Perfekte Vocal-Tracks

Gesangsaufnahmen im Home- und Projektstudio

Gute Vocal-Aufnahmen sind die Königsdisziplin bei jeder Produktion. Das Thema ist anspruchsvoll, aber wenn man ein paar Grundlagen beachtet, ist ein toller Gesangssound gar nicht so schwer zu erreichen.

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Zwei Faktoren bestimmen eine gelungene Gesangsaufnahme: Man benötigt ein in technischer Hinsicht gutes Signal und – wichtiger noch – eine emotional glaubwürdige Performance. Dies gilt es in Einklang zu bringen.

Oftmals steht und fällt das Ergebnis mit der Vorbereitung. Wenn sowohl der Vokalist als auch der Recording-Engineer wissen, was sie zu tun haben, dann steht einem guten Ergebnis meist nichts im Weg. Das bedeutet: Je routinierter alle Beteiligten zu Werke gehen, desto größer ist die Chance, dass keine unvorhergesehenen Ereignisse den Flow der Session stören – und das ist meist das Wichtigste überhaupt.

Gesangsaufnahmen sind Psychologie, nur wenn der Vokalist sich wohl fühlt, kann er eine kreative und künstlerische Höchstleistung bringen. Und die ist erforderlich: Meistens ist Gesang das wichtigste Element einer Produktion, und wenn die Vocals kicken, dann kann dies das gesamte Stück auf ein höheres Level heben.

Auch der umgekehrte Fall kann eintreten: Wenn die stimmliche Darbietung nicht überzeugt, dann helfen selbst der fetteste Sound und ein ausgefeiltes Groove-Programming nicht, den amateurhaften Eindruck zu übertünchen. Dabei sollte man sich jedoch vor übertriebener Perfektion hüten. Nur weil man alles „richtig” gemacht hat, heißt das noch lange nicht, dass das Ergebnis auf der emotionalen Schiene überzeugt. Mit den heutigen Nachbearbeitungsmöglichkeiten lässt sich beinahe aus jeder Performance ein „brauchbares” Ergebnis zaubern. Perfekte Intonation und Abwesenheit jeglicher Nebengeräusche machen noch keinen guten Song.

Das Ziel sollte immer sein, eine Gesangsspur aufzunehmen, welche die Gefühlslage und Aussage des Songs am besten transportiert. Und da gehört auch durchaus der Mut zu „objektiven Fehlern” zum Repertoire. Haben die Vocals eine charmante Anmutung, dann kann ein bisschen Rauschen diese nicht zerstören – oder gerade zu einem bestimmten Klangeindruck beitragen.


(Bild: Archiv)

Patrick Pulsinger

Ich stehe auf größtmögliche Dynamik, und es ist mir wichtig, die Vorzüge eines Vokalisten zu unterstreichen. Ich bedenke immer schon bereits bei der Aufnahme, welche Rolle die Stimme im Song spielen soll.

Bei der Aufnahme muss es schnell gehen, da oft die Stimme nur in einem bestimmten Zeitfenster richtig gut klingt, speziell bei ungelernten Sängern und Sängerinnen.
Ich empfehle, alles von der ersten Sekunde an aufzunehmen. Die Stimme sollte man schonen und rechtzeitig abbrechen, wenn man merkt, dass es nichts mehr wird – dann lieber am nächsten Tag weitermachen. Der Key zu den meisten „Zu-leise-singen-und-dünn-kling“-Problemen ist der Kopfhörermix! Der muss perfekt für den Sänger oder die Sängerin funktionieren.

Generell bevorzuge ich bei der Aufnahme größere Räume gegenüber „Vocal-Booths“. Das Zusammenspiel von Stimme und Raum wird oft unterschätzt. Bezüglich Mikrofonen und Preamps habe ich keine generellen Präferenzen. Manchmal zahlt es sich auch aus, etwas Ungewöhnliches zu auszuprobieren. Meistens habe ich ein Focusrite Producer Pack direkt hinter dem Preamp hängen, und von dort aus gehe ich gleich in den Wandler.

