Modulation Madness

Bitwig Studio 2 DAW im Test

Ich bin Ableton-Live-Junkie und liebe den Workflow sowie Loops und Clips on the fly austauschen zu können, Audio in Echtzeit zu manipulieren und alle Vorteile zu nutzen, die mir diese Software bietet. So langsam schleicht sich allerdings ein Gefühl von Gewohnheit ein und damit einhergehend das Gefühl, dass mir die Software vorgibt, wie ich vorzugehen habe — und genau hier kommt Bitwig Studio 2 zum richtigen Zeitpunkt. Beide Programme sind unverkennbar miteinander verwandt — sowohl optisch als auch historisch betrachtet —, und beiden Programmen liegt ein ähnliches Prinzip zugrunde.

Es gibt zum einen die Clip-Ebene, mit der man Audio- und MIDI-Clips frei miteinander kombinieren kann, zum anderen ist da das Arrangement, in welchem ich meine Clip-Konstellationen aufzeichnen kann, um diese final zu arrangieren und zu mischen. Mittlerweile ist Bitwig Studio in der zweiten Version angekommen, die ersten Kinderkrankheiten scheinen ausgemerzt, weshalb ich die Chance nutze, um meinen Blick auf die Audiowelt einmal durch das Bitwig-Fenster zu werfen.

Vorbereitung 

Die Installation geht relativ schnell von der Hand. Ein wenig zeitintensiver scheint mir der übliche Plug-in-Scan beim Starten der Software. Bitwig Studio 2 registriert erst einmal meine ganzen Audio-Unit- und VST-Plug-ins und spuckt mir direkt schon einige Fehlermeldungen zu maroden Plug-ins aus, welche sich anscheinend noch auf meinem Rechner befinden. Der Prozess dauert zwar ein wenig, wird aber durch eine extrem stabile Performance belohnt. Im gesamten Verlauf des Tests hat sich das Programm nicht ein einziges Mal aufgehängt, denn fehlerhafte Plug-ins werden intern abgekapselt und können der Stabilität des Programms nichts anhaben, was vorzüglich für die Sicherheit im Live-Betrieb auf der Bühne ist.

Oberflächlich betrachtet 

Nach der Initialisierung präsentiert sich direkt die erste Neuerung gegenüber der Version 1: das neue Dashboard. Es ist zentraler Dreh- und Angelpunkt, hier werden Projekteinstellungen getroffen, Templates, Sample-Packs und die Library verwaltet. Im Grunde spielt sich alles, was nichts mit dem unmittelbaren Musizieren zu tun hat, hier ab.

Zugang zum Dashboard erlange ich über den omnipräsenten Dashboard-Button − sehr effizient, denn die wichtigsten Funktionen sind somit nur zwei Klicks entfernt. Ich erspare mir an dieser Stelle, die Oberfläche detailliert zu beschreiben, denn hier gleicht Bitwig Studio 2 allen anderen DAWs: Die Musik spielt sich in der Mitte ab, Clips und Arrangement sind immer zentral im Fokus. Links, rechts und unterhalb vom Hauptfenster befinden sich die Inspektor-Fenster, welche in ihren Möglichkeiten sehr an den Logic Inspector erinnern. Per Doppelklick auf einen Audio- oder MIDI-Clip aktiviert sich der Inspektor und ermöglicht somit den Zugriff auf die wichtigsten Funktionen wie Tonhöhe, Shuffle, Clip-Farbe etc.

Wer also Erfahrung mit anderen aktuellen Sequenzer-Programmen hat, wird sich sehr schnell und ohne Hilfe zurechtfinden. Für den Fall, dass man irgendwo nicht weiterweiß oder die Orientierung abhandenkommen sollte, lohnt sich zu erwähnen, dass das Dashboard auch hier wieder Hilfe in Form des Reiters »Help« bietet, hinter dem sich das Manual sowie Links zu Tutorial-Videos verbergen.

Zwar wirkt das GUI auf den zweiten Blick absolut logisch, allerdings bin ich beim ersten Blick auf die Fülle an Funktionen ein wenig überfordert. Wo Ableton Live den Fokus darauf legt, aufgeräumt zu wirken, indem sich die meisten Funktionen hinter Drop-Down-Menüs verbergen, geht Bitwig Studio genau den entgegengesetzten Weg und präsentiert alle relevanten Anzeigen direkt.

Das Programm erschließt sich fast von alleine, und mein innerer Toningenieur ist absolut entzückt von der Möglichkeit, alle Vorgänge und Pegel in der Signalkette direkt überwachen zu können. Ich glaube, hier liegt der Hauptunterschied zu Ableton, welches sich eher wie ein Musikinstrument anfühlt. Bitwig Studio 2 fühlt sich mehr nach einem kompletten Studio an!

Zu erwähnen sei noch, dass Bitwig unglaublichen Wert auf die grafische Darstellung legt. Angefangen von den Analyse-Funktionen über die Gain-Reduction bis hin zum integrierten Oszilloskop − alle Prozesse sind grafisch sehr ansprechend dargestellt. Mein innerer Toningenieur nickt anerkennend.

Bitwig Studio 2 kombiniert Bewährtes mit neuen Features. Besonders interessant sind die neuen Modulatoren, mit denen sich Verknüpfungen realisieren lassen, die man bislang nur von Modular-Synthesizern her kennt.

Neue Funktionen 

Kommen wir zu den neuen Funktionen, mit denen Version 2 aufwartet. Die schon aus Version 1 bekannten Modulatoren wurden für Bitwig Studio 2 ordentlich aufgebohrt und erweitert. Ab jetzt steht eine Unmenge an Modulatoren zur Verfügung, durch welche sich fast jeder Button einer Funktion zuordnen lässt − ähnlich wie mit LFOs in der Welt der Synthesizer können kleine periodische »Steuerspannungen« einzelnen Funktionen frei zugewiesen werden, wodurch sich z. B. im Handumdrehen sehr komplexe Modulationsmöglichkeiten ergeben.

Jedes Modul und jede Funktion lassen sich mit anderen Modulen und Instrumenten verpatchen, ähnlich wie bei modularen Synthesizern. Ich habe bei den Modulatoren nur an der Oberfläche gekratzt, jedoch bin ich mir sicher, dass sich hier eine Fülle an kreativen Möglichkeiten verbirgt und es sich definitiv lohnt, an dieser Stelle etwas mehr Zeit auf das Experimentieren zu verwenden. Ähnlich wie Max4Live in Ableton multiplizieren die Modulatoren im Bitwig Studio 2 die Möglichkeiten der einzelnen Funktionen um ein Vielfaches. Im Handumdrehen lässt sich der Sequenzer in einen Quasi-Modular-Synth verwandeln.

Zu den weiteren wichtigen neuen Funktionen zählen außerdem die Unterstützung von VST3 und den damit einhergehenden Note-Expressions, welche bisher nur in Cubase zu finden waren, sowie die automatischen Fades.


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Modulatoren

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MIDI-Sync extrem tight

++
extrem stabile Performance

Hersteller/Vertrieb: Bitwig GmbH

UvP 379,- Euro (Vollversion), 159,- Euro (Update)

www.bitwig.com


Neben den 24 neuen Modulatoren wartet Bitwig an allen Ecken und Enden mit kleinen, nicht ganz so offensichtlichen Neuerungen auf, wie zum Beispiel der freien Skalierung der Displays: Bitwig lässt sich an jede Monitor-Situation perfekt anpassen − unterschiedlichste Darstellungen für z. B. Studio und live lassen sich erstellen und speichern.

Kurz nach dem Erscheinen von Bitwig Studio 2 gab’s dann auch schon das erste Update, das uns ein weiteres Highlight mit dem schlichten Namen »MIDI-Slave« spendiert. Hinter dieser recht gewöhnlich klingenden Funktion verbirgt sich die Möglichkeit, Bitwig Studio 2 zu einer externen MIDI-Clock zu synchronisieren. Jeder, der schon einmal versucht hat, externes MIDI-Equipment in eine DAW einzubinden, kennt wahrscheinlich das Problem, dass alles nicht immer so wirklich synchron zu schwingen scheint. Wo man dabei sonst nur mit externen Clocks, wie zum Beispiel der Multiclock von E-RM Erfindungsbüro, zu einem befriedigenden Ergebnis gelangt, kommt Bitwig Studio 2 mit hauseigenen Mitteln aus.

Sendet man ein MIDI-Clock-Signal in Richtung DAW, hängt sich Bitwig fast samplegenau ans vorgegebene Timing. Wenn ich überlege, wie viel Zeit ich mit der Synchronisation von Hardware und DAW verbracht habe, scheint es mir schon fast unwirklich, wie genau Bitwig dem Timecode folgt.

It´s all about the music 

Die mitgelieferte Library der Bitwig-internen Musikinstrumente kann man ohne Zweifel als State of the Art bezeichnen. An Synthesizern, Samplern und Drum-Modulen fehlt es nicht, und die Standard-Sound-Library klingt absolut amtlich. Ich habe mich nach kurzer Orientierungsphase direkt ans Musikmachen begeben, und es ist erstaunlich, wie schnell man zum Ergebnis gelangt − hier macht sich eben wieder einmal die Verwandtschaft zu Live bezahl, denn ich konnte fast ohne Probleme direkt alle Ideen umsetzen und locker drauflos musizieren.

Wer eine absolut ausgefeilte DAW sucht, die alles bietet, was man zum zeitgemäßen Musizieren und Produzieren benötigt, dem sei Bitwig Studio 2 wärmstens empfohlen. Bitwig Studio 2 läuft auf OS X, Windows und Linux.

Ein Kommentar zu “Bitwig Studio 2 DAW im Test”
  1. Danke für die Info. Ich habe die letzten Monate mit bitwig geliebäugelt, weil es diese SW auch für Linux gibt (weg von Windoof!). Was beschrieben wird hört sich echt gut an! Das animiert mich jetzt doch zu bitwig zu greifen und meine eigenen Erfahrungen damit zu machen.

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