Studiotipps: Kniffe, die die Welt verbessern

Schärfe aus den Overhead-Mikros beim Schlagzeug nehmen

Studiotipps_Vocal-Tracks mit Extra-Sahne_02

Wie bekommt man eigentlich die Schärfe aus den Overhead-Mikros beim Schlagzeug? Anderes Mikro nehmen? Position und Abstand verändern? Oder Plug-ins bemühen? Einen dynamischen Mastering-EQ benutzen, einen De-Esser zweckentfremden oder auch mit einem Tape-SimulationsPlug-in das Signal etwas dumpfer zaubern? Oder vielleicht eine Kombination aus all diesen Dingen? Oft ist unser Plug-in- und Equipment-Wahnsinn jedoch völliger Murks — die Lösung wäre vielleicht eine simple Reduzierung der Lautstärke um 1 is 2 dB und ein simples Hi-Cut-Filter gewesen …

Anzeige

Vor 20 Jahren hatten wahrscheinlich die wenigsten von uns genügend Hardware-Equipment, um auf solche kuriose Lösungen zu kommen. Heute im Plug-in-Zeitalter haben wir alle mehr Möglichkeiten, und die führen leider manchmal dazu, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Anstatt einfach mit einem Controller eine Lautstärke-Automation nachzufahren, probieren wir ein Kompressor-Plug-in nach dem nächsten aus und finden vielleicht doch nicht das, was wir eigentlich wollten.

Das weckt dann Begehrlichkeiten: Wenn man nur das ganz neue Plug-in hätte, dann wäre das Problem wahrscheinlich zu lösen … Wie bekommt man denn eigentlich die zweite Stimme weiter in den Hintergrund? Da hatte doch Grammy-Produzent XY mal was in einem Interview berichtet, dass er mit Parallelkompression was gebastelt hatte … Aber wie wäre es denn mit dem einfachsten Trick, dem Sänger zu sagen, dass er einen Schritt vom Mikro nach hinten gehen soll? Das reduziert sofort die Details, die bei Großmembran-Mikros sonst sehr detailliert auf unserer Festplatte landen, und erhöht außerdem ganz natürlich den Raumanteil des Signals.

Ab vier wird kontrolliert

… Es mag sich genau gegensätzlich anhören, aber eine grundsätzliche Kontrolle auf Überflüssigkeit ab vier Plug-in-Bearbeitungen pro Kanalzug wird oft zu einem besseren Mix führen. Diese Regel ist im Alltag auch recht einfach und zügig umzusetzen. Dabei geht es nicht um das ehrfürchtige Bewahren eines möglichst heiligen Originalsignals. Ein Maler wird bei einem gemalten Bild auch nicht darauf achten, dass eine bestimmte Farbe möglichst so rein aussieht, wie die einzelne Farbe aus der Tube! Aber was wirklich wichtig ist, ist das Zusammenspiel im Mix, und da lohnt es sich, ab vier Bearbeitungen ganz genau hinzuhören. Jedes EQ-Band zählt dabei einzeln, was jedoch nicht zählt, sind Lautstärke-Automationen oder die Position im Stereobild.

Braucht ein Signal mehr als vier Bearbeitungen, sollte man jeden Schritt einmal isolieren und das Ergebnis dann im Gesamtmix anhören. Wichtig ist, dass wir diese Bearbeitung nicht einzeln betrachten: Schaltest du die Spur solo, wirst du die Unterschiede sicher hören, aber es geht hier vor allem darum, ob es im Mix wirklich noch eine klangliche Auswirkung hat. Sind im EQ beispielsweise zwei Anhebungen im Mittenbereich programmiert, sollten die beiden Bänder einfach einmal deaktiviert und statt dessen die ganze Spur um 2 bis 3 dB angehoben werden. Vielleicht passt das Signal dann auch schon? Anstatt ein Signal gesondert zu verhallen, reicht vielleicht eine Reduzierung der Stereobreite und eine leichte Höhenabsenkung, um es im Gesamtmix nach hinten zu schieben? Soll das Signal dagegen weiter nach vorne, neigen wir vielleicht dazu, die Höhen anzuheben.

