Bändchenmikrofon mit Aktiv-Elektronik

RØDE NTR im Test

Mit technisch ausgereiften, noch dazu preisgünstigen Kondensatormikros hat sich Røde viel Lob und Respekt verdient. Nun versucht sich der australische Hersteller erstmals an einem Bändchenmikrofon. Bereits beim ersten Anblick wird klar: Eine Kopie eines Ribbon-Klassikers ist das Røde NTR definitiv nicht. Was es ist und was es kann — wir haben’s getestet.

Rode NTR

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Rødes erstes Bändchenmikrofon wird in einer durchaus edel wirkenden Pappverpackung geliefert, die genauso schwarz ist wie das Mikrofon. Mit 216 x 65 mm und einem Gewicht von knapp über 1 kg (!) ist das NTR ein ziemlicher Brocken. Zum Lieferumfang gehören ein Staubschutzbeutel sowie eine Gelenkhalterung, die auf der Unterseite mit dem Mikrofon verschraubt wird. Eine Spinnenhalterung liegt nicht bei, ist aber auch nicht wirklich nötig, da das Bändchensystem im Mikrofonkorb elastisch gelagert ist. Damit der empfindliche Schallwandler beim Transport nicht von innen gegen den Korb stößt, lässt sich diese interne Mikrofonspinne über eine Sicherungsschraube arretieren.

Die ungewöhnliche Formgebung des NTR ist nicht unbedingt zwingend − man hätte die gleichen Features gewiss auch in einem konventionelleren Gehäuse unterbringen können − zweckmäßig ist das Design aber schon. Der flache, sehr große Mikrofonkorb wirkt akustisch transparent und zeigt keine auffälligen Resonanzen. Das Material ist kein Geflecht, sondern fein perforiertes Metall, ähnlich dem von Røde in Zusammenarbeit mit Rycote entwickelten Poppschirm (der hier aber nicht mit dabei ist).

Der zylindrische Fuß macht einen Großteil des Gewichts aus; hier sitzen der von Røde selbst hergestellte Übertrager und die Aktivelektronik. Das NTR ist nämlich ein aktives Bändchenmikrofon, das wie ein Kondensatormikrofon mit 48-Volt-Phantomspeisung betrieben wird. Entsprechend hoch ist der Übertragungsfaktor von 30 mV/Pa − damit liegt der Ausgangspegel des NTR sogar noch über dem eines Neumann TLM 103. Der Grenzschalldruckpegel ist mit 130 dB spezifiziert (bei 1 % THD), was für alle üblichen Anwendungen ausreichen sollte. Das Eigenrauschen liegt bei 15 dB-A; das ist ein recht guter Wert für ein aktives Bändchenmikrofon und entspricht in etwa dem Rauschverhalten eines guten Kleinmembran-Kondensatormikros.

Akustisch ist der Bändchen-Schallwandler des Røde NTR nahezu klassisch aufgebaut: Ein hauchdünnes Aluminiumbändchen von 1,8 Mikrometer Dicke ist in einem Magnetspalt aufgehängt, der von zwei extrem starken Permanentmagneten gebildet wird. Da das Bändchen von frontseitigem wie von rückseitigem Schall gleichermaßen ausgelenkt wird, ergibt sich auf natürliche Weise eine Achtercharakteristik.

Zu sehen ist das Bändchen nicht, denn es wird von einer perforierten Metallplatte (»Phase Plug«) verdeckt. Im Grunde handelt es sich dabei eine moderne Version jener gelochten Reflektorbleche, wie sie schon in den 40er-Jahren zum Einsatz kamen, um die Höhenwiedergabe zu verbessern. Mikrofone mit Achtercharakteristik (wie eben Bändchen) haben nämlich grundsätzlich mit der Übertragung hoher Frequenzen zu kämpfen. Umso mehr erstaunt es, dass Røde den Übertragungsbereich des NTR mit 20 Hz − 20 kHz angibt. Sollte der ominöse Phase Plug derart effektiv sein?

NACHGEMESSEN

Tatsächlich schneidet die Messkurve die 20- kHz-Marke bei knapp unter −3 dB − das ist außergewöhnlich gut für ein Bändchenmikrofon! Allerdings kommt es davor zu einem stärkeren Pegelabfall von maximal 6 dB bei 10 kHz. Zwischen 300 Hz und 3 kHz erstreckt sich ein nahezu linearer Bereich: Das sind die allseits beliebten, verfärbungsarmen Bändchen-Mitten.

