Studiotipps Kniffe, die die Welt verbessern

Kämpfe nicht gegen dich selbst!

Es ist manchmal sehr einfach, einen schlechten Sound ganz stumpf auf das schlechte Equipment zu schieben. Der Gesang klingt nicht gut? Ist doch klar, ist ja auch kein High-End-Mikrofon! Hättest du eines, dann wäre die Aufnahme natürlich klasse. Diese Ausreden kann man beliebig weiterführen (Mikrofonverstärker, Kabel, Wandler, Hardware-Outboard, Mixer …) — je nachdem, welcher Bestandteil in der Kette noch nicht »amtlich« ist.

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Schon oft habe ich in den Studiotipps darüber geschrieben, dass der Bypass-Knopf manchmal eine größere Hilfe sein kann als das neueste oder amtlichste Equipment. Das liegt auch daran, dass wir heute in unseren DAWs eigentlich alles basteln können, was es früher so nicht gab. Manchmal kommt es dabei vor, dass wir uns im Laufe einer Mischung eigentlich selbst im Wege stehen und Dinge mischen, die im Ergebnis zu einem schlechten, unnatürlichen Sound führen können. Als einfaches Beispiel möchte ich einmal die in Bild 1 und 2 zu sehenden EQ-Einstellungen von zwei Vocal-Tracks nehmen. Die beiden Vocal-Tracks wurden am Ende auf einen gemeinsamen Bus gemischt. Die EQ-Einstellung dort sah so aus wie in Bild 3 zu sehen.

Der Sound der Vocals setzte sich im Mix zwar gut durch, klang aber irgendwie in den Höhen zu aufdringlich und leicht unnatürlich. Nachgeschaltet war deswegen auf dem Bus ein relativ schnell eingestellter Kompressor, der mit einem Sättigungs-Effekt wieder etwas »Wärme« hineinzaubern sollte. Auch der UAD-EQ wurde extra deswegen gewählt, um einen Hauch vom legendären Profi-Sound auf die Vocals zu zaubern.

Der wahre Zaubertrick für einen richtig guten Vocal-Sound ist in diesem Fall relativ leicht zu erraten: Einfach mal die ganzen EQ-Bearbeitungen auf Bypass setzen! Sowohl auf den Einzelspuren als auch auf dem Bus. Mit den EQs auf den einzelnen Kanälen mischt man hier nämlich genau gegen den Bus-EQ mit den ganzen Anhebungen. Dadurch, dass seltsame Absenkungen auf den Einzelspuren die Lautstärke reduzieren, tendiert man außerdem dazu, den Kompressor auf dem Bus zu heftig einzustellen. Die Absenkung bei 4 kHz vermindert zwar die S-Laute, führt aber dazu, dass man auf dem Bus die Höhen wiederum viel zu stark anhebt. Im Endeffekt habe ich die Einzelspuren bis auf die Lautstärke-Automation gar nicht bearbeitet und auf dem Bus nur einen einfachen EQ und etwas Kompression benutzt. Und weil ich den Waves SSL-Channel ohnehin dauernd einsetze, habe ich den auch für diese neue Bearbeitung genommen, siehe Bild 4.

Kein Neve-EQ mehr, aber dafür ein solider Sound, der das Signal gut in den Mix einfügt!

Wie ist so eine seltsame EQ-Kette entstanden? Zuerst war da der verständliche Wunsch, legendäres Equipment auf den Vocals einzusetzen. Da der echte Neve-EQ leider nicht zur Hand war, musste die UAD-Version herhalten.

Selbst die Legacy-Version ist spitze, aber sie führte in diesem Fall nur dazu, dass auf den Einzelkanälen jetzt mit den EQs die starken Anhebungen wieder kompensiert wurden. Insgesamt entsteht so im Ergebnis ein völlig verbogener Frequenzgang. Hätten wir alle perfekte und neutrale Abhörbedingungen, dann wären wir vielleicht in der Lage, all diese Frequenz-Dellen zu hören und zu korrigieren. Aber in der Regel hören wir diese kleinen Dellen kaum und tappen so schnell in eine Bearbeitungsfalle.

Wir haben vielleicht auch genau da »Beulen« im Frequenzgang, wo wir sie akustisch durch unsere Raum- oder Kopfhörersituation kaum wahrnehmen. Das Ergebnis klingt dann in unserer Regie noch super, in einem anderen Raum oder etwa im Auto aber schon furchtbar!

