Rückblick auf 100 Jahre Schlagzeug in der Popularmusik

Drum Recording History

Die goldenen Zwanziger, so nannte man die Ära ab 1923, in der nebst vieler künstlerischer Meisterleitungen auch die ersten weltweit kommerziell vertriebenen Aufnahmen von Musik entstanden. Jazz, die neue, frivole “Popmusik“ aus den Staaten brachte aufregende afrikanische Rythmen geführt von einem neuen Instrument, dem Schlagzeug. Doch die Audiotechnik der Zeit war den Drums noch lange nicht gewachsen.

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Klassische 60ies – Mikrofonie , aufgenommen bei OGM München : AKG D20 an der Kick Sennheiser MD421 an Toms und Snare, Nahe

Waren bisher noch alle Musikaufnahmen von den Radiosendern angefertigt worden , begannen jetzt die jungen Plattenfirmen sich eigene Aufnahmestudios einzurichten. Das Aufnahmemedium der Profis waren Wachsrollen. Vom Aufzeichnungsprinzip ähnlich der Schallplatte, wird hier die Welle rein mechanisch als Rille geschnitten.Von der Wachsrolle musste die Aufnahme auf das Consumermedium, damals die Schellackplatte.

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Plattenschnitte konnten seinerzeit noch nicht direkt erfolgen, ein komplexes Verfahren war notwendig um aus der Rolle die Scheibe zu machen. Und erst mit der fertig geschnittenen Platte war die Aufnahme überhaupt abhörbar, denn die Wachsrolle selbst konnte nicht abgehört werden. Das Studiomikrofon der Zeit war entweder ein Kohlemikrofon oder in besseren Kreisen ein überdimensionierter Hochtöner (Tauchspule) mit teilweise meterlangem Schalltrichter. Da auch die symmetrischer Signalführung noch in den Kinderschuhen steckte, mussten die gegen jede Art äußerer Energie empfindlichen Aufnahmesysteme sehr nahe am Mikrofon und somit der Schallquelle positioniert werden. Des weiteren waren die Wachsrollenrecorder energiereichen Bassfrequenzen nicht gewachsen, laute Basssignale zerstörten die Wachsrolle und somit die Aufnahme. So waren gerade tieffrequente oder laute Signale wie Drums der Feind der Toningenieure. In eigens zur Abschirmung aufgebauten Stoffzelten hausten die Drummer bei Aufnahmen oft weit weg vom Mikrofon und somit fern abseits des musikalischen Geschehens.

Eine Positionierung der Drums näher am Mikrofon und innerhalb der Band wird erst durch die Stahldrahtrecorder der 30er möglich , die wesentlich unempfindlicher gegen Körperschall und energiereichen Pegel waren, allerdings unter 150 Hz und über 4 KHz kaum noch Signal nutzbares aufzeichneten. Gleichzeit wird der Direktschnitt auf Platte möglich und symmetrische Signalwege erlauben die Trennung von Regie und Aufnahmeraum. Das während des 2. Weltkriegs erprobte Magnetband als Recordingmedium sowie die Vinylschallplatte als Consumermedium brachte in den Mittvierzigern ein System, das die nächsten 50 Jahre als Standard bis zur absoluten technischen Perfektion reifen sollte. Auch hatten die Verstärker und Mikrofonsysteme durch den Krieg in hohem Maße an Qualität gewonnen. In dieser Zeit beginnen auch erste Versuche mit einen Stützmikrofon an den Trommeln.

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Mono-Dreipunkttechnik der Fünziger: Ein RCA 44 Bändchenikrofon als Overhead, Shure 55 Fatboy on der Kick, EV 655 an der Hihat. Der Abstand aller drei Mikrofone zum Snaremittelpunkt beträgt hier exakt 3ft. Markierungen am Boden zeigen wo später Kick und Hihat stehen sollen.

Die ersten reinen Drummikrofone hingen meist mittig über dem Set um möglichst alle Trommeln ohne Verdeckung hörbar zu machen. Gab es noch frei Kanäle, wurden Stützmikrofone oft seitlich am Drumset aufgestellt, um Ride oder Hihat zu pushen, selten noch ein Mikrofon an der Kick, deren musikalisch Bedeutung für die Musik der Zeit meist nicht so hoch war. Beliebte Drummikrofone der Zeit sind das RCA44 als Overhead sowie das Electrovoice 655 für die direkte Trommel- und Blechabnahmeabnahme.

