitalen Klangerzeugern dieser Zeit noch relativ preiswert. Ein echter Mehrwert entstand durch die acht Trigger-Eingänge. Viele Studios, die konventionell aufgenommene »Natur«-Drums mit digitalen Sounds dem Zeitgeschmack anpassen wollten (»Digital ist besser«) und z. B. die Snare und Bassdrum einer Aufnahme austauschen wollten (was meist zusätzliches Equipment zur Generierung eines Trigger-Signals erforderte), erwarben den Percuter, von dem 1.950 Stück verkauft wurden.

Der Percuter haust in einem superstabilen, hellbeigen Gehäuse aus Stahlblech mit Holzseitenteilen, über das man vermutlich mit einem Traktor fahren könnte, ohne den Spielbetrieb zu unterbrechen. Die Bedienoberfläche ist sehr übersichtlich gestaltet, und jeder der acht Kanäle ist gleich aufgebaut: Oben kann man die Empfindlichkeit des Trigger-Signals regeln, unten die Lautstärke. Die Samples befinden sich auf den EPROMs von Cartridges, die sich unkompliziert austauschen lassen. Den Pitch kann man in der Mastersektion, die ansonsten lediglich mit einem Lautstärkeregler aufwartet, nur für alle acht Sounds gemeinsam regeln. Der Nachfolger Percuter S (unser Testgerät) verfügt pro Kanal zusätzlich über einen individuellen Pitch-Regler (mit On/Off-Schalter), was die Flexibilität des Gerätes erheblich erhöht – wer also einen Percuter auf dem Gebrauchtmarkt erwerben will, sollte nach der S-Version Ausschau halten. Es lassen sich praktischerweise auch Audio- oder Gate-Signale als Trigger nutzen. Neben dem Netzschalter gibt es noch eine Multitrigger-Eingangsbusche im Sub-D-Format, die zum Anschluss des bizarren Rhythm Stick dient.

Mit dem Boomer 8 Bit lassen sich Percuter-Cartridges mit eigenen Samples erstellen; maximal 1,3 Sekunden stehen zur Verfügung, und die Sampling-Rate kann zwischen 12 und 25 kHz liegen.

Rhythm Stick

Als Drummer hat man es auch nicht leicht … Man spielt auf der Bühne in der hinteren Reihe, während der Sänger und der Gitarrist an der Front von den Fans vergöttert werden. Der Rhythm Stick von Dynacord sollte diesem Missstand abhelfen und den Drummer in die erste Reihe holen. Mit diesem innovativen Pad-Controller, der wie eine Gitarre geformt ist, lassen sich mit der rechten Hand die Samples des Percuter mithilfe zweier Pads (im Stil eines slappenden Bassisten) antriggern, während man mit der linken Griffhand die acht Samples via (leider qualitativ fragwürdiger) Folientaster anwählt.

Steve Baltes von Arctic Sunrise (der uns das Gerät freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat), bezeichnet den Dynacord Rhythm Stick als »Das Einhorn unter den Controllern« und hat damit nicht ganz unrecht, denn zum einen ist das Teil relativ schwer auf dem Gebrauchtmarkt zu finden und zum anderen ist der Nutzwert in der realen Welt äußerst fragwürdig. Der Rhythm Stick sieht zwar super-slick aus und scheint eine großartige Performance-Idee zu sein, bietet aber auch die einzigartige Chance, sich auf der Bühne unsterblich zu blamieren, denn er ist sauschwer zu spielen. Um einen wirklich guten Groove allein mit dem Stick zu erzeugen, braucht man sehr viel Übung. Zu den Drummern, die das Gerät wirklich beherrschten und erfolgreich einsetzten, gehört Manu Katché, der allerdings auch mit einer Packung altem Toastbrot einen guten Groove zaubern könnte; er setzte den Stick u. a. bei einer Tour mit Peter Gabriel (1986) ein. Auch bei anderen Drummern wie z. B. Curt Cress – er performte mit dem exotischen Controller auf einer Tour mit Falco und Enrique Garcia von Miami Sound Machine & Gloria Estefan – kam das Gerät zum Einsatz.

Mehr Infos über den Rhythm Stick, die Belegung der Trigger-Buchse und Reparatur-Tipps findet man auf www.blue-jet.de. Entwickelt wurde der Rhythm Stick übrigens von dem englischen Gitarristen Pete Jones, der die Idee dann an Dynacord verkauft hat.

