Wie Wildpferde

Zu Besuch bei Martion Audiosysteme in Berlin

Martion Audiosysteme Horn Lautsprecher
(Bild: Martin Mercer)

Ich erinnere mich noch gut: Ein Freund schickte mir irgendwann im Jahre 2010 den Link zu einem kurzen YouTube-Video, welches im Freundeskreis für einiges an Aufsehen sorgte. Auf dem Video war die Kamerafahrt über etwas zu sehen, was sich wenige Sekunden später als die Studio-Abhöre des Berliner Produzenten Ricardo Villalobos zu erkennen geben sollte. Die Kombination aus Handkamerafahrt, der Musik und dem futuristischen Design des 4-Wege-Hornsystems in dem kurzen Clip sorgte mächtig für Eindruck. Seitdem konnte man beobachten, wie der Name Martion immer öfters zu hören war. Namhafte Locations wie der Berliner »Club der Visionäre« statteten ihre Tanzflächen mit Hörnern von Martion aus. Musikproduzenten aus aller Welt präsentierten stolz ihre Martion-Abhören auf Studio-Selfies, und neben der imposanten Orgon mauserte sich die »Bullfrog« zum Szene-Geheimtipp in puncto Abhöre.

Seit dem Erscheinen des Videos sind einige Jahre vergangen. Martion ist mittlerweile in der Club-Kultur und Produzenten-Szene ein Begriff und mit einer Sparte verbunden, die Musik sehr bewusst hört und Wert auf großen Klang legt. Clubs, in denen eine Martion Anlage für die Beschallung sorgt, stehen für das bewusste Erleben von Klang. Dort steht nicht zwingend der Partyexzess im Vordergrund. Es scheint so, als sei das Horn aus Berlin die perfekte Verbindung zwischen dieser Art Musik und der Tanzfläche.

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“Hörner sind wie Wildpferde”

Trotz der recht elitär wirkenden Szene von Martion-Nutzern, was zum einen der Musiksparte und zum anderen sicherlich dem Preis zuzuschreiben ist − für das kleine Modell Bullfrog legt man stolze 6.200 Euro (passiv) bzw. 7.200 Euro (aktiv) auf den Tisch −, steckt hinter dem Firmennamen einer der herzlichsten Menschen, die ich bisher interviewen durfte: Firmengründer Heiner Basil Martion.

Ich treffe den Wahl-Berliner in seiner Homebase am Rande von Berlin, um mich mit ihm über seine Firma, Clubmusik, Akustik und natürlich Hörner zu unterhalten. Bei einer gemeinsamen Tasse Tee, serviert von seiner wundervollen Lebensgefährtin Rikta, umgeben von Vinyl und dem gesamten Horn-Sortiment auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, verstrickte ich mich mit dem sympathischen Erfinder umgehend in ein Gespräch über Tontechnik und Techno.

Heiner, wie bist du zum Horn gekommen, wie ist dein Werdegang, und was ist dein Background?

Die Firma Martion gibt es nun seit 1972. Als ich damals nach Berlin gekommen bin, habe ich Klaus Heinz, den Gründer der Firma Arcus, kennengelernt. Damals war Arcus der Inbegriff der deutschen aufstrebenden Lautsprecherszene, und bei denen habe ich damals angefangen. Damals als junger Mensch habe ich schon immer Musik in Bands gemacht. Ich war Sänger und Gitarrist, und wir hatten natürlich kein Geld für eine eigene PA.

Also habe ich versucht, das alles irgendwie selbst herzustellen und zu bauen, eben auf die klassische Methode, indem ich irgendwelche Anleitungen aus Büchern nachzubauen versucht habe. Als ich dann nach Berlin gezogen bin, war ich in einer Disco, die als PA zwei Paragons hatten. Paragon ist der klassische Hi-Fi-Rolls-Royce, den JBL damals in den 50er-Jahren gebaut hat. Eine riesen Vitrine mit einer Breite von fast drei Metern, bestückt mit zwei 15-Zöllern und riesigen Alnico-Magneten. Als Kind hatte ich diesen Lautsprecher auf einer Funkausstellung gesehen und gehört, das war so im Jahre 1963. Dort lief ein Schlagzeug-Solo auf solch einer Anlage, und ich sage dir, das war besser als live! Das war das einschneidende Erlebnis, was mir ewig in den Knochen gesteckt hat. Meine persönliche Mondlandung.

