Lauschen wie Gott in Frankreich

Studiokopfhörer Focal Clear & Listen Professional im Test

Focal-Clear-Pro-(Bild: Dr. Andreas Hau)

Vor vier Jahren versuchte sich die französische Lautsprechermanufaktur Focal erstmals als Kopfhörerhersteller. Es war ein Einstand nach Maß: Der Spirit Professional spielte auf Augenhöhe mit den besten geschlossenen Studiokopfhörern. An seine Stelle tritt nun der Listen Professional, und mit dem brandneuen offenen Premiumkopfhörer Clear Professional möchte Focal nun auch das Hochpreissegment erobern.

Vor zehn Jahren waren Studiokopfhörer »Tools«, die man fast ausschließlich fürs Musiker-Monitoring verwendete, vielleicht auch noch als akustische Lupe, um Störgeräusche ausfindig zu machen. Mit dem allgemeinen Kopfhörer-Boom hat sich das grundlegend gewandelt. Denn wenn ein Großteil der Konsumenten Musik über Kopfhörer genießt, muss der Mix darauf abgestimmt sein. So mancher Musikproduzent mischt gar ausschließlich über Kopfhörer − teils aus Notwendigkeit, weil die Raumakustik zu wünschen übrig lässt, teils aber auch aus Gründen der Mobilität. Oder schlicht aus Überzeugung! Denn was könnte einem den Klang näher bringen als ein richtig guter Kopfhörer?

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Diese verschiedenen Bedarfsfelder decken die beiden neuen Focal-Kopfhörer sehr gut ab. Der Listen Professional ist ein geschlossener Kopfhörer fürs Musiker-Monitoring und den (mobilen) Einsatz in lauten Umgebungen. Der Clear Professional ist dagegen ein offenes Premium-Modell für Überzeugungstäter, die auch beim Mixing der Kopfhörerwiedergabe den Vorzug geben.

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Listen vs. Clear

Während der geschlossene Listen Professional in einer »normalen« Kartonverpackung geliefert wird, kommt der offene Clear Professional in einer durchgestylten nachtschwarzen Premium-Verpackung. Hier deutet sich bereits der Preisunterschied an: Der Listen Professional gehört mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 296,31 Euro zu den erschwinglicheren Kopfhörern der Mittelklasse, während der Clear Professional mit einer UvP von 1.783,81 Euro im Spitzensegment angesiedelt ist.

Dabei ist die Ausstattung gar nicht so unterschiedlich. Beide Kopfhörer werden in einem Trageköfferchen geliefert. Das des Listen Professional ist schwarz und hat eine nahezu quadratische Grundfläche. Dank des Faltmechanismus’ des darin liegenden Kopfhörers ist das Case etwas kompakter als üblich. Das Case des Clear Professional hat dagegen eine Muschel-ähnliche Form und ist raffinierter gearbeitet. Die graue Stoffoberfläche lässt Assoziationen zu einer Feldflasche aufkommen; der abnehmbare Tragebügel besteht aus echtem Leder.

Beide Modelle werden mit je zwei Kabeln geliefert: einem kurzen, geraden Kabel mit Miniklinkenstecker für den mobilen Einsatz und einem längeren Spiralkabel für den stationären Einsatz. Voll ausgezogen soll das Spiralkabel bis zu fünf Meter erreichen; den tatsächlichen Aktions- radius (ohne dass die Spannung des Kabels den Kopfhörer von der Birne pellt) würde ich auf etwa die Hälfte beziffern. Beim Listen Professional ist die Kabelzuführung einseitig an der linken Ohrmuschel. Dort wird das Kabel in eine verrie- gelbare Klinkenbuchse eingesteckt. Das 1,4 m kurze gerade Kabel des Listen Professional hat auf der anderen Seite eine vierpolige Miniklinkenbuchse, denn es hat zusätzlich einen multifunktionalen Button zur Wiedergabesteuerung (Play/ Pause/vor/zurück).

