Und alle müssen mit!

Apple M1 – So läuft der Wechsel von Intel-Prozessoren zu Apple Silicon

Was können wir von Apples neuen Chips erwarten, wie sehen die Hersteller von Audiosoftware den Systemwechsel und was muss bis zum reibungslosen Umstieg noch erledigt werden?

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Als Apple bei der letzten Entwicklerkonferenz (WWDC) im April 2020 den Umstieg zu ARM-Macs ankündigte, war schnell eine gewisse Euphorie zu spüren. Gleichzeitig wusste man aus der Vergangenheit, dass es auch ein steiniger Weg werden könnte.

Es ist nicht die erste grundlegende Systemveränderung bei Apple. Schon der Wechsel zu Intel als Prozessorlieferant war vor 15 Jahren eine kleine Revolution. Wie damals ging Apple auch diesmal die Entwicklung neuer Prozessoren zu langsam. Man war mehr und mehr unzufrieden mit den Chips von Intel. Diesmal wollte man sich endgültig auch Unabhängig von anderen Herstellern machen.


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Apple M1-Prozessor: So reagieren Hersteller von Audio-Software auf den Umstieg


Schneller, effizienter und besser aufeinander abgestimmt soll alles werden – und das kann ja eigentlich nur im Interesse von uns Tonschaffenden sein. Der Ausblick auf einen leistungsfähigen, gern auch mobilen Arbeitsrechner, der auch große Mengen an Audiospuren reibungslos verarbeiten kann, ohne dabei gleich einen Lüfter turbinengleich anzuwerfen, klingt verlockend. Ich nutze Macs seit den 90ern und mein aktueller Rechner, ein MacBook Pro 16“ war bisher nicht nur mein teuerster Mac, sondern auch der, von dem ich am meisten enttäuscht war. Und die permanent laufenden Lüfter sind stehen ganz oben auf meiner Liste!

Umso gespannter bin ich, wie es denn mit den neuen M1-Macs werden wird. Kann ein Apple-eigener ARM-Prozessor, der ursprünglich für die iPhones und iPads entwickelt wurde, überhaupt genug Power für professionelle Ansprüche haben? Und wird dieser Umstieg reibungslos klappen können?

Wenn man Apple zuhört, scheint alles hervorragend vorbereitet zu sein, denn wie auch schon vor 15 Jahren gibt es für die Übergangszeit eine Art Übersetzer, der im Hintergrund Intel-optimierten Code für den neuen Prozessor aufbereitet. Rosetta 2 heißt dieser Zauberkasten und soll praktisch alles sofort auf dem M1 lauffähig machen. Apple hat die ursprüngliche Idee der ersten Generation von Rosetta, die den alten PPC-Chip einfach emuliert hatte, verbessert. Diesmal wird von Rosetta 2 beim ersten Start der Software eine vorläufige Übersetzung in einem angepassten Code erstellt. Das soll weniger Ressourcen benötigen und deutlich schneller sein, ersetzt aber langfristig nicht die native Unterstützung des neuen Prozessors. Ist also durch Rosetta 2 der angekündigte Geschwindigkeitsvorsprung gleich wieder aufgebraucht?

Erste Erfahrungsberichte im Netz scheinen die anfängliche Euphorie aber zu rechtfertigen. Die großartigen Versprechungen von Apple, was die Leistung der neuen Rechner betrifft, scheint wirklich auch im Alltag anzukommen.

Aber wie sieht das Ganze bei Plug-ins und Audiosoftware aus?

Wir haben bei vielen Herstellern und Entwicklern bekannter Audio-Tools nachgefragt, was sie vom Apple Silicon halten, wie der Stand der Dinge beim Umstieg ist und welche Pläne und Aussichten es gibt.

Bei der Recherche waren einige Firmen sehr offen und haben über ihre schon erzielten Erfolge berichtet, andere zeigten sich eher verschlossen und wollen erst bei erfolgreichem Umstieg darüber sprechen. Einige berichten von nur minimalen Anpassungen, die nötig waren, anderen planen erst irgendwann im Jahr 2021 mit der Fertigstellung der aufwendigen Portierung. Eindeutig scheint aber, dass alle Hersteller, die zeitnah Apples „Quick Start Program“ direkt zur Portierung genutzt haben, klar im Vorteil sind. Apple hatte gleich nach der Ankündigung den Entwicklern die Möglichkeit gegeben, einen MacMini mit einer Vorläufer-Variante des neuen Prozessors für einen gewissen Zeitraum zu leihen, um direkt mit der Anpassung beginnen zu können. Schließlich hat Apple mit einem Übergangszeitraum von zwei Jahren ein sportliches Ziel gesetzt!

