Virtuell-analoger Synthesizer mit Vocoder

Korg Radias im Test

Mit Vorschusslorbeeren war nix, denn die Kiste kam aus blauem Himmel über uns. Ideale Bedingungen für einen ungeschminkten, harten Test. Als der Bote die Kisten ablud, blinkte der Vorgänger des Radias, Korgs MS2000R schon vor sich hin. Mann, habe ich den schnell wieder ausgeschaltet!

korg-radias-titel
(Bild: Dieter Stork)

Es ist ein wenig wie bei einem alten Kumpel, den man nach Jahren wiedersieht. Man quakt ein wenig über dies und das. „Hat sich gut entwickelt”, denkt man sich, „und ist doch irgendwie ganz der alte geblieben”. Holt dann irgendwann ein paar alte Fotos raus. Und fällt vom Glauben ab. So war der mal? So war’s, ehrlich!

Anzeige

Denn dass der Radias – von der neuen Fellfarbe abgesehen – tatsächlich eine Art Neuauflage des MS2000 ist, sieht man auf den ersten Blick. Ähnliche Struktur, vielleicht alles ein wenig enger zusammengerückt, fokussierter. Mmmh, vier statt zwei Timbres: Schon mal gar nicht schlecht. Beleuchtete Potis (Tipp: beim ersten Mal unbedingt im Dunkeln einschalten – könnte Liebe auf den ersten Blick werden), größeres Display … schon in Ordnung. Dann geht erst mal das Nörgeln los. Die Poti-Beleuchtung sieht zwar geil aus, ist aber für nix gut: Sie erhöht die Ablesbarkeit unter Schummerlicht nur wenig. Die Tastatur hat keinen Aftertouch (obwohl der Radias den verdauen kann) … oje, gibt es so was noch? Aber Achtung! Inzwischen weiß ich: Das ist nur die erste Warnung an zart besaitete Gemüter. Vorsicht, die Kiste ist brachial!

Über das, was einem passiert, wenn man ganz unschuldig mal die Presets des Radias durchsteppt, hatte ich ja schon im Preview in der KEYBOARDS 03/06 berichtet. Versuchen wir also, uns der Kiste diesmal etwas geläuterter zu nähern. Die Potis machen schon mal einen deutlich besseren Eindruck als beim MS2000, wo sie meiner Meinung nach immer schon wie schlecht angenähte Stoffbärennasen wirkten. Im neuen Modell: griffig, eine Prise Rubber- Sex – aber doch immer noch ein wenig fiddlig geraten. Das Einstellen exakter Werte (Reglerdrehs werden auch via MIDI ausgegeben) ist manchmal etwas tricky. Außerdem stehen die Dinger wie beim Vorgänger für meinen Geschmack ein wenig arg dicht. Über das Display können sämtliche Parameter editiert werden, auch jene, die keinen eigenen Drehregler im Bedienfeld haben. Die Handhabung ist übersichtlich, hat aber auch einen kleinen Haken: Nachdem man einen Regler im Bedienfeld bewegt hat, darf man das zuvor gewählte Menü erneut aufrufen – eine Kleinigkeit, ich geb’s ja zu.

Was kann er, der Radias?

Los geht’s bei Korgs neuestem VA-Synth wie bei den meisten anderen Virtuell-Analogen: mit zwei Oszillatoren. Tatsächlich nur zwei? Fast schade, ein dritter hätte schon Spaß gemacht, oder? So etwas wie ein Suboszillator scheint auch nicht an Bord zu sein. Aber Ho! Nicht zu früh ärgern! Denn auf den zweiten Blick wird klar: Die Schwingungserzeuger des Radias können auch so überzeugen. Kein Wunder, wurde für dieses Instrument doch die Klangerzeugung aus zwei absoluten Korg-Hämmern zusammengeklont: AL-1 des OASYS und Electribe MX – große Schule!

korg-radias-beleuchtung
Nachtschicht: Die Beleuchtung der Potis trägt nicht unbedingt zur besseren Handhabung im schummrigen Bühnenlicht bei, aber das Auge „hört“ bekanntlich mit. (Bild: Ruth Albus)

Wie beim MS2000 (und dessen Urahn MS- 20) hat Korg auch hier beiden Oszis jeweils eigene Stärken auf den Weg gegeben. Auf dem gemeinsamen Konto: alle Standard- Wellenformen der Analog-Ära. Nix Samples: Diese Wellenformen werden ordentlich gerendert. Sie sägen, nölen und rechtecken, wie es sich gehört – nicht mehr und nicht weniger. Und tatsächlich: Wie prophezeit ist Aliasing weder in hohen noch tiefen Lagen ein Problem. Super! Wurde aber auch Zeit.

Vielseitige Oszis

Für Oszillator Eins haben die Korg- Ingenieure noch etwas tiefer in die Wave- Kiste gegriffen: Dabei wären neben Noise eine FORMANT-Wellenform – ein Klanggebilde, das beim Durch-Sweepen entfernt an eine Art „A-E-I-O-U”-Verlauf erinnert –, dann eine nette Kollektion von PCM-Wellenformen von E-Piano über wuschiges Digitalgeröchel bis hin zu den unvermeidlichen Bässen, Gitarren, Strings und Orgeln. Danke, danke, danke, dass kein Klavier dabei ist!

Sehr viel Spaß machen aber die 128 Drum- PCMs: Da ist eine Menge dabei, vom elektrischen Hammer über Oldschool-Trommeln bis zum fixen Impuls. Und einen AUDIO-IN gibt’s natürlich auch – leider nur mono. Die meisten der Radias-Wellenformen können über zwei weitere Control-Regler feingestimmt werden: Der Sägezahn lässt sich falten (ergibt eine Art Schwebung, auch per LFO zu modulieren), das Rechteck pulsweiten, die Drums pitchen und die Formant-Welle durch künstliche Lippen verartikulieren – lustig, das hat einen netten Maultrommel- Touch. Aber Achtung: Die Drum-PCMs im Oszillator-Menü sind eigentlich nur Beigabe – wenn ein Timbre dezidiert als Schlagwerk fungieren soll, switcht man es lieber in den DRUM-PLAY-Modus: Hier kann man die Drum-PCMs gemischtester Provenienz über etliche Seiten hinweg mit eigenen Bearbeitungsfunktionen beackern – Notenzuordnung, Pitch, Filter, Amp, Hüllkurve, LFO, zu Drum-Sets bündeln. Zur Erstellung von Drum-Sounds kann man sogar auf analoge Wellenformen zurückgreifen. Hier versteckt sich fast ein eigener Synthesizer nach Art des Electribe ER-1.

… und die Nr. 2

Gegen die geballte Macht von Nummer Eins wirkt Oszillator Nummer Zwo allerdings etwa so wie Bruce Lee neben Bud Spencer. Kein Problem, denn streng genommen wird er nicht einmal mehr zum Sound-Andicken gebraucht: Oszi 1 kann sich nämlich – fast hätte ich’s vergessen – per Unisono-Funktion auch selbst einfetten. Bis zu fünf gewissermaßen virtuelle Oszillatoren, mit einstellbarer Verstimmung, und das ohne Verlust der Polyfonie: sehr nett! Eine übergeordnete Unisono-Funktion (maximal sechs Voices – dann aber mit Stimmenklau) gibt es übrigens auch. Wer will, kann sich so mal eben einen vierstimmigen Akkord mit jeweils 6×5+1 Oszillatoren auf die Membran legen. Puh. Eine interessante Erfahrung.

So wird Number Two eigentlich fast nur noch für Sync- und Ringmodulation-Sounds benötigt oder darf als Suboszillator der zugegebenermaßen etwas flexibleren Sorte sein Dasein fristen. Ach so: Wunderbar kranke Crossmodulation, die – anders als beim MS2000 – auch die Oberton-Reihen von Sägezahn und Rechteck schreddert, dazu VPM („Variable Phase Modulation”), den Kollegen aus Marburg zufolge die Korg-eigene Variante der FM-Technik, gibt’s hier auch – es gibt einen eigenen OSC-MOD-Button! Krass. Wer da mal ein wenig rumspielt, merkt schnell, dass der Radias nicht gebaut wurde, um grazile Soundtupfer für Meditationsmusik auf sonore Teppiche zu applizieren.

Ein bisschen was zu meckern gibt es allerdings doch. In Sachen Feinstimmung zum Beispiel hätte ich mir um den Nullpunkt etwas mehr Auflösung gewünscht: Jeweils nur fünf Schritte, bis es in mittleren Lagen anfängt zu eiern, find ich ein büsch’n eng. Weniger schön ist allerdings, dass neu angewählte Wellenformen erst beim nächsten Tastendruck aktiv werden.

Und der Mixer? Tja. Mischt halt. Witzig: Hier gibt es noch mal Noise. Minimoog-ähnliche Übersteuerungen etc. sind aber nicht drin. Aber dafür hat der Radias andere Spezialitäten auf Lager (s. u.) …

Filtersektion

Wie für die Oszillatoren hat man hier ebenfalls den AL-1 aus dem OASYS aufgeschnitten und das eine oder andere daraus dem Radias implantiert. Es gibt zwei Filter-Baugruppen, die nach Belieben seriell oder parallel geschaltet werden können; Knöpfe für Resonanz und Cutoff: selbstverständlich. Envelope- und Keytrack-mäßig müssen sich beide Filter aber zwei Regler und einen Umschalter teilen – schade. Gemeinsam haben beide Filter die Betriebsmodi Tief-, Hochund Bandpass – in 12dB/Oct-Qualität. Filter Eins wirft noch eine 24dB-Variante in den Werkzeugkasten, Filter Zwo einen wunderbar heftig zur Sache gehendes, durch und durch crancoides Kammfilter. Post-it dran: Hier zu sweepen klingt, als ob man einen Sound durch einen Nylon-Eierschneider mit einstellbarer Maschenweite drückt – cool. Der Clou jedoch: Die Filtermodi von Numero Uno lassen sich stufenlos ineinander überblenden – ui, Filtermorphing! Nicht schlecht! Kleiner Haken an der Sache: Der dazugehörige Regler löst nur 128 Schritte auf – das macht es schwer, mit dem Feature per Knopf halbwegs feinfühlig umzugehen. Dafür scheinen die Cutoff-Regler ihre Parameter ordentlich zu glätten. Praktisch außerdem: Beide Filter lassen sich koppeln, sodass man sich mit wenigen Button-Pushs mal eben eine Art 36dB/Okt-Klotz zurechtbasteln kann. Der hat dann den Händedruck von Arnold Schwarzenegger. Und die doppelte Resonanz tut fast weh – fein.

korg-radias-beschreibung
(Bild: Dieter Stork)

Man hört den Filtern übrigens an, dass bei den Entwicklern keine Moog- oder Oberheim- Poster an der Wand hingen. Auch die Charakteristik eines MS-20 oder Polysix – eine derartige Implementierung käme ja nach dem Erfolg der Legacy-Collection nicht ganz unerwartet – ist den Prozessoren unter der Alu-Hülle egal. Wäre vielleicht was für ein Update. Den Sound der Filter würde ich durchaus als satt und dickbackig, aber auch analytisch beschreiben; bei aufgedrehter Resonanz wird’s obenrum etwas dünn. Aber dreckig macht man sich beim Radias woanders, keine Sorge!

Jetzt aber: die Giftküche

In die AMP-Sektion haben die Korg-Ingenieure eine ganze Menge Anabolika gestopft! Haken wir also die Standards des Verstärkers fix ab: Level, Pan, Keytrack – OK. Punch – einen in den Attack reingerechneten Impuls, der die Schläge der Bass-Sequenzen etwas heftiger aufs Ohr treffen lässt – prima. Mit DRIVE und WAVESHAPER aber kann der AMP richtig Ärger machen: Den Sound etwas andicken? Einfach per Waveshaper ein wenig Sinus oder Dreieck reinmendeln. Den Radias richtig schreien lassen? Hehehe! Mit den WS-Algorithmen MultiTri, HardClip und Pickup brennt die Lunte. Zwischen ein wenig AC/DC und Kreissäge mit falsch angeschraubtem Blatt ist alles da.

Gegen diese drastischen Kaputtmacher geht der Drive-Parameter zunächst etwas dezenter zur Sache. Aber Achtung: Richtig eingesetzt, lässt er den Radias so dreckig klingen wie einen MS-20, der fünf Jahre auf einer Sondermülldeponie vergraben war. Denn sowohl Drive als auch Waveshaper lassen sich im Signalweg auch vor das Filter schrauben. Da holt der Radias das Schmirgepapier raus. Superschön, dass man diesem „Effekt” einen eigenen Regler spendiert hat – und nicht nur einen Schalter wie beim MS2000.

