NI Rammfire – Signature-Amp-Simulation

Rammstein-Sound für Guitar Rig im Test

Mit Rammfire präsentiert Native Instruments einen Signature-Amp als Add-on für Guitar Rig 4. Wie der Name andeutet, emuliert Rammfire das Setup des Rammstein-Axtschwingers Richard Z. Kruspe.

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(Bild: Miroe)

Rammstein steht für „Neue deutsche Härte”: kontroverse Texte, martialisches Auftreten, Pyrotechnik und vor allem breite, unnachgiebige Gitarrenwände. Zu Beginn ihrer Karriere wurden sie von Kritikern oft als „stumpf” charakterisiert und in die rechte Ecke gestellt – inzwischen hat sich herumgesprochen, dass die politischen Sympathien eher links liegen und die Bandmitglieder durchaus kluge Köpfe sind. Und Perfektionisten: Bis zu 24 Parts soll Richard Z. Kruspe bisweilen eingespielt haben, bis sich die gewünschte Breitseite einstellte. Inzwischen soll er den Aufwand etwas reduziert haben, was wohl auch daran liegt, dass er mittlerweile über ein bestens ausgestattetes Studio verfügt und sich ein spezielles Roboter-Setup hat bauen lassen, das ihm erlaubt, die Mikros ferngesteuert (!) vor den Lautsprechern zu positionieren. Stichwort Mikros: Auch hier hat Richard Z. Kruspe (RZK) keine Kosten gescheut. Statt auf die üblichen Verdächtigen à la Shure SM57 und Sennheiser MD421 zu setzen, schwört er auf erlesene Röhrengroßmembranen. Und das alles soll nun Rammfire digital emulieren.

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Add-on

Rammfire als Add-on zu bezeichnen ist eigentlich nur die halbe Wahrheit. Zwar setzt Rammfire Guitar Rig (Mac/Win) als Rahmensoftware voraus, es können aber alle Ausbaustufen von Pro über Essential bis hin zum kostenlosen Guitar Rig Player verwendet werden. Insofern kann man also Rammfire auch einzeln erwerben, ohne im Besitz einer Bezahlversion von Guitar Rig zu sein. Rammfire kostet 49 Euro, reißt also kein allzu großes Loch ins Budget. Gar nichts extra bezahlen müssen Komplete-7-User: Rammfire ist bereits im Lieferumfang enthalten. Rammfire besteht aus drei Komponenten: dem eigentlichen Amp-Model, einem darauf abgestimmten Matched Cabinet und einer „Sonderausgabe” des Control Room. Letzteres bildet ja normalerweise Peter Weihes Boxen/Mikrofon-Setup ab (s. S&R 10.2009) und besteht aus sieben komplex abgenommenen Gitarrenboxen. Rammfire fügt dem Control-Room-Modul einen weiteren Eintrag hinzu, bei dem eben nicht Peter Weihes, sondern Richard Z. Kruspes Boxen-Mikrofonierungs-Setup gemodelt wurde. Wie zuvor bediente sich Native Instruments dabei der Faltungstechnik.

Praxis

Kruspes Verstärker ist eigentlich ein alter Bekannter, nämlich der Mesa/Boogie Dual Rectifier, und ein Model dieses Hi-Gain-Boliden gibt es in Guitar Rig 4 bereits in Form des „Gratifier”. Das Feature-Set ist dementsprechend nahezu identisch: Gain, Master, 3- Band-Klangreglung und Presence (ein zweiter Höhenregler, der über die Gegenkopplung der Endstufe arbeitet). Die Grundabstimmung erfolgt über vier verschiedene Modi (beim Hardware-Original sind das die beiden jeweils umschaltbaren Kanäle): Clean, Crunch, Modern und Raw. Beim Rammfire ist der Raw-Modus durch den RZK-Modus ersetzt, der Richard Z. Kruspes Signature-Sound darstellt. Nichtsdestotrotz sind auch die übrigen drei Modi liebevoll gemodelt.

Vergleicht man den Gratifier mit dem Rammfire, mag man kaum glauben, dass beiden dasselbe Hardware-Original zugrunde liegen soll. Tut es auch nicht wirklich, denn es sind verschiedene Exemplare der Rectifier-Baureihe. Kruspes Lieblings-Amp ist ein frühes Modell – angeblich sollen die Rectifiers mit Seriennummern unter 500 am besten klingen – und überhaupt benutzt Kruspe ja auch eine spezielle, sehr hochwertige Aufnahmekette. Bei Amp-Simulationen sollte man nie vergessen, dass dem jeweiligen Model ja nicht der nackte Verstärker zugrunde liegt, sondern eine komplette Signalkette inklusive Box, Mikrofonierung und Preamp. Und da hat sich RZK schon ein ganz besonderes Setup ausgedacht.

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(Bild: Miroe)

Im Control Room offenbart sich dann etwas genauer, wie das Mikrofonierungskonzept aufgebaut ist. Kruspe verwendet zwei Mesa/Boogie-Boxen gleichen Typs, wobei eine allerdings deutlich älter ist als die andere. Dementsprechend ist die ältere Box mit „V” für „Vintage” und die neuere mit „M” für „Modern” gekennzeichnet. Beide Boxen werden jeweils mit einem Neumann M149 und einem U47 von Telefunken (genauer gesagt: Telefunken USA) abgenommen, und zwar jeweils mit zwei verschiedenen Signalketten – einmal pur und einmal mit etwas nicht genauer beschriebenem Processing (mit „+” gekennzeichnet). Macht zusammen acht Mikrofonkanäle, die nach Belieben kombiniert werden können.

Der Raumklang in Kruspes Studio wurde ebenfalls eingefangen und ist über den AirRegler dosierbar. Wer’s simpler möchte, greift zum Rammfire Matched Cabinet, das quasi ein Preset des Control Rooms darstellt, da es auf denselben Responses beruht. Wie klingt das Ganze? Nun, vielseitiger als man vermuten könnte! Zwar ist Rammfire für HiGain-Sounds optimiert, aber es sind durchaus auch mildere und weniger verzerrte Klänge möglich, ja sogar Clean-Sounds. Doch selbst wenn man sich auf HiGain beschränkt, ist Rammfire keineswegs auf Rammstein-Gitarrenwände festgelegt. Kruspes Verstärker-Setup ist wirklich mit Liebe zum Detail und einem feinen Ohr für Gitarrensound gemodelt – ganz offensichtlich hat sich RZK nicht einfach nur als Namensgeber und Endorser betätigt, sondern bei Klanggestaltung und Feintuning tatkräftig mitgearbeitet. Der Unterschied zum artverwandten Gratifier ist nicht zu überhören: Rammfire klingt fleischiger, dreidimensionaler und – ich wage es kaum zu sagen: bluesiger! Jenseits des satten Pfunds in den Bässen, der auch auf die Abnahme mit fetten Röhrenmikros zurückzuführen ist, punktet Rammfire mit sehr musikalischen, runden, fast schon singenden Mitten. Und auch die Höhen sägen überhaupt nicht – dagegen wirkt der alte Gratifier fast schon wie ein Fuzz-Pedal. Übrigens reagieren einige Regler auch anders, u. a. das Master-Volume.

Finde ich bei so viel Lob auch etwas zu meckern? Ja, die Knöpfe sind schlecht abzulesen und für einen Signature-Amp hätte man sich mehr Presets aus der Hand des Meisters wünschen dürfen als die 15 mitgelieferten. Schade auch, dass unter diesen kein einziges Dual-Setup aus zwei RammfireAmps befindet für die Instant-Breitseite. Da heißt es, selbst Hand anzulegen.

Fazit

Man muss kein Rammstein-Fan sein, um Rammfire zu mögen – obwohl es natürlich hilft! Rammfire ist mehr als nur ein PromiAdd-on, ein One-Trick-Pony für den ganz speziellen Signature-Sound. Native Instruments und Richard Z. Kruspe haben sich mächtig ins Zeug gelegt und eine rundum überzeugende Amp-Simulation geschaffen, die für mehr taugt als „nur” die typische Rammstein-Gitarrenwand. Stilistisch deckt Rammfire alles ab, was nach HiGain lechzt. Kaum eine andere Simulation – oder auch ein realer Amp – produziert so drückende und im Obertonverhalten so fein aufgelöste Sounds. Kompliment! Wer hohe Zerrgrade ohne Matschen, mit definiertem Attack und ausgezeichnetem Nebengeräuschverhalten sucht, bekommt hier Vollbedienung. Antesten lohnt sich!

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