Software-Sequenzer

Steinberg Cubase 7 im Test

Wie verbessert man einen Sequenzer, der seit Ende der 80er-Jahre stetig weiterentwickelt wurde? Man beginnt in Teilbereichen vollständig neu! Steinbergs alljährliches Major-Update macht dieses Mal besonders neugierig.steinberg-cubase7

Vorweg: das Update ist sehr umfassend, und auch wenn sich grafisch in den meisten Abteilungen nichts geändert hat, sollte man sich etwas Einarbeitungszeit gönnen, denn am komplett neugestalteten Mixer kommt wohl kaum jemand vorbei. Ein deutschsprachiges Handbuch hat Steinberg bislang noch nicht bereitgestellt, es wird aber mit Version 7.0.2 Anfang Februar erhältlich sein. Zunächst helfen die Tutorial-Videos, die über die Steinberg-Website abzurufen sind.

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Mixer

Der Mixer − nun »MixConsole« betitelt − wurde im Design komplett überarbeitet, aber auch funktional hat sich hier einiges getan. So viel steht schon mal fest: Man muss mit der neuen Console in jedem Fall klarkommen, denn »Mixer 1/2/3« im Geräte-Menü zaubert nicht etwa die alte Variante auf den Monitor, ermöglicht dafür aber einen schnellen Wechsel zwischen drei verschiedenen Konfigurationen der Mixumgebung. Und das erweist sich beim Arbeiten mit Cubase 7 als sehr praktisch.

Die MixConsole setzt sich aus drei Fensterbereichen zusammen, die nahtlos aneinander anknüpfen: links die »Kanalauswahl«, den Hauptbereich teilen sich »Fader« und die sogenannten »Racks« – also der ehemalige Bereich für Inserts, Sends oder Routing. Diese drei Bereiche lassen sich je nach Bedarf ein- und ausblenden sowie frei skalieren. Mit einer Zoom-Palette – wie gewohnt aus dem Arrangement – kann man mit den Tasten [G] und [H] horizontal zoomen und somit die Breite der Kanalzüge ändern. So kann man sich das Mischpult je nach Anwendung und Bedarf dimensionieren.

Kanalarbeiten: Auch kann man bestimmen, was man sieht: Die »Kanalauswahl« zeigt unter dem Tab »Sichtbarkeit« eine Liste mit allen im Projekt vorhandenen Spuren. So kann man den Mixer vorrübergehend ausdünnen, denn per Mausklick lassen sich alle Spuren ein- und ausblenden. Ein weiteres Tab namens »Zonen« versieht die Liste mit zwei Schaltflächen neben jedem Kanal, mit denen sich dieser entweder auf der linken oder rechten Seite des Mixers fest verankern lässt. Das bietet sich natürlich für Signale an, die bis zum finalen Mixdown häufig nachgeregelt werden müssen, etwa die Lead-Vocals.

Nach dem Routing finden sich im Modul »Pre« in nächster Nähe zur Phaseninvertierung und Eingangsverstärkung nun auch ein Hoch- und Tiefpassfilter. Da beide Filter gleichzeitig in allen Kanälen erscheinen, kann man so die grundlegende Frequenzverteilung einer Mischung sehr schnell skizzieren.

Standardgemäß befindet sich die Console im »Exclusive«-Modus, das heißt, dass immer nur der zuletzt angewählte Rack-Typ zu sehen ist. Deaktiviert man diesen Modus, ist es nun möglich, Inserts und Sends gleichzeitig anzuzeigen.

Inserts werden nun über ein neues Drop-Down-Menü geladen, das über eine Stichwortsuche verfügt. Das geht wirklich sehr fix; um einen Insert-Effekt wieder zu entfernen, ist aber ebenso ein Klick auf den Slot erforderlich. Das eingeblendete Menü hebt immer das aktuelle Plug-in hervor − somit muss man häufig ganz nach oben scrollen, nur um »Kein Effekt« zu wählen − sehr umständlich! Auch ärgerlich, dass Steinberg an der etwas altbackenen Struktur der Insert-Slots festhält. Die Anzahl ist immer noch auf acht Slots beschränkt: sechs Pre-Fader, zwei Post-Fader.

Channelstrip: Aufgrund des frisch vorgestellten Channelstrips kann man auf ein paar traditionelle Plug-ins verzichten und somit Insert-Slots freischaufeln. Die Prozessorreihenfolge des Strips ist variabel, aber zunächst ganz klassisch eingerichtet: Gate, Compressor, Transienten-Designer, Saturation und Limiter. Lediglich die Position des hauseigenen Equalizers, der im Übrigen nun mit einem Spektrumanalyzer hinterlegt ist, lässt sich im Signalfluss ändern.

Diese wichtigen Audio-Prozessoren sind also ab sofort in jedem Kanalzug fest integriert. Besonders in großen Projekten entpuppt sich dies als sehr zeitsparend und übersichtlich, da die Bedienelemente jederzeit auf allen Kanälen gleichzeitig zu begutachten sind. Manche dieser Module bieten sich in unterschiedlichen Ausführungen an. So lässt sich der Standard-Kompressor wahlweise in die Tube- oder Vintage-Version verwandeln, und auch das Saturation-Modul kann entweder im Tube- oder Tape-Modus arbeiten. Neben dem Standard-Limiter stehen noch Brickwall-Limiter und Maximizer zur Auswahl.

Steinberg seine bekannten Plug-ins in die Console gepackt und einen direkten Zugriff auf deren Parameter ermöglicht. Perfekt! Hier würde ich mir vielleicht noch wünschen, weitere Plug-ins in diese höchstpraktische Ansicht einbeziehen zu können.

Weniger Mausklicks: Steinberg hat sich bei der neuen Mixeraufteilung viel gedacht und Funktionen eingebaut, um die Maus weitgehend zu verbannen. Zwischen Kanalauswahl, Racks und Fadern kann man jetzt blitzschnell mit der [Tab]-Taste wechseln. Der automatisch angezeigte rote Rahmen lässt sich sodann mit den Pfeiltasten weiter verschieben − sehr praktisch, um etwa nur mit der Tastatur Plug-ins zu öffnen oder Sends zu aktivieren.

Werkzeugleiste: Der neue Mixer verfügt zudem über eine eigene Werkzeugleiste. Hier befindet sich auch die neue Schaltfläche »QLink«. Ist diese aktiv, sind gegenwärtig selektierte Kanäle verbunden. Das heißt, nicht nur Fader und Panorama lassen sich gleichzeitig ändern, sondern auch alle Bedienelemente des Strips. Selbst die Parameter von Drittanbieter-Plug-ins arbeiten synchron (!), sofern sie sich auf der gleichen Höhe innerhalb der Insert-Slots befinden − eine erstklassige Hilfe, um etwa viele Spuren von Background-Vocals mit der gleichen Kompressoreinstellung zu versehen. Diese horizontale Gleichschaltung erfolgt auch bei den Aux-Sends.

Weitreichende Verbesserung hat auch die dauerhafte Verknüpfung von Kanalzügen erfahren. Ähnlich wie in Logic oder Pro Tools hat man nun endlich die Wahl, nicht nur Fader oder Mutes in eine Gruppe einzubeziehen, sondern auch Sends, Equalizer, Routing und Automationsmodi − je nachdem, wo das Häkchen im dedizierten Fenster gesetzt ist. Die Gruppen werden dann in der Werkzeugleiste unter »Link« verwaltet. Eine Benennung der Gruppen ist nicht möglich, die Gruppennummern erscheinen immerhin unter dem Fader neben der Kanalnummer.

Doch nicht nur der Mixer, sondern auch die Kanaleinstellungen, also das Fenster, welches über die Schaltfläche »E« geöffnet wird, zeigt ein frisches Gesicht. Für jeden Kanal lässt sich der darauf folgende Signalweg anzeigen. Nutzt man diese Funktion beispielsweise auf dem Einzelkanal »Main Vocals«, klappen rechts daneben die Spuren »Acapella-Bus« und »Stereo-Summe« auf. Hir möchte ich ein großes Lob aussprechen: Das ist sehr übersichtlich! Und es funktioniert ebenso in die andere Richtung, denn auf Bussen werden alle Quellen aufgelistet. Mit nur einem Mausklick kann man direkt zu dem Eingangssignal springen.

So schön die neue Version des Mixers auch erscheinen mag, ein paar wichtige Funktionen hat Steinberg immer noch vergessen: Kanäle lassen sich dort immer noch nicht verschieben oder löschen und die Undo-Funktion [Strg]+[Z] wirkt sich auch bei geöffneter Console immer nur auf das Arrangement aus. Also Vorsicht!

Zumindest hat es Steinberg endlich geschafft, dass das Arrangement-Fenster nach Öffnen und Schließen des Mixers immer noch in der zuvor eingestellten Größe − auch Vollbild − erscheint. Schon mal ein Mausklick weniger!

Online-Kollaboration

Das dritte Highlight aus Hamburg ermöglicht Recording-Sessions über das Internet: »VST Connect SE« ist nur in Cubase 7 verfügbar und besteht aus zwei Plug-ins. Eines wird auf dem Input-Kanal, an den das Talkback-Mikrofon angeschlossen ist, als Insert geladen. Hier sind Videofenster und alle wichtigen Mixing-Funktionen zu sehen. Ein weiteres Plug-in übernimmt das Senden des Cue-Mixes. Am besten wird dieses auf einer Gruppe eingefügt und über das Routing oder Aux-Sends beschickt. Die Standalone- Applikation »VST Connect SE Performer«, die man kostenlos von der Steinberg-Website downloaden kann, muss auf der übers Netz verbundenen DAW installiert werden − dann klappt die Kommunikation.

Die Einrichtung ist mit vielen Schritten verbunden und benötigt deshalb etwas Zeit − besonders für den Engineer −, doch diverse Tutorial-Videos und die PDF-Dokumentation helfen bei diesem Prozess. Steinbergs Hinweis, auf Verbindungen per WLAN zu verzichten, hat sich auch im Test bestätigt.

Erst mit einer kabelgebunden Verbindung und einigen Kniffen am Router konnte die Session starten. Sonst klappte alles reibungslos, allerdings sind unter Umständen einige Kleinigkeiten hinsichtlich Ports und Firewall zu beachten. Innerhalb eines lokalen Netzwerks funktioniert VST Connect nicht, da zwei unterschiedliche IP-Adressen vorausgesetzt werden.

Erfreulich wäre noch eine Pegelanzeige des eigenen Talkbacks direkt im Fenster, aber immerhin wird es automatisch deaktiviert, sobald das Playback startet. Der integrierte »Control Room Mixer« funktioniert im Zusammenhang mit Steinbergs neuer Errungenschaft leider noch nicht. Doch hinsichtlich des Cue-Mixes haben beide Teilnehmer zumindest Zugriff auf die integrierten Bordmittel: Equalizer, Kompressor und Hall.

Sehr schön, dass sogar die auf dem Performer-Rechner vorhandenen Audiointerfaces und Input-Konfigurationen angezeigt sind, wodurch der Engineer auch technisch weniger versierten Musikern unter die Arme greifen kann.

VST Connect SE verarbeitet keine PCM-Ströme, sondern nur komprimierte Daten, deren Qualität sich zwischen 128 und 384 kbps bewegt. Klar, dass man bei niedrigeren Werten nicht viel erwarten darf, der Höchstwert ist jedoch absolut brauchbar. Lead-Vocals und andere hochempfindliche Signale könnte der Performer gleichzeitig auf seinem Rechner mitschneiden, sodass die Möglichkeit zum späteren Austausch gewährleistet ist. Doch das Wichtigste: Die Aufnahmen sitzen auf dem Punkt!

Workflow

Ein Rechtsklick auf beliebige Plug-ins ermöglicht es, alle Parameter in den neuen »Remote Control Editor« zu übertragen. Dabei erkennt der Editor automatisch, ob es sich um einen Drehregler oder einen Schalter handelt, und passt die Konfiguration dementsprechend an. So konnten alle Bedienelemente beispielsweise von einem UAD SSL-E-Channelstrip, Altiverb und anderen Plug-ins übernommen und die erzeugten Zellen nachträglich um – benannt und verschoben werden.

Der Clou: Ist das Layout einmal gespeichert, wird die Zuweisung automatisch aufgerufen, sobald das gleiche Plug-in als neue Instanz geladen wird. Dadurch kann man das Plug-in komfortabel mit einem MIDI-Controller steuern.

Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings, denn nur folgende Layouts werden unterstützt: Avid System 5 MC, Avid Artist Series, Steinberg Houston, WK-Audios ID und Yamaha DM2000. Andere MIDI-Controller, die zwar mit den Quick-Controls interagieren, werden nicht im Editor erkannt.

Alle Effekte sind nun mit einem »A/B«- Schalter versehen. So lassen sich zwei Einstellungen schnell vergleichen − auch in Plug-ins, die diese praktische Funktion nicht von Haus ihr Eigen nennen.

Auch hinsichtlich des Dateimanagements hat sich etwas getan, denn Audiodateien lassen sich nun aus der Mediabay (nicht aus dem Arrangement) geschwind per Drag&Drop sogar in Drittanbieter-Instrumente wie Kontakt 4 oder Battery 3 laden. Auf der der Wunschliste vieler Nutzer befindet sich leider immer noch eine Funktion im Stile von Pro Tools’ »Tab-To-Transients« oder Logics »Bounce-In-Place«.

Leistung

Alle in Cubase 6.5 erstellten Testprojekte öffneten sich problemlos, sogar mit den früher erstellten Tastaturbefehlen, und auch der Klang ist noch der gleiche, nachdem die Spuren den neuen Mixer durchlaufen.

Bei einem ohnehin schon sehr leistungsfähigen und vor allem stabilen System wie Cubase ist es nicht ganz einfach, einem Sequenzer zu noch mehr Schmackes zu verhelfen. Doch Steinberg schüttelt diesbezüglich ein Ass aus dem Ärmel.

Die Audio Engine wurde durch den sogenannten »ASIO Guard« verbessert. Hier werden die durch den ASIO-Puffer definierten Zeitfenster ignoriert, und sobald etwas Freiraum herrscht, schon die nächsten Datenpakete berechnet. Dieser Vorgriff kann den Audiostrom stabilisieren und Drop-Outs verhindern. Der Guard wirkt sich allerdings nicht auf echtzeitabhängige Signale aus, wie etwa Spuren, in denen das Monitoring aktiv ist. Ebenso greift die Technologie nicht bei VST-Instrumenten, die mit Disk-Streaming oder mehr als einer MIDI-Eingangsquelle arbeiten. Derartige Spuren werden weiterhin im traditionellen ASIO-Zyklus verarbeitet. Lange Rede, kurzer Sinn: Im Praxistest konnte die CPU-Anzeige »Realtime Peak« innerhalb einer voll ausgelasteten Mixing-Session um satte 30 Prozent reduziert werden. Hut ab!steinberg-cubase7-2

Fazit

Begeisterung! Die neue MixConsole − sie macht den Hautteil des Updates aus − weiß sehr zu gefallen, und man möchte sie nicht mehr missen. Durch Neueinführung des Channelstrips, Kanalliste, Link-Funktion oder die Stichwortsuche, die sich wie ein roter Faden durch Routing und Effektauswahl zieht, ist ein viel schnelleres und flexibleres Mischen möglich.

Ebenfalls großes Lob für die Akkordspur, die ein zentrales Managementsystem für Harmonieabfolgen einer Produktion darstellt. Ein Megatool für Songwriter, wenngleich die Analyse von bestehenden MIDI-Events noch ausbaufähig ist. Ebenso innovativ zeigt sich »VST Connect SE«, welches nach dem doch recht üppigen Einrichtungsprozess gute Ergebnisse liefert.

Die neuen Features benötigen wie beschrieben zum Teil eine gewisse Einarbeitung, erweitern und modernisieren Cubase aber um wichtige Funktionen und erleichtern vor allem das Arbeiten mit diesem komplexen Recording-Werkzeug.

Hersteller/Vertrieb

Steinberg

UvP/Straßenpreis

599,− Euro / ca. 570,− Euro

www.steinberg.net

+++ Mixer weitreichend überarbeitet

++ Verbesserung von Workflow und Leistung

++ ASIO Guard

+ Integration Channelstrip

+ VST Connect SE

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