Produkt: Sound & Recording 05/2020
Sound & Recording 05/2020
IM TEST: Synth-Werk SW-3P-2020 - Modularsystem, Zoom H8 – Mehrspur-Mobilrekorder & Super 6 – Polyfoner Hybridsynthesizer +++ STORY: Henry and the Waiter – Produziert und vermarktet in Eigenregie +++ PRAXIS: Mixing-Tutorial – Master-Bus-EQ +++
Digital ist das neue Analog

Modal Electronics Cobalt8 – Synthesizer im Test

Mit dem Cobalt8 definieren die Modal-Entwickler ihren neuen virtuell-analogen Ansatz: algorithmisch definierte Oszillator-Gruppen, die sich dynamisch verändern lassen.

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Back to digital, oder, wie Modal Electronics es formuliert, »beyond Analog«. Die im Jahre 2000 von den Synth-Designern und -Enthusiasten Paula Maddox und Philip Taysom als Modulus Music gegründete Firma hat ihre Wurzeln in beiden Lagern. Der neue Cobald8 verspricht nun mit einem neuen, algorithmischen Ansatz, die teils subtilen Qualitäten analoger Hardware außergewöhnlich Detailreich abzubilden. Da wäre z. B. der Parameter Drift, der für winzige, variierende Verstimmungen zwischen den Oszillatoren sorgt, was das typische Verhalten analoger Schaltkreise widerspiegelt.

Opulenter Auftritt

Bereits beim Herausheben aus dem Karton macht sich die robuste Bauweise unseres Testgerätes in der 37-Tasten-Version mit satten 5,6 kg bemerkbar; die X-Variante mit 67er-Tastatur bringt es dann auf 9 kg. Ihr Gewicht verdanken die Instrumente großenteils der 4 mm dicken niumfront und der ebenfalls aus Alu gefertigten Bodengruppe; lediglich die Seitenteile bestehen aus Kunststoff. Die hochwertige Tastatur stammt von Fatar und vermittelt sofort ein höchst angenehmes und stabiles Spielgefühl – da wackelt oder klappert nichts. Leider ist sie nicht MPE-fähig – der Cobald8 allerdings sehr wohl! Die wirkt edel und ist in jedem Fall ein Blickfang. Die Anordnung der Bedienelemente auf der in schickem matt-schimmerndem Metallic-Blau gehaltenen Front entspricht exakt der es Argon8, aber bereits die Beschriftung lässt Unterschiede erkennen, denn beide Instrumente haben ganz unterschiedliche Synthese-Ansätze.

Den Cobald8 gibt es in drei Varianten: als kompaktes Desktop gerät (M), unser Testmodell mit 37 Tasten und als »X« mit 61-Tasten-Keyboard. Pic: Jon Rowley (Bild: Jon Rowley)

Auf der Rückseite des Cobald8 finden sich alle Verbindungen zur Außenwelt. Den Anfang macht links der 6,3-mm-Kopfhörerausgang, es folgen zwei Audioausgänge sowie Sustain- und Expression-Pedal-Anschlüsse im selben Steckerformat. Darauf folgen drei 3,5-mm-Buchsen für externe Audiosignale (Stereo) sowie Sync-In und -Out. Letztere verstehen sich mit den Geräten von Korg, Teenage Engineering und anderen Produkten mit Analog Clock-Sync. Ein externes Audiosignal landet entweder in der Effektabteilung oder wird auf den Ausgang durchgeschleift. Das Filter ist nicht Teil der Signalkette. Für die MIDI-Kommunikation stehen MIDI-In und -Out im Standardformat sowie ein USB-Anschluss bereit. Rechter Hand wird das mitgelieferte Multi-Spannungs-Netzteil angeschlossen, daneben sitzt der Ein/Aus-Schalter.