Das Mobil-Kabel (1,2 m) des Clear Professional hat eine solche Funktion nicht, außerdem läuft die Kabelzuführung beidseitig über unsymmetrische Klinkenstecker. Im Premium-Segment scheinen tatsächlich viele Käufer eine beidseitige Zuführung zu bevorzugen, weil dann beide Kabelwege exakt gleich lang sind. Nicht, dass das wirklich etwas ausmachen würde. Beim Clear Professional haben die Steckverbinder keine Verriegelung, was aber vielleicht ganz gut ist, da so Beschädigungen vermieden werden, sollte man mit dem Kabel irgendwo hängenbleiben. Auch die Spiralkabel unterscheiden sich bei beiden Modellen: Das des Listen Professional hat einen 3,5-mm-Miniklinkenstecker mit verschraubbarem 6,3-mm-Großklinkenadapter; beim Clear Professional hat das Spiralkabel einen festen 6,3-mm-Großklinkenstecker. Ein Adapter für Miniklinkenanschlüsse liegt nicht bei. Für den Miniklinkenanschluss des kurzen Kabels liegt aber ein Großklinkenadapter bei. Sämtliche Kabel wirken robust und sind bestens verarbeitet.

Focal-Listen-Pro
Der geschlossene Kopfhörer Listen
Professional ist wie das teurere offene
Modell schwarz mit farblich
abgesetzten Polstern designt.
(Bild: Dr. Andreas Hau)

Gleiches trifft auf die Kopfhörer selbst zu. Beide kommen in einem attraktiven Design mit Schwarz als Grundfarbe und Polstern in einem gebrochenen Magenta-Farbton. Das Focal-Logo ist chromglänzend abgesetzt. Bei den verwende- ten Materialien zeigt sich der Preisunterschied: Während der Listen Professional durchgängig aus robusten Kunststoffen besteht, ist der Clear Professional weitgehend aus Metall gearbeitet. Die Materialwahl äußert sich auch im Gewicht: Der Listen Professional wiegt nur 280 g, der Clear Professional mit 450 g fast doppelt so viel. Dank der weichen Memory-Foam-Polsterm mit perforierter Mikrofaser-Oberfläche verteilt sich das hohe Gewicht des offenen Modells aber gleichmäßig, sodass keine unangenehmen Druckstellen entstehen. Die großen, akustisch sehr offenen Muscheln sind ohrumschließend. Ersatzpolster gehören zum Lieferumfang. Der geschlossene Listen Professional hat kleinere Muscheln; der Hersteller spricht dennoch von »circum-aural« − für meine großen Lauscher sind sie jedoch eher ohraufliegend als ohrumschließend. Da auch hier Memory-Foam zum Einsatz kommt, ist trotz des höheren Anpressdrucks ein recht hoher Tragekomfort gegeben.

Beide Kopfhörer arbeiten mit 40-mm-Treibern. Laut Her- steller haben die des preisgünstigen Listen Professional Mylar-Titan-Kalotten, während die des exquisiten Clear Professional mit M-förmigen Kalotten aus Aluminium-Magnesium ausgestattet sind. Wie fast alle neueren Kopfhörer arbeiten die beiden Focals niederohmig: Der Listen Professional ist mit 32 Ohm spezifiziert, der Clear Professional hat eine Impedanz von 55 Ohm. Damit lassen sich beide Kopfhörer selbst an batteriegespeisten Mobilgeräten mit mehr als ausreichender Lautstärke betreiben. Die Sensitivity des Clear Professional ist mit 104 dB SPL/1 Vrms recht hoch, die des Listen Professional ist gar mit 122 dB SPL/1 Vrms angege- ben. Letzteres scheint mir ein bisschen übertrieben; der geschlossene Listen Professional ist schon etwas lauter als der Clear Professional, aber gewiss nicht um 18 dB, eher 3 bis 6 dB. Der Übertragungsbereich des Listen Professional ist mit 5 Hz − 22 kHz angegeben, der Clear Professional soll laut Hersteller sogar bis 28 kHz übertragen. Solche Angaben sind generell mit Vorsicht zu genießen, denn Kopfhörer las- sen sich nicht völlig objektiv messen, weil sich das Zusammenspiel zwischen Ohr und Kopfhörer nicht so leicht simulieren lässt. Sinnvoll beurteilen kann man Kopfhörer letztlich nur durch Ausprobieren und Vergleichen.