Schwächen im Mix hören lernen

Wie hört man solche Lücken oder Schwächen im Mix im Vergleich zu Referenz- CDs? Als ich vor Jahren das erste Mal ein kleineres Konzert von einem lokalen Orchester mitschneiden sollte, war das zu Anfang nur ein lockerer Versuch und eher ein Experiment als eine wirkliche Aufnahme.

Also habe ich einfach zwei Kleinmembran-Mikros in AB-Anordnung aufgebaut und reingehört. Der Klang auf dem Kopfhörer war gut und auf jeden Fall schon deutlich besser als der von dem kleinen Field-Recorder, den das Orchester sonst benutzt hatte. Also habe eine Referenz-CD angeworfen und verglichen …

Die Bläser waren auf meiner Aufnahme viel zu laut, die Geigen dagegen zu leise, der komplette Frequenzgang auf der Referenz-CD hatte einen völlig anderen Frequenzgang, viel weniger Höhen, dafür mehr Sound im unteren Mittenbereich. Meine Drums waren Matsch, die Pauken auf der Referenz-CD dagegen präzise und klar zu hören, obwohl der Rest der Instrumente deutlich mehr Raumanteil hatte als meine Aufnahme. Mein Ergebnis war absolut erbärmlich, also habe ich ein bisschen probiert und lediglich in der Nähe der Drums und der leisen Instrumente weitere Mikros aufgebaut und gehofft, dass ich das später irgendwie im Rechner noch korrigieren kann.

Aber wo genau muss ich nun ran? Welches Mikro bei der nächsten Probe tauschen, welches anders positionieren? Nachdem ich die Spuren später grob so abgestimmt hatte, dass die Lautstärken passten, habe ich damals den kompletten Frequenzgang meiner Aufnahmen im Vergleich zur Referenz-CD angepasst und danach versucht, die Unterschiede zwischen meinem erbärmlichen Versuch und der Referenz herauszuhören.  Durch die Anpassung des Gesamtfrequenzgangs kommen die wichtigen Schwachpunkte deutlicher zum Vorschein, und es fiel mir dadurch sehr viel leichter, die Unterschiede klar zu hören.

Unterschiede finden leicht gemacht 

Seit einiger Zeit benutze ich für solche Vergleiche sehr gerne den SlickEQ GE, der ein Signal automatisch analysieren und den Gesamtfrequenzgang später auf ein anderes Signal umrechnen kann. Dabei ist diese Funktion zum Glück so klasse programmiert, dass der EQ meist sehr brauchbare Ergebnisse produziert, ohne dabei zu viele unwichtige Details zu berücksichtigen. Sicher kann man sich auch mit anderen Match-EQs oder einem gewöhnlichen EQ mit Analyzer behelfen, aber der Slick-EQ GE ist günstig und liefert sehr schnell passende Hilfen.

Der EQ wird dabei nicht wirklich einen Referenz-Sound 1:1 auf deinen Mix übertragen, aber nach der Anpassung hörst du oft viel besser, an welchen Spuren oder Bereichen du arbeiten musst!

Konzentriere dich auf die Mitten

Unsere Ohren spielen uns oft einen Streich, wenn es um Frequenzkorrekturen geht. Je länger man mit der Anpassung wartet, desto mehr gewöhnen sich die Ohren an diesen Gesamtsound und desto weniger fallen uns Probleme auf. Eine Hilfe beim Mischen kann es daher sein, sehr schnell zu mischen und sich nicht viel Zeit für einen groben Erst- Mix zu lassen. Gerade im Studio gibt es aber immer wieder Situationen, wo wir eine Spur oder einen Song-Abschnitt andauernd und viel zu lange hören müssen. Einen passenden Mix können wir dann gar nicht mehr liefern. Ein deutlicher Bassbereich lenkt uns schnell davon ab, Probleme im Mittenbereich überhaupt wahrzunehmen. Je länger wir ein Signal hören, desto mehr sind wir vielleicht versucht, den Höhenbereich nachzujustieren und anzuheben. Ein Trick, der mir auch im Live-Einsatz bei schnellen Anpassungen viel geholfen hat, ist die Zweckentfremdung der Hi- und Lo-Cut-Bänder eines EQs. Normalerweise benutzen wir diese, um das Übersprechen anderer Instrumente zu mindern oder im Mix störende Frequenzen zu filtern. Gerade, wenn du ein Signal länger hörst, kann es helfen, diese Bänder wie eine Lupe einzusetzen.