Auf der Front sorgen 27 Drehgeber ohne Rasterung, zwei gerasterte Drehgeber mit Tastfunktion rechts und links neben dem Display sowie 24 Taster für den direkten Zugriff auf die wichtigsten Parameter, die in gut kontrastierendem Weiß beschriftet sind. Die Drehgeber sind nicht mit der Frontplatte verschraubt und haben daher ein klein wenig Spiel in der Horizontalen, was aber keinesfalls als Schwachpunkt gelten kann. Die leichte Dämpfung in Drehrichtung fühlt sich angenehm an und ist gerade richtig, um Parameterwerte exakt anzufahren. Die Regler könnten für meinen Geschmack etwas mehr Grip vermitteln, z. B. durch eine Riffelung.

Der Editor bietet alle Parameter und grafische Repräsentationen im Überblick. Hier eine Auswahl der Modulations-Quellen.

Durch eine zweite, hellblau beschriftete Ebene, die per Shift-Taste aktiviert wird, kann man auf weitere Parameter zugreifen, denn fast alle Elemente auf der Front haben eine Zweit-Funktion. Dies vermeidet verschachtelte Menüstrukturen und macht die Bedienung des Gerätes angenehm übersichtlich. Das kleine schwarz-weiße OLED-Display, das wir von vielen aktuellen Geräten kennen, zeigt den zuletzt verwendeten Parameter oder die erzeugte Wellenform eines Oszillators bzw. den Verlauf einer Hüllkurve.

Hier kommt die Modal-App ins Spiel. Weil dieser Editor standalone auf Mac und PC, als VST- und AU-Plug-in sowie als iOS-App verfügbar ist, gibt es eigentlich keinen Grund, ihn nicht immer am Start zu haben; allein der Überblick über sämtliche Parameter, Filter- Wellen- und Hüllkurven-Formen ist es wert. Es braucht lediglich eine USB-Verbindung und im Falle eines iOS-Geräts ein Camera-Connection-Kit. Außer im Plug-in-Betrieb erkennt die Software automatisch das angeschlossene Gerät und öffnet ein übersichtliches Editor-Fenster. Selbstverständlich ist auch ein Preset-Manager integriert, der neben den Sound-Presets auch Sequenzer- und FX-Daten separat verwalten kann. Insbesondere das Editieren von Modulations-Verknüpfungen geht hier viel bequemer und flotter. So macht Sounddesign Spaß, vorbildlich!

Die Schnittstellen des Cobalt8

Modulations-Matrix

Weil es weder Modulations- noch Pitch-Rad gibt, kann diese Funktion am Gerät der mitten-zentrierte Joystick übernehmen. Der Pitchbend-Range reicht von ±1 Halbton bis zu einer Oktave in jede Richtung. Die Pitchbend-Funktion in horizontaler Joystick-Richtung kann intern abgeschaltet werden. Pitchbend-Werte werden aber weiterhin per MIDI übertragen. Dies lässt sich in den Settings ebenso abstellen, wie das Senden von MIDI-CC 1, das der Joystick bei positiver vertikaler Auslenkung erzeugt. Insgesamt lassen sich per Joystick, von der Mittelstellung ausgehend, vier unabhängige Parameter (X+, X-, Y+, Y-) steuern. Neben diesen vieren sind als weitere Modulations-Quellen die drei LFOs, Modulationshüllkurve, Note, Expression und Aftertouch verfügbar. Als Modulationsziele stehen je nach Quelle bis zu 30 Parameter zur Auswahl, die fast alle Oszillator-, Filter-, LFO- und Hüllkurven-Werte beeinflussen können. Für die Zuordnung von Modulations-Verknüpfungen stehen acht Slots zur Verfügung. Vier weitere Modulations-Verbindungen sind fest »verdrahtet«: Note/Cutoff, Y+/LFO1 Depth, AftT/Cutoff und Velo/AEG-Depth. Mit lediglich acht frei belegbaren Modulations-Slots stößt man schnell an Grenzen, wenn es um komplexe Klanggestaltung geht. Für weitere acht Slots, z. B. auf einer zweiten Ebene, wären viele Sound-Tüftler sicher dankbar. Zumindest sind alle klangbestimmenden Parameter auch per MIDI-Continous-Controller adressierbar. Modal hat hier fast alle verfügbaren CCs genutzt, um die komplette Steuerung per DAW zu ermöglichen, wie das »MIDI-CC Implementation Chart« im hinteren Teil des Manuals verrät.

Sequenzer und Arpeggiator

Der Sequenzer bietet vier weitere Modulationsquellen in Form von sogenannten »Animation-Lanes«. Von diesen gibt es vier, die auf je ein Parameter aus einer Liste quasi aller Parameter wirken können. Neben seiner normalen Funktion mit bis zu 64 polyfonen Steps, die Schrittweise eingegeben werden können, bietet er einen Realtime-Mode, in dem bis zu acht Takte mit bis zu 512 Noten sowie die vier Animation-Lanes direkt im laufenden Betrieb eingespielt werden.

Der Arpeggiator bietet die üblichen Verlaufsformen mit bis zu vier Oktaven Umfang und lässt sich gemeinsam mit dem Sequenzer nutzen. Interessant wird es hier, wenn man zusätzlich die Chord-Funktion nutzt. Drückt man den entsprechenden Button, werden die gedrückten Tasten zum Akkord, der nun mit einer Taste über das ganze Keyboard transponiert werden kann.

Klangerzeugung

Das Zentrum der Klangerzeugung bilden zwei identisch aufgebaute, »high-resolution virtual-analogue oscillators« – die Cobalt-Modelle sind achtstimmig polyfon, dabei kommen je nach Algorithmus bis zu 64 virtuelle Oszillatoren zum Einsatz. Anders als bei der klassischen Wavetable-Synthese, greifen diese nicht auf Samples von Wellenformsätzen zu, sondern erzeugen die Wellenformen mittels 34 verschiedener Algorithmen in Echtzeit. Je zwei Algorithmus-spezifische Parameter, die natürlich modulierbar sind, gestalten die Wellenform. Der erste dieser Algorithmen, VA-Sweep z. B., erzeugt einen Wellenformübergang von Sinus über Dreieck und Sägezahn zur Rechteckwelle mit abnehmender Pulsbreite. Dabei steuert Parameter A, SHAPE die Position in der virtuellen Welle, während Parameter B, SPREAD Schwebungen erzeugt, die ab Werten über 63 in feste Intervall-Abstände übergehen. Bei Algorithmus 2, der dieselben Wellenformen erzeugt, steuert Parameter B mit CRUSH die Bit-Tiefe, was zu immer gröberer Treppchenbildung der Schwingungen und deutlich zunehmendem Obertongehalt führt.

Die Algorithmus-basierte Wellenformerzeugung bietet bereits innerhalb der – nennen wir sie – »ACOs« Syntheseformen, die bei anderen Geräten nur mit zwei unabhängigen VCOs möglich sind. Wir sprechen über vielfältige Sync-Varianten mit Suboszillatoren und/oder unquantisiertem Sync-Ratio – und das mit jeweils einem eigenen Algorithmus für jede der Grundwellenformen. Dazu gibt es diverse Ringmodulations-Modi zwischen gleichen oder unterschiedlichen Wellenformen, quantisiert oder unquantisiert, gerne auch mit einem Random-Parameter. Der letzte der 34 Algorithmen bringt schließlich Rauschen ins Spiel, welches mit einem morphenden Filter kombiniert ist.

Morphing Filter

An zentraler Stelle über dem Display befinden sich die Filter-Bedienelemente für Cutoff, Resonance und Morph. Der »4-Pole Morphable Ladder Filter« mit Resonanz bietet vier umschaltbare Konfigurationen. Im Reso-LP-Mode arbeitet er, wie man es von einem typischen Ladder-Tiefpass mit ausgeprägtem Resonanzverhalten erwartet. Dreht man am Morph-Regler, entwickelt sich die Filter-Kurve allmählich zu einem Bandpass-Filter, um schließlich zu einem Tiefpass mit geringerer Flankensteilheit zu werden. Der »Balanced LP« ist deutlich zurückhaltender in der Resonanz, ähnlich wie ein State-Variable-Tiefpass. Der Morph-Regler liefert hier das gleiche Verhalten. Es darf natürlich auch kein Hochpass fehlen, hier übernimmt der »Balanced HP«. Eine besonders interessante Variante ist das vierte Filterdesign. »Balanced Phase« ist ein Allpass-Notch-Filter mit regelbarem Reso-Peak im Notch! Damit lassen sich Formant-ähnliche Klänge und intensive Phasing-Sweeps erzeugen.

