Kolumne mit dem Tonbuff

Was wenn? Von wo und wann

(Bild: s Yana Heinstein, Wolfram Buff, Matthias Reinsdorf, Holger Vogt, Mark Craig)

Die Geschenkzeit naht und damit die Saison der dicken Musikschachteln. Liebgewonnene Werke aus alter Zeit werden neu poliert, mit Überraschungen garniert und, samt schönen Bildern oder sogar Büchern, schick verpackt den Werkliebenden zur Liebesauffrischung angeboten.

Manchmal gibt’s dafür einen Anlass wie den eines Künstlergeburtstags oder das runde Jubiläum des Werkes selbst. Manchmal kommt die Schachtel einfach so. Die Nachkommen des großen Prince etwa haben jüngst völlig anlasslos eine dicke Neu-Variante seiner tollen »Sign O’ The Times«-Platte veröffentlicht. In dieser stehen den 16 Songs der tatsächlichen Platte 63 unveröffentlichte Werke zur Seite, darunter 40 wirklich neue Songs, nicht nur andere oder vor Publikum gespielte Varianten der schon bekannten. Schwer begeisternd für den Fanbuff, der sich noch an den Kaufmoment der brandneuen CD und den folgenden Konzertbesuch erinnern kann. Glücklicherweise gibt’s die Prince-Box nicht nur in schick und teuer, sondern auch in schnell und tragbar, sprich man kann sie streamen.

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Ich musste betonlich mit dem Auto von hierhin nach wohin, also packte ich mir eine dicke Playliste mit den princelichen Extragaben, und los ging’s. Doch trotz großer Neugierde auf die vielen unbekannten Songs musste ich nach einer Weile Neu-Prince auf die Musik anderer Leute umschalten, denn der Princebuff a. D. in mir wurde schon vom Zuhören müde.

Ich hörte die langen Tage und Nächte einzufangender Dauer-Kreativität, und es erklang alles, was ich vom großen Princen kannte – die mühelosen Pop-Songs, die ergebnisoffenen Jams, die gesungenen öffentlichen Bekanntmachungen, die frechen Insider-Witze, die Fingerübungen eines mühelos Musizierenden.

Ich habe keine Ahnung, wie Prince aus den vielen Dutzend fertigen Songs die 16 für diese scheinbar aus einem Holz geschnitzte Platte geklaubt hat. Die Songs hätten sich völlig anders zusammenstellen lassen und eine reine Balladenplatte, ein klassisches R&B-Album oder ein freakiges Experimentier-Werk werden können. Vielleicht wären dann Klassiker als Outtakes im Keller gelandet und hätten dort auf die Deluxe-Version der Zukunft gewartet – oder auch nicht, denn wer weiß, ob die Platte in anderer Zusammenstellung gut genug angekommen wäre, um Jahrzehnte später die Wunschzettel der Fans zu zieren.

Ein großartiges Spiel, dieses »Was Wenn?«, schon beim Plattenmachen im Studio. Wenn man wirklich Alben macht, also nicht nur Einzelsongs, sondern eine Sammlung von Stücken, die als Ganzes dem Hörer vorgestellt werden, ist es oft viel wichtiger, welche Stellung der einzelne Song im Ringelreihen aller Songs hat, als wann und wie der Song gemacht wurde.

Viele Songs gehören wohin und sind toll, weil sie da aufkreuzen, wo sie eben aufkreuzen. Die treten eine Platte los, beruhigen nach Aufregendem, heizen an nach Nachdenklichem, erinnern nach Ungewöhnlichem an Gewohntes. Hört man eine Platte im Shuffle, und der Song erscheint im Irgendwo, wird’s schnell eigenartig, und wenn gar mehrere Platten zusammengeshuffelt werden, klingt der Song vielleicht falsch oder uninteressant. Erscheinen auf gleiche Weise mächtige Songs zu oft oder zu oft hintereinander in der gleichen Sammlung, dann hat der Letzte der Mächtigen beim ermüdeten Hörer schlechte Karten, egal wie gut er als Einzelsong funktioniert.

Das gleiche Lied mit Songlängen: Wird mit den Kumpels stolz das aktuelle Musikwerk von vorne bis hinten durchgehört, erwirken manche Stellen lautes Gespräch oder allgemeines Bierholen. Dort sind dann Längen, die es beherzt mit der Editier-Schere zu überdenken gilt.

Manche Songs bleiben einfach zu lange da, und wie schon mein Opa selig sprach: »Wenn ich Gast wäre, würde ich jetzt gehen.«

Manche Songs passen einfach zur Runde. Die sind möglicherweise aus völlig anderen Sessions, sagen aber musikalisch oder textlich irgendetwas zu den anderen Songs Passendes und klingen nach minimaler Tonpolitur so, als ob sie genau für diesen Zweck geboren wären. Manchmal werden die dann sogar von der Kritik als frische Rückkehr zu alter Form gefeiert. Diese ollen Krieger hatten vielleicht bei ihrem ersten Auftauchen einen zu krassen Außenseiterstatus unter den damaligen Mit-Songs, waren einfach noch nicht fertig, oder sie entstammen einer Platte, die aus üblichen Blödgründen (Timing, Streit, Plattenfirma) nicht erschien und doch zum Wegsperren zu schade war.

Bei Prince war’s ganz besonders so: Ganz schön viele Songs aus meiner Zeit beim lila Verein kamen auf späteren Platten heraus, und selbst Ober-Fans sind bass erstaunt, wenn ich ihnen den Ursprung eines dieser Songs verrate. Überhaupt hat der große Prince dauernd an dem Zusammenspiel seiner Songs geschraubt, und es war ihm völlig wurscht, ob der Song von gestern oder von Annodazumal war.

Und was, wenn euch das Resultat dann nicht gefällt? Einfach auf die Musikschachtel warten und spielen. Was wenn.

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