Studiotipps: Kniffe, die die Welt verbessern

Einfach mal das Plugin abschalten

Vor vielen Jahren bekam ich ein Songprojekt eines bekannten Produzenten zu sehen, dass vollgestopft mit allen möglichen deaktivierten Plug-ins war. Auf vielen Kanälen lagen keine Audiodaten, allerdings sah die Plug-in-Struktur dort vollständig aus und bildete Plug-in-Ketten für Gesangs – bearbeitung oder ähnliche Einsatzbereiche. Meine Frage, ob die Tracks nicht besser gelöscht werden könnten, wurde klar verneint, denn alle diese deaktivierten Inhalte gehörten sehr wohl zum Produktionsprozess. Und so möchte ich diesen Workshop einfach mal diesen „Resten“ widmen − und den Prozess erklären, wie sie dort hinkommen …

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Über den Autor: Wieviel Profistudio passt in ein 2cm dickes Ultrabook? Sound-Designer Björn Bojahr muss immer noch Staunen, wenn ein modernes Setup »mal eben« all das simuliert, was früher selbst in einem großen Studio oft unerreich- und auch unbezahlbar war.

Deaktivierte Plug-ins sind Reste für bestimmte Produktionsprozesse, denn ganz sicher wird niemand auf diesen vermüllten Zustand hin arbeiten! Daher geht es mir vielmehr darum, in diesem Workshop die nützlichen Schritte aufzuzeigen, die zwar im Endeffekt vielleicht zu solchem Plug-in-Müll führen können, aber vorher eben einen sehr fördernden Einfluss auf die Musikproduktion hatten! Und genau diese positiven Aspekte wollen wir uns gemeinsam anschauen.

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Boosten beim Einspielen

Ein wichtige Sache beim Einspielen von Audiotracks sind die Monitor-Einstellungen. Ein EQ im Abhörweg muss nicht unbedingt den finalen Mix widerspiegeln, es geht vielmehr darum, die Spur so nach vorne zu bringen, dass sich der Musiker gut hört. Beispielsweise führt hier oft eine Anhebung zwischen 2 und 5 kHz dazu, dass die Signale höhenreich in den Vordergrund treten, und sicher ziehen wir diesen Kanal im Monitor-Mix besonders laut. Es soll sogar Produzenten geben, die Gesangsaufnahmen in der Regie immer mit einem grob eingestellten Kompressor abhören, um wirklich jede Nuance eines Takes mitzubekommen und auch leise Passagen genau beurteilen zu können.

Ohne gutes Monitoring spielt es sich schlechter, und wir müssen auch beim Reinhören in den Gesamtmix eine Chance haben, den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Take auf Anhieb herauszuhören. In einer digitalen Umgebung ist das ein Kinderspiel. Mit einem beliebigen parametrischen EQ mischt man den Sound nicht gleich „in den Mix“, sondern sorgt einfach dafür, dass er aus dem Mix heraussticht, indem man kräftig in den wichtigen Bereichen anhebt. Abschließend kopiere ich die EQ-Einstellung in eine zweite Instanz des EQs, deaktiviere das Original und erstelle mit der Kopie dann eine mixtaugliche Einstellung, die den Sound fast immer weitaus weniger nach vorne holt.

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Vollgas auf Spur 2 − der Bass ist dran! Diese EQ-Einstellung wird es sicher nicht bis in den Endmix schaffen, zum Einspielen des BassSounds ist die starke Anhebung aber richtig klasse. Sobald die Aufnahme im Kasten ist, wird der EQ nur deaktiviert und steht uns für evtl. weitere Einspielungen mit diesem Setting zur Verfügung!

