Slate Digital Virtual Mix Rack

Nach „Virtual Mix Console“ und „Virtual Tape Machine“ war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Mastermind Steven Slate und seine rechte Hand Fabrice Gabriel einen virtuellen Channelstrip auf den Markt bringen. Angekündigt war das „Virtual Mix Rack“ schon lange. Nun ist es so weit, und im Raum steht die Frage: Braucht es denn schon wieder einen Nachbau von Neve, SSL & Co?

500-Serie für die DAW

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Slate stellt die Schnittstellen VST2/3, AU, AAX (native) und RTAS zur Verfügung. Die Software läuft auf dem PC ab Windows Vista, auf dem Mac ab OS X 10.7. Für den Betrieb ist in jedem Fall ein lizenzierter iLok notwendig. Nach der Installation stehen in der DAW eine Plugin-Oberfläche mit den vier Module der FG-Serie sowie dem „Revival“ zur Verfügung.

FG-N

Sehen wir uns vorerst die beiden Equalizer im Bundle an. Beim ersten Blick auf den FG-N und seinen vier Bändern rechnet man zuerst mit einer Emulation des Neve 1081. Doch genauer betrachtet, entspricht die Parametrisierung eher einem Neve 1073, nur dass das Mittenband in doppelter Ausführung vorliegt. Die beiden Bänder erreichen somit die klassischen Frequenzen 0.36, 0.7, 1.6, 3.2, 4.8 und 7.2 kHz. Statt auf den beschrifteten Schalterpositionen einzurasten, bewegen sich die Drehregler allerdings stufenlos wie virtuelle Potis − freie Frequenzwahl! Die momentane Frequenz wird sogar numerisch in einem kleinen Feld unter den Reglern eingeblendet. Nach einem Doppelklick darauf lässt sich diese ebenso direkt eintippen. Top! Wer es lieber old-school haben möchte, klickt einfach direkt auf die Beschriftung: jetzt rastet der Regler bei den altbekannten Frequenzen ein.

Neben dem High- und Low-Shelf ist besonders der Schalter „Drive“ interessant. Dieser hält sich erst mal vornehm zurück. Der Sättigungseffekt wird allerdings deutlich hörbar, sobald man den Line-Level mit dem dedizierten Regler daneben erhöht. So lässt sich der Anteil von zusätzlichen Obertönen und Verzerrungsartefakten pegelneutral beurteilen. Schaltet man „Drive“ wieder ab, springt auch der Line-Regler wieder auf die Ausgangsstellung zurück. Gut, denn sonst würden einem bis zu 24 dB mehr Pegel um die Ohren fliegen.

FG-S

Der zweite Equalizer soll offensichtlich den einer bekannten SSL-Konsole mit zwei Shelving-/Bell-Bändern sowie zwei vollparametrischen Mittenbändern nachbilden. Zwar ist ein Hochpassfilter an Bord, den entsprechenden Tiefpass hat Slate aber leider nicht mitgeliefert.

Vergleicht man den Sound der Mittenbänder von Equalizern des SSL „Duende Native Bundles“, Native Instruments „Solid EQ“ oder dem UAD „SSL Channel Strip“, ist ohnehin schon eine hohe Varianz vorhanden. Auch der FG-S macht hier keine Ausnahme und färbt wiederum auf seine eigene Art, die man selbst gehört haben sollte. Das High-Band, von Shelf auf Bell umgeschaltet, fügt nahezu allen Signalen, von Snares bis Vocals, einen brillanten Schimmer hinzu, ohne dabei harsch zu wirken. Auch das Lo-End lässt sich angenehm mit dem unteren Band betonen. Schade, dass hier keine separate Ausgangsverstärkung, ähnlich wie bei Waves’ „SSL E-Channel“, vorhanden ist, um Nichtlinearitäten zu verstärken.

FG-401

Beim FG-401 handelt es sich laut Panel-Beschriftung um einen VCA-Kompressor. Slate rückt hier aber nicht mit der Sprache raus, um welchen Kompressor es sich nun handelt. Gut möglich wäre jedenfalls der Kanalkompressor der SSL 4K-Serie − zumindest im ersten der beiden verfügbaren Modi. Mit den „Circuit“-Schaltern kann man zwischen zwei Charakteristiken wählen, wobei auch hier neben ein paar Umschreibungen nicht viel verraten wird. Hörbar beim Umschalten sind auf jeden Fall unterschiedliche Rückfallzeiten und Änderungen in der Regelkurve.

„Circuit 1“ greift etwas härter und knackiger ein. Mit mittleren Attack- und schnellen Release-Zeiten klingen die Signale extrem „punchy“. Toll für Vocals oder Drums! Bei gleicher Einstellung arbeitet „Circuit 2“ gutmütiger und steckt tieffrequente Pegelspitzen unauffälliger weg.

