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Plug-in im Test: Chandler Curve Bender

Plug-ins für die UAD-2-Plattform sind zugegebenermaßen nicht ganz billig, aber gerade im vorliegenden Fall möchte man fast von einem Schnäppchen reden, wenn man mit den Preisen der Originalhardware vergleicht. Der Chandler Curve Bender liegt derzeit bei 7.853,− Euro, die Manley Voxbox bei 5.592,− Euro.

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Chandler Curve Bender

Jetzt wird’s postmodern: Der UAD Chandler Curve Bender ist eine lizenzierte Emulation der entsprechenden Hardware des amerikanischen Boutique-Herstellers um Wade Goeke. Die 2007 erschienene Hardware basiert auf dem EQ der modularen EMI TG12345-Konsole, deren erste Inkarnation 1968 in den Abbey Road Studios installiert wurde, und zwar in Studio 2, wo u. a. die Beatles aufnahmen. Beim Chandler Curve Bender handelt es sich einerseits um einen detailgetreuen Nachbau, der andererseits aber um etliche Funktionen und Optionen aufgebohrt wurde. Damit dies für Historiker nachvollziehbar bleibt, ist alles, was neu hinzugekommen ist, gelb beschriftet. Unschwer zu erkennen ist, dass viele neue EQ-Einsatzfrequenzen hinzugefügt wurden. Chandler hat außerdem den Regelumfang von ursprünglich ±5 dB auf (optional) ±15 dB erhöht. Gemodelt wurde der Chandler Curve Bender übrigens nicht von Universal Audio selber, sondern von Softube. Es ist also eine schwedische Emulation eines amerikanischen Nachbaus einer urbritischen Hardware. Rezensiert in einer deutschen Zeitschrift mit englischem Titel.

Konkret

Die postmoderne Verwirrung legt sich, wenn man einfach das Plug-in-Fenster betrachtet. Der UAD Chandler Limited Curve Bender ist ein klassischer Mastering-EQ mit vier Bändern. Die originale TG-Hardware gehört zur ersten Generation von transistorisiertem Equipment, bevor vollparametrische Equalizer die Studiotechnik eroberten. Wie bei älteren Röhrengeräten sind die Einsatzfrequenzen nicht kontinuierlich regelbar, sondern werden in Stufen geschaltet, denn im Innern arbeiteten jene Geräte mit diskret aufgebauten Filtern aus Widerständen, Kondensatoren und Spulen. Selbst die Pegelsteller sind gerastert, aber sehr fein in 0,5-dB-Schritten (in der normalen Betriebsart mit ±5 dB Pegelhub). Die Filtergüte war ursprünglich fest vorgegeben, die Chandler-Reinkarnation kann wahlweise auch ein wenig schmalbandiger eingreifen, wenn man den Multiply-Schalter in die obere Position bringt; gleichzeitig wird der Pegelhub auf ±15 dB erhöht. Ein chirurgischer EQ für Reparaturarbeiten ist es aber dennoch nicht. Die Außenbänder können im Peakoder Shelving-Modus betrieben werden. Zwischen den beiden Mittenbändern − hier »Presence« genannt − gibt es große Überschneidungen − auch mit den Außenbändern, sodass der gesamte Hörbereich lückenlos erfasst wird. Zusätzlich gibt es Hoch- und Tiefpassfilter, die ebenfalls im EMI-Original noch nicht vorhanden waren.

Die digitale Emulation bietet noch einmal neue Funktionen, die in der Hardware schwer zu realisieren wären. Da wäre zum einen »Link Channels«, um die Einstellungen des linken Kanals automatisch auf den rechten zu übertragen. Darüber hinaus bietet das Plug-in optional auch M/S-Processing. Dabei bearbeiten die linken Regler das Mittensignal und die rechten Regler das Seitensignal − digital ein Klacks, analog wäre M/S-Bearbeitung nur verlustbehaftet und mit erheblichem Schaltungsaufwand zu realisieren. Randnotiz: Eigentlich dürfte die Beschriftung der Linkund M/S-Taster nicht weiß sein, denn sie sind ja weder im EMI-Original noch im Chandler Edel-Clone enthalten.

A differernt cup of tea

Maximale Klangtransparenz sollte man von einem Vintage-Gerät, auch in Emulation, nicht erwarten. Insofern ist von vornherein klar, dass der Chandler Curve Bender kein Universalwerkzeug ist, sondern ein Mojo-Spender, ein Gegengift gegen digitalen Gleichklang. Den direkten Vergleich zur entsprechenden Hardware hatte ich leider nicht, wohl aber zum etwas einfacher ausgestatteten Curve Bender EQ der Chandler Limited TG Microphone Cassette. Den Grundsound und das Regelverhalten der Hardware haben Softube m. E. sehr gut getroffen. Das UAD-2 Plug-in produziert eine ganz ähnliche Klangfärbung, die glaubhaft den Charme der frühen Transistortechnik versprüht.

Vergleicht man mit dem ähnlich ausgestatteten UAD Manley Massive Passive, so klingt der UAD Chandler Curve Bender deutlich kantiger und präsenter. Während der Massive Passive den Klang weich, edel und Hi-Fi macht, macht der Curve Bender ihn eher prägnant, konkret und leicht körnig. Insofern ist der Curve Bender ein toller EQ für Erdiges, das einen Hauch Vintage-Mojo gebrauchen kann: Rock, Brit-Pop, traditionellen Jazz. Auch für elektronische Sounds ist er interessant, um dem Klang mehr Charakter zu geben. Am wenigsten geeignet erscheint mir der Curve Bender für Klassik.

Hat man sich ein wenig mit seinen Eigenheiten wie den Multiply-Switches vertraut gemacht, ist der Curve Bender kinderleicht zu bedienen. Man muss sich fast anstrengen, ihm einen unangenehmen Sound zu entlocken, denn die Filter agieren geschmeidig, und praktisch jede Einstellung klingt zumindest interessant. Eine besondere Stärke sind die Mittenbänder, die nicht umsonst mit »Presence« beschriftet sind, denn sie schaffen eine wunderbare, trockene Präsenz, die keineswegs aufgesetzt wirkt, sondern sich natürlich in den Gesamtsound einbettet. Das zahlt sich insbesondere im M/S-Modus aus, wenn man beispielsweise die Lead-Stimme noch ein wenig hervorheben möchte. Eine leichte Betonung im Mittenband, etwa bei 3,6 kHz, wirkt da Wunder; und wenn man dann noch im Seitenband denselben Bereich etwas absenkt, hebt sich die Stimme ganz organisch über das Arrangement. Hier lauern tolle Möglichkeiten, sowohl für Neuproduktionen als auch für »artgerechtes« Remastering älterer Aufnahmen aus den 60ern und 70ern. Der Leistungsbedarf ist durchaus okay: Eine Curve-Bender-Instanz (mono oder stereo) belegt rund 30 % eines DSPs.

Fazit

Qualitativ auf ähnlich hohem Niveau huldigt der UAD Chandler Limited Curve Bender Plug-in einer ganz anderen Klangkultur: trocken, konturiert, präsent. Very british und immer mit dem besonderen Charme der Abbey Road Studios zu ihren besten Zeiten. Ob seiner Klangfärbung ist der Curve Bender nicht der vielseitigste Mastering-EQ, aber er bietet genau das, was vielen digitalen Tools fehlt: Charakter!


+++ erstklassiger Sound

+++ authentische Emulation

++ Unison-Integration (UAD Manley Voxbox)

++ M/S-Modus (UAD Chandler Curve Bender)

– hoher DSP-Bedarf (UAD Manley Voxbox)

 

 

UAD Chandler Limited Curve Bender

Hersteller/Vertrieb: Softube/ Universal Audio

Preis: 299,— Euro

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