 

Sound

In Klangwelten lässt sich mit dem Cobalt8 wahrlich eintauchen! Moduliert man die A+B-Parameter der beiden ACOs z. B. via LFOs oder Modulationshüllkurve, ergeben sich bereits permanent changierende Obertonstrukturen, die schon ohne deutlichen Filter-Einfluss das Ohr erfreuen. Das Filter selbst klingt sehr dezent und sauber; etwas deftigeres, wie bei einer Moog Mixer/Ladder-Filter-Kombi sollte man hier nicht erwarten. Im Reso-LP-Modus erklingt eine stabile Selbstoszillation, die aber niemals anfängt auszubrechen. Das wäre auch gar nicht der Sinn der Sache, denn man will schließlich die fein ausgebildeten Obertonstrukturen von bis zu 64 Oszillatoren nicht mit einem überbordenden Filter gegen die Wand fahren. Mit diesen Qualitäten prädestiniert sich der Cobalt8 als Flächenspender und Pad-Meister. Dank der verschiedenen Verlaufsformen der Hüllkurven sind super snappy Sound-Attacken kein Problem. Knackige Bässe mit ungewöhnlicher Obertonstruktur, am besten mit der geballten Wucht von acht Unison-Stimmen, sind eine weitere Stärke des Cobalt8.

Dann sind da noch die Welten der PWM-, Sync- und Ringmodulations-Algorithmen. Wer glaubt, PWM zu kennen, dem werden hier z. B. mit Rechteck-Dreieck-Kombinationen beschert, bei denen Pulsbreite und Asymmetrie (Width und Asym) dynamisch verändert werden können, was zu neuen, eigenständigen Klängen führt. Auch Freunde von Sync-Sounds kommen mit zahlreichen ungewöhnliche Varianten voll auf ihre Kosten.

 

(Bild: Copyright: Joker Nies)

Fazit

Das Konzept geht auf! Die algorithmische Erzeugung von komplexen Oszillator-Strukturen führt nicht nur zu neuen Klangwelten, sondern kann auch die besten Qualitäten der geschätzten analog-polyfonen Ahnen verblüffend ähnlich nachbilden. Dazu kommen die makellose Verarbeitung und der Komfort der Modal-App, die ihresgleichen sucht. Drei preislich sehr attraktive Modelle decken verschiedene Hardware-Ansprüche ab. Wer bereits ein MPE-fähiges Keyboard besitzt, kann mit dem Desktopmodell eine Menge Platz sparen; andere werden an dem hochwertigen Fatar-Keyboard Freude haben. In jedem Fall ist Modal Electronics mit dem Cobald8 ein großer Wurf gelungen.

Hersteller/Vertrieb:
Modal Electronics / Tomeso

Straßenpreise: 
Cobald8, 37 Tasten: 649,– Euro,
Cobald8M, Desktop: 555,– Euro
Cobald8X, 67 Tasten: 769,– Euro

Internet: 
www.modalelectronics.com
www.tomeso.de

Unsere Meinung:
++ besonders »analoges« Klangverhalten
++ sehr gute Tastatur
+++ toller Editor für viele Plattformen
+ gut durchdachtes Bedienkonzept
– nur acht Modulations-Slots

Produkt: Sound & Recording 05/2020
Sound & Recording 05/2020
IM TEST: Synth-Werk SW-3P-2020 - Modularsystem, Zoom H8 – Mehrspur-Mobilrekorder & Super 6 – Polyfoner Hybridsynthesizer +++ STORY: Henry and the Waiter – Produziert und vermarktet in Eigenregie +++ PRAXIS: Mixing-Tutorial – Master-Bus-EQ +++

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