Focal-Clear-Pro-(Bild: Dr. Andreas Hau)

Praxis

Gespannt war ich natürlich vor allem auf Focals neues Flaggschiff, den Clear Professional, zumal ich ein bekennender Fan von offenen Kopfhörern bin. Die Ohrmuscheln des Clear Professional sind in der Tat extrem offen; Außengeräusche werden über den gesamten Hörbereich fast gar nicht gedämpft, was gleichzeitig aber auch dem luftigen, natürlichen Klangbild zugutekommt. Man vergisst rasch, einen Kopfhörer zu tragen.

Anders als manch anderer Hörer der Premiumklasse wirkt der Clear Professional anfangs recht unspektakulär. Er gehört nicht zu den Modellen, die neue, bislang verborgene Details aus lange bekannten Aufnahmen zutage fördern. Erst nach einer Weile bemerkt man, dass genau darin seine Stärke liegt. Das Klangbild des Clear Professionals kommt der Lautsprecherwiedergabe recht nahe; oder besser gesagt: Er klingt ähnlich wie eine erstklassige, lineare, optimal eingestellte Abhöre in perfekter Studioakustik. Was, wie wir wissen, in der Realität selten vorkommt und mit Kosten verbunden ist, die den Kaufpreis des Focal Clear Professional günstig erscheinen lassen.

Der Clear Professional zeigt zuverlässig auf, ob ein Mix gelungen ist oder noch Arbeit erfordert, ob Zischlaute und Becken zu scharf oder zu dumpf klingen, ob der Bass druckvoll ist oder schon dröhnt. Natürlich ist auch Focals Premium-Hörer nicht völlig frei von der Kopfhörer-typischen Im-Kopf- Lokalisation der Stereomitte, aber der Effekt ist weniger stark ausgeprägt als üblich. Das Klangbild wirkt losgelöst von den Membranen. Das Stereopanorama ist weit, bei guter Lokalisation der Phantomschallquellen, ohne aber durch übertriebene Breite die Aufmerksamkeit von den wichtigen Signalen in der Stereomitte allzu sehr wegzulenken. Mit dem Clear Professional kann man wirklich stundenlang ermüdungsfrei hören, zumal der Tragekomfort trotz des recht hohen Gewichts ausgezeichnet ist.

Focal-Clear-Pro-
Der Focal Clear Professional wird in einem ebenso hochwertigen wie
formschönen Case geliefert.
(Bild: Dr. Andreas Hau)

Der geschlossene Listen Professional ist eine andere Klangwelt. Sein Stereopanorama wirkt etwas in die Breite gezogen, wodurch die Phantommitte leiser erscheint. Sub- jektiv wirkt der Klang etwas detailreicher, was auch an den leicht angehobenen Höhenfrequenzen liegt. Die betörende Natürlichkeit des Spitzenmodells erreicht der Listen Professional nicht ganz, aber für einen geschlossenen Kopfhörer klingt er erstaunlich »offen« und luftig. Diese nasale Topfigkeit in den Mitten, die vielen geschlossenen Kopfhörern anhaftet, hat Focal dem Listen Professional erfolgreich abgewöhnt.