In den Fünfzigern schließlich boten die Monokonsolen der Studios im Schnitt schon sechs Mikrofoneingänge, und gut ausgestattete Studios konnten schon mit Signal to Noise von ca. 70 dB sowie recht linearem Frequenzgang zwischen 50 und 10000Hz aufwarten, ein Bereich, den nun auch bessere Consumergeräte der Zeit wiedergeben konnten. Und auf einmal war da das Fell der Kickdrum ! Und Becken mit Obertönen. Erst noch vorsichtig zugemischt wurden die Drums schnell zu einem Hauptorgan der Arrangements von Popularmusik. Auch Mikrofonierung begann sich dem entsprechend anzupassen.

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Das „Electrovoice 655, bei uns kaum bekannt, in US-Studios ein beliebter Klassiker für Drums und Akustikgitarre.

Die 60er bringen eine neue Popkultur und Musik mit sich, den Rock,n Roll, Der fordert neue Sounds, und hat Glück, denn zur gleichen Zeit kommen mit der Transistortechnik und der Stereophonie wesentliche technische Neuerungen in die Studios. Mischpulte hatten nun schon in jedem Kanal einen Dreibandentzerrer üblicherweise ein Tiefenband (shelf) mit einer oder zwei festen Frequenzen zwischen 60 und 120Hz ein Mittenband (Bell) mit 4 bis 6 wählbaren Frequenzen zwischen 500 und 5000 Hz und ein Höhenband (Shelf) mit einer festen Frequenz, damals üblicherweise 10KHz. So waren jetzt auch einzelne Drummsignale im Mix detaillierter darstellbar.

Kompressoren, die bisher rein zur Sendebegrenzung bzw. technischen Kompression beim Plattenschnitt entwickelt und genutzt worden waren, fanden jetzt in England und den USA musikalischen Einsatz auf Kick, Snare und Toms. Und Bob Katz drehte am brandneuen Panpot für Hendrix den möglicherweise ersten Tomroll von rechts nach links. Der Meister sei danach angeblich vor Begeisterung vor Ihm auf die Knie gefallen… .

Katz und Konsorten  schufen nicht zuletzt mit neuen großartiger Mikrofone made in Germany an den Drumms einen Sound von bisher nie dagewesener Qualität. An der Kick und Lotom etabliert sich das AKG D12 / D20 bei Hitom und Snare das  Sennheiser MD421, für Overhead und Raummikrofonie die Neumann KM und Schoeps CM Modelle sowie natürlich das vielleicht beste Mikrofon aller Zeiten, das legendäre Neumann U67. Dennoch wurden die Mikrofone gemäß des klassischen Ansatzes des letzten Jahrzehnts oft auch eher zur Ausleuchtung bestimmter Drumsetbereiche als zur Direktmikrofonierung einzelner Trommeln aufgestellt. Dieses Verständnis beruht auf der Behandlung der Drums als ein Instrument, also mit bühnenmäßig natürlich kleiner Tiefe und Breite.

Das Aufnahmemedium der 60er ist das viertelzoll Magnetband (“Senkelband“), nach wie vor wird direkt bei der Aufnahme auf Stereo gemischt. Da Überspielungen von Band auf Band noch sehr verlustbehaftet sind , ist es nicht möglich öfter auf die Aufnahme zu dubben, weshalb in der Regel höchstens komplette Playbacks für Gesang erstellt werden. Wurden auch bis Ende der Sechziger Frequenzgang und Rauschen auf heutiges Studioniveau angehoben, die reine Livesituation im Studio war einfach nicht mehr zeitgemäß. Eine logische Neuerung bringen die 70er.


Sound&Recording – Drum Recording Special

sr_0716_1Die Sommer-Ausgabe 07-08/16 von Sound&Recording steht ganz im Zeichen der Königsdisziplin im Studio – denSchlagzeug-Aufnahmen. In unserem Drum Special haben wir über 100 Mikrofone an den Drums miteinander verglichen. Udo Masshoff gibt euch Tipps, zum Stimmen des Schlagzeugs für eure Recordings. Außerdem beschäftigen wir uns mit den Themen Drum Editing in Studio One 3mobilen Drum Recordings und damit, wie ihr mit NI Massive einen Layer für die Kick Drum basteln könnt. 
Weitere Themen:
  • UAD Fender `55 Tweed – Software-AMP
  • iZotope VocalSynth – Vocal Effekte aus dem Rechner
  • Zu Besuch bei Boutique-Hersteller Royer Labs
  • Mixpraxis: Rik Simpson mischt Coldplay – Hymn For The Weekend uvm.

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Die Mehrspurtechnik hält jetzt großflächig Einzug in den Studios, und die Analogtechnik steuert Ihrem technischen Zenit entgegen. Bandmaschinen und Mischpulte mit bis zu 24 Spuren erlauben jetzt die Mikrofonierung ,Aufnahme und Bearbeitung jeder einzelnen Trommel, maximal 21 Drumspuren stehen bei der Aufnahme abzüglich Timecode und Stereobounce maximal zur Verfügung. Toms werden hier erstmals auch zusätzlich von unten mikrofoniert. Die neue Musikrichtung Funk und Soul wird wie bei Labels wie Motown durch die neue Technik mit einem revolutionären Drumsound, der sich bis heute durch Amy Winehouse oder Gregory Porter großer beliebtheit erfreut. Schnalzige Snares, mittenreiche, pumpige Kicks und trashiges Blech  gehören hier zum guten Ton, wie die analoge Verzerrung an sich.

Mit dem neuen Sound hält auch die Rockmusik Ihren Einzug. Mit klaren und wuchtigen Trommeln, tiefen, prägnanten Snaresounds und brillanten Becken für die plüschigen Wohnzimmer. Die gute Heimanlage war jetzt auch in der Arbeiterklasse Pflicht geworden, wahrscheinlich haben die Konsumenten im Schnitt nie mehr so “gut“ Musik gehört wie zu dieser Zeit.

Doch den Drummern drohte unheilvolle Konkurrenz. Die ersten Drummachines lieferten Ende des Jahrzehnts coole neue Sounds in perfekt programmiertem Timing. Groove war out, tied war in, und so mussten gestandene Studiodrummer nun Spur für Spur nacheinander Bassdrumm, Snare, Hihat usw.. aufs Band pauken. Dies war auch der Moment, als Aufnahmen von Bands begannen besser zu sein als die Band selbst es im Livebetrieb liefern konnte. Das Zeitalter der modernen Studioproduktionen  war angebrochen. Die Profipulte der 80er mit Kompressor, Expander und vollparametrischem EQ in jedem Kanal, Kanalzahlen von 48 Spuren und mehr, rausch – und klirrfrei, und die inzwischen ausgereifte Schallplatte, alles war perfekt. Die Drummikros sind nun beispielsweise Electrovoice RE12, Beyer M88 oder Neumann U47fet and der Kick, Sennheiser MD421 BF oder Electrovoice ND468 an den Toms, Neumann KM84 und U87, AKG C451 und C414 am Blech und dem Snareteppich.Feiner geht’s wohl nicht! Doch die Zeit bleibt nicht stehen, und die 90er brachten die Digitaltechnik in die Studios und die CD verdrängte zuhause die in die Jahre gekommene Schallplatte. Die frühe digitale Studiotechnik war noch kalt und leblos im Sound, und war das Band auch schon digital bespielt, war es noch ein Band . Und doch, es schaffte Visionen. Kaputt war der neue Sound. Aber anders.

Der Beruf des Studiodrummers an sich war bis auf wenige Ausnahmen praktisch tot. Und ebenso die Studioszene. Die neuen, billigen Produktionsmethoden machten die großen Studios, die Jahrzehntelang durch das notwendiger Weise Millionen teure Equipment ihre Monopolstellungen behaupteten, einfach unnnötig. Doch der Jahrtausendwechsel rief wieder das verlangen nach Tradition und handgemachter Musik,  und Künstler wie Steely Dan oder Norah Jones räumten mit analog produzierten Alben die Grammyverleihungen ab. Bis heute hat sich die Musik und Studiotechnik stetig wieder dem alten angenähert, begriffe wie “Glyn Johns Drums“, “Ortf“ oder “Decca-Tree“ werden wieder gängige Tonibegriffe , alte Mikros und Outboard sind aufgrund Ihrer beständigen Qualität wieder gefragt. Und man sucht wieder nach Musik jenseits von Bits und Bytes. So wurden  2015 erstmals wieder so viele Schallplatten in Deutschland verkauft wie 1992.

Also Zeit die Naturfelle wieder aufzuziehen und Opas Dual aus dem Keller zu holen. Und egal was kommt, ohne gut gefertigtes, gestimmtes, gespieltes und abgenommenes Schlagwerk wird’s auch in Zukunft nicht gehen. Gott sei Dank !

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