Der Mini-P ist eine zweikanalige Variante des Percuters, die etwas später auf den Markt kam. Ebenfalls mit Modulsteckplätzen ausgestattet ist der P 20, der kleine Bruder des Dynacord-Samplers ADD One.

Klanglich überzeugt der Percuter mit einem knackigen 8-Bit-Sound, der ein wenig rau, aber nicht trashy, sondern eher rund wirkt. Die Samples der Library klingen durchsetzungsfähig und meistens (zum Glück) nicht wirklich realistisch. Ihre Auswahl entspricht dem Zeitgeschmack der Mittachtziger-Jahre.

Zum Lieferumfang gehörten acht Sound-Cartridges (Natural Bass 22″, Natural Snare 8″, 3 × Natural Tom, Electrified Snare 1, Timbales 12 Zoll, Handclaps), weitere wurden von Dynacord angeboten. Wer mehr Auswahl wollte, konnte mithilfe des Boomers von Dynacord eigene Samples auf leere Cartridges brennen, die für einen Stückpreis von 90 Mark erworben werden konnten.

Der Rhythm Stick im Einsatz erinnert an eine Slap-Bass-Performance (Anzeige in KEYBOARDS 07/1986).
Hier sieht man die erste Percuter-Version (ohne Pitch-Regelung pro Kanal), daneben den Big-Brain-Sequenzer und die Digital Drums mit den fünfeckigen Pads. Der Digital Hit oben links ist nur mit einem Sample bestückt.
Die Sub-D-Trigger-Buchse an der Seite des Rhythm Stick transportiert neben der Netzversorgung auch MIDI-Daten.

Fünf Ecken

Der Percuter kann natürlich auch von Drumpads angesteuert werden. Dynacord bot damals ein Drumkit an, das Simmons, dem unangefochtenen Marktführer in diesem Segment, Konkurrenz machen sollte. Da Simmons die sechseckigen Pads zu seinem Markenzeichen gemacht hatte, begnügte sich Dynacord mit fünfeckigen Pads.

Erst mit einem Sequenzer wird das Percuter-Drumbrain eigentlich zum Drumcomputer. Dynacord bot in den 80er-Jahren den optisch verwandten Hardware-Sequenzer Big Brain mit 16 Spuren an. Er wurde ebenfalls von Peter Baumann (ursprünglich für die Rattlesnake) entwickelt, bietet Step- und Realtime-Programmierung und kann auch Velocity-Daten verarbeiten.

Der Rhythm Stick, der Boomer und der Mini P wurden uns freundlicherweise von Steve Baltes zur Verfügung gestellt.

(Bild: Dieter Stork)
Produkt: Sound & Recording 03/2020 Digital
Sound & Recording 03/2020 Digital
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Die Bezeichnung “8-bit-Sound” ist richtig, aber: Da steckte noch eine sehr gute Idee drin: Die Referenzspannung des 8-bit-Wandlers (DAC) wurde nach dem Triggern exponentiell heruntergefahren. Mit individuelle Zeitkonstante, je nach dem, wie schnell das Sample ausklingen sollte. Mit fester Referenzspannung wird’s zum Ende hin schnell “grieselig”, weil um so weniger bit zur Verfügung stehen, je leiser der Ton wird. Mit gleitender Referenz stehen praktisch für das ganze Sample immer (näherungsweise) 8 bit zur Verfügung. Das entspricht so in etwa der Dynamik der damaligen Cassetten-Tonbänder. Nicht Super-HiFi, aber durchaus brauchbar.

    Zum Percuter gab’s damals auch eine Demo-Cassette mit sämtlichen verfügbaren Sounds. Dynacord/Bosch wird die sicherlich nicht im Einzelversand anbieten, aber wenn der Autor in Straubing nachfragt … könnte Erfolg haben.

    Manfred Zollner
    http://www.gitarrenphysik.de

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  2. Percuter hatte ich tatsächlich auch mal kurz auf dem Schirm, hatte mich aber dann erst einmal für ein Simmons entschieden. Allerdings konnte ich mir Ende der 80er aus dem Hause Dynacord einen 1a geplegten AddOne mit Sampledrive und kompletter Library sichern und war dann schon eine andere Hausnummer als der Percuter.

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