Selten habe ich einen so transparent klingenden, geschlossenen Kopfhörer gehört. Bis auf die leicht angehobenen, durchaus angenehmen Höhen klingt der Listen Professional sehr ausgewogen, sodass man ihn durchaus auch zum Mischen verwenden könnte, wenngleich die Beurteilung kritischer Klangkomponenten schwieriger fällt als beim ungleich teureren Clear Professional. Hi-Hats und S-Laute erscheinen mitunter etwas zischeliger als sie eigentlich sind. Insofern erfordert der Listen Professional etwas Zeit zum Einhören, während der Clear Professional auf Anhieb ein sicheres Gefühl in Sachen Mixbeurteilung vermittelt. Im Bass ist der Listen Professional aber ungewöhnlich klar und transparent; Tonhöhen sind präzise erkennbar. Da wummert nichts.

Die Außengeräuschunterdrückung des Listen Professional liegt im Mittelfeld; in umgekehrter Richtung lassen die Treiber nur wenig Schall nach außen entweichen. Was den Tragekomfort angeht, kann sich der geschlossene Listen Professional natürlich nicht mit dem offenen Clear Professional messen, auch weil die kleineren Hörermuscheln teils auf den Ohren aufliegen. Für ein geschlossenes Modell ist der Tragekomfort aufgrund der samtig weichen Polster und des geringen Gewichts aber recht hoch.

Focal-Listen-Pro
Aufgrund des cleveren
Faltmechanismus’ konnte
das Case des Focal Listen
Professional besonders
kompakt gestaltet werden.
(Bild: Dr. Andreas Hau)

Fazit

Mit den Modellen Clear und Listen Professional hat die französische Edelschmiede Focal ein kleines, aber feines Kopfhörerprogramm für den professionellen Markt geschaffen. In Preis und Zielsetzung unterscheiden sich beide Modelle markant. Getreu dem Herstellermotto »listen to your music, not to your speakers« klingt der offene Kopfhörer Clear Professional auf ganz unaufdringliche Weise transparent. Anders als manch anderer Premium-Kopfhörer ist er kein Detail- Monster, der bislang Ungehörtes − und demnach weniger Wichtiges − hervorkehrt. Genau das macht den Clear Professional aber zu einer ausgezeichneten Wahl fürs Mixing, denn er stresst nicht mit Über-Information. Er bietet eine ähnliche Detailtiefe wie eine perfekte Lautsprecher-Abhöre, aber eben nicht mehr. Es fällt leicht, sich auf die wichtigen Elemente zu konzentrieren. Kritische Frequenzbereiche lassen sich sicher beurteilen, auch weil die Gesamtbalance sehr linear ist. Diese unbestreitbaren Qualitäten des Clear Professional mögen sich einem nicht sofort erschließen, insofern sollte man sich ein wenig Zeit nehmen, ihn kennen und schätzen zu lernen. Aber besser nur, wenn man das nötige Kleingeld hat, denn anschließend wird man sich schwerlich wieder von ihm trennen können.

Dass der Listen Professional nur etwa ein Sechstel des Clear Professional kostet, mag man zunächst kaum glauben, denn auch er spielt auf hohem Niveau. Für einen geschlos- senen Kopfhörer klingt er überraschend luftig und transpa- rent. Bis auf die leicht angehobenen Höhen wirkt sein Klang- bild sehr linear; das gilt besonders für die wichtigen Mitten- frequenzen, die der Listen Professional ohne jene topfigen Resonanzen wiedergibt, die den Klang vieler geschlossener Kopfhörer verunzieren. Auch der Bassbereich klingt erstaun- lich differenziert. Für mich gehört der Listen Professional ohne Frage zu den besten geschlossenen Kopfhörern, die man derzeit kaufen kann. Chapeau!

+++
sehr ausgewogenes Klangbild (besonders Clear Professional)
+++
hochwertige Verarbeitung
+++
umfangreiche Ausstattung
+(++)
bequemer Sitz (insbesondere Clear Professional)

Hersteller/Vertrieb: Focal / Sound Service
UvP/Straßenpreis Clear Professional: 1.783,81 Euro / ca. 1.499,− Euro
UvP/Straßenpreis Listen Professional: 296,31 Euro / ca. 249,− Euro

www.soundservice.de

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