Global Speaker Fisting

Beat-Programming mit Otto von Schirach

Freunde hochglanzlackierter Elektroniksounds sollten unseren aktuellen Beat-Programming-Workshop möglichst schnell überblättern − ein Künstler, der eines seiner Alben Global Speaker Fisting betitelt, hat mit Sicherheit keine Lounge-Musik im Portfolio … Allen Bitcrusher-Fans seien dagegen die folgenden Seiten sehr ans Herz gelegt: Vorhang auf für den ungekrönten König des strukturierten Anarcho-Radaus: Otto von Schirach!

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(Bild: Monica Lopez de Victoria, Otto von Schirach)

Akribische Programmierkünste, mikro-rhythmische Grooves und geschmackvoll abgestimmte Sound-Ästhetik werden wir in diesem Beat-Programming-Workshop (ausnahmsweise) weitgehend ausblenden, denn unser heutiger Stargast ist kein Geringerer als Noise-Aficionado und Genre-Jongleur Otto von Schirach.

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Der Mann aus Miami ist ein Spaßvogel, ein Komödiant und vor allem ein leidenschaftlicher Provokateur, dessen größtes Vergnügen darin zu bestehen scheint, jedwedes Genre der neueren elektronischen Musik ebenso respektlos wie gekonnt mit Füßen zu treten, sprich: mit überhöhtem Tempo und derber Klangästhetik auf Steroide zu bringen und so seinem eigenen SoundChaos einzuverleiben. Oldschool-HipHop und Miami Bass, Gabba, Metal und LatinoSounds werden dabei gleichermaßen liebevoll durch den Klangwolf gedreht und zu einem spaßig-rüden Break-Core-Spektakel verwurstet.

Genau diesem anarchistischen Mix aus überdrehten HipHop-Beats, zerfrästen Kicks und überdrehten Daddel-Automaten-Melodien wollen wir unsere Aufmerksamkeit schenken und dazu Otto von Schirach in seinem Studio in Miami über die Schulter schauen.

Over the Top

Als Parodie bezeichnet man eine überhöhte Darstellung signifikanter Merkmale. Genau das kennzeichnet Ottos musikalischen Stil. Typische Genre-Merkmale werden herausgegriffen, bunt vermischt und äußerst plakativ im veränderten Kontext eingesetzt. Viele seiner Tracks − wie auch unser Demo − besitzen als Basis einen klassischen HipHop-Beat mit angezogenem Tempo.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn zu Ottos musikalischen Vorlieben zählt der Miami-Bass-Sound, jene temporeiche oldschool HipHop-Variante, die ihrerseits schon fast parodistische Züge trägt. Der typische HipHop-Beat, wie wir ihn schon mehrfach in unserem Beat-Programming Workshop kennengelernt haben, wird mit zusätzlichen Bassdrum-Schlägen verdichtet und auf ein höheres Tempo von etwa 120 BPM gebracht.

Liebhaber von Sample-Dumloops sollten »normale« HipHop-Loops versuchsweise nicht mithilfe von Time-Stretch-Algorithmen bearbeiten, sondern das Tempo mittels Pitch-Shifting beschleunigen und dabei den üblicherweise eher verhassten Mickey-Mouse-Effekt genießen. Der so bearbeitete (oder verunstaltete) Loop kann dann mit Einzelsamples ergänzt werden, wobei auf deren passendes Tuning geachtet werden muss.

Mit dem Begriff »Beat-Collage« ließe sich Otto von Schirachs Arbeitweise recht treffend beschreiben. Verschiedene Elemente aus zahlreichen musikalischen Bereichen − vornehmlich vertreten sind HipHop, Techno, Metal, Industrial und Latino-Musik − werden stilistisch überhöht und unter Verwendung zahlreicher Klischees nach Lust und Laune miteinander fusioniert.

Es zerrt

Klanglich bedient sich Otto reichlich bei sämtlichen Genres der härteren Gangart. Vor allem »gabba’esk« verzerrte Kicks und Schleifpapier-Snares sind fast ein Muss. Die Plug-in-Welt bietet hier reichlich Auswahl an passenden Tools.

Kicks und Bässe verlieren im verzerrten Zustand meist deutlich hörbar ihren Punch. Um dieses Problem zu vermeiden, sollte man gestackte Kicks aus mehreren, nur teilweise verzerrten Samples verwenden. Dadurch lässt sich der verzerrte Klanganteil exakt kontrollieren.

Arbeitet man mit in der Summe verzerrten Loops, empfiehlt es sich, sie mit sauberen, sehr »snappigen« Kick- und Snare-Samples zu unterlegen. Verzerrte Basslines sollte man mit einer sauber belassenen Kopie doppeln und beide entsprechend ausbalancieren, um ihren Punch zu erhalten.