Vintage-Legenden

Eigentlich ist es verrückt, dass wir für Fotos von legendärer Studiohardware dreistellige Summen investieren … Ganz im Ernst: Manche Plug-ins sind leider im Direktvergleich mehr eine optische Nachbildung als eine wirkliche Simulation analoger Legenden! Das heißt nicht, dass sie nicht auch für sich genommen einfach gut klingen und funktionieren, aber dieser Mythos der authentischen Simulation verleitet uns ja zur Anhäufung diverser Plug-ins, die dann irgendwann nur noch sinnlos auf unserer Festplatte herumgammeln. Zum Glück bleibt der Staub, den sie dort ansetzen müssten, rein virtuell … Vor kurzem habe ich mir den Spaß gemacht, und eine Produktion mit dem günstigen Kompressor von toneboosters.com aus dem TrackEssentials-Bundle begonnen. Zehn Plug-ins für 25 Euro, und an dem Bundle klebt ganz sicher kein virtueller Vintage-Aufkleber! Geht das gut? Um nicht gänzlich auf meine gewohnten Arbeitsweisen zu verzichten, habe ich die Klänge zuerst oft mit dem Kompressor bearbeitet, den ich dafür immer benutze und mit dem ich schnell zu einem bestimmten Ergebnis komme.

Dann habe ich diesen deaktiviert und ein ähnliches Ergebnis mit dem TB-Kompressor versucht. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass die Stellung seines Dry/Wet-Knopfes immens wichtig ist. Damit kann man sogar oft Sounds so bearbeiten, dass er selbst bei FET- oder Opto-Charakteristiken ganz brauchbare Ergebnisse liefert. Manchmal gefiel mir der günstige Kompressor sogar besser als das oft wesentlich teurere Referenz-Plug-in! (siehe Abbildung 01) Am Ende habe ich natürlich für jede Spur das Plug-in genommen, das mir für den Einsatzbereich halt am besten gefallen hatte, aber immerhin habe ich mir so eine kleine Bank an neuen Presets zusammengestellt, mit denen sich der TB-Kompressor dann beinahe auch so anfühlt wie eine Vintage-Legende. Und nebenbei habe ich dieses kleine Kompressor-Plug-in kennen und schätzen gelernt. Deaktivierte oder inaktive Plug-ins sind hier ideal, um zwei Einstellungen durch das Aktivieren und Deaktivieren von Plug-ins schnell miteinander zu vergleichen und sich später im Mix für die Variante zu entscheiden, die besser zum Gesamtsound passt.

Bypass-Automation

Plug-ins haben den großen Vorteil, dass man sehr zügig Variationen einer bestimmten Einstellung erstellen kann. Ich bin ein großer Fan von Ping-Pong-Delays, die ich als Effekt unheimlich gerne in einen Song einbaue − beispielsweise, um bestimmte Räume nicht mit einem Hall, sondern mit einem ebensolchen Delay zu simulieren. Ein einfacher Trick ist es, die Strophen eines Songs mit einem sehr kurzen Ping-Pong-Delay zu belegen und dieses nur dezent zum Originalsignal hinzuzumischen. Beinahe so etwas wie ein Federhall − nur eben mit einem Delay. Die Stereobreite der Feedbacks ist hier oft eher im mittleren Bereich. Im Refrain dagegen tausche ich das Plug-in aus.

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Mit kurzen Ping-Pong-Delays kann man prima einen dezenten Raumeindruck zaubern. Sobald es aber zum Refrain geht, schalten wir mit der Automation auf eine weitere Instanz des Plug-ins um, in welcher eine längere Wiederholungszeit und eine breitere Stereoplatzierung programmiert wurde. Dies trennt beide Abschnitte im Song und lässt sich auch später noch durch die beiden Instanzen jederzeit anpassen.

 

Ich deaktiviere die erste Instanz und wechsle zu einer Kopie, der ich eine wesentlich größere Stereobreite zuteile und die deutlich langsamere Wiederholungen temposynchron dazu spielt. Hier wirkt das Delay weniger wie ein Raum, sondern als Effekt. Die Umschaltung zwischen den beiden Effekten geht sehr gut mit der Automation der DAW und führt natürlich ebenfalls zu jeweils einem deaktivierten Plug-in (s. Abbildung 02). Der Vorteil ist dabei, dass man beide Einstellungen nach wie vor ändern kann. Bei der direkten Automation von Zeit und Stereobreite müssten wir dagegen die komplette Automation überarbeiten.