Vielleicht wäre eine einfache Anhebung der Lautstärke und ein Reduzieren des Hall-Effekt-Anteils aber ebenso erfolgreich? Wenn ein Signal vermeintlich zu laut ist, kann vielleicht ein Reduzieren der Höhen dazu führen, dass es sich besser in den Gesamtmix einfügt. Aber woran erkenne ich das? Um den Unterschied zu erkennen, sind die einzelnen Bypass-Schalter in deiner DAW so wichtig! Plug-ins lassen sich damit insgesamt stummschalten, bei den meisten EQs kannst du die Bänder ohnehin einzeln schalten.

Weniger ist mehr?

Wer dieses Verfahren mal ausprobiert hat, wird feststellen, dass recht häufig Sättigungs-Plug-ins und Kompressoren auf der Strecke bleiben. Auch die ganzen vielen Filtertypen, die uns digitale EQs so anbieten, sind oft weniger hilfreich, als zuerst gedacht. Im Gesamtmix ist es bisweilen völlig unerheblich, ob man mit Filtertyp 1 etwas weniger anhebt oder mit Filtertyp 2 dann etwas mehr. Oft fällt man bei Sättigungs-Plug-ins oder Kompressoren schlicht dem Lautstärke-Wahn zum Opfer: Was zuerst viel besser klingt, war im Endeffekt einfach nur ein bisschen lauter! Und der Preis eines Plug-ins ist oft auch eher nebensächlich.

Bei analoger Hardware ist es nun einmal so, dass ein herausragendes Schaltungsdesign mit hervorragenden Bauteilen oft besser funktioniert und daher natürlich auch seinen Preis hat. Im digitalen Bereich gilt das jedoch nicht, da kann auch ein günstiger EQ mit entsprechendem Filtertyp manchmal besser funktionieren als ein teurer. Es kann richtig sein, sehr viele Plug-ins auf einem Kanal zu benutzen − aber manchmal reichen eben wenige simple Bearbeitungen, und alles ist auch so gut!

Ein Blick auf die Uhr

Unsere Ohren gewöhnen sich mit der Zeit an einen bestimmten Klangeindruck. Eine wichtige Tätigkeit bei jedem Mix wird daher das Vergleichshören von Referenzmaterial auf deinen Studiolautsprechern sein. Viele schließen auch beispielsweise zusätzlich zur Soundkarte den normalen Audioausgang des Computers an den MonitorController an, so dass man mit dem normalen Media-Player auf dem Rechner parallel zum Song einfach irgendwelche Titel oder auch vorab gezogene Premixe im Direktvergleich zur aktuellen Mischung abspielen kann. In der letzten Folge der Studiotipps haben wir uns angeschaut, dass es durchaus sinnvoll sein kann, einen Song Spur für Spur durchzugehen und diese jeweils mit der unbearbeiteten Version zu vergleichen. Einen ähnlichen Vergleich kann man auch während der Mischung immer mal wieder machen.

Nach 10 bis 20 Minuten lohnt es sich, einige gerade bearbeitete Spuren auch einmal „trocken“ im Vergleich zu hören. Wenn man beispielsweise anfängt, die Vocals mit einer deutlichen Höhenanhebung zu mischen, ist die Dosis entscheidend. Richtig abgestimmt klingt das gut! Aber zu hoch angesetzt, wird der ganze Mix eventuell zu einem Wettstreit in den Höhen, und über kurz oder lang hebt Damit der Hall nicht den ganzen Mix zukleistert, kann ein einfaches Achtel-Ping-Pong-Delay mit eingeschränkter Stereobreite vor dem Hall helfen. Dabei werden die Returns nicht hart links und rechts platziert, sondern eher leicht links und rechts.

