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5 Tricks um Li­ve-Re­cor­dings na­tür­lich klin­gen zu las­sen

Studiotipps-1

Während man nach einer Konzertaufnahme eines kleineren Klassik-Ensembles das ganze Recording-Equipment abbaut, kann man ja schlecht weglaufen. Meist dauert es dann nur ein paar Minuten, und irgendjemand aus dem Publikum oder von den Musikern kommt mit einer Frage oder ein paar klugen Tipps und Tricks um die Ecke: »Ich nehme übrigens auch auf …«, oder der Klassiker: »Wissen Sie wirklich, wozu alle die Knöpfe da sind?«

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Wobei ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich die letzte Frage schon länger nicht mehr gehört habe. Das ist wohl der Preis dafür, dass man heute keine übergroßen Studioracks mehr aus dem Bulli schleppen muss, um ein paar Mikros samt Audio-Interface und Splitbox an einen Computer zu klemmen.

Meist kommen bei diesen Abbaugesprächen auch die Wünsche der Musiker zur Geltung: »Das soll am Ende alles möglichst natürlich und authentisch klingen!« Das versichere ich natürlich! Und der eine oder andere, der auch selbst mal aufnimmt, gesteht einem zum Abschluss, dass seine Aufnahme mit dem Field-Recorder dann doch nie so klang wie die offizielle Aufnahme. Ich weiß auch warum, und genau darum soll es heute gehen.

»Kann ich da schon mal reinhören?« »Nein«, sage ich dann immer, denn ich muss da vorher noch ein paar Dinge dran machen. Und eben über die paar Dinge, die ich da vorher noch mache, möchte ich heute schreiben. Es gibt hier nämlich einen Widerspruch, der zwar von jedem mit den Worten »authentisch« und »natürlich« beschrieben wird, aber in Wahrheit ein Kunstprodukt ist.

Der erste Eindruck 

Wenn ich die beiden Aufnahmespuren von zwei guten Kleinmembranmikros das erste Mal in die Session lade, dann klingen sie für Außenstehende im ersten Moment eigentlich auch nicht so groß anders als die Aufnahmen mit einem guten Field-Recorder. Vielmehr startet die Aufnahme ja meist mit dem ganzen Lärm drum herum, der halt vor dem Auftritt so stattfand: Leute reden, irgendwo schiebt einer noch was auf der Bühne herum … auch mit guten Mikros klingt Lärm schlicht nur nach Lärm.

Und mit zwei Mikros ist selten ein Bühnenklangbild wirklich perfekt, irgendwo entstehen auch mal Lücken, bestimmte Instrumente sind zu laut oder Ähnliches. Im Endeffekt ist das Klangbild, das wir dem Hörer am Ende präsentieren möchten, vorerst noch in den ganzen Aufnahmespuren versteckt.

Ich vergleiche das gerne mit einer Foto-Ausstellung: Würde man mir die Fotos einfach ungeordnet vor die Füße kippen, würde ich die besten Bilder vielleicht übersehen. Erst im Rahmen mit dem passenden Licht und ein paar Hintergrund-Informationen wird daraus für mich als Laien mehr.

Übrigens würde ich nicht immer empfehlen, mit einem professionellen Fotografen in so eine Ausstellung zu gehen. Was für mich dort »natürlich« aussieht, entlarvt der nämlich im schlimmsten Fall als hervorragend umgesetzten Photoshop-Trick mit aufwendigem Kunstlichtaufbau …

So bringst du Natürlichkeit und Authentizität in deinen Mix

Phase und Laufzeit

Ein einfacher Druck auf den Phasentaster im Kanal oder den Mono-Knopf im Master kann schon eine Menge helfen. Wenn wir beim Orchester als Beispiel bleiben, dann reicht es für den Anfang, ein paar Mal vor der eigentlichen Aufnahme am Dirigentenpult in die Hände zu klatschen, dieses auf allen Spuren aufzuzeichnen, und schon hast du einen gemeinsamen Referenzpunkt, um zumindest die weiter entfernt platzierten Mikros in der DAW ungefähr auszurichten.

Im Studio geschehen diese Tricks beinahe unsichtbar. Niemand verrät dir, warum das Drumset schon einen Tag vorher aufgebaut und mikrofoniert werden musste, oder wieso die beiden Mikros vor dem Gitarren-Amp und in der Bassdrum so seltsam aneinandergeklebt wurden …

Selbst wenn du nur zwei Mikros vor einer Akustikgitarre platzierst, hast du mit diesem Thema zu tun, und allzu oft schieben wir eventuelle Fehler zu Unrecht auf Mikros oder Instrument!

Achte zuerst auf den Bassbereich, während du die Spuren oder Mikros ausrichtest, danach auf einen hohlen Sound im Mittenbereich. Falls es eine Studioaufnahme ist, kannst du natürlich direkt die Positionen der Mikros optimieren!

Ein cleveres Plug-in für schnelle Tests und spätere Korrekturen ist übrigens MAutoAlign von MeldaProductions. Füge eine Instanz auf jeder relevanten Spur ein, und das Plug-in schlägt dir nach einem Klick auf Analyse zumindest ein paar Näherungswerte vor. Die müssen nicht immer passen, aber das Plug-in zeigt dir zumindest eine grobe Richtung und lässt sich danach individuell anpassen.

Klatsch mal in den Raum

Wo ich schon beim Klatschen war: Wandere einmal händeklatschend durch deinen Aufnahmeraum, den Bandkeller oder wo immer du gerade aufnimmst. Auch bei kleineren Orchestern oder Jazz-Ensembles ist das vor der Aufnahme wichtig, denn in Clubs und Konzerthallen gibt es ja nur selten eine perfekte Akustik.

Je weiter ein Mikrofon vom Instrument entfernt steht, desto mehr bekommst du genau das zu hören, was dir beim Händeklatschen von den Wänden zurückschallt. Unsere Ohren blenden das gekonnt aus, unsere Mikros liefern aber präzise alle Details aus dem Raum. Das summiert sich zudem, je mehr Mikros gleichzeitig aufgenommen werden!

Niemand kann wirklich reparieren, wenn eine schlechte Akustik erst mal auf jeder Spur drauf ist und man der Illusion aufgesessen war, dadurch ein natürlicheres Klangbild einzufangen! Man könnte später mit DeVerb- und Transient-Plug-ins auf jeder Spur ansetzen, aber mit Natürlichkeit hat das dann wirklich nichts mehr zu tun!

Ehrlicher ist es, sich einfach den Raum anzuhören, zu optimieren falls möglich (beispielsweise die hinteren Vorhänge auf der Bühne abzusenken) und die Mikros danach auszurichten. Dichter an die Soundquelle, wenn der Raum in dem Bereich nix taugt, etwas weiter weg oder zumindest zusätzliche Mikros, falls der Raum gut klingt.

Wie oft ich schon mit Phoenixverb von Exponential-Audio den echten Raum ergänzt habe, damit es am Ende wieder so wunderbar natürlich klang? Verrate ich besser nicht … oder vielleicht in einer Bildunterschrift. 😉

Sidechain-Kompressor

Nach dem groben Angleichen der Lautstärken gibt es auf manchen Spuren einige Passagen, die merkwürdige Lautstärkesprünge haben, zum Beispiel weil das Instrument in einer bestimmten Tonhöhe oder Spielweise auf einmal wesentlich lauter erklingt. Ein EQ funktioniert hier auch, aber häufiger benutze ich den erst im Mix und begradige die Spuren vorher generell mit einem einfachen Sidechain-Kompressor mit sehr dezenten Einstellungen. Einfach genau den Bereich auswählen, wo diese nervigen oder zu lauten Frequenzen sitzen, und diese mit dem Sidechain-Kompressor gezielt absenken. Das führt auch dazu, dass alle Spuren besser in ihren Lautstärken zueinander passen und der Gesamtsound wesentlicher professioneller klingt.

Bassbereich begradigen

Nun kommt der Bassbereich, und der ist auch in einem möglichst natürlichen Klangbild wichtig. Hi- und Lo-Cuts mögen bei wenigen Spuren noch nicht so eine große Auswirkung zeigen, aber auch ein kaum störender Bass-Mulm summiert sich schnell zu einem undefinierten Gesamtbild. Den Lo-Cut setze ich so niedrig, dass er in Kombination mit dem Instrument gerade so an der Substanz nagt, und drehe ihn dann wieder ein wenig zurück, sodass die eigentliche Klangquelle des Mikrofons beinahe unbearbeitet erklingt.

Insgesamt ist gerade der Bassbereich immens wichtig, auch wenn bei manchen Musikstilen alle etwas anderes behaupten. Eine Pauke, die nicht rummst und nur im Mittenbereich mit viel Raumhall tönt, funktioniert selbst im Kinder-Musical auf dem Dorf nicht.

Generell gibt es vielleicht ein paar Spuren, die mit dem EQ erstmal geradegezogen werden müssen, damit der Laie am Ende auch merkt, dass es eben wirklich »unbearbeitet« klingt. Ein unnatürlicher Frequenzgang ohne EQ würde dort nämlich bisweilen sogar als absichtlich verfälschende Bearbeitung verstanden. Manche Instrumente haben einfach ein paar komische Frequenzbeulen, und die etwas zu glätten schafft erst die Grundlage für einen guten Mix.

Parallelkompression und Master

Vor dem finalen Bounce gibt’s zumindest noch einen Bus, auf dem die ganze versammelte Natürlichkeit plattgequetscht durch einen Kompressor anliegt, den ich dann dezent den vorläufigen Summensignalen hinzumische. Alternativ kann man auch einfach Waves MV2 benutzen und den Low-Level-Knopf etwas anheben − das funktioniert bisweilen genauso gut und liefert für erste Experimente in jedem Fall bessere Ergebnisse als ein vielleicht zuerst unpassend eingestellter Bus-Kompressor.

Am Ende noch den Gesamtfrequenzgang an ein paar Referenzstücke angleichen, und das Ganze mit einem dezenten Limiter für den Export auf die Audio-CD oder ins Cloud-Universum absichern. Manchmal muss es am Ende viel mehr Summenkompression sein, aber das hier ist ja erst die Version zum Reinhören …

Fazit

Das alles tue ich häufiger, wenn ich offiziell noch nichts mache. Denn im Ernst: Ein richtiger Mix war das nicht, es war nur die Vorbereitung auf den richtigen Mix und eher was zum Reinhören und zur Songauswahl!

Vielleicht hilft diese Folge der Studiotipps etwas, unseren Blickwinkel bei all dem Gerede über Natürlichkeit, Authentizität oder Klangunterschiede nicht zu verlieren. Unser Gehirn und unsere Ohren liefern uns bei einem Live-Konzert kein realistisches Abbild, sondern fokussieren unsere Wahrnehmung auf Ausschnitte des Klanggeschehens. Unseren Mikros fehlt genau dieses Aussortieren!

Unsere Aufgabe in einem Mix ist es, diese Wahrnehmung dem Hörer erneut zu ermöglichen. Deshalb steht ein Gesangs – mikro viel zu dicht an der Quelle − niemand würde sein Ohr so dicht dort platzieren! Aber diese Details, durch einen Kompressor verdichtet, nennen wir am Ende dann »Natürlichkeit«.

Wir liefern unseren Hörern meistens nur eine Illusion von Authentizität, denn sonst wären da draußen ja alle mit den heutigen Field-Recordern wunschlos glücklich.

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Spaß beim professionellen Nichts-Tun!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ohjeh!
    Autoalign bei klassischen Aufnahmen funktioniert leider oft nicht sehr gut. Dafür hilft aber ein Klatschen vor dem Mikrofon um den Laufzeitausgleich zum Hauptsystem ausgleichen zu können.
    Lowcuts bei Klassik? Ohjeh! Hinweg ist die schön aufeinander liegende Phase, die wir gerade eben geschaffen haben! Viele Instrumenten benötigen auch unbedingt ihren Bassbereich um nicht dünn und spitz zu klingen…vielleicht braucht es dann auch den Sidechain Kompressor nicht bei den Geigen, die nicht um ihren wichtigen (!!) Rauschanteil im Bassbereich beraubt wurden.
    Per se klangliche Probleme per EQ angleichen? Dann doch lieber vor Ort mit einem passenden hochwertigen Mikrofon anhören und anpassen!

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  2. Danke schön! Habe wenig verstanden, ein wenig … Der Respekt wuchs beim Lesen – und der Satz “… Wir liefern unseren Hörern meistens nur eine Illusion von Authentizität, denn sonst wären da draußen ja alle mit den heutigen Field-Recordern wunschlos glücklich. …” dann zauberte mir ein Lächeln, da ich mich unter denen mit den Field-Recordern weiß, der Kinderlachen und Bachgemurmel, gescheites, für seine Ambient- Mixe sucht, versucht. Ich würde mich freuen über ähnlich anschaulich geschriebene Beiträge, die sich mit einzelnen “Knöpfen” und Funktionen der Mastering-Software beschäftigen. Teilaspekte. Unspektakulär, dafür lehrreich. Vielleicht auch mal eine Software wie Samplitude ProX behandeln.

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