Mit dem SlickEQ GE kannst du den Frequenzgang schon mal grob anpassen und siehst dann auch grafisch, in welchen Bereichen du nachjustieren musst. Oft fällt es nach dem Angleichen auch leichter, Lautstärke-Verhältnisse oder andere Details im Vergleich zu Referenz- CDs deutlicher herauszuhören.

Senke Bässe und Höhen mit einem Filter deutlich ab, und versuche dann, schnell zu hören, wo eventuell im Mittenbereich Frequenzen zu stark hervortreten oder wo das Signal vielleicht zu wenige Anteile hat. Falls das Signal durch die Absenkung der Höhen und Bässe zu stark verfälscht wird, probiere den Trick mit den Shelving-Bändern deines EQs, und experimentiere auch mit den Eckfrequenzen der Filter.

Diese Fokussierung kann gerade auch bei längeren Aufnahmesessions helfen, unsere Ohren wieder ein wenig wachzurütteln. Eine echte Pause wird so ein Trick aber natürlich nie ersetzen können!

Effektbearbeitung wie früher

Es gibt einige Bearbeitungen, die früher total simpel waren, die heute aber im digitalen Alltag teilweise ein bisschen untergehen. Das meiste ist seit damals ja besser geworden, aber der direkte Zugriff, den so ein großes analoges Pult nun einmal automatisch mitbrachte, den schafft selbst ein noch so komplexer Controller kaum.

Ein Beispiel dafür wäre ein simples Ping-Pong-Delay, dass als Viertel- oder Achtelnote synchron zum Songtempo läuft und ca. in der Länge einen halben Takt wiederholt. Ein passendes Plug-in für diesen Effekt bringt jede aktuelle DAW schon in der Grundausstattung mit, und je nachdem, ob das Ding zu unserem Song passt, haben wir diese Variante sicher schon das eine oder andere Mal eingesetzt.

Das Signal mal einfach ohne tolle Bässe und Höhen hören − wo sind Bereiche, die wirklich abgesenkt werden müssen? Manchmal kann so eine »Lupe« helfen, sich auf die wichtigen Dinge wieder neu zu konzentrieren.

Aber das Handling ist total anders als früher am analogen Pult. Dort hat man sich mit der Delay-Zeit mehr beschäftigen müssen, da das Effektgerät meist nicht automatisch das passende Songtempo erlernte. Zwar synchronisiert die Delay-Zeit jetzt automatisch, aber die Anzahl der Wiederholungen, das Feedback, hat man früher natürlich auch gleich angepasst.

Oft passen die Feedback-Einstellungen der Plug-ins gar nicht zum Song, obwohl das Tempo an sich heute automatisch synchronisiert wird − hier lohnt sich ein zweiter Blick auf dein Delay-Plug-in!

Das Signal des Delay-Effektgeräts wurde früher abschließend über zwei Kanäle zurück ins Pult geführt und war somit ganz einfach zu erreichen. Wenn die Band beispielsweise eine Steigerung in den Songablauf einbaute, sprach nichts dagegen, diese Effekt-Returns kreativ zu nutzen und die Lautstärke passend zum Song zu variieren.

Kam ein Break, nahm man die Effekt-Returns wieder etwas zurück. Sowas passierte beinahe automatisch, denn es war ja ganz simpel, Effekte und Lautstärken zu fahren.

Natürlich geht das heute auch alles, wenn wir nur dran denken! Vielleicht ist es sogar wesentlich komfortabler zu bearbeiten. Man muss nur dran denken, sich die Signale mal wieder auf ein paar Fader zu packen …

PSP Echo ist mein absolutes Lieblings-Delay, wenn es um schnelle Anpassungen geht: Der EQ wird mit einer simplen Mausbewegung eingestellt. Auch die Sättigungs- und Tape- Effekte spielen in der obersten Liga!

Fazit

Egal welche legendäre Hardware als Vorbild für ein bestimmtes Plug-in herhalten musste, prüfe immer, ob es in deinem speziellen Fall etwas Gutes tut. Auch mit einem noch so legendären Hardware-EQ kann man ein Signal unpassend bearbeiten!

Der Bypass-Knopf ist manchmal die beste Funktion, um sich nicht in tausend Bearbeitungen zu verrennen. Ich wünsche viel Spaß beim Basteln!

 

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