Während der FG-401 in normalen Betrieb sehr sauber klingt, kommen bei aktiviertem „Transformer“ zusätzliche Obertöne hinzu. In Verbindung mit dem integrierten Mix-Regler ist also auch hier eine parallele Kompression oder Verzerrung umzusetzen.

FG-116

Dieser Kompressor ist hinsichtlich der Bedienelemente wie fast alle anderen Emulationen dieses absoluten Studioklassikers aufgebaut: mit Drehreglern für „Input, Output, Attack und Release“. Neben dem Gain-ReductionMeter befinden sich die vier altbekannten Schalter zur Wahl des Kompressionsverhältnisses „Ratio“: 4, 8, 12 und 20. Viele Plugins bieten die Möglichkeit, beispelsweise über einen [Shift]-Klick alle Knöpfe gleichzeitig zu drücken. Schon bei der Hardware bringt dieser sogenannte „All-Buttons-Modus“ ein sehr extravagantes Kompressionsverhalten mit sich, das sich bestens eignet, um beispielsweise Room-Mics einer Schlagzeugaufnahme komplett zu zerstören und dem unbearbeiteten Signal beizumischen. Das klappt mit dem FG-116 leider nicht.

Zumindest reagiert der „Attack“-Regler auf den [Shift]-Klick und umgeht, wie schon von UADs neuer 1176-Reihe bekannt, die Kompressorschaltung. Über den Input- und Output-Regler kann man das Signal dadurch wunderbar verzerren. Da auch hier ein Mix-Regler an Bord ist, lassen sich zumindest diese Obertöne stufenlos beimischen.

se Obertöne stufenlos beimischen. Ein beliebtes Einsatzgebiet des 1176 ist die sehr aggressive Kompression von Rock-Vocals. Mir persönlich gefällt das Verhalten des UAD „1176LN RevE“ bzw. des Native Instruments „VC-76“ bei gleichen Settings (Input: 0 dB, Output: −24 dB) erst mal besser. Die Transienten der Konsonanten werden knackiger betont, und auch das allgemeine „Levelling“ schaffen die Kollegen schöner. Der FG-116 hat definitiv seinen Reiz, bei sehr dynamischen Gesangsphrasen schwimmt er jedoch gelegentlich. Dieser Effekt lässt sich jedoch eingrenzen, indem man das Eingangssignal bereits vor dem Slate-Kompressor erhöht. Der direkte Vergleich ist schwierig, wenn Eingangs- und Ausgangssektion der Plugins zwar identisch parametrisiert, jedoch unter der Haube unterschiedlich kalibriert sind.

Im Allgemeinen erscheint das Klangbild etwas „dreckiger“ und stärker gefärbt. Hat Slate deshalb den bisher noch ungesehenen Parameter namens „Noise Reduction“ eingebaut? Schwer zu sagen, denn im A/B-Vergleich tritt kein hörbarer Effekt zutage, und auch eine genauere Erklärung im Handbuch fehlt. Selbst ein Blick auf das Messgerät ließ keine Abweichungen, etwa künstliches Rauschen, das heute ebenfalls zu einigen Vintage-Emulationen gehört, erkennen.

Revival

Zur Markteinführung des VMR spendiert der Hersteller ein Modul völlig kostenlos. „Revival“ besitzt als einziges Modul eine Pegelanzeige.

Alleine durch dieses VU-Meter dient das Modul als hilfreiches Werkzeug. Selbstverständlich soll es aber nicht bei diesem Aufgabenbereich bleiben. Im Gegenteil − auf nur zwei Drehreglern sind gleich mehrere Signalbearbeitungsprozesse vereint, zu denen sich der Hersteller ebenfalls nicht detaillierter äußern möchte.

Der obere Regler namens „Shimmer“ fügt dem Signal auf sehr angenehme Weise Höhenanteile hinzu, wobei neben Sättigung bzw. Enhancement wahrscheinlich eine M/S-Matrix vorgeschaltet ist, da die Bearbeitung an den Seiten etwas früher erscheint als in der Phantommitte und somit eine leichte Stereoverbreiterung entsteht. „Thickness“, also der zweite Regler, erinnert klanglich leicht an die Punch-Funktion des FG-X-Limiters, da die Bassanhebung stärker auf Transienten zu reagieren scheint. Aber auch hier treiben noch mehr unsichtbare Mitspieler ihr Unwesen, etwa Bandsättigung und Shelving-Band?

Revival stellt eine gut gelungene Kombination aus Equalizer, Dynamik- und Sättigungswerkzeugen dar, die nicht nur auf Einzelspuren, sondern wohl dosiert ebenso auf Bussen mit komplexerem Programmmaterial tolle Ergebnisse liefern. Ausprobieren lohnt sich allemal!

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