Entmüllen

Schnell verliert man beim Rennen um einen besonders fetten Sound den gesamten Mix aus den Augen. Wenn alle Sounds durchsetzungsfähig gemischt wurden und „knallen“, ist der Gesamtmix garantiert eine Katastrophe! Meist ist ein Sound überhaupt nicht „zu dünn“ oder zu schwach. Unsauberheiten in Lautstärke, Tonhöhe, Phasenlage und auch detaillierte Zeitkorrekturen sind viel öfter die Probleme, die uns im Mix zu schaffen machen. Aber es ist eben so einfach, im Plug-in-Supermarkt mal eben vier Instanzen Klangoptimierungs-Wahnsinn auf eine Spur zu quetschen und auf diese Weise von den wahren Problemen des Mixdowns abzulenken! Viele Sequenzer bieten die Möglichkeit, eine Spur zu duplizieren. Und obwohl ich niemals gedacht hätte, dass diese Arbeitsweise ein Vorteil sein kann, ist diese Funktion inzwischen wichtiger als so manches neue Plug-in.

Um überhaupt festzustellen, ob ich mich bei einer Spur vertan habe und bereits mit müden Ohren alles nur noch lauter und heller mische, dupliziere ich beinahe jede Spur im Laufe der Produktion einmal, schalte das Original stumm und deaktiviere auf der Kopie alle Plug-ins (s. Abbildung 03). Dann starte ich den Song erneut und entdecke oft, dass eine etwas andere Lautstärke-Einstellung oder ein einfaches Low-Cut-Filter im Grunde alles ist, was die Spur im Gegensatz zu der bisher programmierten Effektbatterie wirklich braucht. Da man dies nur mit der Kopie macht, kann man über die Stummschaltung sehr einfach zwischen beiden Varianten wechseln und eine Entscheidung treffen. Manchmal braucht ein Sound eben die ganzen Bearbeitungen, manchmal aber auch nicht. Stummgeschaltete Spuren können uns dabei helfen, zu einem natürlicheren und authentischen Gesamtsound zu gelangen.

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Alles doppelt oder was? Im Gegenteil: Dieser Song wird in Kürze entmüllt und enthält dann nur noch die Elemente, die er wirklich braucht. Die restlichen Spuren sind als Referenz weiterhin enthalten, vielleicht waren ja im Nachhinein auch nicht alle ersten Ideen schlecht …

Resümee

Niemand wird ernsthaft behaupten, dass deaktiverte Spuren oder Effekte im finalen Mix das Ergebnis verändern. Schließlich sind sie deaktiviert und bleiben auch im Master abgeschaltet. Aber es ist sehr hilfreich, im Produktionsprozess an verschiedenen Stellen Dinge zu vergleichen, zu testen und zu bewerten. Unser Ohr lässt sich leider nach einigen Stunden sehr leicht überlisten, und so jagen wir manchmal isoliert einem Einzelsound hinterher und vergessen dabei das große Ganze. Manche Plug-ins schlummern auf unserer Festplatte, und doch kennen wir ihren Einsatzbereich kaum. Zumindest nicht richtig, weil wir sie niemals wirklich verglichen haben! Da Rechenpower und Hauptspeicher in der Regel aber heute selbst auf mobilen Setups ausreichend vorhanden sind, lohnt es sich, Alternativen auszuprobieren und zu versuchen, einmal mit den angestaubten Plug-ins ein ähnliches Ergebnis zu erreichen. Vielleicht entstehen so zumindest ein paar Presets, mit denen der nächste Einstieg leichter wird. Und vielleicht entdeckt man auf dieser Tour auch, dass manches legendäre Plug-in zu Unrecht so hoch gelobt wird. Ich wünsche viel Spaß beim Abschalten!

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