Produkt: Sound & Recording 12/2019
Sound & Recording 12/2019
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Grundlagen

Vocals im Mix: Wie man Gesang richtig mischt

Es gibt wohl kein Element, das mit Abstand so wichtig ist für einen Song wie der Gesang. Und obwohl es vielen relativ einfach fällt, die meisten Instrumente in einem Mix zu bearbeiten, steht man oft vor einer fast unlösbaren Aufgabe, wenn es dann schließlich an die Vocals geht.

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Wenn man sich die Signalketten der besten deutschen Mischer anguckt, wird man sehr oft überrascht feststellen, wie einfach das Ganze gehalten wird und was für super Ergebnisse sich trotzdem erzielen lassen. Sofern man nicht schon alles beim Aufnehmen verbockt hat, kommt es jetzt vor allem auf die Grundlagen beim Mischen von Vocals an. Und hier gilt für mich die Regel: weniger ist mehr! Je unerfahrener man im Aufnehmen ist, desto weniger Equipment sollte man in der Kette haben, um die Fehlerquellen zu reduzieren. Ein halbwegs vernünftiges Mikrofon, ein Mikrofonvorverstärker und ein Interface bzw. Wandler genügen, um eine professionelle Aufnahme zu machen. Man muss nicht unbedingt einen Kompressor oder EQ schon bei der Aufnahme benutzen. Vor allem der Kompressor kann hier zu großen Problemen führen, wenn er nicht richtig eingestellt ist. Hat man dann die Aufnahmen im Kasten und auch das Editieren gemeistert, kann man sich so langsam die Gedanken um das Mischen machen. Hier wird man mit »weniger ist mehr« nicht unbedingt bis ganz ans Ziel kommen. Aber das bedeutet auch nicht, dass man alles an Plug-ins oder Analog-Equipment draufhaut, was man zur Verfügung hat, nur weil es bereits bezahlt ist! Hier muss man sich genau anschauen, in welchem Zusammenhang der Gesang zu dem Song steht und wie die rohe Aufnahme klingt. Daraus ergibt fast automatisch die weitere Bearbeitung. Es gibt allerdings einige Schritte, die fast immer notwendig sind.

Anhand eines einfachen Beispielsongs, ein spärlich instrumentierter Popsong, möchte ich diese besprechen. Es gibt hier eine Sängerin mit Akustikgitarre, die später von etwas Percussion und Bass begleitet wird. Die Instrumente sollen die Grundlage bzw. das Fundament bilden, aber der Gesang muss den ganzen Song tragen können. Nachdem die Instrumente ein wenig bearbeitet worden sind, ging es mir vor allem darum, die Sängerin aufzuwerten und über das Playback zu bekommen.

Als Erstes benutze ich immer einen »cleanen« EQ mit einem Low-Cut, um unnötige Störgeräusche im Bassbereich zu reduzieren. Ich persönlich setzte den Low-Cut immer bei min. 80 Hz an, manchmal etwas höher. Aus meiner Sicht gibt es bei Vocals unter 80 Hz fast nie wichtige oder nutzbare Information. Das Aufräumen im Bass kann den Gesang aber deutlich knackiger und durchsichtiger machen, vor allem im Zusammenhang mit anderen Instrumenten. Auch in diesem Song hatte ich den Low-Cut mit 12 dB/Oct bei ca. 80 Hz gesetzt. Auf dem Bild sieht man jedoch links, dass der Bass aufgrund der flachen Flankensteilheit bis ca. 200 Hz abgesenkt wird. Hier kann man also durch die Auswahl der Flankensteilheit und der Frequenz deutlich mehr beeinflussen, als man im ersten Moment meint. Ein Ausprobieren mit verschiedenen Kombinationen kann ich nur empfehlen.

Das Aufräumen im Bassbereich ist außerdem sehr hilfreich, wenn man ein Tuning-Plug-in in der weiteren Bearbeitung benutzt. Dadurch klingt das Tuning deutlich besser, und es entstehen vor allem weniger störende Artefakte. In diesem Fall hatte ich mich für das Antares Autotune 7 als zweites Plug-in entschieden. Es war nicht so, dass die Sängerin kaum einen Ton getroffen hatte, aber ich hatte das Gefühl, dass sie bei einigen langen Tönen hörbar zu schwanken anfing. Bei Autotune muss man nicht alle Knöpfe kennen, aber ein paar Punkte sollte man beachten. Als Erstes sollte man immer die richtige Tonart auswählen, denn das chromatische Tuning kann manchmal zu Problemen führen. Man könnte auch den »Input Type« und das »Tracking« ändern, aber die Grundeinstellung funktioniert fast immer sehr gut. Die wichtigste Einstellung ist aber wohl die Tuning-Geschwindigkeit (»Retune Speed«). Ist sie kurz, hört man ganz schnell den T-Pain- oder Cher-Effekt. Ich persönlich gehe nie unter 80, oft sogar eher über 100, damit alles natürlich und unauffällig klingt. Sollte dieses leichte Tunen nicht ausreichen, dann würde ich zu Melodyne greifen und von Hand nachtunen.

Jetzt war es an der Zeit, den Gesang zu komprimieren, um die starke Dynamik ein wenig rauszunehmen und die Sängerin etwas konstanter und solider klingen zu lassen. Hier habe ich insgesamt vier verschiedene Kompressoren benutzt. Da es aber den Rahmen dieses Artikels deutlich sprengen würde, die ganzen Kompressoren im Detail zu erklären, werden wir uns damit in der nächsten Folge ausführlich beschäftigen.

Nach dem ganzen Komprimieren klang der Gesang zwar viel ausgewogener, aber auch matter und etwas langweiliger. Um dem Ganzen ein wenig mehr Charakter und Leben einzuhauchen, benutze ich oft Sättigungs-Tools. Das können Verzerrer, Bandmaschinen, Röhrengeräte oder entsprechende Emulationen sein. In diesem Fall hatte ich mich für den Sonnox Inflator entschieden. Dieser ist sehr einfach zu bedienen, hat einen angenehmen Sound und lässt Audiomaterial fast immer besser klingen. Bei den Einstellungen hatte ich mich für ca. 50 % »Effect« und ein eher helleres Klangbild (einstellbar durch den Curve-Regler) entschieden. Jetzt sollte der Gesang idealerweise ausgewogen, aufgeräumt und lebendig klingen.

Ab hier geht für mich die eigentliche Abstimmung der Vocals auf die restlichen Instrumente los. Ich schaue mir an, wie genau die Sängerin im Zusammenhang mit dem Rest klingt, und was noch fehlt, damit sie gut im Mix sitzt. Das bedeutet in der Regel, dass noch ein paar schicke Höhen drauf müssen, damit der Gesang leicht über dem Playback steht und wichtig und edel klingt. Hier benutze ich sehr gerne analoge EQs oder entsprechende Emulationen, in diesem Fall den UAD Harrison 32C. Dieser hat eine gewisse Farbe und Charakter, ohne gleich aufdringlich oder künstlich zu klingen. Damit habe ich 1,5, 5,5 und 12 kHz mit ca. 2 – 4 dB geboostet. So wird der Gesang deutlich präsenter, intimer und setzt sich im Mix ein wenig über die anderen Instrumente. Manchmal sollte man aber auch den Bassbereich kompensieren, da die Vocals sonst ganz schnell zu dünn klingen können. In meinem Fall habe ich hierfür ca. 100 Hz mit 2 dB verstärkt. Das verleiht ihm die entsprechende Größe und Wichtigkeit.

Als letzten Schritt in der Kette benutze ich fast immer einen De-Esser. Denn durch das Komprimieren und Verstärken der Höhen werden auch immer einige S-Laute und scharfe Konsonanten deutlicher hörbar. Das kann den Gesang etwas aggressiv und unnatürlich klingen lassen. Ein De-Esser kann hier etwas Abhilfe schaffen, indem er einen bestimmten Frequenzbereich komprimiert. Dafür nehme ich am liebsten den Fabfilter Pro-DS. Auch hier sollte man es aber nicht übertreiben, denn eine zu starke Bearbeitung unterdrückt die Konsonanten und die Sängerin fängt an zu lispeln. Dann lieber zwei De-Esser hintereinander benutzen, die beide etwas entspannter oder in unterschiedlichen Frequenzbereichen arbeiten. So wird der Gesang nie zu scharf und behält seine Präsenz.

Produkt: Sound & Recording 09-10/2019
Sound & Recording 09-10/2019
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