Podcast- und Postproduction-Software

Auphonic Multitrack – Der Auto-Mixer

Auphonic Multitrack
(Bild: Matthias Zerres)

Eine noch recht junge österreichische Firma begann vor Kurzem, im Bereich Postproduktion Wellen zu schlagen. Unter dem Namen »Auphonic« vertreibt die Softwareschmiede aus Graz ein paar nützliche Werkzeuge, die das Mischen und Pegeln von Audiospuren automatisiert.

Bevor es aber allen Mixing-Engineers den kalten Angstschweiß auf die Stirn treibt, eine kleine Erleichterung: Auphonic weist ausdrücklich darauf hin, dass die Software »Multitrack« nicht für rein musikbezogene Projekte geeignet ist, sondern ausschließlich für Produktionen, bei denen Sprache im Fokus liegt, also Podcasts, Radio-, Broadcast- oder Konferenzaufnahmen.

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Auphonic brachte bereits eine Software namens »Leveler Batch Processor« auf den Markt. Dieses Werkzeug kümmert sich um die Anpassung der Lautheit von verschiedenen Audiodateien. Durch adaptive Bearbeitung werden auch Pegelschwankungen innerhalb einer Aufnahme ausgeglichen. Am Ende liegen alle bearbeiteten Dateien mit einem einheitlichen Lautheitswert vor, den man anhand der gängigen Broadcast-Standards (EBU R128, ATSC A/85) zuvor selbst definieren kann.

Mit »Auphonic Multitrack« wird dieses Prinzip nun weiterentwickelt. Die hier getestete Software soll nämlich nicht nur eine Einzelspuren sendefähig machen, sondern einen kompletten Mix, also komplexeres Programmmaterial mit verschiedenen Sprach- und Musikaufnahmen auf ein einheitliches Lautheitsniveau bringen.

GUI UND WORKFLOW bei Auphonic Multitrack

Nach der Installation muss die Software über den User-Namen und die eigene Email-Adresse freigeschaltet werden. Eine Internetverbindung ist also zumindest anfangs erforderlich.

Die grafische Oberfläche von »Auphonic Multitrack« ist in zwei Hauptbereiche unterteilt. Links ein Spalte, in der man Audiodateien oder Ordner per Drag&Drop ablegen kann. Dieser Browser nummeriert alle Dateien automatisch und zeigt abschließend auch die resultierende Master-Datei an.

Ein Klick auf die jeweilige Einzelspur bringt im rechten Fensterteil alle grundlegenden Dateieigenschaften zum Vorschein: Abtastrate, Bit-Tiefe, Kanalkonfiguration, Länge und Dateigröße. Außerdem findet man hier alle Bearbeitungsoptionen und kann Einstellungen für den Algorithmus zur Störgeräuschentfernung oder den Hochpassfilter vornehmen. Hier wird auch definiert, ob die Audiospur im »Vordergrund« − meist wohl die Sprache − oder im »Hintergrund« − etwa das Musikbett − ausgegeben werden soll.

 

IM BETRIEB

Damit die Auphonic Multitrack das Potenzial voll ausschöpfen kann, sollte man sich an paar Richtlinien halten. Jede Spur muss als eigenständige Datei vorliegen. Alle Spuren müssen den gleichen Startpunkt besitzen. Die Länge darf hingegen variieren.

Leider ist es nicht möglich, nur eine Datei einzeln zu bearbeiten, etwa um eine Sprachaufnahme separat von Störgeräuschen zu befreien und zu pegeln. Bei einem solchen Versuch verweist Auphonic stattdessen auf das Vorgängerprodukt »Leveler«. Es gibt jedoch einen kleinen Workaround: Sobald eine zweite Datei mit »Stille« in der Dateiliste liegt, macht Multitrack keinerlei Umstände mehr.

Schon wäre noch eine Wellenform – ansicht oder Wiedergabefunktion, um die verschiedenen Dateien direkt im Programm zu begutachten. Aber immerhin kann man die Software gleich mit mehreren Dateien und sogar kompletten Ordnern per Drag&Drop füttern.

 

MIXING & LEVELING: Jede geladene Audiodatei lässt sich vor der Bearbeitung mit mehreren Parametern versehen. Während Sprache wohl meist als »Foreground Track« konfiguriert wird, kann man ein Musikbett als »Background Track« definieren. Auphonic Multitrack senkt die Musik somit bei gesprochenem Wort ab. Super!

Auch das automatische Pegeln funktioniert hervorragend. Legt man den Zielwert beispielsweise auf −23 LUFS fest, werden die einzelnen Aufnahmen so »gefahren«, dass der Gesamtpegel der finalen Datei auch von anderen Messgeräten zuverlässig angezeigt wird. Auch super! Wenn also vernünftig aufgenommenes Sprachmaterial vorliegt, lässt sich viel Arbeit und Zeit sparen.

Nicht nur der Standard »EBU R128«, sondern auch »ATSC A/85« und herkömmliches True-Peak-Limiting stehen zu Auswahl bereit. Multitrack verwendet zudem automatische Kompression, welche die Sprache sehr gut dynamisch eingrenzt und auf einen passenden Ausgangswert bringt. Die Kompression erfolgt momentan noch strikt unter der Haube, laut Hersteller sollen diesbezüglich zukünftig aber mehr Eingriffsmöglichkeiten integriert werden.

Sehr praktisch ist des Weiteren die Möglichkeit, Audiodateien als »Intro« und »Outro« festzulegen. Multitrack schneidet diese beiden Segmente in einem Aufwasch vor und nach dem Beitrag, unter Beibehaltung der gewünschten Durchschnittslautheit. Nach getaner Arbeit legt »Multitrack« nicht nur eine Master-Datei, sondern auch eine TXT-Datei mit allen Statistiken an. Diese Werte − also maximaler »Momentary/Shortterm «-Wert der LUFS-Messung, die Gain- Werte usw. − werden nach der Bearbeitung ebenfalls im rechten Fensterteil angezeigt.

ADAPTIVE NOISE GATE / CROSSGATE: Wer schon einmal eine Talk-Runde, beispielsweise zwei oder drei Sprecher am gleichen Tisch, mischen musste, kennt das Problem. Das Übersprechen eines Diskussionsteilnehmers auf die anderen Mikrofone ist relativ hoch, was zu einem diffusen und undeutlichen Klangbild führt.

Um ein klares Signal zu erhalten, sollte man mit manuellen Fader-Fahrten arbeiten, also den Kanal eines momentan schweigenden Talk-Gasts um ein paar Dezibel reduzieren. Eine zeitaufwendige und stupide Arbeit, die heute dankbarerweise auch von Software-Spezialisten wie etwa »Dugan Automixer« von Waves voll automatisiert und in Echtzeit abläuft.

Auch Auphonic Multitrack macht hier einen guten Job, wenn auch nur »offline«. Sobald das »Crossgate« aktiv ist, entscheidet der Algorithmus sehr zuverlässig, wer gerade das Sagen hat, und versieht Gesprächspausen mit sehr unauffälligen Fades. Sprechen mehrere Teilnehmer zwischendurch mal gleichzeitig, bleibt auch das Sprachgewirr authentisch erhalten − bei konstantem Pegel.

ENTFERNEN VON STÖRGERÄUSCHEN: Die »Noise and Hum Reduction« von Auphonic Multitrack macht für einen automatischen Algorithmus eine überraschend gute Figur. Statische Hintergrundgeräusche wie Computerlüfter, Rauschen oder Brummen werden sehr erfolgreich abgesenkt. Der Algorithmus passt sich sogar an verschiedene Regionen an, falls sich das Störgeräusch ändern sollte. Der »Auto«-Modus funktioniert in den meisten Fällen sehr passend. Bei besonders hartnäckigen Fällen sollte man jedoch mit den diskreten Reduktionswerten zwischen 3 und 100 dB experimentieren. Bei einer Reduktion von mehr als 30 dB können hier und da schon ein paar Artefakte auftreten, aber für eine One-Click-Lösung ist auch diese Sektion ein extrem nützliches Werkzeug.

Der individuell zuschaltbare Hochpassfilter berechnet seine Grenzfrequenz ebenfalls automatisch. Dies klappt sehr gut und befreit Sprachaufnahmen von tiefem Rumpeln recht zuverlässig. Hier und da hätte das Filter sogar etwas höher, etwa bei 80 oder 120 Hz, eingreifen dürfen.

Auf der Wunschliste steht lediglich noch ein De-Esser oder dynamischer Equalizer für den Frequenzbereich über 4 kHz. Getestet haben wir u. a. eine extrem schlechte Smartphone-Aufnahme, die ein Interview inmitten einer Menschenmenge festhielt. Multitrack wurde mit den störenden Nebengeräuschen relativ gut fertig, nur die überhöhten S-Laute des Sprechers blieben unangetastet.

FAZIT

Auphonic Multitrack liefert eine überraschend gute Oberfläche für das Zusammenstellen von Sprachaufnahmen und Musik. Der Workflow ist gut durchdacht und die automatische Lautheitsanpassung mit auswählbaren Übertragungsstandards bestens umgesetzt. Ebenso erweist sich die Störgeräuschentfernung und das Crossgate bei mehreren Sprechern als hervorragende Funktionen, welche die nötige Arbeitszeit weiter verringern.

Dass eine Vorschaufunktion für eine Pegelanpassung mehrerer Audiospuren fehlt, ist nicht schlimm, wäre doch hier eine sehr lange Pufferzeit nötig, um etwa den Long-Term-Wert zu berechnen, zumal das Endergebnis hinsichtlich resultierender Durchschnittslautheit absolut überzeugt. Für die Einstellung von Noise Gate, Hochpassfilter oder allgemein für das Überprüfen des Audiomaterials wäre ein Wiedergabeknopf bzw. eine Vorhör-Funktion jedoch wünschenswert.

Die eigentliche Produktion, also Aufnahme und Schnitt, muss allerdings bereits zuvor in anderer Software abgeschlossen sein. Vielleicht liefert Auphonic demnächst noch eine kleine DAW bzw. einen Multitrack-Recorder nach, um komplette Produktionen unter einem Dach zu fahren …

Unterm Strich bietet »Multitrack« sehr praktische und zeitsparende Dienste, die sich hervorragend für Podcasts, Shows auf YouTube oder auch tatsächlich für den Rundfunk eignen.

Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte sich in jedem Fall mal den Online-Service ansehen, der großzügigerweise zwei Stunden Audiomaterial pro Monat kostenlos ausgibt.

 

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interessantes Konzept

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integrierte Lautheits-Messung

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kostenloser Online-Service (2h/Monat)

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einfache Bedienung

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keine Vorschau-Funktion

 

Hersteller: Auphonic

Downloadpreise: 69,- Euro (Discounted) / 299,- Euro (Commercial)

www.auphonic.com

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