Synthesizer und Frisuren

Love The Machines: Die Synthesizer von Human League

(Bild: Dieter Stork)

Man wusste gar nicht, was bei den frühen Live-Auftritten von Human League faszinierender war: die geniale Seitenscheitelfrisur des Leadsängers Phil Oakey oder das außergewöhnliche elektronische Instrumentarium.

Human League gehörten zu einer Generation von britischen Bands, die ProgRock-Megastars wie Rick Wakeman oder Pink Floyd das mythenumwobene Instrument Synthesizer entrissen und ihn mit einer Punk-D.I.Y-Haltung und einer ganz eigenen Ästhetik einsetzten. 1977 gründeten die beiden Computer-Nerds Martyn Ware und Ian Craig Marsh in Sheffield (das damals zur wichtigsten Stadt für elektronische Popmusik wurde) ihre ersten Bandprojekte (The Dead Daughters, The Future), bei denen sie ihren ersten Synth, den kompakten, aber leistungsfähigen Korg 700S einsetzen. Ein Jahr später nehmen sie Schulfreund Sänger Phil Oakey, der in Sheffield für sein extravagantes Aussehen bekannt war, dazu und nennen das Projekt Human League; der Name stammt von einem Sci-Fi-Brettspiel.

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Nach einigen Indie-Releases, u. a. das geniale Being Boiled auf Fast Product, werden sie von Virgin gesignt. Als viertes Bandmitglied ist jetzt auch Keyboarder und Visual-Artist Adrian Philip Wright dabei. Diverse Gigs vor größerem Publikum folgen, aber Synth-Bands hatten es damals nicht leicht. Bei einem Auftritt als Vorband von Iggy Pop wurden sie mit allem beworfen, was die Punk-orientierte Crowd zur Hand hatte. Trotzdem wird der Band von David Bowie nach einem Auftritt ein gutes Zeugnis ausgestellt: „Ich habe die Zukunft der Popmusik gesehen.“

Reproduction, Travelogue

Zwei großartige Alben wurden in dieser Besetzung eingespielt: Reproduction (1979) und Travelogue (1980). Beide Longplayer sind zwar anfangs keine echten Verkaufsschlager, aber sie wurden zu Kultplatten der New-Wave-Ära.

Beim Songwriting begann die Band oft mit einem Drumgroove und einem Basslauf, dann wurden Chords zugefügt und am Schluss erst die Vocals konzipiert. Die Band mischte typische New Wave-Elemente mit Synth-Pop und gelegentlichen Industrial-Einflüssen. Reproduction wird von Colin Thurston produziert, der auch für Iggy Pops Lust For Life verantwortlich war. Bei Travelogue war Richard Mainwaring Produzent, der später auch OMDs Architecture & Morality produzierte. Vier Synthesizer bildeten die zentralen Soundwaffen im Produktionskrieg:

Roland System-100

Craig Marsh kaufte sich 1977 ein System-100 und benutzte es unter Einsatz des Stepsequenzers vor allem zur Beat-Produktion auf beiden Alben; auf manchen Tracks nahm er Bassdrum und Snare auf, indem er den Filter-Cutoff-Regler auf dem Snare-Backbeat gezielt kurz aufzog. Auch auf der Bühne durfte das System-100 für den Groove sorgen, was die frühen Human-League-Gigs optisch zu einer Mischung aus Dr-No-Laboratorium und New-Wave-Friseur-Workshop machte.

Das Roland System-100 ist kein echter Modularsynth, man kann ihn eher als halbmodularen Synthesizer bezeichnen, da die grundlegenden Verbindungen intern vorverkabelt sind. Hauptbestandteile des Systems, das 1975 auf den Markt kam und auch als Konkurrenz zu ARPs 2600 konzipiert wurde, sind die beiden Synth-Module Model 101 und Model 102 sowie der Stepsequenzer Model 104. Außerdem gibt es noch das Mischpult Model 103, Boxen (Model 109) und einen maßgeschneiderten Ständer (100/S). Die intern vorverkabelten Verbindungen können mithilfe der Steuer-Ein- und Ausgänge erweitert werden.

Das System-100 von Roland (hier das Basis-Modul 101) verfügt über einen sehr organischen und durchsetzungsfähigen Klang, der auch sehr gut für Percussion eingesetzt werden kann. (Bild: Dieter Stork)

Roland Jupiter-4

Roland brachte den Jupiter-4 1978 auf den Markt. In einer Zeit, in der Speicherplatz das Gold der Elektronik-Industrie war, gehörten die acht Speicherplätze des ca. 4.000,– Mark teuren Instruments (stolz „Compu-Memory“ genannt) zu den Haupt-Features. Der vierfach polyfone Synth arbeitet mit einem spannungsgesteuerten Oszillator pro Stimme, der in drei Fußlagen betrieben werden kann und die Wellenformen Sägezahn, Rechteck und Puls mit modulierbarer Pulsweite generiert. Um im Bassbereich punkten zu können, hat man dem Synth auch einen Suboszillator spendiert. Außerdem lässt sich ein Noise-Generator aktivieren, der allerdings nicht stufenlos dazugemischt werden kann.

Der Minikorg 700 war für viele Musiker in den 70er-Jahren eine preisgünstige Alternative zum Minimoog und ARP Odyssey. Human League verwendeten den Minikorg 700S, der mit einem zweiten Oszillator ausgestattet ist.

Phil Oakey mochte den Superhit Don’t You Want Me erst überhaupt nicht, als Martin Rushent ihm seinen Mix vorspielte; Oakeys ursprüngliches Demo war langsamer und düsterer. Erst als alle (inkl. die A & R-Abteilung) begeistert reagierten, stimmte er der Veröffentlichung zu.

MiniKorg 700S + 770

Die Basslinien wurden bei den ersten drei Human-League-Alben meist mit dem Korg 700S oder dem Korg 770 erzeugt. Die beiden monofonen Analogsynths gehören der Prä-MS-Generation an, die ihren kraftvollen Sound dem Traveller-Filter verdanken. Dabei handelt es sich um eine Kombination von Tief- und Hochpassfilter mit 12 dB Absenkung pro Oktave, das bei Bedarf auch als Bandpassfilter eingesetzt werden kann.

Dare

1980 verließen Martyn Ware und Ian Craig Marsh nach kontroversen Diskussionen kurz vor einer großen Tour die Band und gründeten später Heaven 17. Phil Oakey rekrutierte nach dem Split wenige Tage vor Tourbeginn in einem Club zwei Schülerinnen ohne jegliche musikalische Erfahrung als Backgroundsängerinnen direkt von der Tanzfläche. Ihm schwebte als Bandkonzept eine Art elektronischer, glamouröser New-Wave-Abba mit darkem Sound vor, und die beiden gutaussehenden Mädchen (blond und dunkelhaarig) passten optisch perfekt.

Bei der Produktion des Dare-Albums waren dann außer Philip Adrian Wright noch die Keyboarder Ian Burden und Jo Callis von den Rezillos als Bandmitglieder dabei. Produzent und Synthfreak Martin Rushent, der u. a. Stranglers und XTC produzierte, brachte den Bandsound den entscheidenden Schritt weiter in Richtung (Synth-)Pop. Er kreierte 1981 mit der Band in seinem Genetic Sound Studio in Reading, das u. a. mit einer Otari 2-Track-Bandmaschine und fetten JBL 160-Monitoren ausgestattet war, mit dem Dare-Album ein ikonisches 80er-Jahre-Meisterwerk, das weltweit erfolgreich war. Es wurde auf einem großen 32-Kanal-MCI-Pult gemischt, das Rushent einem Pult wie dem SSL bis heute vorzieht, weil es „musikalischer“ klingt. Die tiefe, charakteristische Stimme von Phil Oakey nahm er mit einem Neumann U 77 auf, manchmal diente auch die Toilette wegen ihres speziellen Raumklanges als Aufnahmeraum. Als Sequenzer diente der Roland MC-8-Stepsequenzer (MIDI war noch nicht erfunden); in mühevoller Programmierarbeit tippte Rushend die Synth-Patterns des Albums in das Gerät. Bei fast allen Tracks kam die Linn LM1 als Drumcomputer zum Einsatz; auch dadurch unterschied sich Dare sehr von den beiden Vorgängern.

Roland System-700

Eine wichtige Rolle bei den Aufnahmen zu Dare spielte (neben den obengenannten Synths) auch Rushents Roland System-700. Es ist das größte Modularsystem, das Roland je herausgebracht hat und besitzt einen sehr kraftvollen Sound.

Das 1976 vorgestellte Modularsynth Roland System-700 gehört zu den besten und leistungsfähigsten Modellen dieser Gattung. Leider ist es extrem rar. (Bild: Dieter Stork)

Korg Delta

Der Korg Delta ist ein voll polyfoner String-Synthesizer mit Frequenzteilerschaltung; im Gegensatz zu vielen Stringmachines bietet er auch Features eines ausgewachsenen Synthesizers. Er wurde neben dem Jupiter-4 für viele akkordische Aufgaben bei der Dare-Produktion eingesetzt. Der Delta war eines der ersten Korg-Modelle, die über den Korg-typischen Joystick verfügten.

Der polyfone Korg Delta kam Ende der 70er-Jahre auf den Markt und wurde bis 1984 gebaut, sein charakteristischer Sound ist aber nicht nur bei Human League zu hören, auch andere Acts wie etwa Blancmange oder A Flock Of Seagulls haben ihn eingesetzt. (Bild: Dieter Stork)

Weitere Human-League-Synths

Auf den Dare-Aufnahmen ist ansonsten auch der monofone Analogsynth Yamaha CS-15 zu hören. Außerdem verleihen zwei Casio-Keyboards (VL-1 und M-10) dem Album ab und zu einen charmanten New-Wave-Charme. Auf späteren Veröffentlichungen wie (Keep Feeling) Fascination! (1983) kommt u. a. auch der Gitarrensynth Roland GR-300 zum Einsatz. Der in den 80er-Jahren allgegenwärtige DX7 wurde beim Jam & Lewis-produzierten Crash-Album von 1986 eingesetzt.


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