Diese Anlage stand also in der Berliner Disco, in der ich von da ab Stammgast war und wo ich auch Klaus Heinz kennenlernte. Das war mein Mekka. Er hatte damals einen kleinen Hi-Fi-Laden in Berlin und kannte  Gott und die Welt. Unter anderem auch Oscar Heil, einer der drei »Großen« aus der Elektro-Akustik, die ich in meinem Leben kennenlernen durfte: Oscar Heil, Paul Klipsch und Harold Beverege.

Alles alte Knaben, die leider schon das Zeitliche gesegnet haben und die Pioniere in der Lautsprecher-Entwicklung waren. Oscar Heil hat den »Heil Air-Motion Transformer« gebaut, einen »Ziehharmonika «-Hochtöner, und Harold Beverage hat mir persönlich einen Lautsprecher gebaut, der damals 1974 ca. 23.000 DM kostete − eine ganz schön stolze Summe für einen Studenten, damals wie heute, aber ich wollte dieses Ding einfach unbedingt haben … Der Lautsprecher war ein sogenannter Vollbereichs-Elektrostat, bestehend aus drei Elementen, die aussehen wie Badezimmerfenster mit einer akustischen Linse. Die sah aus wie eine komisch durchgeschnittene Zwiebel, wo eine große Fläche auf einem kleinen Schlitz arbeitet.

Privat-Unterricht in Sachen Akustik mit H.B. Martion (Bild: Martin Mercer)

Das Teil klang einfach genial, zwar nicht laut und auch nicht raumdefinierend, aber der Klang hatte etwas, was ich total lieben gelernt habe: Gelassenheit. Da strengte nichts an, du konntest stundenlang jegliche Musik darüber hören, ohne das Gehör anzustrengen. Diesen Beverege-Lautsprecher habe ich immer als Referenz herangezogen. Der hat mir bei meinen Hörnern gesagt, wo es lang geht. Wobei Hörner das genaue Gegenteil von den feinen Elektrostaten sind. Hörner sind wie Wildpferde − bei der Entwicklung konnte ich immer wieder auf den Beverage zurückschauen, der hat mir dann gesagt, wie es klingen muss. Harold war mein Klang-Guru, wenn man so will. Ihn habe ich auf der IFA 1977 in Berlin kennengelernt. Ich hatte damals große Ehrfurcht vor ihm, weil er sich immer die Zeit genommen hat, um etwas ganz genau zu erklären, wenn man ihn etwas fragte. Eine weitere Person, die sehr wichtig für mich war, war Paul Klipsch, der berühmteste Hornhersteller der Welt und Erfinder des Klipsch-Eck-Horns.

Das Klipsch Horn ist in den 40ern entwickelt worden. Es hat für unglaubliche Furore gesorgt und wird bis heute fast unverändert gebaut. Klipsch war auch so ein Guru für mich. Er hat gar nicht so viel verändert an diesen Eckhörnern, die gab es vorher auch schon. Das Eckhorn ist sowieso eine der genialsten Ideen, denn wenn du dir vorstellst, das Ding soll jetzt einen Bass von 30 Hz erzeugen, dann müsste der eine so große Öffnung haben, dass der ganze Apparat durch keine Tür und kein Garagentor passen würde. Da ist dann irgendjemand auf die Idee gekommen: »Moment mal, wir haben ja Tubas und Trompeten, wo der Ton auch mehrmals im Instrument hin und her irrt, bis er herauskommt. Also: Falten wir ein Bass-Horn! Das heißt, der Ton geht hin und her, hoch und runter. Das stellen wir dann, ähnlich der Trompetenvorlage, wie ein Mundstück in eine Raumecke. Wenn du dir jetzt mal eine Raumecke ansiehst, was siehst du dann? Das ist auch ein Horn. (lacht) Also bauen wir ein Mundstück, schieben es in die Raumecke und wir brauchen kein Horn mehr zu bauen, weil es schon da ist!