Auch die Entwickler, die bereits in der Vergangenheit immer auf die aktuellen Entwicklungsumgebungen gesetzt haben oder bereits Versionen für iOS anbieten, haben es jetzt wohl einfacher. Wer nun aber gleich mehrere größere Entwicklungsschritte auf einmal nehmen muss, hat mehr zu kämpfen. Beispielsweise gibt es noch viele, teilweise zentrale Plug-ins, die noch auf der veralteten VST2 Technologie basieren. Wird das ein Problem werden? Kontakt von Native Instruments ist so ein Beispiel, aber auch Air Music Technology und Soundtoys bauen bisher noch auf VST2.

Tatsächlich aber scheint vieles davon unter Rosetta 2 erstaunlich gut zu funktionieren.

Ein Knackpunkt bei Plug-ins scheint zu sein, dass im Idealfall sowohl der Host (also z.B. die DAW), als auch das Plug-ins selbst an den neuen Chip angepasst sein sollte. Sonst funktioniert wohl nur die von Rosetta übersetze Variante, wenn der Host auch nur mit Rosetta läuft. Ein Mischbetrieb in einem Projekt ist in der Übergangsphase nicht vorgesehen.

Zeitgleich mit dem Umstieg auf Apple Silicon gab es auch das jährliche Update des Betriebssystems macOS auf Version 11 (Big Sur). Apple baut jedes Jahr auch da kleine und große Herausforderungen für Entwickler ein, die Anpassungen an der Software nötig machen. Vielen Herstellern, allen Vorweg die der DAWs, nehmen Ihre Verantwortung für stabil laufende Produktionssysteme sehr ernst und fokussieren sich vorerst auf die Intel-Varianten ihrer Software. Das ist auch sehr wichtig, denn Apple wird diese überall verbreiteten Rechner noch viele Jahre unterstützen. Trotzdem warten bereits viele Nutzer sehnsüchtig auf die Updates. Die Verlockung eines leisen und leistungsstarken Rechner sind eben groß.

Wir wollen in dieser Artikelreihe beobachten und begleiten, wie sich alles entwickelt. Was kann der neue M1, welche Vorteile haben Tonschaffende von der neuen Technologie? Ist alles so toll, wie viele sagen oder sind es nur aufgeblasene iPhones, die plötzlich ein Rechner sein wollen? Oder wird sogar die iOS-Plattform nachhaltig von diesem Umstieg profitieren? Kann ein Computer mit bloß 16GB wirklich virtuos mit gigantischen Sample-Libraries umgehen, wie Pro sind die Pro Rechner und nerven endlich die Lüfter nicht mehr?

Gibt es vielleicht auch Tools, von denen wir uns für immer verabschieden müssen?

Wir werden dabei auch die Performance auf aktuellen Intel Macs mit der auf dem M1 vergleichen. Es verspricht eine spannende Zeit zu werden, denn bisher sind ja nur die Einsteiger-Macs überhaupt auf dem Markt!


Timeline:

2005: Apple kündigt Wechsel vom PowerPC zu Intel Chips Umstieg wird Mithilfe von Rosetta als PowerPC Emulation erleichtert

Juli 2011: Umstieg komplett abgeschlossen (Rosetta nicht mehr Bestandteil des Betriebssystems)

Juni 2020: Apple kündigt auf der WWDC Wechsel von Intel zu eigenem Chip (Apple Silicon) an

November 2020: erste Macs werden vorgestellt, darunter ein MacBook Pro 13“

2022: Umstieg soll komplett abgeschlossen sein.


Hintergrund (Begriffe):

Der Name der ersten Generation von Apples selbst entwickelten Computer-Prozessoren (Apple Silicon) ist M1. Es handelt sich dabei um ein System-on-a-Chip (SoC), der auf der ARM-Technologie basiert. Einfach gesagt ist es ein komplettes System, das alle zentralen Funktionen eines Rechners in einem Chip vereint. Dies ermöglicht ein energiesparendes Design (und dadurch eine geringere Wärmeentwicklung) bei sehr hoher Leistungsfähigkeit. Die Entwicklung des Apple Silicons ist aus den Prozessoren der iPhones und iPads (aktuell A14 Bionic) hervorgegangen. Die aktuellen M1-Systeme gibt es bisher ausschließlich mit 8GB oder 16GB RAM und dieser ist nachträglich nicht erweiterbar.

Damit eine Software alle Vorteile des neuen Systems ausspielen kann, muss es nativ darauf angepasst sein. Das bedeutet, das der Code der Software optimal an die „Sprache“ des Apple Silicons angepasst ist. Als Übergangslösung hat Apple die „Übersetzungssoftware“ Rosetta 2 ins aktuelle Betriebssystem (macOS Big Sur) integriert. Diese erstellt beim ersten Start eines Programms oder Plug-ins eine vorläufige M1-native Version des ursprünglichen Intel x86 Codes. Dies lässt viele Programme elegant auf den neuen Geräten laufen, ersetzt aber keine individuelle Anpassung der Software.

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