Beim Hall-Plug-in werden dafür die Decay-Zeit und die Halldichte weiter reduziert. man bei fast jedem Sound leicht die Höhen an. Im schlimmsten Fall vergisst man im digitalen Mix dann auf einigen Spuren auch noch die Hi-Cut-Filter und wundert sich irgendwann, wo der angeblich so „typisch harte digitale“ Sound herkommt! Anstatt dann einem weiteren Tape-Plug-in nachzujagen, werden ein Blick auf die Uhr sowie ein simpler Vergleich zwischen der Aufnahme, einem Vergleichsmix und der Bearbeitung sicher von ganz alleine zu einem entspannten Klangbild führen.

Der Hall

Auf den ersten Blick scheint die Auswahl eines Hall-Plug-ins sehr einfach zu sein. Man schnappt sich ein paar Drumsounds und einen Vocal-Take und jagt das alles mal durch diverse Hall-Plug-ins, schon findet da jeder seinen persönlichen Favoriten. Mein Geschmack ist beispielsweise recht altmodisch: Ich mag auch heute noch modulierte Hallfahnen für Vocals. Meine beiden Plug-in-Favoriten bei solchen Vergleichen sind daher meist Lexicons LXP-Bundle und der Valhalla-VintageVerb. Aber im Mix sieht das anders aus: Solch ein dicker Hall macht schnell die komplette Tiefenstaffelung in einem Song zunichte! Es gibt nun zwei Wege, damit umzugehen: Zum einen kann man losgehen und sich nach neuen, besseren Plug-ins umschauen. Zum anderen kann man ganz viele verschiedene dieser tollen Hallräume in einem Mix kombinieren, um so dem totalen Matsch etwas entgegenzuwirken. Aber das ist alles Aufwand, und am Ende verzettelt man sich zwischen zig verschiedenen Instanzen oder verliert Zeit durch das Ausprobieren neuer Plug-ins.

Die einfachste Lösung ist eine andere: Ob ein Hall im Mix passt, bekomme ich nur dann heraus, wenn ich den Hall nicht isoliert betrachte und dort bestimmte Qualitä- ten suche, sondern ihn klanglich in den Mix einpasse. Da – zu erstellen wir einen Effektkanal, fügen dort eine Instanz unseres Lieblings-Halls ein und senden von jedem Kanal aus über Effekt-Sends eine entsprechende Dosis dorthin. So können wir ein einzelnes Plug-in stummschalten und beispielsweise den Mix ohne Hall beurteilen. Außerdem ist es dann sehr einfach, den Hall an den Frequenzgehalt der Mischung anzupassen. Vor dem HallPlug-in fügen wir dazu einen einfachen EQ ein. Mein Tipp wäre dazu der Toneboosters EZQ aus der alten 2.91erVersion der Plug-ins. Hier kann man mit einer einzigen Mausbewegung jede Menge Klangvariationen ausprobieren und diese dann sehr einfach dosieren. Schon sticht der Hall nicht mehr künstlich aus dem Mix hervor, sondern wird Teil des Klangcharakters der einzelnen Instrumente. Wenn es dann ein dicker, wolkiger und voluminöser Hall sein soll, ist auch die Kombination eines kürzeren Halls mit einem vorgeschalteten Delay auf dem Effekt – kanal eine elegante Lösung. Das klingt solo geschaltet vielleicht nicht umwerfend, im Mix funktioniert das aber oft perfekt!

Fazit

In einer digitalen Umgebung mit tausend Möglichkeiten ist die Reduktion auf die wesentlichen Faktoren manchmal wichtiger als das neueste Plug-in. Einfache Dinge, wie etwa die richtige Lautstärke, die passende Position und Breite im Stereobild sowie simple High- und LowCut-Filter und ein gut auf den Mix abgestimmter Hall, können manchmal zu einem professionelleren Sound führen als ein ganzer Ordner voller schöner Plug-ins.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren: