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Im Test: UAD Empirical Labs EL8 Distressor Kompressor-Plug-in

UAD-EL8-Distressor

Kaum eine Neuentwicklung der letzten 25 Jahre hat sich so schnell und so nachhaltig als moderner Studiostandard durchsetzen können wie der EL8 Distressor von Empirical Labs. Nach langem Warten ist er nun endlich als UAD-2-Plug-in erhältlich.

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Ja, es hat schon ein Weilchen gedauert! Bereits vor rund zehn Jahren sorgte die Meldung, dass Empirical Labs mit Universal Audio kooperiert, für helle Aufregung in den Internetforen. Als erste UAD-Emulation erschien wenig später aber nicht der Distressor, sondern der Emprical Labs EL7 FATSO. Damals schon bemerkenswert: Es handelte sich quasi um die Emulation einer Emulation, denn die FATSO-Hardware ist eine Bandmaschinensimulation; das Akronym steht für „Full Analog Tape Simulator and Optimizer“. Das UAD-FATSO-Plug-in war ein voller Erfolg, und nach diesem gelungenen Start der Kooperation schien eine Emulation des mythisch umwobenen EL8 Distressors allenfalls eine Frage von Monaten. Das war 2009. So mancher UAD-User dürfte alle Hoffnung inzwischen fahren gelassen haben, doch Ende 2017 war es schließlich soweit: Die UAD Software 9.4 erschien, und was entdeckt der UAD-User unter den Neuzugängen: der UAD EL8 Distressor!

Was bin ich?

Dass es so lange dauerte, dürfte sicher auch daran gelegen haben, dass sich die Hardware nach wie vor sehr gut verkauft und die Haupteinnahmequelle von Emprical Labs sein dürfte. In nahezu jedem Studioreport sieht man irgendwo im Geräterack einen, zwei, manchmal gar eine ganze Batterie jener Geräte mit den markanten, übergroßen weißen Witchhat-Knobs. Da überlegt sich ein Hersteller gewiss zweimal, ob man ein digitales Abbild sanktioniert …

Was den 1993 eingeführten Distressor so beliebt gemacht hat, ist seine innovative Kombination von klassischem Regelverhalten mit moderner Flexibilität. Der Distressor ist quasi ein Best-Of von Vintage-Kompressoren, zeitgemäß remastert. Mit weiten Regelbereichen emuliert der Distressor das Regelverhalten von Röhren-, FET- und Opto-Kompressoren; gleichzeitig bietet er moderne Ingredienzien wie Sidechain-Filtereinstellungen und eine flexible Sättigungsstufe für charaktervollen Crunch. Trotz der komplexen Möglichkeiten bleibt die Bedienung angenehm einfach. Das liegt daran, dass EL-Mastermind Dave Derr die Vintage-Orignale eingehend studiert und seinem Distressor per Feintuning all das beigebracht hat, was die alten Vorbilder so beliebt gemacht hat. Außerdem interagieren die Regler und Buttons miteinander, sodass sich praktisch immer sinnvolle Settings ergeben.

Je suis digital

Aus praktischen Gründen hat Universal Audio die Anordnung der Bedienelemente nicht 1:1 von der 19-Zoll-Hardware kopiert, sondern die linke und rechte Hälfte der Frontplatte in zwei Gruppen untereinander angeordnet. In der oberen Hälfte befinden sich das Gain-Reduction-Meter und der Ratio-Button samt Status-LEDs. Daneben folgen der Detector-Button, der auf den Sidechain zugreift, und der Audio-Button, der auf den eigentlichen Signalweg wirkt. Der Bypass-Schalter dient dem (knackfreien) Klangvergleich zwischen bearbeitetem und unbearbeitetem Signal, während der Power-Schalter das Plug-in deaktiviert und dessen DSP-Leistung freigibt (was mit Knacken einhergehen kann).

In der unteren Hälfte befinden sich die vier übergroßen Regler, die der Hardware ihren markanten Look verleihen. Die Parametrisierung ähnelt der des 1176: Über den Input-Regler wird das Signal an einen festen Threshold herangeführt; am Output-Regler gleicht man den Pegel anschließend wieder aus. Die dazwischen liegenden Attack- und Release-Knöpfe arbeiten im Gegensatz zum 1176 nicht invers, d. h., die Regelzeiten werden umso länger, je weiter man aufdreht. Die Wertebereiche sind weit gefasst: Die minimale Attack-Zeit beträgt 50 Mikrosekunden (= 0,05 ms); damit ist er deutlich flotter unterwegs als übliche VCA-Kompressoren. Die maximale Attack-Zeit von 30 ms macht den Distressor auch für Buskompression tauglich. Die Release-Zeiten reichen von 50 ms bis 3,5 Sekunden, also von zackig bis zäh. Wobei der Distressor wie die meisten Vintage-Kompressoren nicht auf das Eingangssignal, sondern auf das Ausgangssignal reagiert, d. h., er regelt nach statt hektisch gegenzusteuern. Das trägt wesentlich zum klassisch souveränen Regelverhalten bei.

Zu beachten ist, dass die Parameter interagieren. Besonderer Bedeutung kommt dabei dem Ratio-Setting zu, das nicht nur das Kompressionsverhältnis bestimmt, sondern auch die Krümmung der Kompressionskurve und die Zeitkonstanten beeinflusst. In den unteren Ratio-Einstellungen 2:1 und 3:1 arbeitet der Distressor mit noch schnelleren Regelzeiten und sehr weichem Knie („parabolic knee“) für unauffällige dynamische Verdichtung, während die Settings 4:1 und 6:1 mit einem härteren Knie arbeiten, d. h., die Kompression setzt abrupter ein. 10:1 ist ein spezielles Setting mit der Regelcharakteristik eines Opto-Kompressors. Anders als bei den Opto-Klassikern LA2A und LA3A lassen sich aber die Regelzeiten justieren. 20:1 und „Nuke“ sind Limiter-Settings mit logarithmischer Release-Charakteristik, d. h. erst schnell, dann langsam, wobei das „Nuke“-Setting, dem Namen entsprechend, noch brachialer zu Werke geht.

Zudem lässt sich über den Detector-Button das Ansprechverhalten ändern. Der Hochpass (100 Hz, 6 dB/Okt.) im Sidechain sorgt dafür, dass Bassanteile die Kompression nicht übermäßig ansprechen lassen, um das berüchtigte (manchmal aber auch erwünschte) Kompressorpumpen zu vermeiden. Band Emphasis hebt das Sidechain-Signal bei 6 kHz an, damit die Kompression auf die dominanten Hochmitten stärker reagiert, was harsche Sounds etwas zähmen kann, ohne das eigentliche Audiosignal filtern zu müssen. Der Link-Button verkoppelt die beiden Stereokanäle; wobei Subgruppen bisweilen lebendiger klingen, wenn man den Stereo-Link deaktiviert. Alle drei Optionen lassen sich auch in beliebigen Kombinationen aktivieren, indem man entweder bis zum gewünschten Setting durchsteppt oder bei gehaltener Shift-Taste auf die jeweiligen LEDs klickt.

Gleiches gilt für die Audio-Optionen. Hier bearbeitet der Hochpass (80 Hz, 18 dB/Okt.) das Audiosignal, und zwar hinter der Kompression. Dist 2 erzeugt künstliche Obertöne zweiter Ordnung, ähnlich wie bei Röhrenschaltungen, Dist 3 erzeugt künstliche Obertöne zweiter und dritter Ordnung, ähnlich wie bei Bandsättigung.

