Live is Life

Wie man eine amtliche Live-Aufnahme erstellt

Neben meiner Arbeit in der relativ sicheren Umgebung eines Tonstudios darf ich mich glücklich schätzen, an über 15 Live-Album-Produktionen beteiligt gewesen zu sein. Ich habe dabei mehrere, teils gigantische Tourneen als FOH-Engineer begleitet und viele Kämpfe in der unvorhersehbaren Arena der Live-Musik bestritten.

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Ich kann also behaupten, dass ich weiß, wovon ich rede, wenn es darum geht, eine Live-Performance einzufangen. Ich hab zwar einige Asse im Ärmel, jedoch braucht man heutzutage noch einige Tricks mehr.

Am Anfang meiner Karriere waren wir auch schon mobil − wir hatten zwar kein Mobiltelefon, aber einen mobilen Studio-Truck: eine Regie auf Rädern, vollbeladen mit all dem Spielzeug, das man normalerweise in einem Studio vorfinden würde, versehen mit komfortablen Sitzmöglichkeiten. Das Ganze war durch die analogen Bandmaschinen mit 24-Spur/2″-Bändern und den Kilometern an verlegten Kabeln ein recht kostspieliges Unterfangen und somit nicht unbedingt die günstigste Variante, eine Platte zu produzieren.

Eine Live-Aufnahme herzustellen ist heutzutage so einfach wie noch nie. Mit Kabeln kaum dicker als eine Spaghetti und einem Laptop kann man das komplexeste Szenario für einen Bruchteil des Preises von damals aufzeichnen. Digitale Mehrspur-Systeme sind immer günstiger geworden, und speziell für den Live-Einsatz wurden Aufnahmegeräte wie z. B. die JoeCo BBR1 Black Box entwickelt.

Das Arbeiten in der digitalen Domäne hat in puncto Praktikabilität und Erschwinglichkeit den Prozess des Live-Recordings extrem nach vorne gebracht. Mit Sicherheit ist es günstiger, allerdings stellt sich wie immer die Frage, ob digital am Ende auch wirklich besser klingt? Wie lässt sich die Qualität der Aufnahme noch weiter verbessern?

Stereo-Aufnahme

Mit einem aktuellen »Handheld«-Recorder wie dem Zoom H6 lassen sich beeindruckende Stereo-Aufnahmen machen. Allerdings fehlt es hierbei am Ende meist an Definition und Klarheit, wodurch man solche Aufnahmen meistens leider nur als sehr gute Referenz nutzen kann.

Die erste Sprosse auf der Qualitätsleiter erklimmt man, indem die Stereo-Summe des FOH-Mixes abgegriffen wird. Mischt man noch ein Quäntchen der Live-Atmosphäre hin – zu, entsteht zumindest schon mal der Eindruck, »dabei gewesen zu sein«. Das Problem dabei ist allerdings, dass der Mix meistens über die PA viel besser klingt, als dasselbe Direktsignal später auf den Kopfhörern oder der heimischen Abhöre. Ben Findlay, FOH-Mischer von Peter Gabriel, Robert Plant und Jeff Beck, hat eine Lösung für dieses Problem parat: »Hört man sich die Direktmitschnitte eines Live-Pults an, ist die Kick meistens viel zu laut, viel zu hell und ihr fehlt Druck in den tiefen Frequenzen.«

Um des »Heavy-Kickdrum-Syndroms« Herr zu werden, schickt Ben eine zweite Version der Pultsumme an den Recorder, wobei das Bassdrum-Signal etwas leiser als auf der PA ist. Den Druck im Bassbereich erzielt er, in dem er die PA entzerrt, die Bass-Resonanzen des Raumes weitestgehend rauszieht, um wiederum der Kick auf der PA mehr Bass mit dem EQ hinzufügen zu können, ohne dabei den Raum komplett zu überfordern. Den daraus folgenden Mix zeichnet Ben in Pro Tools mit einem MacBook Pro und einem MADI-face USB auf.

Mit solch einem ordentlichen Stereo-Mix lassen sich erstaunliche Ergebnisse erzielen, Bens Mixe beispielsweise stehen schon wenige Stunden nach dem Konzert zum Verkauf bereit.

Da man nach der Veranstaltung leider nicht mehr wirklich etwas an der Aufnahme ändern kann, muss der Sound im Vorfeld so perfekt wie möglich sein. Es sei denn, eine Mehrspuraufnahme steht zur Verfügung …

Mehrspur-Aufnahme

Eine Mehrspur-Aufnahme ermöglicht eine viel größere Flexibilität bei der Nachbearbeitung, weil alle Einzelelemente einer Performance separat vorliegen. Dadurch erhöht und »verkompliziert« sich der Zeitaufwand bei der Post-Produktion, besser bekannt als »Das-große-noch-eben-einen-Fehler-Entfernen«. Durch diese Technik lassen sich zusätzliche oder andere als beim Live-FOH-Setup verwendete Mikrofone aufzeichnen: extra Mikrofone für das Publikum oder hochwertigere Kondensatormikrofone für den Gesang, die Overheads usw.

Das Geheimnis einer richtig guten Live-Aufnahme liegt im Klang des Publikums und darin, wie man diesen aufzeichnet. Dominic Monks, Engineer und Produzent von Ethan Jones, nutzt hierzu mindestens drei Stereo-Pärchen. Sein Standard-Besteck besteht dazu aus einem Paar AKG 414ern Hyper-Nieren (oder einem ähnlichen Mikrofontyp), von der Bühne in den Raum schauend, und einigen Shure SM57 ORTF-artigen Anordnungen im Bereich vor der Bühne, um den Applaus der ersten Reihen einzufangen. Zusätzlich hat er noch ein Paar Nieren vom FOH aus auf die Bühne gerichtet. Ich persönlich nutze noch zusätzlich ein Paar Kugeln, die in den hinteren Bereich der Halle gerichtet sind − sehr nützlich, um beispielsweise einem Surround-Mix die nötige Tiefe zu verleihen.

Die Anzahl der benötigten Inputs bestimmt hierbei die Größe des benötigten Systems. Wenn es das Budget zulässt, sollte man im Vorfeld ein etwas größeres System einplanen, als man es zuvor dimensioniert hat. Du wirst immer einige Kanäle mehr benutzen, an die du vorher nicht gedacht hast, so wie die zehn spontanen Gäste am Ende eines Miguel-Bosé-Konzerts, dass ich vor einigen Jahren in Madrid aufgenommen habe.

Mein Bruder Greg Walsh, Sounddesigner und FOH-Mann für die Londoner Kate-Bush-Konzerte im Jahre 2014, erzählte mir, dass er 112 Kanäle mit 96 kHz für die Live-Aufnahmen benutzte. Lustigerweise habe ich für Peter Gabriels Secrect-World-Live-Aufnahmen im Jahre 1993 genau die halbe Spurenzahl gebraucht − insgesamt 56 : 24 Spuren auf 2″-Band und 32 Spuren auf 1″-Digital-Tape.

Ben Findlay
Ben Findlay mit einem SSL L500-Pult

Die DAW mit dem Live-Setup kombinieren?

Falls du keinen Ü-Wagen oder einen eigenen Raum im Backstage-Bereich zur Verfügung haben solltest, wirst du sehr wahrscheinlich dein Signal vom FOH abgreifen müssen. Hier ist es möglich, eine direkte Verbindung zum Live-Mischpult herzustellen. Heutzutage können die meisten Mittelklasse-Konsolen mehrere Spuren via USB rausschicken. Größere Pulte können bis zu 64 Tracks mit 48 kHz (32 bei 96 kHz) an eine angeschlossene DAW oder einen entsprechenden Rackrecorder mithilfe von MADI via Koaxial- oder Glasfaserkabel schicken. Des Weiteren kann man auch einen Dante-Feed über eine Standard-Ethernet-Leitung schicken. Es ist auch möglich, sein Signal analog an den Direct-Outs des FOH-Pults abzugreifen. Üblicherweise sind die Direct-Outs PreFader, Pre-EQ und Pre-Insert, wodurch deine Live-Aufnahme nicht durch das Processing und die Lautstärkeeinstellungen des FOH-Mixes beeinflusst werden. Sollten keine Direct-Outs zur Verfügung stehen, kannst du versuchen, ein Signal über die Inserts abzugreifen; allerdings werden es die wenigsten FOH-Mischer mögen, wenn du in ihrem Pult rumstocherst, weshalb diese Lösung möglichst vermieden werden sollte.

Mehr Kontrolle bedeutet bessere Qualität

Konzerte aufzuzeichnen kann eine große Herausforderung sein. Eine grandiose Performance mit der perfekten Atmosphäre einzufangen, kann hingegen eine unglaublich belohnende Erfahrung sein. Je mehr Kontrolle du über das Signal haben kannst, bevor es auf den Recorder trifft, umso größer sind die Chancen auf die maximale Qualität des Endprodukts. Die Nutzung eigener Mikrofone und guter Mikrofonvorverstärker kann einen extrem positiven Effekt auf den Gesamtklang haben. Jedoch wirst du für diese Variante mehr Zeit und Geld brauchen.

Sollte dies nicht der Fall sein, befindest du dich sehr wahrscheinlich in der Situation, die Dominic Monk so schön beschrieben hat: »Wenn du anfängst, ist es sehr unwahrscheinlich, dass du bei einer großen Produktion mitmachst, wo alles organisiert abläuft und du dir über die verschiedenen Arten der Vorverstärkung Gedanken machen kannst. Eher wirst du in leichter Panik umherlaufen und versuchen, überhaupt etwas auf Band zu bekommen.«

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