Von Heintje bis Vierkanttretlager

Studioszene D − Studio Nord Bremen

In den 1960er-Jahren wurden im Studio Nord — eines der großen Studios in jenem Norden — aufwendig Schlager produziert, etwa von Heintje, Rudi Carrell oder Ronny, dem ehemaligen Besitzer. Das „erste private Tonstudio Deutschlands“ geriet in den 1980ern in Vergessenheit und widmete sich hauptsächlich dem Vinylschnitt im Mastering-Studio. Die Produzenten Oliver Sroweleit und Gregor Hennig haben das Studio übernommen, um das Erbe der Studiowelt zu erhalten: einen großen Aufnahmeraum, viele alte Mikrofone und jede Menge Outboard.

Flügel im Tonstudio Bremen

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Wenn man genau hinsieht, kann man die Spuren des Tanzlokals noch erkennen, mit dem alles anfing, vor über 100 Jahren. Im großen Saal stehen noch Tische von 1910 und ein altes Klavier, das inzwischen eher den typisch schwebenden Honky-Tonk-Sound von sich gibt. An den Wänden des Saals sind Abdrücke der Torbögen auszumachen, die dort eingelassen waren. Das ist lange her, und fast wäre das Studio selbst zur Vergangenheit geworden. Aber alles der Reihe nach. Das Studio Nord in Bremen gehörte dem 2011 verstorbenen Wolfgang Roloff, der als Schlagersänger Ronny, als Komponist und mit der Entdeckung Heintjes erfolgreich war. „Das letzte Mal war der Raum wohl in den 1970ern öffentlich zugänglich“, erzählt Gregor Hennig. Zwar blieb das Studio weiterhin. für Vinyl-Mastering unter Bernd Steinwedel bekannt, aber da kamen die Kunden nicht weit: „Mastering − am Eingang links abbiegen. Kei ner hat den Aufnahmeraum zu Gesicht bekommen“. Man kann sagen: Das Studio hatte niemand mehr auf dem Schirm, bis es vor Kurzem die Produzenten Oliver Sroweleit und Gregor Hennig übernommen haben. Sroweleit, Tontechniker und Musikproduzent, hat u. a. mit Brian Eno, Fury In The Slaughterhouse und Stoppok (siehe Story in S&R 2.2015) gearbeitet, sein Kollege Hennig hat u. a. die Sterne und Vierkanttretlager produziert. Trotz der industriellen Größe vermittelt das Studio Ruhe und Idylle; von außen wirkt das Gebäude wie eine unscheinbare Villa im Außenbezirk Bremens, der man das weitläufige Innenleben nicht ansieht. 273 Schritte seien es zum nächstgelegenen, kleinen Bahnhof, das hat mal jemand ausgemessen, erzählt Hennig.

Das Studio-Nord-Team: Oliver Sroweleit, Dennis Urban, Matthias Neumann und Gregor Hennig

Hauch großer Schlagerzeiten

Das erste Mischpult − mit Röhrentechnik − besitzen sie noch, der ursprüngliche Entwickler Peter Kohlmann hat es kürzlich instandgesetzt. „Es eignet sich gut zum Summieren, auch die Equalizer klingen wunderbar“, meint Gregor Hennig. Sein Kollege Sroweleit ergänzt: „Kohlmann und Roloff waren die ersten, die in Deutschland Mehrspuraufnahmen gemacht haben“. Hennig: „Damals wurde ein sehr hohes Niveau angestrebt, man wollte mit dem Besten auf dem Markt mithalten“. Das sei auch der Grund gewesen, warum Leute wie Rudi Carrell ins Studio Nord kamen statt beim − einwandfrei ausgestatteten − Radio Bremen aufzunehmen. Damals wurde hauptsächlich Schlager aufgenommen, mit Orchester als Begleitung − Referenzen, die im Nachgang von Außenstehenden vielleicht ambivalent gesehen werden; seinerzeit gab es jedoch kein „Homerecording“, nicht den quälenden MIDI-Schlager-Sound, wie er in den 80er-Jahren geprägt wurde. Schlager, das bedeutete früher künstlerisches Handwerk mit großen Budgets. Darauf folgte jene Phase, in der die Aktivitäten hauptsächlich durch Vinyl-Mastering geprägt waren. Aktuelle Beispiele seit der Neueröffnung: Die aktuelle Stoppok-CD „Popschutz“ entstand im Studio Nord, für die kommende Vierkanttretlager-Platte wurde kürzlich Schlagzeug aufgenommen. Auch Livekonzerte − nach dem Vorbild der Abbey Road Studios − werden im großen Saal veranstaltet, etwa Christina Lux oder ehemalige Fury-In-The-Slaughterhouse-Mitglieder.

