Emotion per Mausklick?

Native Instruments Emotive Strings

Einfach die Taste mit der richtigen Tonhöhe herunterdrücken, und schon bekommt man temposynchrone und musikalisch ansprechende Motive geliefert, die sich selbstredend mit anderen Motiven und in weiteren Tonhöhen in Echtzeit kombinieren lassen. Was vor wenigen Jahren noch nach Zukunftsmusik klang, haben Sonuscore und Native Instruments nach den Action Strings nun mit den Emotive Strings zum zweiten Mal realisiert. Wir schauen hinter die Kulissen und unterhalten uns mit Tilman Sillescu von Sonuscore über die Produktion der Emotive Strings.

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(Bild: Frank Schreiber, Sonuscore, Native Instruments)

Im Gegensatz zu den Big Playern in der Welt der Sample-Libraries, die sich oftmals auf das perfekt gesampelte Instrument konzentrieren, „… haben wir überlegt, was könnte man noch brauchen? Was können die ganzen Big-Player-Instrumente eben noch nicht?“, erinnert sich Tilman Sillescu an die Gründungsphase von Sonuscore. Die Antwort war: „Zusammenhängende Motive wirklich überzeugend spielen! Daher kam dann die Idee.“ Als Sub-Label des Komponistenkollektivs Dynamedion stellt Sonuscore seine Kernkompetenzen in den Vordergrund. Denn einer – seits wurden bei Dynamedion bereits zahlreiche Scores mit Orchestern aufgenommen, andererseits wurde durch die kompositorische Arbeit schnell klar, welches musikalische Material Komponisten benötigen.

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Der Schwerpunkt der Emotive Strings liegt diesmal auf Legato-Phrasen, die mit konventionellen Streicher-Libraries in dieser Form nicht zu realisieren wären. „Ich würde so etwas nur komponieren, wenn ich wüsste, dass es vom Orchester eingespielt würde. Wir haben da Tests gemacht, das kommt alles zu spät, obwohl Legato-Transitions zwischen jedem Ton sind. Wenn du solche Begleitlinien spielst, die auch John Williams sehr gerne einsetzt, dann ist das total schwierig umzusetzen. Eigentlich ist es schade, dass so etwas nur noch selten komponiert wird, nur weil es nicht mehr zum Klingen gebracht werden kann.“ Nicht zuletzt, weil sie selbst gerne diese Art der Begleitlinien verwenden, hat sich Sonuscore zum Auftrag gemacht, diese in ein leicht zu bedienendes Instrument à la Action Strings zusammenzufassen.

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(Bild: Frank Schreiber, Sonuscore, Native Instruments)

Recording-Sessions

Das einfache Handling der Emotive Strings täuscht leicht über den immensen Aufwand hinweg, der betrieben werden musste, um die Library in dieser Forms realisieren zu können. So wurden die 175 einzelnen Phrasen jeweils in ihren verschiedenen Tonhöhen bzw. Umkehrungen ausnotiert und vom Budapest Scoring Symphony Orchestra in zwei Dynamikstufen eingespielt. Insgesamt kamen dabei mehr als 180 GB zu editierendes Material zusammen. „Wir waren fünf Tage in Budapest und haben da aufgenommen. Ich habe auch mein Bestes gegeben, die Musiker zu motivieren, die Linien immer mit Leben zu füllen. Denn wir können hier einen Unterschied zu den ganzen Libraries machen: Die Musiker mussten keine Einzeltöne, sondern eben Melodien spielen!“

Zur Lebendigkeit, die das Streichorchester alleine durch das Zusammenspiel erzeugt, gesellt sich noch der überaus cremige Sound des Studio 22 in Budapest, in dem u. a. auch schon Großmeister Ennio Morricone aufgenommen hat. „Ich habe Demos gehört, und dann haben wir da selbst Aufnahmen gemacht. Dabei ist mir aufgefallen, wie gut die Streicher und wie schön diese Linien dort klingen.“ Bei den Sessions sind aber auch Überraschungen aufgetreten. So war es bei den Legato-Linien der Emotive Strings unmöglich, den vorher in den Action Strings etablierten Wechsel innerhalb den Phrasen identisch umzusetzen. Denn eigentlich war es ebenfalls geplant, dass Phrase A von Phrase B, C etc. zu jeder Zeit fortgeführt werden kann und dabei gleichzeitig die Zählzeit erhalten bleibt.

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Tilman Sillescu von Sonuscore (Bild: Frank Schreiber, Sonuscore, Native Instruments)

Aber die Physik hat dem Hin- und Her-Springen innerhalb der Phrasen einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Es hat leider nicht funktioniert, ich habe innerlich wirklich bittere Tränen geweint. Wir haben das immer wieder probiert, und uns sind wirklich die Köpfe heiß gelaufen. Der Unterschied ist nämlich der: Bei den Action Strings haben wir fast nur Staccato-Töne. Ein Staccato-Ton ist so geschaffen, dass er verklingt und dann kommt der nächste Ton quasi ins Nichts hinein. Du hast also keinen Nachhall vom letzten Ton mehr. Wenn du hier aber eine Legato-Figur hast, die gerade nach oben geht, hörst du genau beim Übergang beide Töne. Wenn du dann einen kleinen Crossfade machst und zu einer anderen Phrase wechselst und der letzte Ton der aktuellen Phrase gerade ins hohe E geht, du aber bei der neuen Phrase mit einem tiefen F startest, dann klingt das hohe E noch mit.

Man hört sofort, dass da etwas nicht stimmt, und denkt, es ist ein Fehler. Das klingt wirklich ganz furchtbar. Bei den Single-Pitch-Phrasen war das Problem nicht vorhanden, weil da ja die ganze Phrase auf einer Tonhöhe bleibt.“

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Inspirierendes Software-Instrument: Native Instruments Emotive Strings

Editing

Die Nachbearbeitung der Aufnahmen dauerte mit vier Leuten und einigen Unterbrechungen nochmals ein halbes Jahr. Dazu zählt auch das Abmischen der einzelnen Mikrofonpositionen, um daraus letztendlich die in den Emotive Strings wählbaren „Close“- und „Stage“-Positionen zu generieren. Auch der Aufwand des Skriptings war bei diesem Projekt nicht zu verachten. Z. B. war es erforderlich, den Wechsel zwischen den verschiedenen Arpeggio-Phrasen legato klingen zu lassen, da die einzelnen Töne innerhalb der Arpeggien ja ebenfalls legato gespielt sind.

„Hierfür braucht man Transitions, die beim Akkordwechsel eingefügt werden müssen. Dann muss das Skript quasi erkennen, bei welchem Ton des Arpeggios du gerade bist, um von diesem Ton dann auf den nächsten Ton des Arpeggios zu kommen. Deswegen haben wir dem Skripter alle Arpeggien per MIDI gegeben. So kennt das Instrument immer die aktuelle Note und nimmt dann die richtige Transition.“ Der finale Sound der Emotive Strings ist nicht im Mastering entstanden. Denn außer Volume-Automationen, die bei den Anfängen der Phrasen homogenere Übergänge gewährleisten, wurden weder EQ- noch Dynamikbearbeitungen vorgenommen. „Der Sound ist aber auch deswegen so gut, gerade weil wir nichts gemacht haben, glaube ich.

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Blick in die Regie während der Aufnahmen. Hinten rechts Tilman Sillescu von Sonuscore (Bild: Frank Schreiber, Sonuscore, Native Instruments)

Das Studio hatte einfach den unglaublich schönen Sound. Du kannst den Sound ja auch kaputt machen, wenn du noch einen Kompressor drauf machst. Letztlich ist es so, dass man später sowieso noch Limiter, EQ etc. drauf macht, wenn man es komponiert hat. Da haben wir gedacht, das überlassen wir lieber den Composern und machen wirklich ganz genuine, naturbelassene Aufnahmen, die wir dann zur Verfügung stellen.“

Abspann

Auch wenn die Emotive Strings das bisher komplexeste Projekt in der noch jungen Firmengeschichte von Sonuscore werden sollten, dürfen wir uns wohl über zukünftige Veröffentlichungen freuen. „Wir haben über ein Dutzend weitere Produktideen, die wir schon vom Konzept her fertig haben, und wir wollen das auf jeden Fall über die Jahre hinweg weiter ausbauen. Das Grundkonzept soll bei uns auch weiterhin immer sein, dass wir nicht nur Aufnahmen verkaufen, sondern immer auch unsere Skills als Komponisten.

Diese Erfahrung wollen wir mitverkaufen, indem wir sagen: ›Ihr bekommt nicht einfach nur ein Instrument zum Spielen, sondern ihr bekommt auch immer Material dazu, arrangierte Sachen, kleine Phrasen oder irgendwelches Zeugs, das der Inspiration dient.‹ Das ist unsere Idee, wie wir den Markt ein bisschen Aufmischen wollen. Das macht uns auch mehr Spaß, denn wir sind ja auch Komponisten und nicht einfach nur Recording-Engineers. Um diese ganzen Instrumente einfach so mit einem guten Sound zu sampeln, dafür gibt es einfach schon genug Leute, die das super machen.“

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(Bild: Frank Schreiber, Sonuscore, Native Instruments)

 

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