Jenseits des Ursprungs

Beyond Provenance – Kontakt-Instrument-Synthesizer von Barcode Industries im Test

»Beyond Provenance macht Spaß. Schon die grafische Gestaltung und die Realtime-Darstellung der Modulationen sind die Investition wert. Ein erstaunlich tiefer Synthi für die Kontakt-Plattform, der einfach zu bedienen ist und ein paar sehr originelle Features aufweist. Für mich als Surround-Fan gibt es sogar die Variante Beyond Provenance PLUS, die zwar prozessorhungrig, aber der einzige Softsynth in Surround-Auslegung ist. Da springen die Sequenzer-Noten nur so durch die Kanäle«, so Reinhold Heil über das Plug-in Beyond Provenance.

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Wenn man Beyond Provenance öffnet und die ersten Presets durchklickt, um sich einen Höreindruck zu verschaffen, fällt direkt auf, wie cineastisch und hochwertig die Sounds klingen, beeindruckend kraftvoll und transparent. Da wundert es nicht, dass der Entwickler des Instruments professioneller Filmkomponist ist. Paul Parker verbrachte einen Großteil seiner Karriere in Los Angeles und arbeitete mit Größen wie Reinhold Heil (Spliff, Nina Hagen Band, Lola Rennt), Gary Chang (Under Siege, The Island Of Dr. Moreau) und Jeff Rona (Toys, Mission: Impossible II) an Film- und TV-Produktionen für HBO, Paramount, TNT und SyFy.

Die Idee, Barcode Industries zu gründen, ergab sich aus seiner täglichen Arbeit. Für seine Musikproduktionen entwickelte er regelmäßig eigene Tools und Instrumente in Kontakt, die ihm die Arbeit erleichtern sollten. »Als ich mit Reinhold Heil arbeitete, war ich oft damit beschäftigt, Sounds zu designen«, erzählt mir Paul Parker. »Dafür haben wir meist Kontakt von Native Instruments benutzt. Nach und nach begann ich, selbst kleine Interfaces zu entwickeln. Irgendwann habe ich schließlich einen Resonator-Effekt gebaut, der auf dem Karplus-Strong-Algorithmus basiert. Von da an explodierte es nahezu und wurde immer komplexer, bis es schließlich zur ausgewachsenen Beyond Engine wurde.«

Beyond Provenance ist ein samplebasierter Synthesizer für Native Instruments Kontakt 6+ mit insgesamt 32 Soundquellen und über 65 Modulations-Patch-Punkten, um sich seine Sounds möglichst flexibel so verbiegen zu können, wie man es möchte. »Jeder einzelne Sound hat einen sehr individuellen Charakter«, erklärt Paul. »Klanglich lassen sie sich in Richtung Wavetables einordnen, nur viel lebendiger und organischer. Wavetable-Synthese kann sehr steril wirken, in Beyond aber verändert und entwickelt sich jeder einzelne Sound weiter, wenn eine Taste länger gehalten wird.« Und es klingt tatsächlich nicht im Geringsten steril, eher warm und druckvoll und dabei noch überraschend klar.

Eine Beyond-Provenance-PLUS-Session in Logic
Oben die Output-Settings von Beyond Provenance, unten die Output-Settings von Kontakt

Für mehr Bewegung im Klang kann man einen Sound in Beyond Provenance mit insgesamt sieben dynamischen Modulationsquellen wie einem LFO, einem Zufallsgenerator und einer Hüllkurve modulieren – die dazugehörigen Master-Regler befinden sich in der Effekt-Sektion des Plug-ins. Hinzu kommen noch zwei 16-Step-Sequenzer, bei denen man jeden einzelnen Step mit einem der 32 zur Verfügung stehenden Oszillatoren belegen kann, wenn man es denn möchte. So könnte Step 1 zum Beispiel eine »Super Saw« ausgeben, Step 2 »Pink Noise«, Step 3 einen »Bell«- oder »Buzzer«-Sound usw. bis zu Step 16. Genauso lässt sich auch jeder einzelne Step bezüglich Velocity, Lautstärke, Pan und Tonhöhe ändern – praktisch. Und natürlich sind auch ein paar Sequenzer-Modi mit an Bord, darunter Mono, Arp, Poly, Round Robin, Keyswitch oder Unisono für breite Flächen.

An Effekten hat Paul Parker, der inzwischen in Atlanta, Georgia lebt, dem Instrument sieben an der Zahl spendiert, die sich sehen bzw. hören lassen können. Punch, Lofi, Dirt, Vibe, Amp, Resonator und Reverb heißen sie, klingen allesamt sehr hochwertig und tun, was der Name jeweils verspricht. Darüber hinaus stehen bei den Hallräumen noch zwei Quadräume zur Auswahl, die wunderbar im Multikanal Setting funktionieren.

Ich frage Paul, was einen cineastischen Sound überhaupt ausmacht. Seine Antwort: »Reverb spielt in der Welt des Kinos eine große Rolle. Wenn man einem Sound eine riesige Hallfahne verpasst, klingt es automatisch cineastisch. Aber natürlich gehört noch mehr dazu. Ich mache zum Beispiel den Reverb immer sofort paus, wenn ich einen Synth-Patch benutze, da ich meist meine eigenen Reverbs verwende. Deswegen war es mir sehr wichtig, dass die Sounds in Beyond Provenance auch ohne Reverb gut klingen. Ein anderes Mittel, um einen Sound cineastisch wirken zu lassen, sind Klanglandschaften mit langen Bögen und langsamen Attack-Zeiten, die 10 bis 15 Sekunden dauern können. Man muss sich dann wirklich auf den Sound einlassen, ihn atmen und sich voll entfalten lassen.

