Songs schreiben wie die Profis

Songwriting Tipps von Patrice

Das Thema Songwriting ist bei uns Musikern einfach immer ein Thema. Gibt es mal eine Schreibblockade, dann suchen wir krampfhaft nach der Inspiration und stellen uns die Frage “Woher nehmen erfahrene Künstler ihre Kreativität und wie gehen sie an einen Song heran?” In dieser Artikelserie stellen wir bekannten Musikern genau diese Frage. Ihre Antworten geben euch hilfreiche Tipps und praxisorientierte Tricks rund ums Songwriting. In der ersten Folge stand uns Patrice Rede und Antwort.

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Was bedeutet Songwriting für dich?

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Es fällt mir immer extrem schwer, das zu beschreiben. Viele verstehen es erst, wenn ich mit ihnen zusammen einen Song schreibe, was ich darunter verstehe. Dann macht es auf einmal bei ihnen Klick.

Songwriting ist die Basis deiner eigenen Musik. Heute sind viele Songs abhängig von der Produktion im Studio – aber letztendlich kann auch die beste Produktion ein schlecht geschriebenes Lied nicht zum Hit machen.

Oft ist man während der Produktion dazu geneigt, immer mehr zu machen, weil man denkt, dass da was fehlt. Aber meistens liegt es daran, dass der Song selbst nicht gut genug oder noch nicht ausgereift ist, denn ein wirklich guter Song braucht kaum was an Produktion.

Man kann natürlich sagen, man nimmt einen Beatles Song, analysiert ihn und baut den Song genauso auf. Es gibt auch Leute, die sagen, sie kennen die Formel und schreiben ein Buch darüber. Aber das Songwriting verhält sich je nach Moment immer anders. Auch wenn man jetzt die Beatles studieren würde, heißt das nicht dass man dann auch so gute Songs schreibt.

Wie schreibst du deine Text? Analog oder digital?

Ich nutze das, was gerade zur Hand ist. Am liebsten mag ich jedoch Papier ohne Linien – das gibt mir das größte Gefühl von Freiheit. Ich mag auch Bleistifte, aber ich tippe auch einiges ins Handy ein.

Dann gibt es natürlich verschiedene Ansätze.

Collagen sind cool zum Beispiel. Dafür suchst du dir die Sportseite von der Zeitung raus, wählst dir daraus einen Satz, nimmst dir das nächste Buch und suchst einen weiteren Satz heraus. Dann schaust du auf das Label von einem Produkt oder einer Verpackung und bedienst Dich von dort und setzt das Ganze dann in Relation und Kontext. So habe ich teilweise in London mit Cameron Mc Vey geschrieben.

Ich finde es kritisch, wenn man krampfhaft versucht, dem Ganzen einen Sinn aufzudrängen. Das hat oft etwas Gewolltes und Gezwungenes. Das hat man oft beim deutschen Songwriting von heute, wo alles den guten Menschen ergeben muss. Darüber hinaus gibt es natürlich den Ansatz Dinge zu reflektieren die einen direkt betreffen. Man sollte vor allem eine eigene Sicht und stilistische Ausdrucksweise entwickeln.

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Sachen aufzuschreiben, die vielleicht im ersten Moment gar keinen Sinn machen, kann auch cool sein, weil man dadurch auch auf ganz andere Gedanken und Ideen kommt.

Man sollte sich sowieso während des Schreibens nicht selbst einschränken und sich zu viele Gedanken machen, sondern einfach nur drauf los schreiben manchmal. Wenn es nicht so gut ist, dann schreibt man einfach weiter und nimmt es raus. Und wenn gar nichts gut ist, dann ist es einfach ein schlechtes Lied. Lange an einem Song zu arbeiten, ist nicht produktiv – man muss sich einfach am Leben orientieren. Es gibt gute und schlechte Tage, es gibt schöne und weniger schöne Dinge, so gibt’s auch Songs, die gut und weniger gut sind. Man muss ja nicht alles raus bringen was man schreibt.

Wie wichtig sind Arrangement und Style?

Am Ende baut alles auf einer Idee auf in Form von einer Melodie, einem Konzept oder einem Satz. Dann schaut man nach  den passenden Akkorden auf der Gitarre, schaut welche Tonart es ist, bestimmt das Tempo, und den Rhythmus. Dann gehen viele nach einem System oder Schema vor. 2 Bars Intro, 8 Bars Strophe, 2 Bars Prechorus, oder auch nicht, dann der Refrain. Dahinter macht man dann einen Tag, oder auch nicht, und geht direkt in die zweite Strophe, dann wieder 8 Bars Refrain, Instrumentalteil, Bridge, Schlussrefrain. So sind die meisten Lieder heute aufgebaut.

Viele große Songwriter folgen jedoch ihrer Intuition und lassen sich vom Song selbst leiten, ohne dass sie sich initial von einem Konzept limitieren. Man lässt dem Song seinen freien Lauf und dokumentiert die Reise, die der Song nehmen will. Dafür muss man sich aber von den Konzepten und Mustern frei machen, die man eventuell schon kennt.

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Man lässt dem Song seinen freien Lauf und dokumentiert die Reise, die der Song nehmen will

Das eine ist natürlich der Aufbau und das andere ist der Style. Der Style ist das A und O heutzutage. Viele große Künstler schreiben ihre Songs ja nicht selbst, sondern drücken ihm ihren eigenen Style auf, und der Style ist oft mehr wert als der Song an sich. Würde jemand anderes den Song eines bekannten Künstlers singen, würde er nicht unbedingt genauso gut ankommen. Das hat nicht nur was mit dem großen Namen dahinter zu tun, sondern auch mit dem  „Swägger“ des Künstlers :).

Der Style ist ein wichtiger Bestandteil des Songwritings, denn was die Leute wollen, ist eine gewisse Art von Ehrlichkeit und sie erwarten von jedem Künstler eine gewisse Stiltreue. Da spielt Glaubwürdigkeit eine wichtige Rolle.

Außerdem ist das Sounddesign äußerst wichtig. Dadurch können auch statische Akkordfolgen zum Leben erweckt werden. Beispielsweise durch Slides oder interessante und originelle Sounds, die eine gewisse Aufmerksamkeit erregen. Dabei muss man aber auch darauf achten, dass man sich nicht verliert – bei all den Möglichkeiten, die einem heute zur Verfügung stehen.

Weniger ist also mehr?

Man muss lernen, sich zu limitieren und nicht unendliche Spuren benutzen. Früher kam man schon mit 4, 8 oder sogar nur einer Spur aus. Dadurch wurden die Musiker auch kreativer und mussten sich überlegen, wie sie diese Idee mit ihrer Limitierung umsetzen konnten.

Ich kann nur raten, sich auf das Wesentliche zu beschränken und nicht zu früh an den Computer zugehen, loszulegen und das Ding schon abzufeiern, nur weil ein kleiner Beat daruntergelegt wurde. Dabei vergisst man den Song, wirklich fertig zu schreiben, bevor man den nächsten Schritt einleitet.

Generell muss man schauen, wie man es mit begrenzten Mitteln schafft, zu arbeiten. Das steigert auch die Kreativität, weil man schon während des Songwritings merkt, wo vielleicht was fehlt. So  sucht man ganz früh schon danach, was den Song an einer Stelle vielleicht besser macht, ohne da in der Produktionsphase heranzugehen. Man hat da keinen Beat mit dem man denkt: ‚Damit bekomme ich den Song auf ein gewisses Level‘ – sondern man schaut erst, wie man es mit rein songwriterischen Mitteln schafft.

Hast du dafür ein bekanntes Beispiel?

Ich hab das Gefühl, dass Künstler die limitiert arbeiten, wie beispielsweise Bob Dylan, damit ihr musikalisches Können beim Songwriting kompensieren. Bob Dylan ist nicht der größte Sänger aller Zeiten, aber so wurde er meiner Meinung nach zu einem der größten Songwriter.

>> Music Production: Mixpraxis mit Al Schmitt und Bob Dylan <<

Wenn ich weiß, wo man mit dem Song hin möchte und man ist vom bisherigen Song noch nicht überzeugt, dann muss ich mir was suchen, wie ich ans Ziel komme. Wenn ich das nicht mit meiner Stimme schaffe, dann muss ich mir eben die Gitarre greifen, um es dahin zu peitschen. Wenn ich es nicht mit der Gitarre und der Stimme schaffe, dann muss ich eben grandiose Texte und Songs schreiben.

Bob Marley musste nicht der beste Gitarrist oder Sänger sein, sondern er hat das Ganze genutzt, um seine Songs durch seine Texte und seine Persönlichkeit aufzuwerten und es so geschafft, seine Message zu übertragen.

Website: http://www.patrice.net/

 

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