Ok, was ist dann jetzt hier nochmal das Horn?

Hier ist das Horn die Kiste mit den Spiegeln davor. Die Spiegel sind so eine 80er-Jahre-Mode gewesen. Der Basslautsprecher sitzt genau im Zentrum hinter den Spiegeln, also genau in der Mitte, und strahlt auch nach vorne. Nur strahlt er nicht nach vorne raus, wie meinetwegen jetzt bei einer Bullfrog oder bei einem anderen klassischen Lautsprecher, sondern er strahlt in einen Schlitz hinein, der definiert ist. Das heißt: Er sitzt auf einem Brett, wo vor dem Bass nur ein Schlitz ist. Dieser Schlitz geht dann nach oben und nach unten und der Bass wird umgeleitet, wie bei einem Instrument, beispielsweise einer Tuba. Dann wird er von oben und von unten nach hinten geleitet, und von hinten wieder um die Ecke in die Ecke geleitet. Dann öffnet er sich, wie z. B. bei einem Grammophon. Der Bass öffnet sich dann von dort aus in den Raum.

Klassischerweise sitzen wir also quasi im Horn drin. Und genau das gestattet es, bei dieser Größe einen Ton von über 30 Hz wiederzugeben, den du auch als solchen wahrnimmst, und zwar auch noch mit dem entsprechenden Wirkungsgrad, also mit diesem Knack, der dahinter sitzt. Das ist halt das Geniale am Horn. Mein Spruch heißt deswegen ja inzwischen: »Es gibt keinen Grund, kein Horn zu verwenden!« Das ist naturgegeben. Beethoven hat das zum Beispiel auch schon ausgenutzt, er hatte dieses Kuhhorn am Ohr, um besser hören zu können. Das gilt übrigens auch umgekehrt: Die ersten Tonaufnahmen wurden so gemacht, dass ein Sänger in einen Trichter reingesungen hat, dann wurde das eins-zu-eins auf ein Wachs oder Ähnliches geschnitten, und dann konntest du das dann wieder abspielen. Das Horn hat also in jede Richtung große Vorteile.

Einen hohen Wirkungsgrad?

Das Horn steigert den Wirkungsgrad eines Lautsprechers. Der Leihe sagt: Ein Horn verstärke, was nicht stimmt, weil das ganze System passiv ist und nichts verstärkt wird. Das Geniale am Hornprinzip ist, dass du hier den kleinen Treiber über das Horn mit dem Raum verbindest. Normale Lautsprecher treffen sofort auf den Raum, und im Vergleich zum Raum ist selbst ein 15″-Lautsprecher relativ klein. Das Horn hingegen verbindet den Treiber mit dem Raum und schafft so diese Überleitung viel besser. Das macht dann fast 10 dB Unterschied − und 10 dB ist richtig viel. Für eine Steigerung um 3 dB braucht man die doppelte Leistung. Das macht das Horn von selbst, nur aufgrund seiner Form. Die Größe des Horns gibt die untere Grenzfrequenz vor. Je größer ein Horn ist, umso tiefer kann es runtergehen. Das führt natürlich bei Bassfrequenzen zu einem Problem. Wenn du ein gerades Horn herstellen möchtest, das noch einen Ton von 30 Hz überträgt, müsste das Horn über 10 Meter lang sein.

Wie ist es dann zur Entwicklung der Orgon gekommen?