In den Tiefen kommt es durch den Nahbesprechungseffekt, der aufgrund der Achtercharakteristik besonders ausgeprägt ist, zu einer breitbandigen Anhebung. Wobei einmal mehr darauf hingewiesen sei, dass wir nicht wie die meisten Hersteller bei 1 Meter Abstand messen, sondern bei nur 33 cm zur Schallquelle, was eher der gängigen Aufnahmepraxis entspricht − zumindest bei Kondensatormikros; für Bändchenmikros sollte man, sofern machbar, etwas größere Abstände wählen, um eben jene Bassbetonung durch den Naheffekt etwas zu mildern.

Die leichte Welligkeit gerade in den unteren Frequenzen rührt von leichten Resonanzen im Aufnahmestudio, das wir zur Messung nutzten. In der reflexionsfreien Kammer kämen schönere Plots zustande, aber wir versuchen ja zu zeigen, wie sich das Mikrofon unter realen Bedingungen verhält.

Vom deutschen Vertrieb Hyperactive erhielten wir zwei Exemplare mit nicht fortlaufenden Seriennummern. Die beiden Mikros verhielten sich messtechnisch und auch im subjektiven Klangeindruck praktisch identisch. Bei beiden Exemplaren waren außerdem die Plots von Vorder- und Rückseite deckungsgleich bis auf ganz minimale Abweichungen in den oberen Frequenzen. Ein eindrucksvoller Beleg der hohen Fertigungspräzision!

PRAXIS

Die Messungen täuschen nicht: Das Røde NTR klingt höhenreicher als die meisten Bändchenmikrofone, insbesondere im Air-Band oberhalb 15 kHz. Mit einem Kondensatormikro wird man es trotzdem nicht verwechseln, denn genau dort, wo Großmembranmikrofone eine Präsenz- bzw. Höhenanhebung haben, liegt beim NTR eine breite Senke im Frequenzgang. Wo Kondensatormikros mitunter etwas aggressiv wirken, zeigt sich das Røde NTR betont defensiv. Und das ist auch gut so, denn der Sinn einer Mikrofonsammlung liegt ja gerade darin, Kontraste zu bilden. Mikrofonsammlung sage ich ganz bewusst an dieser Stelle, denn ein Bändchenmikrofon ist kein allein selig machender Schallwandler, sondern die ideale Ergänzung zu bereits vorhandenen Kondensatormikros.

Vergleich des Røde NTR mit dem Superlux R102-Aktivbändchen
Testaufbau für die Klangbeispiele: das Røde NTR (rechts) im Direktvergleich mit dem Superlux R102-Aktivbändchen (links), dem klassischen Passivbändchen M130 von Beyerdynamic (Mitte oben) und einem AKG C460B-Kleinmembranmikrofon mit Nierenkapsel CK61 (Mitte unten) (Bild: DR. ANDREAS HAU)

Das Røde NTR erfüllt diese Funktion nahezu perfekt, denn mit seinem transparenten, dennoch weichen Sound bildet es stets eine deutliche Alternative zu den tendenziell höhenbetonten Kondensatormikros. Gleichzeitig ist es aufgrund seiner phantomgespeisten Aktivelektronik vollkompatibel zur gewohnten Arbeitsweise: Das Røde NTR hat einen ähnlich hohen Ausgangspegel wie Kondensatormikros und erfordert keinen speziellen super-rauscharmen Vorverstärker, sondern kann an jedem vernünftigen Preamp seine volle Klangqualität abrufen. Somit übrigens auch an Röhren-Vorverstärkern, die für passive Bändchen oft nicht rauscharm genug sind.

Anders als bei herkömmlichen Passiv-Ribbons muss man sich bei diesem Aktiv-Bändchen auch keine Sorgen machen, das fragile Aluminiumbändchen durch Anlegen der Phantomspeisung zu rösten. Sollte dennoch einmal Ungemach passieren: Røde gewährt 10 Jahre Garantie, wobei einmal auch das Bändchen kostenlos erneuert wird.

Während man manches Vintage-Bändchen wie das sprichwörtliche rohe Ei behandeln muss, kann man sich beim Røde NTR unbeschwert auf den Klang konzentrieren. Generell bietet sich das Røde NTR überall an, wo Kondensatormikros tendenziell harsch klingen, etwa für Blechbläser. Das gute, jedoch nicht überzogene Impulsverhalten macht das NTR auch für Percussion-Instrumente aller Art interessant. Hier erscheint der Klangunterschied zu Kondensatormikros vielleicht gar nicht mal so eklatant, doch das Bändchen-Signal fügt sich sehr viel besser in den Mix ein.

Eine typische Ribbon-Domäne ist auch die Abnahme von Gitarrenverstärkern. Hier macht das Røde NTR eine sehr gute Figur. Der absoluten Messlatte in dieser Disziplin, dem Royer R-121, muss es sich jedoch geschlagen geben, denn mit seinem noch wuchtigeren Bass ist das Røde NTR etwas schwieriger zu positionieren; außerdem agiert es in den oberen Mitten nicht ganz so linear. Aber das ist Detailkritik auf hohem Niveau!

An der Akustikgitarre hat dagegen das Røde NTR die Nase vorn, da es die oberen Brillanzen besser erfasst als das Royer. Ohne weitere Bearbeitung wirkt das Klangbild dennoch eher zurückhaltend-defensiv, vor allem im Vergleich zu einem Kondensatormikro. Es ist aber ein Sound, der sich ausgezeichnet zur unauffälligen Song-Begleitung eignet, weil er die Gesangsstimme von unten stützt, ohne sie in den oberen Frequenzen zu verdrängen.

Front- und Seitenansicht des Røde NTR
NTR Hersteller/Vertrieb Røde / Hyperactive UvP/Straßenpreis 899,— Euro / ca. 800,— Euro www.hyperactive.de (Bild: DR. ANDREAS HAU)

Mit etwas EQ-Einsatz gelingen auch strahlendere Sounds, denn die Saitenbrillanzen sind durchaus vorhanden, sie müssen nur etwas hervorgekitzelt werden. Am schönsten gelingt das mit einem Pultec-EQ, der Bässe und Höhen hervorragend auszubalancieren vermag. Selbst vor kräftigen Höhenanhebungen muss man nicht zurückschrecken, denn Bändchen reagieren sehr gutmütig auf EQ-Einsatz. Das Røde arbeitet zudem so rauscharm, dass auch bei beherzten Anhebungen kaum Nebengeräusche zutage treten.

Für Vocals bevorzugt man heute meist einen knalligeren, aggressiveren Sound, als man ihn von einem Bändchen bekommt, und das Røde NTR macht keine Ausnahme. Abseits von Rock und Charts-Pop lässt sich jedoch mit ein bisschen EQ-Einsatz ein wunderbar unaufgeregter Vocal-Sound mit betörenden Mitten erreichen. Gerne hätte ich das Røde NTR zur Aufnahme eines Streicherensemble ausprobiert; sein runder, aber keineswegs dumpfer Sound sollte sich hervor – ragend für Arrangements im Singer/Songwriter-Genre eignen.

FAZIT

Lange hat sich Røde Zeit gelassen für sein erstes Bändchenmikro − sogar noch länger als Audio-Technica mit dem AT4080 (s. S&R 1.2010) − und doch erweisen sich diese Neulinge keineswegs als Trittbrettfahrer des Ribbon-Revivals. Auch Røde gelingt es, diese alte Technologie um innovative Detaillösungen zu bereichern und typische Bändchen-Gebrechen zu lindern, ohne die Essenz zu verwässern.

Das Røde NTR überzeugt mit einem ungewöhnlich weiten Übertragungsbereich und hoher Rauscharmut bei sattem Ausgangspegel. Die Handling-Eigenschaften gleichen denen eines Kondensatormikros. Trotzdem bleibt das Klangbild 100 % Ribbon-like: Die Höhen wirken weich und doch filigran, der Bass ist wuchtig, die Mitten klingen wunderbar verfärbungsarm und natürlich.

Die unverbindliche Preisempfehlung von 888 Euro liegt etwas über dem, was man von Røde gewohnt ist. Angesichts der makellosen technischen Performance, der hohen Fertigungspräzision und nicht zuletzt des tollen Klangs ist der Preis aber absolut gerechtfertigt. Ein rundum gelungener Bändchen-Einstand!

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weicher Bändchenklang

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hohe Fertigungsqualität

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weiter Frequenzgang

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niedriges Eigenrauschen

+

hoher Ausgangspegel

 

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