Ob ich dann Filter oder Dynamikbearbeitung brauche, entscheidet sich individuell. Das empfiehlt sich aber nur, wenn man sein Outboard sehr gut kennt. Wenn ich noch nicht weiß, wo die Reise hingeht oder noch jemand anderes an dem Projekt weiterarbeitet, dann greife ich eher nicht ein und versuche nur, so ausgewogen wie möglich Pegel zu bekommen.


Technische Ausstattung

Es ist ein Mindestmaß an Technik vonnöten, damit die Aufnahmekette nicht zu einem Nadelöhr gerät, das keinen gelungenen Klang zulässt. Auch mit einem Shure SM58, einem kleinen Mischpult und der Onboard-Soundkarte des Studiorechners lässt sich bereits arbeiten, aber bestimmte Hürden lassen sich mit dieser Minimal-Ausstattung nicht nehmen.

Zuallererst sollte man das Augenmerk auf das Mikrofon richten. Auf der Preisskala sind hier nach oben keine Grenzen gesetzt, aber viele teure (Vintage-)Spezialteile erfordern besondere Aufmerksamkeit beim Einsatz und sind für Einsteiger nicht unbedingt empfehlenswert, wenn sie denn preislich überhaupt erreichbar sind. Zwar gibt es Stimmen, die mit bestimmten Mikrofonen besonders gut harmonieren, aber wenn man sich erst auf das Feld einer großen Mikrofonkollektion begibt, dann muss man erstens viel investieren, und zweitens steigt die Chance, dass man auch mal danebengreift.

Für den Einstieg empfiehlt sich ein möglichst sauber und neutral klingendes Großmembran-Kondensatormikrofon, das einen weiten Anwendungsbereich abdeckt. Vielleicht hat es nicht ganz so viel Charakter wie ein Spezialist, aber dafür wird es auch mit jeder Stimme ein ordentliches Ergebnis hervorbringen. Neben dem Neumann TLM 102 (siehe Kasten) bietet der Markt hier ein schier endloses Angebot in allen Preisklassen. Im Einsteigerbereich empfiehlt der S&R-Mikrofon-Wizard Andreas Hau neben dem Oktava MK-101 und dem Audio Technica 2035 auch das Rode NT- 2A. Für lautere Stimmen oder ganz allgemein Rock-Vocals bietet sich ein dynamisches Mikrofon an, etwa das Shure SM7B – oder eben das gute alte SM58, das an einem guten Preamp ebenfalls „teurer” klingen kann, als der Preis vermuten lässt. Der Preamp sollte natürlich mit dem Mikrofon harmonieren, hier ist Experimentieren angesagt – und für den Anfang kann auch ein guter Preamp des Audiointerfaces gute Ergebnisse liefern. Im Seitenstreifen rechts und auf der kommenden Seite haben wir für Sie einige Equipment-Tipps zusammengestellt.


(Bild: Archiv)

Patrik Majer

(Wir sind Helden, Saint Lu, Rosenstolz)

Vocals klingen für mich dann gut, wenn sie mich sofort ansprechen. Am wichtigsten ist die Performance des Sängers! Am liebsten nehme ich auf mit einem U47/ M49 durch einen V76. Aber auch ein Shure in der Hand ist gut, wenn es dem Sänger hilft. Vocals nehme ich selten pur auf, meist mit Kompression. Und ansonsten habe ich eine einfache Regel: Am besten wenig quatschen und einfach machen lassen!


Vorbereitungen

Bereits bei den Vorbereitungen sollte man als Engineer Fingerspitzengefühl zeigen. Der Plausch beim Aufbauen der Technik kann ein nettes Warm-up für die Session darstellen, aber nichts ist tödlicher für den Beginn der Aufnahme, als dass der Sänger bereits ungeduldig vor dem Mic steht und man sich auf panischer Kabelsuche in Schubladen verkriechen muss. Meist fährt man also am besten, wenn alles tipptopp aufgebaut ist, bevor der Vokalist das Studio betritt. Hier kann eine kleine Checkliste helfen: Alles gut verkabelt? Kopfhörer am Platz? Flasche Wasser (ohne Kohlensäure!) bereitgestellt? Notenständer für den Text aufgebaut?

Es kann sehr hilfreich sein, die ganze Strecke zu testen, in dem man sich selbst vors Mikro stellt, bevor der Sänger anwesend ist. Hier sollte man auch vom Phasendrehungsschalter am Preamp Gebrauch machen. Stimmt die Verkabelung an irgendeiner Stelle nicht, so kann das Monitorsignal auf dem Kopfhörer out of phase sein, und das gilt es zu vermeiden. Man sollte beide Stellungen des Schalters ausprobieren – die eine passt, die andere nicht.

Auch ein Poppschutz ist ein nützliches Werkzeug. Er hilft nicht nur, Plosivlaute zu unterdrücken, sondern auch einen gleichmäßigen Abstand zum Mikrofon zu wahren. (Bild: Hannes Bieger)

Dann der Monitorsound: Man sollte sich ein Routing überlegen, bei dem man den Monitorpegel (bzw. das Verhältnis von Vocals und Playback) getrennt vom eigentlichen Aufnahmepegel einstellen kann und bei dem ein direktes Monitoring ohne den Umweg über die Wandler und damit die Systemlatenz möglich ist. Viele Preamps verfügen dazu über einen speziellen Monitoring-Ausgang, der in Verbindung mit einem kleinen Monitor-Mischpult, auf dem Vocals und Playback zusammengeführt werden, Wunder wirken kann. Ist dies nicht möglich, sollte man das System mit der kleinsten – ausfallsicheren – Latenz betreiben und abklären, ob der Vokalist damit klarkommt. Ein kleiner Raum auf dem Monitor-Gesang ist manchmal hilfreich, auf gar keinen Fall sollte der Hall aber zu lang sein, das ist unter Umständen kritisch für die Intonation.

Das Monitorsignal ist ungemein wichtig, und man sollte es prüfen, bevor der Sänger es zu hören bekommt. Ist der Kopfhörersound wesentlich zu laut oder fängt man sich gar ein Feedback ein, dann ist die Stimmung im Eimer, bevor überhaupt ein Ton auf der Festplatte gelandet ist. Meist sind die raumakustischen Bedingungen in Home- oder Projektstudio nicht optimal für Aufnahmen. Man sollte durchaus Erfahrungswerte sammeln, an welcher Stelle im Raum man die besten Ergebnisse erzielen kann.

Hier gilt es auch, so wenig Umgebungsgeräusche (Straßenverkehr, Lüfter des Rechners …) wie möglich einzufangen. Ein Mic-Screen (siehe Kasten) kann hier helfen, allerdings steht er meist der visuellen Kommunikation zwischen Sänger und Engineer im Weg. Als Budgetlösung bietet sich immer wieder an, das Mikrofon vor dem geöffneten Kleiderschrank aufzustellen, das sorgt für eine natürliche Dämmung des Raumklangs.

Apropos: Der Abstand zwischen Sänger und Mikro ist eine Kompromisslösung. Ist er klein, so ist das Verhältnis zwischen Gesang und Raumklang möglichst günstig, aber aus klanglichen Gründen ist ein etwas weiterer Abstand meist zu bevorzugen. Steht der Sänger direkt vor dem Mikro, werden Zischlaute betont und durch den Nahbesprechungseffekt auch die tiefen Frequenzen – das aufgenommene Signal zischelt und dröhnt zugleich. Solch eine Spur später klanglich zu retten ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Aufgabe, die man sich tunlichst ersparen sollte. Auch hier kann der Poppschirm gute Dienste leisten: Er hilft dem Vokalisten, einen gleichbleibenden und nicht zu kleinen Mikrofonabstand einzuhalten.

Bezüglich des eigentlichen Aufnahmesignalwegs gibt es unterschiedliche Philosophien. Entweder man nimmt den Gesang so pur wie möglich auf, oder man gibt ihm bereits bei der Aufnahme mittels Kompressor und/oder EQ einen kleinen analogen „Schubs”. Insbesondere bei wenig Erfahrung ist jedoch Ersteres zu bevorzugen, da man so nicht aus Versehen einen Fehler mit aufzeichnet und später alle Möglichkeiten zur Nachbearbeitung hat. Es empfiehlt sich, mit 24 Bit aufzunehmen; lässt man dann rund 6 dB Headroom oberhalb der lautesten Passagen des Sängers, so hat man immer noch eine Aufnahme mit rund 23 Bit Auflösung zur Verfügung. Einen Kompressor bei der Aufnahme benötigt man heute nicht mehr unbedingt, man sollte ihn nur einsetzen, wenn man wirklich weiß, was man tut – und selbst dann nicht zu krass. Erfahrene Engineers greifen auch gerne mal zum Poti des Preamps: Dieses manuelle „Gain Riding” kann eine Spur vor Übersteuerungen retten, ist aber etwas für geübte Recording-Hasen. Auf einen EQ sollte man bei der Aufnahme tunlichst verzichten: Erscheint er notwendig, so sollte man das Problem besser an anderer Stelle lösen und beispielsweise mit Mikrofonauswahl, -abstand und -positionierung experimentieren.


(Bild: Thommy Mardo)

Philippe van Eecke

(Xavier Naidoo, Brothers Keepers, Yvonne Catterfeld)

Am liebsten mag ich den „großen“ Vocal-Sound und wenn die Natürlichkeit und Lebendigkeit (Dynamik) einer Stimme erhalten bleibt und der Gesang/Rap gleichzeitig mit dem instrumentalen Arrangement eine Einheit eingeht.

Ich benutze sehr gerne eine Auswahl von Mikrofonen: Microtech Gefell M930, UM900, die Sounddelux Elux 251 und E47c sowie das Neumann TLM103. Seit kurzer Zeit habe ich außerdem ein paar Mikros von Shure im Einsatz – je nach Stimme und Anwendung. Bei den Preamps sind es häufig Universal Audio LA610 (MK I und II und SE), UA 2108, Chandler TG2 und GreatRiver MP2-NV.

Vocals nehme ich meistens pur auf, manchmal mit ein wenig Limiting; bei den Röhren-Preamps gehe ich zuweilen etwas in die Röhren-Sättigung. Kompressor und EQ kommen während der Aufnahme bei mir eher selten zum Einsatz. Manche Sänger/Rapper fühlen sich allerdings einfach wohler, wenn sie sich auf dem Kopfhörer durch Kompressor und EQ hören; dann splitte ich das Mikrosignal und route das bearbeitete Signal auf den Kopfhörermix, nehme aber das unbearbeitete Signal auf – das ist gängige Praxis, denke ich.

Während der Aufnahmesession muss man aufmerksam sein und am Ball bleiben. Kritik sollte man möglichst konstruktiv formulieren. Man sollte dem Künstler eher beratend zur Seite stehen, als ihn zu „überfahren“ und womöglich negativ zu beurteilen; ihn unterstützen, wo nötig, ihn führen wenn notwendig, aber Dinge auch einfach „passieren lassen“.


Aufnahme

Das Einpegeln der Aufnahmekette kann man geschickt zum Warm-up des Vokalisten nutzen. Hier muss man aber sensibel für den Charakter und die Präferenzen des Sängers sein. Einige Vokalisten brauchen etwas Zeit, bis sie mit der Studiosituation warm werden, andere erreichen schnell ihren Performance-Peak und können die emotional aussagekräftigen ersten Anläufe später nicht mehr wiederholen. Auch hier ist Fingerspitzengefühl gefragt, und je besser man den Sänger kennt (bzw. je häufiger man bereits zusammengearbeitet hat), desto klarer läuft die Session ab.

Erfahrene Engineers dürfen sich durchaus trauen, während der Aufnahme am Preamp-Gain zu drehen. (Bild: Hannes Bieger)

Überhaupt sollte man vorher fragen, was für eine Stimmung der Vokalist bevorzugt: Zu welcher Tageszeit singt er am besten? Kann man mit schöner Beleuchtung Atmosphäre schaffen? Alles, was das „Rote-Lampeleuchtet-Syndrom” zu vermeiden hilft, sollte wohlwollend geprüft werden. Man muss den Sänger ja nicht gleich kopfüber an der Studiodecke vor dem Mikro baumelnd aufhängen, wie es sich John Lennon einst gewünscht haben soll …

Nicht immer ist ein „richtiges“ Studio- Setup die beste Lösung – manchmal gelingen mit einem Handheld-Mikro auf dem Sofa die besseren Vocal-Tracks.

Und ab diesem Punkt begibt man sich dann auf eine kleine Reise, deren Ausgang nicht immer vorhersehbar ist. Klar ist: Je besser der Vokalist sich vorbereitet hat, desto schneller purzeln die guten Spuren auf die Festplatte. Auch hier sollte man sich auf eine Arbeitsweise einigen: Für die Emotion der Aufnahme ist es besser, möglichst lange Passagen am Stück einzusingen und nicht Zeile für Zeile zu stückeln. Sollte eine Phrase verunglücken, so kann man sie während der Aufnahme markieren und später noch einmal ausbessern. Auf jeden Fall benötigt der Sänger ein sicheres Gefühl. Mitten in der Aufnahme abzubrechen ist ausgesprochen unhöflich; hier gilt es, einen günstigen Zeitpunkt zu finden und diesen möglichst mit Blicken oder Handzeichen anzukündigen. Je besser diese Kommunikation funktioniert, desto besser auch am Ende die Aufnahme! Wenn dann die Aufnahme läuft, sollte man sich als Engineer ein Stück weit in die Hände des Sängers begeben – er ist dann die Hauptperson, die man nach Kräften unterstützen sollte. Das Beherrschen der Technik ist die Pflicht, die Psychologie bei der Aufnahme die Kür! Das betrifft nicht nur die gesamte Aufnahmesituation, sondern vor allem die Kommunikation. Jegliche Verunsicherung ist Gift für das Ergebnis. Insbesondere sollte man sich angewöhnen, Kritik positiv zu formulieren. „Der letzte Take war scheiße!” ist ein Satz, den man nur zu einem Sänger sagen kann, den man wirklich sehr gut kennt – und auch dann nicht immer …

 

Auch ein Kompressor kann bereits während der Aufnahme einen guten Dienst erweisen. Mehr als 5 bis 7 dB Pegelreduktion sollte man sich jedoch verkneifen. (Bild: Hannes Bieger)

Troubleshooting

„Proper preparation prevents poor performance”, sagt ein englisches Sprichwort. Was aber, wenn trotz aller Vorbereitung der Funke trotzdem nicht überspringen will? Hier sind blitzschnelle Entscheidungen gefragt: Kann man die Aufnahmesituation schnell grundlegend ändern, oder ist es vielleicht sogar besser, die Session abzubrechen und sich auf einen späteren Termin zu vertagen?

Einigen – zumal wenig erfahrenen – Sängern fällt es nicht leicht, sich an die Studiosituation zu gewöhnen. Notfalls sollte man als Engineer Flexibilität zeigen und auf etwas Klangqualität zugunsten einer besseren Performance verzichten. Vielleicht fühlt sich der Sänger mit einem Handheld-Bühnenmikro wohler? Oder er singt lieber im Sitzen auf dem Sofa ein?

Mit einem Reflexion-Filter kann man unerwünschten Raumklang minimieren. (Bild: Hannes Bieger)

Hier ist Kreativität gefragt. Insbesondere sollte man darauf achten, auch Pausen einzulegen, und zwar an sinnvollen Stellen – und nicht, wenn die kreativen Ströme gerade fließen. Meist kann man die Dinge nicht erzwingen. Entweder ist die Inspiration da oder eben nicht. Die Erfahrung zeigt, dass es oft besser ist, nicht mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. In der Ruhe liegt die Kraft, und das schont die Nerven auch für eine zukünftige Zusammenarbeit.

Eines sollte man aber tunlichst vermeiden: erzwungene Pausen durch technische Probleme wie etwa ein Kopfhörerkabel mit Wackelkontakt. Es ist ausgesprochen empfehlenswert, für die wichtigsten Dinge eine Backup-Lösung vorzuhalten. Man sollte immer im Kopf behalten: Die Gesangsaufnahme ist ein heikler, durchaus intimer kreativer Prozess. Studiotechnik stellt hier keinen Selbstzweck dar, sondern sie sollte funktionieren und möglichst unsichtbar ihren Job erledigen – damit sich Vokalist und Engineer auf die wesentlichen Aspekte konzentrieren können.


(Bild: Archiv)

Ralf Christian Mayer

(Ingo Pohlmann, Clueso, Fanta 4)

Charakter, Emotion und die Dynamik der Stimme sollten bei Aufnahmen so gut wie möglich erhalten bleiben. Wenn man eine Stimme ohne Playback hört, dann hört man das Atmen oder auch das Einschwingen der Stimme – dies sollte man im Playback mit EQs, Kompression und Level-Fahrten herausarbeiten. Ich benutze gerne dynamische Mikros (RCA 77 DX, RCA 44, Beyerdynamic M88, Shure SM 58/33); zusammen mit Clueso hab ich mir bei Horch eine Spezialvariante des RM2J bauen lassen, welches ich gerne als Tube-Vocal-Mike verwende. Als Preamp benutze ich meistens einen Neumann OV56 oder Siemens V276; gute Erfahrung habe ich auch mit dem Neve Portico gemacht. Bei den Bändchen-Mikes benutze ich einen AEA-Preamp, der eine Pultec-artige Höhenanhebung hat.

Es gibt Mikro/Preamp-Kombinationen, die nicht funktionieren: ausprobieren, und bei jedem/r Sänger/in neu entscheiden! Es gibt nie nur einen Weg … Ich scheue mich auch nicht, innerhalb der Produktion die Voc-Kette zu wechseln. Unauffällige Kompression hab ich bei der Aufnahme immer in der Kette. In meinem Studio nehme ich immer den orginalen Fairchild 670, das Teil ist unfassbar für Vocals. Sehr gut funktionieren auch Universal Audio LA3A/1176/1178 oder der Neve 9098. EQs verwende ich nur bei Bändchen, den Sound mache ich mit dem Mike. Alle Mikes probieren – manchmal führen die irrwitzigsten Wege zum Ziel!

Der Vokalist sollte gut vorbereitet sein und den Text auswendig drauf haben. Dann gilt es, eine Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen (Kerzen, Tücher …) und eine persönliche Verbindung aufzubauen. Es hilft, über den Text zu reden und Bilder im Kopf zu kreieren, um die Aussage emotional zu unterstützen.

Es ist gut, den Soundcheck ohne Playback zu machen … mal laut mal leise singen lassen, einpegeln … dann dem Sänger das Gefühl geben, die ersten Takes sind noch für den Soundcheck. Ich habe aus den ersten drei bis fünf Takes meistens eine sehr gute Version gecuttet. Manchmal hilft es auch, im Loop zu recorden – zuerst die Strophen, dann die Refs. Wichtig ist es, den Kopf des Sängers auszuschalten. Durch das ständige Wiederholen passiert das irgendwann auch – wie bei einem Mantra.

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