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Bass-Synthesizer Roland TB-303

Missbräuchliche Verwendung von Geräten kann unter Umständen zu gewaltigen, kulturellen Evolutionsschüben führen. Der bekannteste Fall der jüngeren Vergangenheit betrifft Rolands Bass-Synthesizer TB-303, der eigentlich als braver Begleithelfer für die tiefen Frequenzen gedacht war, aber von genialen Musikern in Chicago zum quietschenden Acid-Monster umfunktioniert wurde. Dass das silberne Kästchen nach wie vor ein heißes Thema ist, zeigt auch die Tatsache, dass Roland kürzlich eine neue Version des Kultgerätes namens TB-03 herausgebracht hat.

(Bild: Dieter Stork)

Viele kulturelle Innovationen des 20. Jahrhunderts entstanden dadurch, dass experimentierfreudige User Geräte und Techniken anders benutzten, als es von der Industrie eigentlich vorgesehen war. Die TB-303 Bass Line, ein monofoner Synth mit integriertem Sequenzer, kam 1982 auf den Markt. Das ca. 730,− Mark teure silberne Kästchen, das zusammen mit einem Drumcomputer der TR-Serie als synthetische Begleitband für Solisten gedacht war, hatte kein wirklich professionelles Image und kam nicht besonders gut an. Schon zwei Jahre später nahm Roland den vom späteren Roland-Präsidenten Tadao Kikumoto erfundenen Bass-Synth vom Markt. Später wurde das Gerät dann aber seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt.

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Acid

Acid House erblickte im Schoß der Chicagoer Szene das Licht der Welt. DJ Pierre formte mit dem kürzlich verstorbenen Spank Spank und mit Herb Jackson das Project Phuture, nachdem Spank Spank, der als Einziger einen Job hatte, Equipment in Form einer TR-707 und einer TB-303 angeschafft hatte. Das kleine silberne Kästchen mit dem merkwürdig blubbernden Synth-Sound verführte die Jungs zu exzessiven Schrauborgien, und es entstanden die ersten Versionen von Acid Tracks. Dabei benutzte man die intern eingespeicherten Patterns, weil die Band mangels Bedienungsanleitung anfangs nicht in der Lage war, eigene Patterns zu programmieren. Die Aufnahmen zu Acid Tracks, die der Acid-House-Bewegung ihren Namen gaben, wurden mithilfe von Marshall Jefferson 1985 fertiggestellt und sorgten in den Chicagoer Clubs für Aufsehen. Das reguläre Release kam allerdings erst 1987 heraus. In dieser Zeit kamen auch andere legendäre Tracks wie etwa Acid Over von Tyree oder Fast Eddies Acid Thunder heraus. Acid-House wurde in Europa und vor allem in England begeistert aufgenommen und beeinflusste Acts wie 808 State, D-Mob (We Call It Acieed) und S-Xpress. Die TB-303 war zusammen mit der TR-909 die Basis für zahllose Acid-Techno-Tracks der 90er (siehe bzw. höre etwa Hardfloor).

I was a punk before you were a punk 

Wer war nun der erste 303-Bass-Line-User? Die TB-303 wurde schon früh auf diversen Produktionen eingesetzt. Zu den bekannteren gehören der Song Rip It Up von Edwin Collins’ Band Orange Juice von 1983, Heaven 17s Hit Let Me Go (1983), Les Problemes d’Amour vom Italo-Disco-Produzenten Alexander Robotnik (1983) und der Dancefloor-Klassiker On And On, der 1984 von der Chicago-House-Legende Jesse Saunders mit einer TR-808 und einem Korg Poly-61 produziert wurde. Als allererstes TB-303-Release gilt aber das obskure Album Ten Ragas to a Disco Beat des Inders Charanjit Singh, auf dem er 1982 mithilfe einer TB-303, einer TR-606 und einem Jupiter-8 klassische indische Musik mit Disco-Elementen kombinierte.

Silversurfer

Das charakteristische silberne Gehäuse der Bass Line ist aus Plastik; auf der Oberseite des Bedienpanels liegen sechs Regler: Tuning, Cutoff, Resonance, Envelope Mod, Decay und Accent mit den typisch abgeschrägten Poti-Kappen, die zum Soundschrauben einladen. Das Gerät lässt sich mit einem externen 9-Volt-Netzteil oder mit vier Batterien betreiben.

Filtermythen

Der Synth arbeitet mit einer einfachen monofonen, subtraktiven Klangerzeugung. Der sehr rund und warm klingende Oszillator liefert wahlweise eine Sägezahn- oder Rechteck-Wellenform, die eine einfache Hüllkurve und ein Lowpass-Filter durchläuft. Hartnäckig hält sich bis heute das Gerücht, dass es sich bei Letzterem um ein Filter mit 18 dB Absenkung pro Oktave handelt. Das ist aber definitiv falsch und gehört ins Reich der Audiomythen. De facto besitzt das 303-Filter eine 4-Pol-Charakteristik, es arbeitet also mit 24 dB Absenkung pro Oktave.

Die Chicagoer DJ-Legende Ron Hardy testete Phutures Acid-Tracks im Club Muzic Box, wo er als Resident DJ arbeitete. Das Ergebnis war desaströs! Denn die Tanzfläche leerte sich ob der ungewohnten Töne. Ron Hardy spielte sie noch mehrfach, und trieb das Publikum schließlich in ekstatische Verzückungszustände.

Schrittmacher 

Der Sequenzer mit seinen 16 Schritten war mit den Akzent- und Slide-Parametern pro Step ziemlich innovativ und trägt sehr viel zur speziellen Sound-Ästhetik des Instruments bei. Er bietet Platz für 64 Patterns, die zu sieben Songs verkettet werden können. Mit dem Portamento-artigen Slide-Effekt erhalten die Patterns eine einzigartige Lebendigkeit. Die Akzent-Funktion beeinflusst nicht nur die Lautstärke, sondern auch das Filter. Der 303-Sequenzer gilt allerdings zu Recht als Stolperstein im Bedienflow, vor allem, wenn man Patterns gezielt eingeben will, denn Tonhöhe, Schrittlänge, Akzent und Slide müssen nacheinander für das gesamte Pattern eingegeben werden. Beim Wechsel zwischen Write- und Play-Modus muss das Gerät gestoppt werden. Dieses Manko wurde übrigens bei der neuen, in Rolands Boutique-Serie erschienenen TB-03 behoben.

Klangbeispiel

Analoges Blubberbad

Die Faszination des 303-Sounds liegt z. T. an dem eigentümlich archaischen Klang, der bei heftigem Filter- und Effekt-Einsatz bisweilen vokale Anmutung haben kann und z. T. am dank der Slide-Funktion ungemein lebendig wirkenden und schweinemäßig groovenden Sequenzer, der sich etwas anders verhält als die schnurgerade tickenden Schrittmacher der modernen Repliken. Das Filter hat einen charakteristischen Sound, der bei hohen Resonanzwerten fast (aber nicht ganz ) bis zur Eigenschwingung reicht und die tiefen Frequenzen ziemlich ausdünnt. Will man im Bassbereich richtig Druck machen, muss man die Resonanz eher sparsam einsetzen. Es gibt eine Menge 303-Nachbauten, die dem Vorbild ziemlich nahekommen (vor allem wenn es in einem dichteren Track-Kontext erklingt), aber das Original bleibt auch wegen des Sequenzers immer noch unerreicht. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass der Sound jeder TB-303 bedingt durch Bauteiltoleranzen ganz kleine Unterschiede aufweist.

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