Anfang der 90er-Jahre kam die CD raus, und ich fand die ganze Sache furchtbar. In Deutschland kam es zu einem riesigen Hype um die CD, Deutschland hat sich von allen Ländern am schnellsten darauf umgestellt. Länder wie England oder Amerika haben viel länger dafür gebraucht, aber in Deutschland ist dieses digitale, reine sehr gut angekommen. Ich habe mir das dann selbst angehört und dachte mir: »Oje, das geht gar nicht!« Da der Hype immer größer wurde und es so aussah, als würden alle jetzt nur noch diese kalte Digitalmusik hören, habe ich mir gesagt, dass ich jetzt aufhören sollte.

Für wen sollte ich denn tolle Lautsprecher bauen, wenn es eh keiner hört, weil alle nur noch diesen Quark hören. Da habe ich mir einen anderen Job gesucht. Weil ich einige Male vorher in Indien gewesen bin und dort einen Guru kennengelernt hatte, bin ich nach Indien gefahren, und dort haben sie mich natürlich sofort einkassiert für Soundkram. Das war ein riesen Ash Ram mit einem riesigen Zelt, in das 4.000 Leute gingen, und die brauchten dafür natürlich Sound! Ich habe dann mit Steinzeitmethoden eine PA gebaut. Mit einem Schweizer Taschenmesser habe ich Hörner geschnitzt…kein Witz! Die Anlage, die ich dort gebaut habe, hat Jahrzehnte gespielt.

Danach habe ich mir gedacht, dass ich ganz die Richtung ändern möchte und wurde Therapeut. Sechs Jahre habe ich mich dann zum universellen Therapeuten für alles ausbilden lassen. Am Ende des Trainings war dann eines glasklar: Ich wollte definitiv kein Therapeut mehr werden! (lacht) Ich wollte wieder Lautsprecher bauen − das war Ende der 90er-Jahre. Ich habe dann die Orgon entwickelt und gemerkt, dass ich mich dadurch selber therapiert habe. Ich habe so ca. 3 bis 4 Jahre für die Entwicklung der Orgon gebraucht, bis ich da zu brauchbaren Ergebnissen kam. 2000 gab es auf der High End dann die Premiere. Das war der absolute Wahnsinn, denn plötzlich war ich, der kleine Küchenschrauber, das Zentrum der Akustikwelt. An meinem Messestand waren einfach alle große Namen, haben Orgon gehört und waren einfach vom Klang begeistert. Das war der Durchbruch. Dann hat Thomas Brinkmann eine Orgon bekommen, Ricardo auch, und so verteilte sich das langsam. Überall auf der Welt stehen die Teile jetzt rum, in Australien, den USA und auf Ibiza … logischerweise.

Woher kommt der Name Orgon, und was bedeutet er? 

Orgon ist ein Kunstname, der ursprünglich von Wilhelm Reich stammt. Wilhelm Reich war ein Psychoanalytiker, und bei ihm bedeutet es die Energie des Universums. Ich mag klangliche Worte sehr gerne: Orgon, organisch, Orgel, Orgasmus, das steckt alles irgendwie in dem Wort drin.

BULLFROG

Neben der großen Orgon, welche mich noch immer vom anderen Ende des Raumes beim Interview anschaut, ist es vor allem die kleinere Bullfrog-Box, die erfolgreich ihren Weg in die Studios und Regien von House/Techno-Produzenten überall auf dem Globus geschafft hat. Der kompakte Würfel wird als aktiver und passiver Speaker angeboten und eignet sich aufgrund seiner Bauform sowohl für den Studiogebrauch und als kleine PA für kleine Räume, wie zum Beispiel den Club der Visionäre in Berlin. Dort sorgte Martion auch für die Beschallung und trägt sicherlich seinen Teil zum großen Erfolg des Clubs bei. Er zählt weltweit zu einem dieser Orte, an dem man »die Musik so erleben kann, wie sie wirklich gemeint sei« − ein Satz, der recht oft zu hören ist.

Zu dem Model Bullfrog: Ich frag mich ja immer, was hat die Rudolf-the-red-nosereindeer-Kugel für eine Funktion?

Das ist eine zweigleisige Geschichte: 50% dieser Nase ist Optik. So ist da nicht nur ein langweiliges schwarzes Loch, sondern ein optisches Zentrum. Außerdem sorgt die Kugel für eine gleichmäßige Dispersion des Hochtonteils, also der hohen Töne, die bei jedem Lautsprecher, egal welcher Couleur, erst mal gerichtet ausgestrahlt werden − grob gesagt: wie bei einer Taschenlampe.

Diese Kugel teilt dieses Horn sozusagen in drei Teile. Dazu gibt’s eine ganz lustige physikalische Analogie: Wenn du dir vorstellst, du hast in deinem Garten einen kleinen runden Teich. Wenn du ein Steinchen reinwirfst, entsteht eine kreisförmige Welle, die bis hin zum Rand geht und von diesem runden Rand wieder wunderbar zurückreflektiert wird. Dann wandert sie wieder nach innen und so weiter. Es dauert dann eine ganze Weile, bis die Welle weg ist. Wenn du aber auf der Teichoberfläche eine Art Dreiteilung vornimmst, zum Beispiel durch drei Bretter, und du schmeißt jetzt dein Steinchen rein, dann verschwinden die Wellen sofort durch die unterschiedlichen Winkel, die dann im Teich vorhanden sind.

Wirbel treten überall auf − das gibt’s beim Auto oder im Weltall, in der Milchstraße. Und in einem Horn entstehen genauso unkontrollierte Wirbel. Je mehr du das teilst, also je kleiner du die Unterteilung machst, umso stärker werden die Auswirkungen von den Wirbeln unterdrückt, denn die wollen wir nicht. Deshalb die Dreiteilung durch die rote Kugel. Du kannst die Bullfrog aber auch so nehmen, denn es ist nur eine Option. Das heißt, du musst für zwei Nasen 200 Euro extra bezahlen.

Der kurze Clip aus der Dokumentation von Romuald Karmakar hat sicherlich für weltweite Resonanz gesorgt, oder?

Ich find’s immer interessant, woher die Leute so kommen, die sich bei mir Lautsprecher bestellen. Viele kommen natürlich, weil sie selber DJs sind oder über Ricardo Villalobos auf mich aufmerksam wurden. Das ist natürlich der beste Werbeträger. Ricardo und ich kennen uns jetzt schon seit so 15, 20 Jahren und haben einen sehr guten Draht zueinander. Wir sitzen öfters zusammen und hören dann eigentlich hauptsächlich klassische Musik, also zum Beispiel Jordi Savall und solche Geschichten, mittelalterliche Musik und so. Ganz selten kommt es vor, dass wir Techno oder so was hören. Er steht da total drauf. Und was ich bei ihm so unglaublich finde, wenn du ihm eine Melodie von einem bestimmten Lied vorsummst, dann weiß er sofort, was du meinst, und holt es aus dem Regal. Wahnsinn, was er für ein musikalisches Gedächtnis besitzt!

Ich bin immer wieder erstaunt davon, wie man so einen hohen Output haben kann, so eine Energie, und dann unter der Woche auf Musik machen kann. Jaja, der hängt nur im Studio. Dann noch Familie, zwei Kinder. Und er ist der totale Wahnsinnige, was Musik angeht. Das Schönste war, als er seine erste Bullfrog bekam, hat er mir folgende SMS geschrieben: »Weißt du, Basil, ich höre nur noch halb so laut wie vorher, aber viel mehr!« »Boah«, dachte ich, »das ist doch mal ein Kompliment!« (lacht) Ich weiß ja, wenn die DJs so sechs Stunden vor ihren Boxen sitzen, da kriegt man schon mal schnell dicke Ohren. Je leiser und sauberer du hören kannst, umso angenehmer ist das. Das ist natürlich klar.

Ein wichtiges Thema ist ja auch der Gehörschutz. Ganz wichtig! Ich frag auch immer die DJs, wenn ich mal auf Veranstaltungen bin, ob sie denn auch einen Gehörschutz haben. Die haben ja mittlerweile genug Geld. Die können sie sich individuell anpassen lassen, sodass die Ohrstöpsel gewisse Frequenzen rausfiltern und die Lautstärke absenken. Außerdem ist eines der Wichtigsten Elemente von Musik die Stille. Was ist das, wo gibt es das heute noch? Sie wird immer seltener heutzutage. Und nach meiner Philosophie ist Musik ja eigentlich nichts anderes als Interpunktion von Stille. Man sagt ja auch: Am Anfang war die Stille. Und dann erst gab es den Lärm.

Ja, und Pausen sind auch Noten …

Genau, Stille ist ganz wichtig. Und dass man seinem eigenen Gehör dann auch mal nachts eine Pause gönnt, damit man wieder eine Ahnung davon hat, wie Stille ist. Denn dieses ständige Zuggeballer ist nicht nur wegen des Gehörsinns, sondern auch für das ganze Nervenkostüm eine unglaubliche Belastung. Und da sind eben auch wieder die Hörner tonangebend, denn die operieren ja quasi aus der Stille heraus.

CHECK OUT

Ewig hätte ich weiter mit H.B. Martion reden können, aber wir hatten jetzt schon maßlos überzogen, und ich hätte schon längst in der Tram zu meinem nächsten Interview-Termin am anderen Ende der Stadt sitzen sollen. Aber H.B. lässt mich nicht gehen: »Halt, wir müssen doch jetzt noch das Wichtigste tun, wir müssen die Anlage einmal hören!« Er drückt Play und schon donnern die ersten Bass Drums einer brutalen Thomas-Brinkmann-Nummer durch den Raum.

Ich kenne den Klang der Martion-Hörner zwar recht gut, da in meinem Stammclub, dem Gewölbe im Kölner Westbahnhof, auch Martion-Speaker verbaut sind. Aber das Erlebnis, im Wohnzimmer des Entwicklers selbst eine perfekt eingemessene Anlage erleben zu dürfen, schlägt jeden Club-Abend um Längen für mich. Während ich gebannt dem Techno-Stück folge, blättert H.B. neben mir in seinem Fotoalbum zu einem Bild, auf dem ein Mann mit einer Kettensäge zu erkennen ist. »Ach, da ist er ja, der Thomas. Durch ihn bin ich überhaupt in die Techno-Szene gekommen. Stilecht mit Kettensäge in der Hand und einer Orgon im Hintergrund, der Gute, passend zur Musik!« Wieder erklingt ein Brinkmann-Sägesound über die gegenüberliegenden Hörner− ich hetze zur Bahn …


Martion Audiosysteme Horn Lautsprecher(Bild: FABIAN STUERTZ )

Vor einiger Zeit habe ich den House-Produzenten Andy Kolwes dabei begleitet, als er seine Studioabhöre  gegen ein neues Paar Martion Bullfrogs ersetzt hat. Ein halbes Jahr nach der Installation habe ich ihn wiedergetroffen und zu seinen bisherigen Erfahrungen mit den Lautsprechern befragt.

Wie war es, umzusteigen? Musstest du dich lange an die neue Abhöre gewöhnen?

Da gab es nicht viel einzugewöhnen, natürlich hab ich erst mal meine und viele andere Musik über die neuen Boxen gehört, nicht nur House-Musik. Bemerkenswert war auf jeden Fall, dass auf einmal kleinste Mixing- Fehler wie ein offenes Buch vor mir lagen. Die waren auf den alten Boxen eher verschwommen bis nicht erkennbar. Wie im Wahn habe ich dann in den ersten Wochen alle Sachen von mir nochmal über die Bullfrogs abgehört. Kurz gesagt, absoluter Genuss von der ersten Sekunde, und das einzige, was ich bereue ist, dass ich die erst jetzt gekauft habe.

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