Ein weiteres wichtiges Element sind die Soundquellen beziehungsweise Oszillatoren. Ich habe sie in Beyond Provenance so angelegt, dass sie jedes Mal, wenn dieselbe Taste mit derselben Anschlagsgeschwindigkeit gespielt wird, trotzdem etwas anders klingen. Die Oszillatoren arbeiten samplebasiert, und bei jedem neuen Anschlag starten sie an einer anderen Stelle im Sample. Das trägt auch zu einem cineastischen Gesamtklang bei.«

Als Filmkomponist dirigiert Paul Parker auch schonmal ein Orchester, hier in den Capitol-Records-Studios.

Und was macht Beyond Provenance sonst noch besonders? Surround! Da Paul Parker einen Großteil seiner Arbeitszeit in Surround-Formaten arbeitet, war es für ihn nur logisch, sein Plug-in mit Multikanal-Output-Routings auszustatten. »Beyond kann in einer Art und Weise für Multikanal-Applikationen verwendet werden, wie es sonst kein anderes Plug-in kann,« so Paul. »Indem man die einzelnen Soundquellen an bis zu 16 individuelle Kanäle schicken kann, lassen sich in Beyond immersive Flächen und interessante Sequenzen kreieren, die mit dem Surround-Raum spielen.«

Genau dieses Feature ist auch für mich der spannendste Teil des Instruments. Um diese Funktion nutzen zu können, muss man übrigens »Beyond Provenance PLUS« öffnen. Das ist die Multikanal-Variante des Instruments, die es einem erlaubt, jeden einzelnen Sequenzer-Step auf einen anderen Ausgangskanal zu schicken, und das eben nicht nur im Stereofeld, sondern auch in Surround. Unter jeder Step-Nummer in den Output-Settings von Beyond kann man auswählen, auf welchen Ausgangskanal der entsprechende Sound geroutet werden soll. Welche genau hier zu Verfügung stehen, hängt ganz von dem Output-Setting, das man in Kontakt benutzt, ab. Wenn hier zum Beispiel ein 5.1-Routing vorgegeben ist, kann man nun auch unter jedem einzelnen Step im Sequenzer bestimmen, ob der Sound auf die Kanäle »L R« (Left und Right), »C LFE« (Center und Low Frequency Effects) oder »SL SR« (Surround Left und Surround Right) geroutet werden soll. Hat man zum Beispiel die Ausgangskanäle »SL und SR« ausgewählt, kann man nun mit dem Pan-Reglern des Sequenzers bestimmen, ob der Sound des entsprechenden Steps nur auf dem linken oder rechten Surround-Kanal zu hören sein soll oder eben auf beiden, indem man den Pan-Regler in der Mitte belässt. Die Möglichkeiten, die sich hier eröffnen, sind richtig abgefahren – ich kann nur wärmstens empfehlen, es selbst auszuprobieren.

Der Beyond-Provenance-Entwickler vor der Golden Gate Bridge in San Francisco

Auf meine Frage, wie er selbst die Programmierung von Sounds in einer Multikanal-Umgebung angeht, pantwortet Paul Parker, dass er sich meistens darauf fokussiert, »… einen einzelnen, großen und immersiven Klang zu erschaffen, der einen von allen Seiten umgibt, und dann mit der Platzierung desselben Sounds in anderen Oktavlagen und Quinten experimentiert. Das funktioniert mit Beyond Provenance PLUS sehr gut, da jede Note, die man wiederholt ohne Artikulations-Änderungen spielt, jedes Mal von einem anderen Startpunkt innerhalb des Samples abgefeuert wird. So kann man denselben Sound von vielen verschiedenen Richtungen in der Surround-Umgebung kommen lassen und bekommt durch all die kleinen Variationen einen super weit und fett klingenden Sound, ohne mit Phasenproblemen kämpfen zu müssen. Zusätzlich würde ich noch die Tonhöhe mit einem LFO modulieren, um die Kanäle etwas klarer voneinander zu trennen und den Sound noch größer wirken zu lassen. Darüber hinaus kann man noch den linken und rechten Surround-Kanal sowie die Transienten hinten etwas leiser mischen, damit sie nicht zu mächtig wirken.

Eine andere Herangehensweise, die ich auch sehr spannend finde, ist, wenn sich ein Sound von mono zu Surround entwickelt – das kann ein sehr beeindruckender Effekt sein.«

Wer übrigens keine Surround-Anlage im Studio hat oder sowieso eher auf immersiven 3D-Sound steht, kann sich hinter das Plug-in einen Binauralisierer packen (beispielsweise Spatial Audio Designer von New Audio Technology oder Nx von Waves), der einen exakt diese Surround-Welt auf Kopfhörern erleben lässt.

Hersteller/Vertrieb: Barcode Industries

Preis: ca. 149,– Dollar

Internet: barcodeindustries.com

Unsere Meinung:

+++ Klanggewalt
++ cineastischer Sound
+++ Surround-Routings innerhalb des Plug-ins möglich

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