Interessante Möglichkeiten bietet die Steuerung der Zerr-Intensität mittels SpurAutomation. Otto: »Um interessante Beats und ebensolche Sounds zu erzeugen, arbeite ich gerne mit ungewöhnlichen Instrumenten und Gerätekombinationen. Ich bin immer auf der Suche nach Neuentdeckungen und ändere meine Arbeitsweisen ständig. Nutze ich etwa eine 808, schicke ich sie vielleicht heute durch einen Ampex-Amp und morgen durch einen Neve-Channelstrip. Mal programmiere ich einen straighten Beat aus Samples, mal nehme ich die 808 komplett auf, um ihren typischen Swing zu erhalten − ich lege mir keinerlei Regeln auf, je verrückter es klingt, desto besser ist es. Alles ist erlaubt, nur meine Ohren entscheiden.«

beiderarbeit
Otto nutzt gelegentlich das hier abgebildete Subcon Studio der kanadischen Industrial-Legenden Skinny Puppy, welches bezüglich Synthesizer- und Outboard-Ausstattung keine Wünsche offen lässt. Ottos eigenes beeindruckendes Studio befindet sich in seiner Heimatstadt Miami (»eine Spitze des Bermuda-Dreiecks«). Es teilt sich auf in einen »Analogue Room« mit vielen Synthesizer-Klassikern (u. a. ARP 2600, Korg MS-Serie sowie ein riesiges Eurorack-Modularsystem) und einen Control-Room mit reichlich Vintage-Outboard von Ampex bis Neve sowie vier Abhöhrsysteme. Das Studio besitzt zudem eine aufwendig optimierte Raumakustik. (Bild: Monica Lopez de Victoria, Otto von Schirach)

Stotter-Breaks

Zu den ebenso geliebten wie gehassten Merkmalen eines typischen Breakcore-Sounds zählt neben verzerrten Sounds natürlich der Repeat- oder Stotter-Effekt, von dem auch Otto in seinen Beats bewusst und überreichlich Gebrauch macht.

Beat-synchrone Stotter-Effekte lassen sich dank zahlreicher Plug-ins sehr einfach erzeugen. Der herrlich nervtötende Knaller für Breaks ist das Beat-synchrone Verkürzen der wiederholten Notenlänge bis hin zu wenigen Samples. Für eventuelle Live-Anwendungen sollte man diese Funktion einer ControllerBox zuordnen.

Auch Ableton Lives Warp-Funktion lässt sich sehr schön für Timing-korrekte Stauch- und Zieh-Effekte nutzen. Ein ebenfalls sehr effektives Tool für diesen Zweck ist Sugar Bites Effekt-Sequenzer Effectrix.

Ein beliebtes arrangiertechnisches Mittel im Breakcore-Bereich ist die regelmäßige Aufeinanderfolge von »Vollgas-Passagen« und vergleichsweise zurückgenommenen Abschnitten − eine Technik, die im New-Metal ebenso verbreitet ist wie im Drum’n’Bass, im Dubstep und eben im Breakcore.

Geschmacklich abgerundet werden Ottos Beats vielfach mit Sequenzen im Spielautomaten-Style. Minimelodien aus 16tel-Noten und 8-Bit-Lo-Fi-Sounds sind hier grundsätzlich erste Wahl, Bitcrusher und Pitch-Shifter willkommene Effektzutaten.

Fazit: Ottos gewagtem Style-Mix entsprechend solltest du bezüglich musikalischer Geschmacksfragen keine Hemmungen besitzen. Die selbsternannte Style-Polizei hat in deiner Beat-Programming-Hexenküche nichts zu suchen!


Otto von Schirach

Kalkül oder Wahnsinn? Wahrscheinlich ist es der ausgewogene Mix aus beidem, der die Produktionen des freundlichen Herrn aus Miami beseelt. Seit etwa 15 Jahren treibt Otto von Schirach (er ist kubanisch-deutscher Herkunft und heißt wirklich so) sein musikalisches Unwesen und hat währenddessen fast jedes Genre der neueren elektronischen Musik genüsslich und lautstark mit Füßen getreten.

Derartige Respekt- und Geschmacklosigkeiten bleiben freilich nicht unbemerkt: Neben acht erfolgreichen Alben und einem knappen Dutzend EPs unter eigenem Namen findet sich sein musikalischer Fußabdruck auf Remixen und Produktionen zahlreicher illustrer Kunden, zu denen Miss Kittin, Venetian Snares, Scooter, die Industrial-Ikonen Skinny Puppy sowie das Berliner Duo Modeselektor zählen, auf deren Monkeytown-Label im vergangenen Jahr Ottos aktuelles (Mach)werk Supermeng erschienen ist.

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