Raumklang

Beim Aufnehmen nutzt Hennig den Raum als Effekt. „Hier kann ich mit wenigen Mikrofonen arbeiten, und das Ergebnis klingt bereits gut“. Sie erreichen auch gute Resultate mit weit entfernten Mikrofonpositionen. Das könne man zu einer Messmethode für die Klangqualität eines Raums machen, meint Hennig. „Gerade in trockenen Räumen funktioniert das nicht, das Ergebnis klingt aufgrund von Auslöschungen und Resonanzen seltsam“. Hennig erzählt, er kenne viele Studios mit großen Räumen, „bei denen ich das Gefühl habe, dass akustisch einiges schiefgelaufen ist. Es gibt wenige Räume, in denen der Eindruck entsteht, sie klingen angenehm und homogen“. In Deutschland werde sehr viel Wert darauf gelegt, wie Regieräume akustisch ausgestaltet sind und welches Equipment man habe, aber − außer im Orchesterbereich − nur geringer Wert auf die Raumakustik.

Aufnahmeraum, Hochkant-Ansicht

Und die Technik?

Der Mikrofonbestand im Studio Nord kann sich sehen lassen − unter anderem sechs Neumann M49, fünf U67, ein Röhren-U47 und ein U47fet-Modell zählen zu den „Klassikern“, dazu alte Neumann-“Flaschen“, ein SM23-Stereo-Röhrenmikrofon sowie KM84 und KM184. Eine weitere Seltenheit ist das Sony Röhrenmikrofon C48 wie auch zwei RCA-Bändchenmikrofone BX44. Die Technik wurde über die Jahrzehnte kaum verkauft, sondern im Keller eingelagert. „Vintage“- Digital gefällig? „Wir haben auch noch das allererste Pro-Tools-Rig“, lacht Sroweleit. Eine Vintage-Anekdote: Ein Fairchild-Kompressor wurde vor Jahrzehnten verliehen und kam nie zurück Die Regie-Arbeitsplätze bestehen aus einem Sound-Workshop 1600-Mischpult sowie einem Neve 5106-Pult; das bekamen sie von einem Nachbarn geschenkt, nachdem der in der Zeitung auf das Studio aufmerksam wurde. Die zerlegte ehemalige Rundfunk-Konsole lagerte auf dem Dachboden, er wollte sie eigentlich wegwerfen. Sroweleit hat die Einzelteile wieder zusammengebaut.

Mischpult

Auch weitere Preamps sind vorhanden, darunter Lorenz V241-Röhrenvorverstärker, SPL Gainstation-Exemplare und ein Telefunken V276. „Vintage“-Nachhall bietet eine EMT 140-Hallplatte, auch diverse Lexicon-Klassiker und TC-Geräte sind vorhanden. Auffällig ist auch die Bandbreite an analogen Bandmaschinen, darunter eine 8-Spur Telefunken M10A, drei 2-Zoll 24-Spur-Maschinen − Telefunken M15A, Otari MTR-90 II und ein MCI-Modell, das Sroweleit gerade in Betrieb nimmt − sowie verschiedene 2-SpurMastermaschinen. Die Bandmaschinen können mit der DAW synchronisiert werden. Die analoge Arbeitsweise nimmt dann auch einen besonderen Stellenwert bei den beiden Produzenten ein. Gregor Hennig: „Ich nehme gerne auf Band auf und gehe zunächst nicht in den Rechner, um die Musiker in übertriebenem Perfektionismus zu bremsen; sodass die Leute den Take so spielen, wie sie ihn möchten, und nicht die Verantwortung zur Entscheidung auf den Produzenten und auf später verschieben.“ Dabei entstehe kein Optimum. Er bevorzugt Band für einen „lebendigen“ Take statt eines künstlich optimierten. „Man ist absurderweise an dem Punkt: ›Perfekt‹ kann in zwischen jeder, das Alleinstellungsmerkmal besteht in dem kleinen Schritt davor.“ Nicht perfekt, aber bewusst so gemacht. „Dafür bietet sich der Raum an, der akustisch passendes Übersprechen liefert, das gut einsetzbar ist.“ Wie die Idee kam, das Studio zu übernehmen? Hennig: „Es ist weniger die Vision, dass man denkt, unbedingt ein großes eigenes Studio zu machen.“ Es sei die Verantwortung, die einen überkommt, ergänzt sein Kollege Sroweleit: „Man sieht diesen Raum − das muss man einfach machen.“

 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Das “erste private Tonstudio Deutschlands” waren, sind und bleiben die Bauer Studios (gegründet 1949). Nur mal so….

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