Dänische Tradition

Test: DPA Reference – Standard Modulare Kleinmembranmikrofone


Wenn’s um unverfälschte Aufnahmen geht, stehen die Kleinmembranmikrofone des dänischen Herstellers DPA ganz oben auf der Wunschliste vieler Top-Engineers. Mit der Einführung der Reference Standard Series hat DPA sein modulares Mikrofonsystem überholt und − dank moderner Fertigungstechnik − sogar etwas günstiger gemacht.

Unbenannt

Danish Pro Audio, kurz DPA, existiert seit 1992 und wäre damit zu den jüngeren Mikrofonherstellern zu rechnen − wäre da nicht die Tatsache, dass die Firma von ehemaligen Mitarbeitern des Messgerätekonzerns Brüel & Kjaer gegründet wurde. Dort wurden bereits seit den 50ern feinste Messmikrofone entwickelt, insofern reichen Tradition und Knowhow von DPA tatsächlich bis in die Anfänge der modernen Mikrofonfertigung zurück. Bis heute im Lieferprogramm − und nun auch Teil der Reference Standard Series − ist die einst von B&K entwickelte Kugelkapsel 4006. Entwickelt wurde sie als hochlineare Messmikrofonkapsel, doch schon bald stellte sich heraus, dass sie sich auch hervorragend für Aufnahmezwecke eignete. Und auch wenn es noch einige Jahre dauern sollte, liegt hier die Initialzündung für die Abspaltung des musikalisch orientierten Herstellers DPA.

Die Kapseln der Reference Standard Series sind übrigens in Elektret-Technik aufgebaut. Ihre makellose Performance belegt eindrucksvoll, dass Elektret-Kondensatormikros keineswegs schlechter sein müssen als »echte« Kondensatorkapseln.

PAD 2.1
01: Die Kapseln der Refrence Standard Series: Auffällig ist die groß geratene 2011-Nierenkapsel (rechts), die mit einem kurzen Interferenzrohr arbeitet.
PAD 2.2
02: Über auswechselbare Kapselgitter kann der Höhenfrequenzgang der MMC4006-Omni-Kapsel manipuliert werden. Das silberfarbene Diffusfeld-Kapselgitter DD0251 (im Bild links) erzeugt eine kräftige Höhenanhebung von knapp 6 dB bei etwa 12 kHz. Primär gedacht ist dieser Aufsatz für Aufnahmen mit weitem Mikrofonabstand, wo die Höhenanhebung den natür lichen Höhenabfall im Diffusfeld ausgleicht. So kann man z. B. Akustikgitarren einen betont silbrigen Klang verleihen. Umgekehrt sorgt das trapezförmige Close-Mic-Kapselgitter DD0254 (im Bild rechts) für eine milde Verrundung der obersten Frequenzen, wenn Instrumente bei besonders naher Abnahme zu grell klingen.
PAD 2.3
03: Was an allen Modulen gefällt, ist das recht grobe Gewinde, über das die Kapsel aufgeschraubt wird. Das macht den Kapselwechsel deutlich einfacher als mit den oft sehr feinen Gewinden anderer Modulsysteme. So bleibt auch das gefürchtete Verkanten der Schaubverbindung nahezu ausgeschlossen.

 

Modular

Womit wir wieder in der Gegenwart angelangt wären. Die auf der letztjährigen Musikmesse angekündigte Reference Standard Series ist ein modulares Mikrofonsystem, bestehend aus sechs Kapseln und drei verschiedenen Verstärkermodulen. Mit vertreten sind auch die legendäre 4006-Kugelkapsel und ihr Pendant mit Nierencharakteristik, die 4011 − als Teil der Reference Standard Serie tragen sie nun die Vorsilbe MMC. Zwischen Kugel und Niere angesiedelt ist die Breitniere MMC4015. Abgerundet wird die 4000er-Serie durch die Richtmikrofonkapsel MMC4017 mit Superniere/Keulen-Charakteristik. Letztere ist vor allem für Broadcast bzw. Filmton interessant und wurde bereits in S&R 8.2008 vom Kollegen Harald Heckendorf verköstigt.

Als preisgünstige Alternative zur „großen“ 4000er-Serie gibt es nun ganz neu die 2000er-Serie mit der MMC2006-Kugel und der MMC2011-Niere. Diese sind nicht etwa verwässerte Versionen der 4000er-Designs, sondern erreichen ihren günstigen Preis durch ganz frische Ansätze. Man darf gespannt sein!

Ebenfalls neu sind die drei Verstärker – module MMP-A, MMP-B und MMP-C. Diese unterscheiden sich hauptsächlich in Baugröße und Ausstattung, in geringerem Maße auch in den technischen Daten. Jedes der drei Verstärkermodule lässt sich mit jeder der sechs Kapseln kombinieren. Verstärker und Kapseln sind sowohl einzeln als auch in Kombination erhältlich. Ein Mikrofon, bestehend aus der MMC4006 Kugelkapsel und dem MMP-A-Verstärkermodul, heißt DPA 4006A, ein Richtmikrofon aus MMC4017-Kapsel und MMP-B Verstärkermodul ist ein DPA 4017B, und ein preisgünstiges Nierenmikrofon aus MMC2011-Kapsel und dem Kompakt-Verstärkermodul MMP-C nennt sich DPA 2011C.

Im Einzelnen

Widmen wir uns zuerst den Verstärkermodulen oder „Impedanzwandlern“, wie viele Fachleute lieber sagen. Denn die Hauptaufgabe des Verstärkermoduls ist tatsächlich nicht die Verstärkung des Signals, sondern die Wandlung der extrem hohen Kapselimpedanz auf das übliche Niveau von Studiomikrofonen, d. h. unter 200 Ohm. Die Signalamplitude einer Kondensatorkapsel ist dagegen meist völlig ausreichend. Die meisten modernen Mikrofonelektroniken arbeiten daher als reine Impedanzwandler ohne zusätzliche Signalverstärkung. So auch die DPA-Module.

Das größte Verstärkermodul MMP-A bietet sich primär für den Einsatz im Aufnahmestudio an, wo es keine Rolle spielt, wie sichtbar das Mikrofon ist. Nicht, dass das MMP-A-Modul riesig wäre, aber es bietet eben doch mehr Platz für etwas voluminösere Bauteile wie Folienkondensatoren als die beiden kompakteren Modelle. Auch dürfte die Schaltung etwas ausgefeilter sein, denn die technischen Daten sind marginal besser, insbesondere was den Grenzschalldruckpegel angeht; die Gesamtdynamik ist mit 128 dB spezifiziert. Daneben hat das MMP-A auch die besten Symmetriewerte (CMRR ›60 dB) und das niedrigste elektronische Rauschen. Wobei aber gesagt werden muss, dass das Eigenrauschen des gesamten Mikrofons im Wesentlichen von der Kapsel abhängig ist.

Sehr gut versteckt ist ein Pad-Schalter zwischen den Pins des XLR-Ausgangs. Offenbar finden die DPA-Ingenieure es wichtig, dass dieser nur vom Engineer zu betätigen ist. Ein Pad sollte tatsächlich auch nur verwendet werden, wenn es nicht anders geht, denn die Schaltung ist immer kompromiss – behaftet.

Das kompakte Modul MMP-C ist wirklich nur ein kurzer Stummel, der gerade so für die mitgelieferte Mikrofonklemme reicht. Primär gedacht ist das MMP-C Verstärkermodul für Situationen, in denen die Mikrofone möglichst nicht sichtbar sein sollen, etwa Mitschnitte von Klassik-Konzerten. Weil normale XLR-Steckverbinder mitunter größer sind als das komplette MMP-C-Modul, bietet DPA einen cleveren Kompaktstecker an, der fast vollständig in der Buchse verschwindet. Optisch unauffälliger kann ein Halbzoll-Kleinmembranmikrofon kaum sein! Obwohl DPA dies in der Produktbeschreibung nicht erwähnt, ist das MMP-B-Verstärkermodul offenbar für den Broadcasteinsatz konzipiert.

Auch ohne Betätigung des Low-Cut-Schalters ist die untere Grenzfrequenz auf 50 Hz fixiert, um tieffrequenten Störschall zu unterdrücken. Was an allen Modulen gefällt, ist das recht grobe Gewinde, über das die Kapsel aufgeschraubt wird. Das macht den Kapselwechsel deutlich einfacher als mit den oft sehr feinen Gewinden anderer Modulsysteme. Das gefürchtete Verkanten der Schaubverbindung ist bei der DPA-Reference-Standard-Series nahezu ausgeschlossen. Daneben begeistert auch die absolut makellose Verarbeitung. Vom Feinsten!

Alle Kapseln der 4000er-Serie werden mit einem individuellen Frequenzschrieb geliefert, den preisgünstigeren Kapseln der »kleinen« 2000er-Serie liegt nur ein (winzig gedrucktes) Datenblatt mit den Sollwerten bei. Wir haben natürlich alle Kapseln nachgemessen, nicht zuletzt auch, um die Performanceunterschiede zwischen den »kleinen« und »großen« Modellen auszuloten − der Hersteller hält sich da nämlich bedeckt.

Die Neuen

Wie schlagen sich nun die Kapseln der preisgünstigen 2000er-Serie? Der Kugelkapsel MMC2006 und der Nierenkapsel MMC2011 gemein ist die sogenannte „Twin Diaphragm Technology“. Obwohl die Kapseln mit diesem Schlagwort offensiv beworben werden, ist auf der DPA-Website über diese neue Technologie ungefähr so viel zu erfahren wie über das legendäre TAED-System von OMO. Wie mir aber der DPA-Mitbegründer Morten Støve höchstpersönlich erklärte, werden in der 2000er-Serie zwei recht kleine Kapseln Rücken an Rücken montiert und stehend (!) im Kapselgehäuse untergebracht. Bei der MMC2011-Nierenkapsel kommt noch eine weitere Innovation hinzu: Sie arbeitet nämlich mit einem kurzen Interferenzrohr, wie man es (in längerer Ausführung) von Richtrohrmikrofonen kennt. Erst so kommt die MMC2011- Kapsel zu ihrer nierenförmigen Richtcharakteristik.

Praxis

Genug der Daten und Diagramme! Hören wir uns die Teile doch mal an. Ausgezeichnetes Testmaterial liefert einmal mehr die Stahlsaitengitarre, weil sie ein sehr weites Frequenzspektrum abdeckt und scharfe Transienten produziert. Sowieso steht meine geliebte Lakewood D18 immer in Griffweite. Dabei scheint jede Kapsel andere Qualitäten des Instruments hervorzukitzeln.

Die 4006-Kugel mit dem Standardnahfeld-Kapselgitter lässt die Gitarre weich und samtig klingen, ohne dabei ins Schwammige abzurutschen. Druckempfänger haben ja bekanntermaßen den Vorzug einer entfernungsunabhängigen Basswiedergabe. Davon profitieren Akustikgitarren ungemein, denn das berüchtigte Wummern bleibt selbst bei sehr kurzen Mikrofonabständen aus. Insofern lässt sich der Raumanteil der Aufnahme sehr einfach durch Verrücken des Mikrofons variieren, ohne dass die Frequenzverteilung aus den Fugen gerät. Das Diffusfeld-Kapselgitter bietet eine sehr schöne Klangvariation. Die Höhenanhebung betont die Brillanzen und Anschlagsgeräusche, was sich beispielsweise anbietet, wenn (wie bei mir) die Fingernägel eigentlich zu kurz geschnitten sind für filigranes Fingerpicking.

Im direkten Vergleich klingt die preisgünstigere 2006-Kugel ein wenig nüchterner. Der qualitative Unterschied ist aber gar nicht mal so groß. Verwehrt bleibt der 2006 die Möglichkeit der Klangvariation über auswechselbare Kapselgitter; hier gibt’s nur einen Sound − aber der ist stimmig! Die sehr milde Höhenanhebung stört nirgends, und bei Aufnahmen mit größeren Mikrofonabständen kann man zur Not mit dem EQ nachhelfen.

Übrigens würde ich für alle Kapseln − auch die preisgünstigeren 2000er − das große MMP-A-Verstärkermodul empfehlen. Es klingt einfach ein wenig transparenter, offener und kulinarischer als das kleinere MMP-C. Nicht, dass die Klangunterschiede einen unmittelbar anspringen würden, man muss schon sehr genau hinhören. Aber im Direktvergleich wird man den MMP-A als etwas runder und wohlklingender erleben, während der MMP-C ein klein wenig „eckig“ wirkt.


Hier gibt’s die Soudbeispiele am Beispiel einer Akustikgitarre.

Ebenfalls getestet und verglichen wurden das 2011C und 4011C an der Bassdrum  im Zuge unseres Drum Recording Specials:

Wenn du dich mehr zum Thema Drum Recording oder für den Workshop interessierst, dann informiere dich hier.


Kommen wir zur Nierenfraktion. Die 4011-Kapsel klingt aus gleicher Entfernung (etwa 35 cm) natürlich direkter und „trockener“. Ansonsten ist das Klangbild dem der Kugelkapsel aber recht ähnlich − kein Wunder, beide sind ja nahezu perfekt linear. Das Instrument klingt bemerkenswert natürlich und unverfälscht. Die preisgünstigere 2011- Niere wirkt im Bass deutlich schlanker und in den oberen Frequenzen „aufgefrischt“. Bei den Nierenkapseln ist der Klangunterschied zwischen der 4000er- und der 2000er-Serie sehr viel größer als bei den Kugelkapseln. Zwar klingt die 2011-Niere keineswegs schlecht, aber ihr Klang wirkt „bearbeitet“, sozusagen vorgeformt. Das mag in kleineren Studios mit problematischer Akustik sogar von Vorteil sein, denn die 2011-Niere entschlackt den Bassbereich bereits bei der Aufnahme. Für Klassikaufnahmen oder überhaupt alles mit höheren Ansprüchen würde ich aber doch zur teureren 4011-Niere raten.

Oder zur 4015-Breitniere! In den letzten Jahren erfreuen sich Kapseln mit breiter Nierencharakteristik − also einer Mischform von Kugel und Niere − steigender Beliebtheit, und wenn man die 4015 ausprobiert, weiß man sogleich warum. Einerseits ist die breite Niere dem natürlichen Klangempfinden der eigenen Ohren irgendwie ähnlich, andererseits bietet die Breitniere dem Instrument bzw. seinem Spieler einen komfortabel großen Sweet-Spot. Das Klangbild wirkt sehr stabil, auch wenn der Instrumentalist sich ein wenig bewegt − und das soll er ruhig, wenn es dem Ausdruck zugute kommt. Außerdem klingt die 4015-Breitniere wunderbar natürlich − ein Traum gerade auch an der Akustikgitarre. Da fehlt nichts, und da ist nirgends etwas zu viel. Insofern ist die Breitniere 4015 kein fauler Kompromiss zwischen Kugel und Niere, sondern in vielen Fällen „The Best of Both Worlds“.

Fazit

Oft meint man mit „Standard“ das Gegenteil von Luxus. Bei der neuen Reference Standard Series ist das definitiv nicht der Fall: Sie möchte einen neuen Benchmark definieren, eine Referenz, an der sich andere messen lassen müssen. In gewisser Weise war das schon immer der Fall, denn nahezu jeder Mikrofonhersteller verwendet Messmikrofone von Bruel & Kjaer, von denen die DPA-Mikrofone ja abstammen.

Billig sind die DPA-Mikros auch mit den etwas gesunkenen Preisen nicht, sie besitzen aber alle Tugenden guter Kleinmembranmikrofone: hohe Linearität, weiter Übertragungsbereich und ein nahezu frequenzunabhängiges Pattern. Wer höchsten Wert auf unverfälschten Klang legt, wird an diesen Mikros kaum vorbeikommen. Oder wie Otto Waalkes einst sang: „Dänen lügen nicht.“ … der Spruch musste ja kommen!

Pro und Contra

+++
hohe Auflösung, extrem linear
+++
makellose Verarbeitung
+++
praxisgerechte Detaillösungen

MMC2011 fällt qualitativ
etwas ab


Hersteller- und Produktinfos

Reference Standard Series Hersteller/Vertrieb DPA / Mega Audio
UvP:

MMC2006 € 428,40; MMC2011 € 428,40; MMC4006 € 1.309,−; MMC4011 € 1.160,25; MMC4015 € 1.190,−; MMC4017 € 1.130,50;

MMP-A € 446,25; MMP-B € 476,−; MMP-C € 297,50


Sound&Recording – Drum Recording Special

sr_0716_1Die Sommer-Ausgabe 07-08/16 von Sound&Recording steht ganz im Zeichen der Königsdisziplin im Studio – denSchlagzeug-Aufnahmen. In unserem Drum Special haben wir über 100 Mikrofone an den Drums miteinander verglichen. Udo Masshoff gibt euch Tipps, zum Stimmen des Schlagzeugs für eure Recordings. Außerdem beschäftigen wir uns mit den Themen Drum Editing in Studio One 3, mobilen Drum Recordings und damit, wie ihr mit NI Massive einen Layer für die Kick Drum basteln könnt. 
Weitere Themen:
  • UAD Fender `55 Tweed – Software-AMP
  • iZotope VocalSynth – Vocal Effekte aus dem Rechner
  • Zu Besuch bei Boutique-Hersteller Royer Labs
  • Mixpraxis: Rik Simpson mischt Coldplay – Hymn For The Weekend uvm.

>> Die Sound&Recording-Ausgabe 07-08/16 könnt ihr hier versandkostenfrei bestellen <<

Ein Kommentar zu “Test: DPA Reference – Standard Modulare Kleinmembranmikrofone”
  1. Robert

    Danke für die ansprechende Beschreibung! Meine Mikro-Wunschliste wird damit umfangreicher;-) Als auch Gitarrist, liest sich die Beschreibung wie für einen Klang Gourmet! Obwohl ich durchaus mit guten Sennheiser MKHs und AKGs ausgestattet bin, ist der Appetit auf Neues sehr stark angeregt:-)

    Antworten
Hinterlassen Sie einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: