Studiotipps: Kniffe, die die Welt verbessern

Espresso als Plug-in

Wenn man der Werbung glauben soll, dann brauchst du nur das neue Plug-in XY, und schon klingen deine Mixe viel besser. Das mag sogar stimmen, aber die Frage ist, ob es dir wirklich hilft? Was genau brauchst du wirklich, um kreativ zu sein? Ich muss zugeben, dass die fehlende Zutat zu meiner Kreativität eher ein Vormittag Freizeit und ein richtig guter Espresso sind. Und beide Dinge gibt es leider bisher noch nicht als Plug-in.

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Günstig und gut: Ein dynamisches Beyerdynamic M201 ist ein solider Allrounder, der selbst in einer umfangreichen Mikrofonsammlung nicht ungenutzt bleibt. Kombiniert mit einer einfachen USB-Soundkarte mag das für manchen Einsatzbereich sogar besser funktionieren als das »amtliche« Profi-Studio … (Bild: Björn Bojahr)

Man sagt ja immer, dass man mit Mobile-Apps eine Menge Geld verdienen könne … Ich hätte da auch eine wirklich lohnende Geschäftsidee, man müsste sie eigentlich nur auf jeder Plattform entwickeln und dann verbreiten! Jeder braucht diese App, es würde wirklich jeder kaufen.

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Ein Smartphone hat heute jeder, schlechtes Wetter gibt es auch beinahe überall, was liegt da näher, als eine Regenschirm-App zu entwickeln, die wirklich funktioniert? Einfach die App starten, das Handy in die Luft halten und schon kommt man trockenen Fußes nach Hause! Das wär’s doch!

Natürlich klappt das leider so nicht, es leuchtet auch jedem von uns ein. Auch ein Vormittag Freizeit und Espresso per Plug-in werden wohl noch einige Zeit dauern … Es sind Probleme, die sich nicht per Software lösen lassen!

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Toller Sound, aber wen interessiert es?

Und selbst wenn es eine Lösung gibt, ist immer noch nicht sicher, ob sie auch passt! Ein Zweisitzer-Cabrio mag ein tolles Auto sein, aber wenn ich damit als Familie in den Urlaub fahren möchte, ist es eher die falsche Lösung!

Beim Auto leuchtet uns das ein, daher bemühe ich mal ein Beispiel aus dem Audiobereich: Vor Jahren habe ich unsere große Stereoanlage aus unserem Wohnzimmer verbannt. Denn in all den Jahren, wo das Ding dort stand, habe ich nur eine Handvoll Alben wirklich in Ruhe durchgehört und das klangliche Erlebnis genossen.

Aber meine Kinder haben sie nicht mal eingeschaltet, wenn sie Fernsehen geschaut haben und sich nur darüber beklagt, dass man keinen USB-Stick auf einfache Weise benutzen kann. Meine Frau hatte eine kleine Bluetooth-Aktiv-Box direkt neben die Anlage gestellt, weil sie nur ab und zu den Sound von ihrem Computer etwas lauter hören wollte und das Koppeln per Funk damit einfacher ging. Was nützte es also, dass es audiotechnisch eine hervorragende Anlage war?

Noch ein Plug-in…

Im Studiobereich wandert seit Jahren ein High-End-Produkt nach dem anderen in den Rechner, aber passt diese Entwicklung wirklich zu dem, was du brauchst? Nehmen wir das Beispiel mit dem Regenschirm: Möchtest du keine nassen Haare haben, brauchst du einen echten Regenschirm − keine App! Brauchst du wirklich noch einen virtuellen Moog?

Welche Lücke ist inmitten deiner ganzen Sammlung an virtuellen Klangerzeugern entstanden, die du tatsächlich füllen müsstest?

Manche Anhäufung von Equipment mag auf Facebook und als Profilbild im Internet-Forum noch so gut aussehen, aber selbst der beste Vorverstärker dort löst vielleicht keines deiner wirklichen Probleme im Studio!

Als günstigstes mobiles USB-Audio-Interface habe ich beispielsweise ein Mackie Blackjack. Es kostet nur etwas mehr als 100,− Euro und klingt ordentlich! Mit einem guten Mikrofon daran klingt meine Stimme so gut, dass ich die Spur auch im teuersten Studio der Welt nicht noch einmal aufnehmen müsste, sofern denn der Ausdruck und die Emotionen bei der Aufnahme gepasst hätten!

Und genau daran scheitert es eigentlich viel öfter, der Sound ist voll okay, manche Aufnahme trotzdem Murks. Welches Plug-in muss ich denn dafür installieren, damit das klappt?

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Mit Arturias Synclavier-V wandert mein persönlicher Traumsynthesizer endlich in den Rechner. Hier im Bild ein einfacher Sägezahn, der mit vier Elementen im Stereobild verteilt wird. Für echtes 80er-Flair die hohen Carrier-Bestandteile leicht anheben, und schon hat man einen Sound, den kein Exciter so schafft!

Synthesizer-Träume

Seit Kurzem gibt es sogar das Synclavier als Plug-in und damit das Urgestein aller meiner Lieblings-Sounds aus den 80ern. Im Grunde stammten viele der berühmten Klänge aus dieser Zeit ursprünglich vom Synclavier. Man versuchte nur immer, mit allen möglichen anderen Synthesizern, an diesen Sound heranzukommen!

Ich habe beinahe jede Sample-CD gekauft, wo angeblich Klänge von dem Ding drauf waren, mit UVIs »The Beast« getrickst, und mich an viele weitere Sounds mit FM-Synthese herangetastet. Selbst Exoten wie das Plug-in FM Heaven habe ich über Jahre im VST-Ordner mitgeschleppt, weil ich damit manche Klänge hinbekommen hatte, die eben recht ähnlich klangen.

Jetzt gibt es das Original im Rechner, und ich schwor mir beim Installieren, dass ich alle Möglichkeiten des neuen Plug-ins studieren und lernen werde, bevor ich noch einen weiteren Klangerzeuger kaufe. Aber wann werde ich damit wohl fertig sein? Wann reicht ein (virtuelles) Synclavier nicht mehr aus?

Ein paar Fragen 

Ich schreibe mal ganz ketzerisch: Brauchst du überhaupt ein Homestudio? Vor vielen Jahren klangen günstige mobile Aufnahmegeräte grauenhaft, heute gibt es günstige 4-Kanal-Field-Recorder, die klanglich absolut brauchbar sind.

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Die Hall-Plug-ins von valhalladsp.com kennt wahrscheinlich jeder, da sie günstig sind und wirklich fantastisch klingen. Vielleicht hast du sogar mehrere davon gekauft. Aber mal Hand aufs Herz: Wo liegt der Unterschied zwischen VintageVerb und ValhallaPlate? Hast du beide wirklich ausgiebig im Mix getestet?

Ein Bekannter von mir spielt diverse Gitarren und nimmt seinen Gesang dazu auf. Bisher hatte er alle möglichen Bausteine aus »amtlichen« Komponenten für sein Homestudio zusammengekauft, und doch behinderte ihn das alles beim Musikmachen. Seit einiger Zeit nimmt er mit einem mobilen Recorder auf, benutzt die Vorverstärker des Geräts und setzt viel mehr Ideen um. Was nützt es ihm, dass er vorher das audiotechnisch bessere Equipment hatte?

Brauchst du wirklich einen großen Studio-Computer, oder wäre ein portables Notebook nicht vielleicht sinnvoller? Selbst UAD-Plugins gibt es inzwischen mit USB-3-Anschluss, brauchst du wirklich die ganze Rechenleistung deines großen Computers?

Analoge Synthesizer und Modularsysteme sind seit vielen Jahren wieder gefragt und haben oft einen wirklich sagenhaften Sound. Speicherst du deine Soundtüfteleien? Nimmst du nur auf, wenn der Click läuft, oder gibt es einen einfachen Master-Recorder mit SD-Karte, der alles Soundgeschraube schon nebenbei mitschneidet, damit keine Idee verloren geht?

Meine besten Solos habe ich oft beim Soundschrauben entwickelt und bekam sie dann nicht mehr hin, als ich endlich alles so verkabelt hatte, dass ich es aufnehmen konnte!

Was macht eigentlich dein Kopfhörer-Mix? Kannst du den schnell so mischen, dass alle Musiker ein passendes Signal bekommen, hast du dafür ein vorbereitetes Routing? Sind alle Kabelverbindungen in Ordnung? Hast du genügend gute Kopfhörer für deine Mitmusiker? Hast du ausreichend Notenständer, Verlängerungs- und Adapterkabel? Wo legt man den Kopfhörer ab, wenn man ihn nicht braucht? In welchem Zustand sind deine Mikrofonständer? Nichts turnt mehr ab, als ein Mikro, das mitten im Song langsam nach unten sinkt …

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Zoom H-6: Audiorecorder für mobile Aufnahmen unterwegs (Bild: Marc Bohn)

Hast du wirklich mal ausgiebig ausprobiert, welches deiner Mikrofone an welcher Stelle deines Instruments, deines Amps oder mit welcher Stimme gut klingt? Würdest du sagen, dass du deine Räume akustisch kennst? Wie verändern sich die Aufnahmen in deinem Raum, wenn du ihn stärker oder weniger stark dämmst? Gibt es Ecken, wo du besser niemals ein Mikrofon hinstellst, weil dort alles furchtbar klingt?

Du glaubst, dein Mikrofon klingt schlecht? Ein günstigeres Großmembran-Mikrofon klingt in einem schlechten Raum schlecht, ein teures allerdings auch! Löse erst das Problem mit dem Raum, dann wird das einfache Mikro vielleicht sogar ausreichen.

Oder geh den anderen Weg und entscheide dich für ein Mikrofon, das auch in schlechteren Räumen noch ganz gut funktioniert: Ein Beyerdynamic M201 wäre mein Tipp für einen günstigen Allrounder, und es verzeiht beinahe jeden noch so schlechten Raum!

Überlege, ob du vor jeder Aufnahme den Raum optimieren kannst, oder ob die Idee dann schon weg ist. Vielleicht ist ein gutes dynamisches Mikrofon für spontane Ideen die bessere Lösung?

Gibt es Equipment, das du zwar besitzt, aber nie nutzt? Wie wäre es damit, ein solides Patchbay-System einzuführen, wo du die Signale schon in der Standard-Belegung so routest, dass alles für den Alltag korrekt verkabelt ist? Ohne ein solches System werden manche Dinge einfach nur als teure Rackbeleuchtung herumstehen und nie zum Einsatz kommen!

Wenn das Warten auf einen Bounce durch analoges Equipment deine Kreativität hemmt, sind dann vielleicht Plug-ins für dich eine Lösung, auch wenn sie klangtechnisch nicht immer an das analoge Vorbild heranreichen? Vielleicht ist auch der simple Verzicht auf Internet im Studio ein Kreativitäts-Booster?

Platzproblem

Mein bester Kauf in Richtung »besseres Homestudio« dieses Jahr war ein kleiner, transportabler Beamer fürs Studio. Endlich kann ich damit ein großes Bild genau dort an die Wand projizieren, wo ich es gerade brauche. Egal, wo ich sitze, ich kann immer perfekt meinen Hauptbildschirm erkennen. Das ist so ein Gewinn an Flexibilität und Ergonomie, warum habe ich das nicht schon viel eher gemacht?

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Tascam SS-R100: Masterrecorder, der im Hintergrund rund um die Uhr jeglichen Output im Studio mitschneiden kann (Bild: Tascam)

Redet keiner drüber …

Es sind vielleicht alles nicht die Lösungen, die dauernd in unserer Branche thematisiert werden. Wen interessiert schon ein günstiger Field-Recorder, wenn wir lieber über Apogee-Wandler schreiben? Wer kauft tatsächlich Halter für die Kopfhörer am Mikrofonständer, das ist doch rausgeworfenes Geld, oder? Der Raum geht doch, wozu jetzt noch weiter mit anderen Dämm-Materialien herumbasteln? Wozu noch einen weiteren Kopfhörermix erstellen oder in ein Personal-Mixing-System investieren, die Musiker sollen sich mal nicht so anstellen! Die hören sich doch eh alle immer zu leise …?

Aber wenn wir anfangen, Equipment oder Software anzuhäufen, ohne über diese grundlegenden Fragen nachzudenken, werden wir vielleicht niemals die perfekte Aufnahme einfangen, für die wir das ganze Profi-Equipment eigentlich gekauft haben!

Fazit

Für manche Dinge gibt es keine Software! Im Homestudio nicht, und im großen Studio auch nicht. Dir nützt kein Neve-Preamp, wenn du ihn in einem Umfeld einsetzt, welches deine Kreativität auffrisst.

In diesem Sinne wünsche ich dir, dass du einmal genau die ganz anderen Baustellen in deinem Studio hinterfragst, die vielleicht nichts mit neuem oder »amtlichen« Equipment zu tun haben. Und vielleicht ist das technisch beste Equipment bisweilen doch genau das falsche für deinen Einsatzbereich? Ich wünsche viel Erfolg beim Basteln!

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