Studiotipps: Kniffe, die die Welt verbessern

Das volle Programm an Plugins für den „amtlichen“ Sound?

NI Guitar Rig, Universal Audio UAD Urei 1176 und LA2A, dann noch so’n Fairchild oder was von Waves oder Softube — klingt doch toll! Es ist erstaunlich, welch gute Qualität heute bereits native Plug-ins liefern! Aber braucht man immer das volle Programm an Effekt-, Dynamik- und EQ-Plugins für den „amtlichen“ Sound …?

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Es mag heute populär sein, immer in allem gleich einen gemeinsamen „Konsens“ zu suchen und alles „amtlich“ zu machen, aber ich hoffe, dass ich mit dieser und den kommenden Folgen der Studiotipps ein wenig an den ganzen eingefahrenen Glanz- und Gloria-Presets rütteln kann. Denn die folgenden Tipps bringen jede Menge Tiefe und Struktur in einen Mix und lassen sich auch mit ganz unterschiedlichen Plug-ins umsetzen!

Vocals mit 3D-Effekt

Ein Delay-Plug-in hat heute mindestens samplesynchron, zum Host-Tempo synchronisiert und ohne jegliche Artefakte seinen Dienst zu verrichten, sonst benutzen wir sowas doch erst gar nicht! Aber es gibt einen Trick, den man bei alten HardwareDelay-Effekten beinahe automatisch vollführte und den man digital nur dann nachbauen kann, wenn man diese goldenen Regeln eben ignoriert. Viele Hardware-Effektgeräte haben einen simplen „TapTempo“-Taster. Man tippt im Tempo der Musik auf den Knopf, und schon passt sich die Delay-Zeit der Musik an. Ob das wirklich samplesynchron ist − wen interessierte es schon? Mit einem Stereo-Delay-Effekt kann man durch solche leicht ungenauen Zeiten beispielsweise eine Gesangsspur im Stereobild interessant aufpeppen, ohne diese komplett im Hall ertrinken zu lassen.

Mit Urs Heckmanns Uhbik-D-Delay stellt man beispielsweise für den rechten und linken Kanal jeweils leicht unterschiedliche Delay-Zeiten ein, angelehnt an das Tempo einer Viertelnote im Songtempo. Wichtig dabei: Die Delay-Zeiten sollten zu Beginn nur minimal auseinanderliegen, erst mit abnehmender Lautstärke dürfen die Delays weiter auseinanderdriften. Der Zuckerguss auf diesem Effekt ist eine leichte Modulation der Delay-Zeiten und zu allem Überfluss dann noch ein Lowpass-Filter, mit dem man die oberen Höhen abdämpfen kann. Diesen Delay-Brei mischen wir nun dezent unserem Vocal-Track hinzu.

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Vocals, die einfach größer erklingen und nicht im Hall versinken sollen, kann man mit einem Stereo-Delay-Effekt mit leicht unterschiedlichen Delay-Zeiten aufpeppen. Wichtig dabei ist ein Lowpass-Filter: Die Höhen sollten stark reduziert sein, einzelne Feedbacks sollte man nicht mehr deutlich heraushören können.

Es entsteht beinahe eine räumliche Tiefe, eine Art 3D-Effekt, der die Stimme größer erscheinen lässt, als sie eigentlich war. Wenn man die Delay-Zeiten deutlich einzeln heraushören kann, war’s auch eigentlich schon zu viel … Das Ganze gehört dann noch in einen qualitativ hochwertigen Hall − für meinen Geschmack bei dieser Kombination dann gerne auch Lexicon-Wölkchen und obendrauf auch noch kräftig Hallmodulationen.

Zurück in die Mitte!

Das genaue Gegenteil ist ebenfalls ein interessantes Stilmittel, mit dem man bestimmte Gesangsparts genau aus einem solchen großen, weiten Sound wieder nach vorne holen kann. Ein simpler Trick ist hier ein einfaches und simples Mono-Delay mit Feedback. Mit einem Lowpass-Filter senken wir auch hier wieder die Höhen ab, dieses Delay darf auch gerne komplett temposynchron laufen. Den Gesang verhallt man nun ganz dezent mit einem einfachen, kurzen Raumoder Ambience-Effekt und jagt die Stimme erst danach in den großen Hall im Mix. Einzelne Feedbacks sollten so leise sein, dass man sie kaum wahrnimmt, trotzdem führt der Effekt dazu, die Gesangsstimme in der Stereo-Mitte festzuschweißen, während beispielsweise die Background-Vocals mit unserem ersten Trick in die Weite des Stereofeldes geschickt werden.

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Ein Federhall ist nicht nur was für Gitarristen und Cover-Bands: Um ein Signal vom dichten HighEnd-Hall abzuheben, kann der Effekt genau das fehlende Salz in der Suppe sein!

Zusätzlich zu einem Mono-Delay kann hier auch ein einfacher Federhall, wie etwa Softubes Spring Reverb, eine große Hilfe sein. Wichtig ist nur, dass man hier einen Effekt sucht, der eben diese Mittenzentrierung ergänzt. Das kann ein Ambience-Effekt sein, bei dem man mit einem Plug-in die Stereobreite eingeschränkt hat, oder ein kurzer Raum, der sich mit hellen Erstreflexionen etwas zurückhält.

Dynamischer Hall

Neben diesen grundverschiedenen Positionen im Mix kann man einen Hallraum auch ganz dezent automatisch mit dem Songgeschehen mitwachsen lassen. In Solo-Passagen badet der Sänger dann in im Jacuzzi-Becken der Large Hall, sobald im Chorus aber die ganzen Background-Vocals dazukommen, bleibt der Hall eher dezent im Hintergrund. Dazu gibt es verschiedene Ansätze. Eine Variante, die am Ende auch noch wirklich gut klingt, ist eine Kombination aus sehr schnellem Kompressor im Urei-Stil mit einem hochwertigen Hall-Plug-in. Beispielsweise eignet sich der FET Compressor aus dem Hause Softube für solche Experimente, aber auch Stillwells The Rocket, UAD, IK-Multimedia, Native Instruments Vintage Compressors, Waves CLA & Co sind da allesamt solide Kandidaten.

Schneller Kompressor, weicher Hall — diese Kombination führt beinahe automatisch dazu, dass ein vorkomprimierter Hall noch natürlich klingt.

Mal nicht alles glattbügeln

Ein Segen in unserer modernen DAW-Welt ist die schnell Vergleichbarkeit von Plugins untereinander. Welches klingt besser? Ach ja, das hier, das nehme ich jetzt … Aber da liegt auch das Problem: Wenn immer alles bis zum Ende optimiert, gesäubert, clean und perfekt ist, dann bleibt am Ende nichts mehr über, das irgendwie anders klingt! Ich bin daher ein großer Fan von Plugins geworden, die sich gegen diesen Trend stellen. Beispielsweise Soundtoys Radiator − das Plug-in klingt überhaupt nicht sauber! Vor Kurzem habe ich beispielsweise einen Bass vom eher cleanen Sonigen Modular (Freeware-Modularsystem von sonigen.com) mit dem d16 Bit-Crusher Decimort angeraut und das Ganze am Ende durch Soundtoys Radiator gejagt. Das Ergebnis war ein druckvoller Sound, der auf der ganzen Linie überzeugte und sich prima in den Mix einfügte. Der Bit-Crusher Decimort ist mir schon lange ans Herz gewachsen, denn mit diesem kann man Sample-Drums ganz dezent anrauen, sodass ein bisschen Vintage-Feeling aufkommt und das Signal trotzdem noch im Mix brauchbar und interessant klingt!

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Mit d16 Decimort (www.d16.pl) macht man aus einfachen SoftwareSynths längst vergangene brizzelnde 12-Bit-Sounds, ohne dass das Ergebnis unbrauchbar und miserabel klingt. Mit Soundtoys Radiator wird das Ganze dann zu einem richtigen Vintage-Sound.

Pad-Power

Für jegliche Flächensounds muss ich in den Studiotipps in diesem Zusammenhang übrigens endlich den kostenlosen Sonimus SonEQ erwähnen. Sei es ein PWM-Pad mit vielen Schwebungen und oder ein anderer, eher mittenlastiger Flächensound: Mit diesem EQ kann man selbst dünnen Flächen wieder ein bisschen das fehlende analoge Pfund einhauchen. Jetzt mag der eine oder andere einwerfen: „Aber mal im Ernst: Du willst mir doch nicht erzählen, dass du den Bass-Boost im Mix dann drin lässt?“ Natürlich schneide ich die tiefen Bässe der Fläche später wieder weg! Aber der Sound klingt dann ganz anders, da man mit dem EQ durch den Bass-Booster auch bis in den Mittenbereich den Klangcharakter beeinflusst.

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Der SonEQ ist mein Geheimtipp für die Bearbeitung von Synthesizer-Flächen. Und obendrein ist der EQ auch noch kostenlos: sonimus.com/products/soneq

Es ist nicht alles Gold …

Es ist einfach, ein Plug-in auszuprobieren und dann schnell zu entscheiden, dass sich damit ein bestimmter Sound nicht verbessert. Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen Messtechnik und Musikproduktion! Was in der Messtechnik eine schwere Sünde ist, muss im Audiobereich kein Tabu sein! Warum nicht ein Signal erst mal so verbiegen, dass es beim Einspielen auch richtig Spaß macht? Dabei gibt es natürlich auch Fallstricke, beispielsweise das Thema Aliasing. Benutze ein einfaches Verzerrer-Plug-in, deaktiviere dort das Lowpass-Filter, und hebe dann noch die Höhen mit einem einfachen EQ an. Analog wird dabei aus einer einfacheren Wellenform dezent verzerrt vielleicht ein schön knurrendes Etwas.

Digital kann das Ergebnis im Höhenbereich ungefiltert extrem furchtbar klingen, und aus diesem Grund sind Lowpass-Filter im digitalen Mix auch so wichtig! Bei einigen „Raubein“-Plug-ins, die mit Vintage-Charakter, Verzerrungen und analoger Wärme werben, ist deutliches Aliasing manchmal genau das Problem, das den schönen Sound am Ende wieder zerstört. Ein Lowpass-Filter vor dem Verzerrer kann hier zusammen mit einer Reduzierung des Mischungsverhältnisses zum unverzerrten Originalsignal helfen. Mit etwas Übung hört − und hält − man solche Sounds dann auch schnell aus einem Mix heraus.

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