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Music Workstation: Korg M1

Als er auf den Markt kam, wirkte er optisch wie ein Monolith aus einer fremden und überlegenen Zivilisation: Der Korg M1 ist bis heute neben dem DX7 der meistverkaufte Synthesizer. Er vermittelt dem Keyboarder ein vages, aber berauschendes Gefühl von Allmacht, denn mit dem M1 lassen sich dank des Workstation-Konzeptes komplette Tracks erstellen — Gegen Ender der 80er-Jahre ein revolutionäres Konzept.

(Bild: Dieter Stork)

Es gab Ende der 80er-Jahre ein bewährtes Mittel, um arroganten Verkäufern in Musikgeschäften den Wind aus den Segeln zu nehmen: Man bat den Synth-Spezialisten, doch bitte mal eben die Effekte des M1 auszuschalten, um die Sounds pur zu hören, und labte sich in den nächsten 15 Minuten an dem hektischen Gefummel des mit hochrotem Kopf agierenden Fachmanns, der vergeblich die Menüs des neuen Synth-Boliden durchstreifte (»äh, das muss hier irgendwo sein, Moment noch …). Gleichzeitig waren aber die Effekte mit ein Grund für den durchschlagenden Erfolg des Digitalklassikers: Wenn man im Laden das legendäre Reverb-gesättigte und Loop-unterlegte Universe-Preset hörte, zuckte die Hand unwillkürlich zur Brieftasche.

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Der M1 wurde 1988 vorgestellt, kostete ca. 4.000,− Mark und schlug ein wie eine Bombe. Angeblich sollen ca. 250.000 Geräte verkauft worden sein. Neben den damals neuartigen Sounds war das Konzept »Workstation« ein unschlagbares Verkaufsargument. Es versprach dem nach Allmacht strebenden, aber Fairlight-losen Keyboarder eine All-in-One-Box, mit der er seinen Gotteskomplex (welcher Produzent oder Tastenmensch hat den nicht?) zumindest partiell ausleben konnte, denn neben dem modernen, PCM-basierten Synthesizer sind ein Sequenzer, Drumsounds und eine leistungsfähige Effektsektion an Bord − alles Features, die zu der Zeit keinesfalls selbstverständlich waren.

Dabei muss man sich vor Augen halten, welch begrenzte Möglichkeiten im Vergleich zu heutigen Workstation den M1 zum Dauerrenner machten − und den Grundstein für viele Generationen von sehr erfolgreichen Workstations legten, bis zum aktuellen Korg Kronos X.

Auf jeden Fall blieb einem damals die Spucke weg, was man aus 16-facher Polyfonie und 8-fachem Multimode herausholen konnte. Vor allem Live-Keyboarder entdeckten schnell den Combi-Mode, bei welchem sich maximal acht Sounds als Layer- und Split-Kombinationen über die Tastatur spielen lassen − sicher ein Grund dafür, dass der M1 gefühlt auf jeder Bühne zu sehen war.

Basis der digitalen Klangerzeugung sind 144 PCM-Samples und Wellenformen (16 Bit, 32 kHz), die es sich im winzigen 4-MB-ROM gemütlich machen. Man kann wahlweise einen oder zwei Samples parallel als Oszillator einsetzen. Von einem Filter zur Klanggestaltung kann man bei dem digitalen, resonanzlosen Filter nicht wirklich sprechen, es stehen aber drei Hüllkurven und zwei LFOs zur Verfügung.

Der integrierte 8-Spur-Sequenzer ist relativ einfach gehalten, hingegen ist die Effektsektion für einen Synth dieser Zeit großzügig bestückt: zwei FX-Blöcke mit jeweils 33 Effekt-Typen, darunter Reverb, Delay und Chorus auch Distortion, eine Leslie-Simulation, ein Exiter und zwei EQ-Shelving-Filter. Die Effektqualität war für einen On-Board-Effekt gut, jedenfalls besser als beim damaligen Konkurrenten Roland D-50.

Äußeres 

Die Korg-Designer haben bei der M1-Urversion ganze Arbeit geleistet. Das mattschwarze Teil mit den abgerundeten Kanten sieht ziemlich slick aus, und man verzeiht ihm auch die minimalistische, d. h. nicht eben intuitiv zu bedienende Oberfläche mit nur drei beweglichen Bedienelementen, nämlich Volume-, Data-Fader sowie dem Korg-typischen Joystick. Dafür fällt das Display, das mit acht Funktionstastern ausgestattet ist, großzügig aus. Die 5-Oktaven-Tastatur lässt sich angenehm spielen und bietet Anschlagdynamik und Aftertouch. Zwei Card-Slots (einer davon auf der Rückseite) dienen dem Zuführen von Soundsets und zusätzlichen PCM-Wellenformen. M1

Der M1 ist ein Digital-Klassiker, der den Sound der Spätachtziger- und Frühneunziger-Jahre mitgeprägt hat. Dank der vielen verkauften Exemplare ist der Synthesizer auf dem Gebrauchtmarkt relativ günstig zu bekommen. Eine gute Alternative ist Korgs Softwareversion.

In The House 

Die M1 war der Hauptlieferant für das typisch drahtige House-Piano, das auf zahllosen Tracks der Endachtziger und den frühen Neunzigern zu hören ist und sich im Klangbild sehr gut durchsetzt. Dabei wurden vor allem die Presets Piano 16″ oder das auf demselben Sample basierende, aber etwas gefilterte und weichere Piano 8″ eingesetzt (etwa auf Madonnas Vogue). Der zweite M1-Sound, der in der House-Szene Karriere machte, ist das »Organ 2«-Preset, das zuerst in Robin S’ Dancefloor-Hit Show Me Love eingesetzt wurde und dann immer wieder zu hören war.

Sound 

Bei der Entwicklung des M1 und der Programmierung der Presets spielte Synthspezialist Jack Hotop eine wichtige Rolle. Um aus den mageren 4 MB Samplespeicher alles rauszuholen, versammelte er Erstliga-Soundprogrammierer um sich, darunter Kilgore, Michael Geisel (Musik Meyer) und Peter Schwartz, der schon mit Bowie, Madonna und Cher zusammengearbeitet hat. Und der Einsatz der Topleute hat sich wirklich gelohnt; die Sounds wirkten z. T. ziemlich spektakulär; insbesondere die Kombination von spacigen Flächen und darunter geschichteten Loops (Universe) war damals ein Novum. Auch manche »Fantasy-Natursounds« und die teilweise Industrial-artigen Effekt- und Percussion-Sounds sind legendär (etwa Pole oder das gerne als Snare verwendete Snap).

Schwächen offenbaren sich im Bassbereich, denn fette Bässe, druckvolle Sequenzer-Sounds oder warme Analogklänge sind mit dem M1 kaum zu machen.Wenn man die Effekte abschaltet und die Sounds nicht gelayert werden, offenbart sich der etwas harsche und leblose Charakter vieler Sounds des M1.

Aus heutiger Sicht lassen sich manche Presets nur noch als ironisches Zitat einsetzen. Als Add-On ist die M1 jedoch auch heute noch interessant. Wegen des begrenzten Frequenzgangs der Samples fügt sich das Klangmaterial des Gerätes sogar gut in Arrangements ein.

 

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