Das Distressor-Plug-in hat zwei zusätzliche Regler, die die Hardware nicht bietet. Der Mix-Knob erlaubt Parallelkompression; das gehört heute zum Pflichtprogramm. Die kleine HR-Stellschaube links neben den großen Reglern justiert den virtuellen Headroom. Auf digitaler Ebene gibt es ja keinen Arbeitspegel plus Headroom mit allmählich steigender Verzerrung, sondern der Sound bleibt kristallklar, bis der Wertebereich erschöpft ist. Was spätestens bei einem 64-Bit-Host praktisch nie passieren wird. Für einen analog-ähnlichen Sound – und genau dafür kauft man üblicherweise UAD-Plug-ins – ist es daher sinnvoll, den Input-Pegel an den internen Arbeitspegel der emulierten Hardware anzupassen. Nur so kann das Plug-in realitätsgetreu agieren. Das hat Universal Audio korrekt erkannt und in den letzten Plug-in-Releases konsequent umgesetzt.

Praxis

Der Distressor verbindet Vintage und Moderne auf perfekte Weise. Das Regelverhalten entspricht beliebten Klassikern – im Manual gibt Dave Derr Tipps, wie man Fairchild, 1176, LA2A und ältere DBX-Kompressoren mit dem Distressor emuliert. Dabei ist die Klangtextur aber moderner, schließlich ist der Distressor ein übertragerloses Transistorgerät. Nicht zuletzt aufgrund der Distortion-Modi hat der Distressor dennoch einen markanten Eigenklang, der bisweilen raubeinig wirken kann. Bei Bedarf lassen sich deutlich hörbare Zerrartefakte erzeugen, die ihre neuzeitliche Herkunft nicht verleugnen, aber stets musikalisch wirken. Der handfeste, muskulöse Distressor-Sound ist so etwas wie der Gegenpol zum edel funkelnden Manley-Sound. Das trifft auf das Plug-in genauso zu wie auf die Hardware, denn Universal Audio hat mal wieder ganze Arbeit geleistet. Das Plug-in wurde nach Dave Derrs „Golden Unit“ modelliert; sicherheitshalber wurden zusätzlich drei weitere Geräte analysiert. Ob das wirklich notwendig war, ist fraglich, da der Distressor nicht für große Serienstreuung bekannt ist. Dennoch ist es ehrenwert, wenn ein Plug-in-Hersteller sich derart Mühe gibt, ein perfektes Produkt abzuliefern.

In der Praxis lässt sich der Distressor für fast alles verwenden. Er kann Lead-Vocals extrem nach vorne holen, Bässen Kontur verleihen, Gitarrenwände formen, Drums verdichten und bei Bedarf den Raum explosiv hervorholen. Es gibt kaum etwas, das der Distressor nicht drauf hat. Allerdings liegt der Resourcenverbrauch bei 28,3 % eines DSP pro Stereoinstanz; eine Mono-Instanz „saugt“ mit 25,2 % nur marginal weniger Leistung. Man kann also nicht endlos mit Distressors klotzen – was vielleicht aber gar nicht so schlecht ist, denn es ist schon ein recht starkes Gewürz, mit dem man es nicht übertreiben sollte.

Fazit

Lange hat’s gedauert, aber das Ergebnis kann sich sehen und vor allem hören lassen. Mit dem UAD EL8 Distressor ist einer der beliebtesten modernen Studioklassiker endlich auch als Plug-in erhältlich. Wie man es von Universal Audio nicht anders kennt, ist die Emulation mehr als gelungen. Das Regelverhalten ist klassisch, der Sound zeitgemäß druckvoll. Der Distressor ist quasi der Rick Rubin unter den Kompressoren: in der Tradition verwurzelt, aber ohne Nostalgie, sondern vorwärts gewandt, selbstbewusst … und gerne ein bisschen lauter als der Rest.

Man mag die lange Wartezeit bemängeln, aber zur Qualität der digitalen Umsetzung gibt es keine zwei Meinungen. Sagen wir mal so: Wenn der Berliner Flughafen so gut wird wie der UAD EL8 Distressor, dann hat sich auch dort das Warten gelohnt.


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klassisches Regelverhalten, moderner Sound

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weite Regelbereiche

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leichte Bedienung

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charaktervolle Distortion-Modi


Wo warst du vor zehn Jahren?

Hersteller/Vertrieb: Universal Audio
Preis: 299,– Euro

www.uaudio.com

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