Modulation

Die drei Envelope-Generatoren, die Korg uns hier pro Timbre (!) vor die Füße legt, bieten nicht nur die üblichen ADSR-Parameter und dankbar aufgenommene Keytrack- bzw. Velocity-Einstellungen – leider nur per Display zu erreichen –, sondern lassen sich auch mittels eines eigenen CURVE-Parameters nachschärfen. OK, für den Fan kraftwerkoider Blips und Tics könnten sie sicher ruhig noch etwas schneller sein. Aber die fixen, logarithmischen Einstellungen machen die Decays angenehm sequenzertauglich, mit Wählscheibe auf Stellung EXPO kriegen die Hüllkurven richtig Schub.

korg-radias-retro-future-cyber-design
Clevere Hardware-Lösung: Das Retro-Future-Cyber-Design der separat erhältlichen Tastatur macht nicht nur optisch etwas her. Der Radias-Synth kann flexibel in den Rahmen der Tastatur montiert werden, der sich Minimoog-like im Neigungswinkel verstellen lässt. (Bild: Dieter Stork)

Selbst die beiden zur MIDI-Clock synchronisierbaren LFOs bekamen ein schönes Special mit auf den Weg: einen SHAPE-Parameter, der nicht nur das Rechteck schön verpulst, sondern auch die Dreieckwelle nett anspitzt. Auch S/H-Treppen werden bei Bedarf glattgeföhnt – kann man mit arbeiten. Der Frequenzbereich beider LFOs reicht übrigens von einem Wellenberg alle 100 Sekunden bis zu drahtigen 100 Hz. Damit sind also auch witzige LFOFM- Spielchen drin, die aber im Vergleich zu dem, was per WAVESHAPING möglich ist, wie ein schon tausend Mal erzählter Schwank aus meiner Jugend klingen.

Patch-Kabel raus!

Und wie kriegt man jetzt die LFOs und Hüllkurven auf Oszi und Filter? Im Init-Sound sind die beiden per Knopf erreichbaren ADSRs vernünftigerweise vorverdrahtet. Für den Rest braucht man das virtuelle „Patch-Feld”, das sechs Modulationsverknüpfungen ermöglicht. Als Quellen kommen alle üblichen Klassiker wie LFO und Envelopes infrage, wobei als Besonderheit der Envelope-Follower der Vocoder- Sektion (s. u.) zu nennen wäre. Als Zielscheibe herhalten können neben den wiederum üblichen Verdächtigen auch so nette Parameter wie die Drive/Waveshaping-Depth, Control- Parameter der Oszillatoren oder Filtertyp – flexibel, nehmen wir gerne mit.

War’s das? Noch nicht ganz. Mit je einem Zweiband-EQ pro Timbre und Effekten von Hall und Chorus bis Grain-Shifter und Rotary (zwei pro Timbre – zuzüglich eines weiteren Master-Effekts fürs Sahnehäubchen) können Sie noch mal gehörig an den Sounds schrauben. Die Effekte sind brauchbar ausgewählt und geben dem Sound des Radias den edlen letzten Schliff.

Notenwirbel

Nun wäre der Radias sicherlich kein würdiger Nachfolger des MS2000, wenn das Teil nicht mit dem Killer-Feature des Vorgängers aufwarten könnte: dem genialen Sequenzer-Konzept, das hier allerdings noch einmal gehörig aufgebohrt wurde. Neu ist zunächst, dass sich die vier Timbres des Instruments zwei achtstimmig polyfone Step-Sequenzer teilen. Die Noteneingabe ist einfach; beide Sequenzer können bis zu 32 Schritte verwalten und lassen sich koppeln (zu einem 64-Schritt-Bandwurm). Pro Schritt lassen sich Velocity und Gate-Time einstellen. Die eingegebenen Sequenzen lassen sich mit brauchbaren Tools editieren, zum Swingen bringen und während des Spiels transponieren. Mit einem Tempo- Bereich von 20 bis 300 BPM nebst einem TAPTEMPO- Button zum schnellen Einfixen könnten hier allenfalls Kardiologen Bedenken äußern. Um die Sequenzen in Bewegung zu setzen, schmeißt man die 16-Step-MODULATIONSEQUENCER des Radias an. Davon gibt’s drei. Wohlgemerkt: nicht pro Programm, sondern pro Timbre! Das bedeutet: Auf Tastendruck laufen bis zu 4×3 Modulation-Sequenzer plus Arpeggiator plus zwei Step-Sequenzer los! Die Modulation-Sequenzer sind genau das richtige für diffizilere Eingriffe in den Klang. Dafür ordnen Sie einer Motion- Sequenz einen Parameter der Klangerzeugung zu (es sind fast alle Parameter zugänglich), und schon können Sie mittels der untersten Poti-Reihe des Panels jedem Step den passenden Wert reindrehen. Oder Sie schrauben bei gedrücktem REC-Taster einfach die gewünschten Parameterbewegungen direkt in den Sequenzer.

Die 16 „Samples” können per MOTION-Parameter geglättet werden, sodass wirklich smoothe Verläufe entstehen. Die Sequenzer machen den Radias zu einem unglaublich flexiblen Groove-Synth. So können Sie beispielsweise die PCM-Auswahl von Oszillator Nr. 1 modulieren, und schon haben Sie eine „Mini-Wavestation” unter den Händen, wählt man DRM PCM als Adressaten, wird der Modulation-Sequencer sogar zum panischen Reserve-Drummer. Gar keine Frage: Die audible Energie, die sich mit den Sequenzern samt Arpeggiator mal eben mit der linken Hand entfesseln lässt, ist spektakulär! Einen Stuhl werden Sie beim Testen nicht brauchen!

Der Stimmverbieger

Anders als beim MS2000 müssen Sie die Klangerzeugung des Radias nun nicht mehr zwischen „Synthesizer”- und „Vocoder”- Mode umschalten. So können Sie den Vocoder herrlich in Verbindung mit den Sequenzern und den internen Timbres einsetzen, um etwa die typischen rhythmischen Flächen zu erzeugen. Selbstverständlich können Sie ein Mikro anschließen und Ihre Stimme in wundersame Silikon-Chöre und Roboterstimmen verwandeln lassen.

Der Hammer ist aber die so genannte FORMANT- MOTION-Funktion: Wenn Sie das von Ihnen gewählte Timbre irgendwas sagen lassen wollen, müssen Sie nicht mehr die eigenen Sprechwerkzeuge bemühen – Sie können auch auf bis zu 16 gespeicherte Verläufe zurückgreifen, die Sie oder eine werte Kollegin dem Radias bei Gelegenheit beigebracht haben. Bis zu 7,5 Sekunden Input- Signal werden dafür sorgfältig in 16 Frequenzbandverläufe zerlegt und stehen fürderhin auf Tastendruck zur Verfügung. Nicht nur für Sangesscheue ein nettes Feature: So lassen sich auch Terminator-Zitate kunstvoll ins eigene Oeuvre einweben. Je nach Programmierung kann der Radias- Vocoder heftig knarzen, aber auch glatte, dezente Voice-Scapes einfliegen lassen. Insbesondere durch die Verbiegung der Synthesebänder kann man den Vocoder aber auch zu recht drastischen Lautäußerungen und Stimmverfremdungen verdonnern. Fast zu schade, um nur Drumgrooves zu schreddern!

Die übrigen Zutaten

Glauben Sie nun nicht, dass es mir gelungen ist, auf diesen Seiten den Radias vollständig vor Ihnen auszubreiten. Das ganze Gemüse, das ein Synth dieser Komplexität bereithalten muss, um bedienbar zu bleiben, habe ich bewusst weggelassen. Organisation der Timbres und Effekte, 128 (!) Schablonen zur Erleichterung der Programmierung – etwa, wenn auf die Schnelle mal ein Sync-Sound hermuss –, MIDI-Gedöns, Sequenzer-Laufrichtung, Tempo-Synchronisation, Velocity- Kurven … Gehen Sie einfach davon aus, dass die Kiste für die Erzeugung von erlesenen Audioereignissen, die man von einem VASynth erwartet, korrekt ausgestattet ist. Und dass der Radias bei Bedarf auch von einer mitgelieferten Editor-Software aus programmiert werden kann – ich bitte Sie! Auch wenn das Teil von den GUI-Experten gebaut wurde, die auch das Look&Feel der Legacy- Collection verantworten – wer würde einen Porsche per Fernsteuerung fahren? Kommen wir lieber zum Wesentlichen. Wie klingt er nun, der Radias?

Wie er klingt

Vier Worte: dicht, satt, rund und krass in several degrees. Aber Achtung: Vintage- Freaks, die hoffen, sich mit dem neuesten Krieger aus dem Korg-Lager eine Art Prophet- Clone Nr. X ins Rack wuchten zu können, dürfen zwar auch einmal in die Kiste reinhören, aber für sie gibt es sicher Alternativen. Die Oszillatoren des Radias etwa leisten exzellente Arbeit und haben dicke Cochonnes, aber sie haben – wie soll ich es sagen? – nicht unbedingt analogen „Wiedererkennungswert”. Auch die Filter klingen dicht, dicht, dicht, sind schwer wie Elbschlamm und taugen zu allerlei guten und bösen Dingen, haben aber für meine Ohren einen doch etwas analytischen Grundklang.

Allerdings: Was Korg dem Radias an Verzerrern und sonstigen Schmutzverursachern mit unter die Haube gepackt hat, kocht die Suppe ordentlich auf. Holla die Waldfee: Brecheisen- Bässe, Killer-Drones, Schwermetall tonnenweise, rostig, glänzend, zerbröselt, ionisiert bis zum Plasmazustand…, alles da. Ebenso breiteste Flächen, Wavestation- Gewaber oder Gänsehaut-Noises. Wer aber erwartet, nach dem Kauf des Radias endlich die Röhren-Amps und analogen Outboards wegwerfen zu können: Leute, behaltet das Zeug lieber noch was. Wenn er zur Sache geht, klingt der Radias eher wie ein durchgeknallter Transistor denn wie eine sauber übersteuerte Röhre.

Fazit

Ein großer Wurf.Wer aus Nostalgiegründen wie ich einmal den guten, alten MS2000R daneben stellt, dem fallen die Ohren ab – der Unterschied ist der zwischen Kleiderbügel und Supermodel. Tempus fugit – dabei galt der Sound des MS2000 immer schon zwar als etwas rau, aber guuuut! Wer also bereit ist, hinter der Zunftbezeichnung „Virtuell Analog” mehr als den nächsten Moog-Clone zu wittern und stattdessen auf den ungeschlagen effektiven, subtraktiven Weg zu durch und durch abgedrehten Sounds hofft, der wird Gefahr laufen, für den Radias seine Mutter zu verkaufen. Der Radias kann irgendwie alles, was man von einem VA-Synth erwartet – aber für simple Syncs und Bässe ist er fast zu schade.

Zu richtig großer Form läuft das silberne Ding auf, wenn es um kranke, heftige, kratzende und boese – eben zeitgemäße! – Sounds geht. Insbesondere die genialen Sequenzer sind wahre Monsterwaffen in Händen gebenedeiter Soundprogrammierer. Und plötzlich passt alles zusammen: HiFi-Leads schmirgeln im Zusammenklang mit verzerrten Beats jeden Gehörgang ab bis auf die Epidermis, kniefallwürdige Sweeps lassen die Nackenhaare sprießen, dampfende, schmatzende, malmende Bässe, diamantene Tics, Reibeisen-Drones, krasse Schallereignisse, die man nicht mehr „Sound” nennen möchte. Und der Echtzeitzugriff auf alle wesentlichen Features macht das Ding aus Korgs Soundlabor zu einem absoluten Live- Synthesizer. Ich hatte seit dem Electribe M nicht mehr so viel Spaß mit einem Instrument aus dem Hause Korg. Definitiv. Liebe Leute:Vorsicht, das Ding ist wirklich krank.


Profil

Konzept: Virtuell-analoger Synthesizer mit Vocoder

Klangerzeugung: „Multiple-Modeling“-Technologie mit Analog-Modeling und PCM-Wellenformen inklusive Drum-Sounds

Maße / Gewicht: Radias-R: 48,2 x 18,5 x 7,6 cm (B x T x H) / 2,7 kg

Radias-R + RD-Keyboard: 88,5 x 38,3 x 9,9 cm (B x T x H) / 8,7 kg

Hersteller: Korg

Internet: www.korg.de

Unverb. Preisempfehlungen:

Radias-R: € 1.855,–

Radias: € 2.029,–


+ überzeugender Sound

+ zwei polyfone Step-Sequencer

+ bis zu 12 Modulation-Sequencer pro Sound

+ Waveshaper und Envelope-Curves

+ Formant-Motion-Funktion

– Tastatur ohne Aftertouch

– Filtermorphing-Parameter nicht optimal aufgelöst

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren: